Papstgeflüster – Das Vatikan-Blog

Interessantes und Hintergründiges aus dem Vatikan

Pausen, Pausen, Pausen

Das ist es, was die Kardinäle sich derzeit in Rom am meisten wünschen. Denn in den Pausen finden die entscheidenden Gespräche des Vorkonklave statt. Die Purpurträger scheinen auch nach wie vor keine Eile zu haben, den Konklavetermin festzusetzen. Viele handeln nach der Devise: Das Konklave ist der Ort der Entscheidung; die Zeit der Diskussion ist davor. D.h. lieber die Zeit der Generalkongregationen verlängern und dafür erwarten sie dann ein kurzes Konklave. Das hat natürlich viele Vorteile für die „Senatoren“ der Kirche. Im Vorkonklave können sie sich viel freier bewegen; haben Zugriff auf Informationen, können über Personen und Sachen recherchieren bzw. recherchieren lassen. Denn viele Kardinäle sind mit ihren Sekretären angereist. Im Konklave später sind sie eingeengt und „weggesperrt“; dann sind sie auf sich allein gestellt und müssen sich auf ihren Instinkt verlassen. Dann gibt es nur noch das persönliche Gespräch untereinander.

Auf dem Weg zur Versammlung

Dazu kommt, dass im Vorkonklave auch die über 80-Jährigen mit dabei sind. Die brächten einen großen Erfahrungsschatz mit, erklärte heute US-Kardinal Daniel DiNardo. Darauf wolle er nicht verzichten. Zudem sind die drei Kardinäle, die im Auftrag Benedikts XVI. den Vatileaks-Skandal untersucht haben, alle über 80 Jahre. Wer von ihnen etwas wissen möchte, kann das nur im Vorkonklave erfahren. Umgekehrt haben natürlich auch die „Senioren“ im Kollegium ein Interesse daran, mitzureden. Und das geht eben auch nur vor dem Einzug in die Sixtinische Kapelle. Entsprechend ließ Kardinal Josef Tomko heute durchblicken, dass man es nicht so eilig habe mit einem Konklavetermin.

Außerdem fehlten heute noch immer fünf Papstwähler. Zwar waren bei der 3. Generalkongregation 148 Kardinäle anwesend. Aber die Kardinäle Naguib (Ägypten), Nycz (Polen), Pham Minh Man (Vietnam), Tong Hon (Hongkong) und Lehmann (Deutschland) sind noch nicht in Rom. Der Mainzer Bischof reist heute Mittag an und wird ab morgen an den Sitzungen teilnehmen. Unklar war heute plötzlich wieder, ob auf alle Papstwähler gewartet werden muss, bis ein Datum für das Konklave festgelegt werden kann. Diese Unsicherheit verwundert doch; denn schließlich hatte Benedikt XVI. erst vor gut einer Woche Änderungen an der Wahlordnung vorgenommen. Warum das nicht so gemacht wurde, dass endlich Klarheit besteht, ist unverständlich.

In den Versammlungen haben bisher 33 Kardinäle das Wort ergriffen. Die Themenpalette reichte von der Neuevangelisierung, der Zusammenarbeit zwischen Kurie und den Bischofskonferenzen bis zum Zustand der Kurie selbst sowie der Erneuerung der Kirche im Licht des II. Vatikanischen Konzils. Einzelheiten drangen bisher aber nicht nach außen. Redezeitbeschränkung gibt es (bisher) nicht. Die Beiträge werden simultan in Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch übersetzt. Jeder Kardinal hat in der Synodenaula seinen festen Platz entsprechend der Kardinalsklasse (Kardinalbischöfe, Kardinalpriester und Kardinaldiakon) und der internen Rangordnung.

Große Einigkeit scheint unter den Kardinälen, die von auswärts sind, zu herrschen, dass sich an der Kurie etwas ändern muss. Dabei gibt es teilweise sehr konkrete Vorstellungen. Das betrifft etwa eine stärkere Vernetzung der einzelnen Behörden bis hin zur Einrichtung eines festen Beraterstabs des Papstes oder die feste Einrichtung von „Kabinettssitzungen“. Viele könnten sich auch eine Verringerung der Dikasterien durch die Zusammenlegung verschiedener Päpstlicher Räte vorstellen etwa eine Vereinigung der Räte für Familie, Krankenpastoral und Laien sowie der Räte Cor Unum (Entwicklungshilfeministerium) und Justitia et Pax. Eine Stärkung der Kollegialität wird immer wieder angemahnt. Dazu kommt das große Thema Finanzen mit der Baustelle „Vatikanbank IOR“. Viele Kardinäle denken wie der Honduraner Oscar Rodriguez Maradiaga. Der forderte eine Fortsetzung der „Reinigung der Kirche“, wie sie von Benedikt XVI. begonnen worden war. Doch dazu braucht es einen starken durchsetzungsfähigen Papst (und einen starken und erfahrenen Kardinalstaatssekretär an seiner Seite).

In der Sixtinischen Kapelle haben heute Mittag die Arbeiten begonnen. Der Boden wird auf ein Niveau gehoben, so dass es keine Stolperfallen während des Konklaves gibt. Zudem werden laut Vatikansprecher Lombardi zwei Öfen installiert: einer zum Verbrennen der Stimmzettel und Wahlunterlagen sowie ein zweiter zur Erzeugung des Rauchs. Außerdem werden im vorderen Teil je rechts und links zwei Tischreihen aufgestellt, an denen dann die Kardinäle Platz nehmen. Vor den Altar kommt ein Tisch für die Wahlurnen. Die sind übrigens dieselben wie beim Konklave 2005.

Unterdessen haben einige Kardinäle ihre Twitteraktivitäten eingestellt. Dazu gehören die italienischen Kardinäle Scola und Ravasi. Sehr sparsam mit ihren Tweets sind die Kardinäle Salazar Gomez aus Bogota (@cardenalruben) sowie die Kardinäle Sistach aus Barcelona (@sistachcardenal) und Dolan aus New York (@CardinalDolan). Die Kardinäle Napier aus Südafrika (@CardinalNapier) und Mahony aus Los Angeles (@CardinalMahony) hingegen sind weiter fleißig am zwitschern.

P.S. Eine kurze Anmerkung noch zum Telegramm der Kardinäle an den emeritierten Papst. Gestern hieß es, die Purpurträger wollten eine Botschaft an Benedikt XVI. richten. Heute wurde daraus ein neunzeiliges Telegramm. Darin bekunden die Kardinäle die „Dankbarkeit der ganzen Kirche“ für die „unermüdliche Arbeit im Weinberg des Herrn“ sowie den „außerordentlich reichen pastoralen Einsatz für das Gute der Kirche und der Welt“. Neun Zeilen nach knapp achte Jahren Pontifikat. Das erscheint mir doch etwas kurz. Aus einer Botschaft wurde ein Telegramm. Wie ist das zu werten?

Wünsche an die Kirche und den Papst

Während sich in Rom die Kardinäle beraten, fragen wir hier: Was wünschen sich die Menschen von der Kirche? Welche Erwartungen gibt es an den neuen Papst? Welche Themen stehen an? 

Infos rund um die Papstwahl finden Sie übrigens auch auf papst.zdf.de Und: Sie können unserem ZDF-Vatikanexperten Jürgen Erbacher auf Twitter  folgen und auch dort Neues aus Rom erfahren. Wer eher auf facebook unterwegs ist, dem empfehlen wir die Seite Papstwahl 2013. Auch dort gibt es interessante Infos rund um das bevorstehende Konklave.

Es geht los!

Schweigende Kardinäle und eine riesige Schar von Medienvertretern, die sich auf jeden Purpurträger stürzt, der ihr über den Weg läuft. Das sind die Bilder des Tages hier aus Rom. Am Nachmittag wurden die Kardinäle, die zu Fuß in den Vatikan kamen, auf den letzten Metern jeweils von zwei Polizisten zum Schutz vor den Journalisten begleitet, da sonst kein Durchkommen gewesen wäre. Die Papstwahl ist wohl die geheimste Wahl der Welt; und doch wollen alle alles ganz genau wissen. Das passt nicht zusammen. Entsprechend groß ist die Freude, wenn dann doch ein Kardinal plaudert. Etwa heute morgen der Pariser Erzbischof, Kardinal André Vingt-Trois. Auch wenn der keine großen Neuigkeiten verkündet: Der neue Papst müsse mehrere Sprachen sprechen, ein Mann des Gebets und des Glaubens sein und möglichst zwischen verschiedenen Zivilisationen und Kulturen vermitteln können. Natürlich müsse er auch in der Kurie etwas verändern, erklärt der 70-jährige Franzose. Woher der neue Papst komme, sei zweitrangig. Alles sei im Moment möglich. Wie lange das Konklave dauern werde, hänge von den Generalkongregationen ab. Wenn die gut arbeiteten, könne es durchaus ein kurzes Konklave geben.

Umringt von Journalisten

Bei den beiden Kardinalstreffen heute wurde bisher noch wenig inhaltlich gearbeitet. Am Morgen ging es vor allem um organisatorische Fragen; am Nachmittag hielt der Päpstliche Hausprediger, Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa, eine Betrachtung über die Situation der Kirche. Am Vormittag nahmen 142 der 207 Kardinäle teil, 103 von ihnen Papstwähler. Es fehlten bei den Wählern die Kardinäle Naguib (Ägypten), Rai (Libanon), Rouco-Varela (Spanien), Sarr (Senegal), Nycz, Grocholewski (beide Polen), Duka (Tschechische Republik), Pham Minh Man (Vietnam), Tong Hon (China) sowie die deutschen Kardinäle Lehmann, Meisner und Woelki. Die beiden Letztgenannten haben an der Nachmittagssitzung teilgenommen, ebenso Patriarch Rai und Kardinal Sarr.

Die US-amerikanischen Kardinäle sind schon seit Tagen in Rom. Sie zeigen Einigkeit und Präsenz. Zu den Sitzungen kommen sie gemeinsam in einem kleinen Minibus und umgehen so die Fragen der Journalisten vor den Toren des Vatikans. Sie lieben es geordnet und organisieren daher am Nachmittag eine eigene Pressekonferenz. Die US-amerikanische Kirche ist finanzstark und will damit auch in Rom ein Wörtchen mitreden. Zumal in den letzten Jahren aus ihrer Sicht einiges schief gelaufen ist im Vatikan. Darüber wird zu reden sein, erklärte Kardinal Francis George aus Chicago bei der Pressekonferenz.

Kardinal George, wie auch sein Kollege Kardinal Donald Wuerl aus Washington, machte nicht den Eindruck, als hätte er es eilig mit dem Beginn des Konklaves. Wichtig sei jetzt erst einmal zu hören, die Situation der Kirche zu analysieren. Für Wuerl war daher auch die Kaffeepause ein wichtiger Punkt bei den Beratungen. Denn da gebe es die Gelegenheit sich kennenzulernen; eine ganz fundamentale Sache in diesen Tagen, die dann beim Mittag- und Abendessen in den Unterkünften der Kardinäle fortgesetzt wird.

Beide wollten sich nicht auf einen Termin für das Konklave festlegen. Allerdings gab Kardinal George zu bedenken, dass, wie er selbst, bis zur Karwoche wohl alle Kardinäle wieder Zuhause sein wollten. Kardinal Wuerl stellte noch fest, dass er davon ausgeht, dass man auf alle wahlberechtigten Kardinäle warten muss, bis ein Konklavetermin festgesetzt werden kann. Er glaube, das sei auch Konsens in der Versammlung. Da der Mainzer Kardinal Karl Lehmann erst morgen am Nachmittag nach Rom anreist, würde das bedeuten, dass frühestens am Mittwoch mit einem Konklavetermin zu rechnen ist; denn die Kardinäle haben am Nachmittag beschlossen, dass sie sich in den nächsten beiden Tagen nur vormittags treffen. Ob es dann auch um die Vatileaks-Affäre geht, ist noch offen. Mehrere Kardinäle haben heute noch einmal festgestellt, dass sie detaillierte Informationen zu den Vorgängen haben möchten – etwa der Südafrikaner Wilfried Napier, der Franzose Philippe Barbarin und auch die beiden bereits zitierten US-Kardinäle.

Das Fenster bleibt zu!

Wohnung frei im Vatikan

Das hat es zuletzt am 17. April 2005 gegeben – ein Sonntag ohne Angelusgebet des Papstes. Selbst während des Urlaubs und auf Reisen betete der Papst am Sonntag um 12 Uhr mit den Gläubigen den Angelus. Doch heute blieb das Fenster zu in der Terza Loggia, dem 3. Stock des Apostolischen Palasts. Die Läden sind geschlossen. Die Privatgemächer des Papstes sind seit Donnerstagabend versiegelt. Es gibt keinen Papst mehr. Das hält die Menschen nicht ab, sich auf dem Petersplatz zu versammeln. Eine Gruppe von 300 Jugendlichen aus der Nähe von Mailand singt und tanzt auf dem Platz. Ist das etwa schon die Vorhut des neuen Papstes? Immerhin gehört der Mailänder Erzbischof Angelo Scola zu den Favoriten auf die Nachfolge Benedikts XVI. Schwester Valentina, die die Gruppe begleitet, lacht: „No comment!“ Die Reise sei schon lange geplant gewesen und jetzt bete man eben für eine gute Wahl.

Das sagt auch Michele aus Catania. Der 61-jährige Arzt ist mit einer Gruppe der Bewegung der Neokatechumenalen aus Sizilien nach Rom gereist. Sie wollten eigentlich den Papst sehen; doch jetzt bleibt das Fenster zu. Er sei schon etwas traurig. Michele und seine 110 Mitpilger haben aber schnell reagiert. Auf ihrem Transparent grüßen sie „den Pilger Benedikt XVI.“ in Anspielung auf die letzten öffentlichen Worte Joseph Ratzingers am vergangenen Donnerstag in Castelgandolfo, als er sagte, dass er ab 20 Uhr nur noch ein einfacher Pilger sein werde. Trotz des Wehmuts, die Stimmung ist gut. Mit den üblichen Gitarrenklängen und Gesängen tanzen die Neokatechumenalen auf dem Petersplatz.

Singen und Tanzen auf dem Petersplatz

Unterdessen geht es in den Restaurants im nahe gelegenen Viertel Borgo Pio ruhiger zu. Unauffällig eilt Kardinal Marc Ouellet, ein weiterer hoher Favorit, seiner Verabredung zum Mittagessen entgegen. Besonders beliebt ist in diesen Tagen das Restaurant „Il passetto“. Wo vor knapp zwei Jahren Benedikt XVI. angeblich selbst einmal zum Abendessen gewesen sein soll (als Kardinal war er öfters hier), speisen jetzt Journalisten, Prälaten und Kardinäle „Seit an Seit“; während die Kleriker mit gedämpfter Stimme sprechen; sind Ohren und Augen der Medienleute überall zur selben Zeit. Überhaupt steigt die Kardinalsdichte rund um den kleinsten Staat der Welt von Tag zu Tag. Allenthalben begegnet man einem „Senator“ der Kirche. Meist unauffällig, mit einem schwarzen Anzug bekleidet, streben sie einem der vielen geheimen Treffen entgegen, in denen über Themen und Personen gesprochen wird. Die Bereitschaft, mit Journalisten zu sprechen, nimmt von Tag zu Tag ab.

Trotzdem wird weiter heftig spekuliert. Heute gibt es keine neuen Namen; dafür konzentrieren sich die Berichte auf vier Personen: Scola, Ouellet, Erdö und Scherer. Die Chancen für einen Afrikaner sinken derzeit; vor allem, weil die Analysten langsam auch auf die Inhalte schauen. Und da stellen viele plötzlich überrascht fest, dass ein Papst aus Afrika sehr wahrscheinlich den konservativen Kurs der letzten beiden Pontifikate fortführen würde. So hatte sich ja etwa Kardinal Onaiyekan aus Nigeria erst vergangenen Mittwoch im ZDF-Auslandjournal ganz klar gegen eine Änderung der kirchlichen Position beim Thema Homosexualität ausgesprochen. Auch in anderen Bereichen sind die afrikanischen Kardinäle, die oft in Rom ihre Ausbildung absolviert haben, eifrige Verfechter traditioneller katholischer Positionen.

Gendarmerie bei der Arbeit

Unterdessen laufen die Vorbereitungen für die erste Generalkongregation der Kardinäle morgen Vormittag ab 9.30 Uhr in der Synodenaula. Vor dem Gebäude fielen heute Morgen zwei Fahrzeuge auf, die meines Wissens zur Anti-Spionage- bzw. Anti-Sabotage-Einheit der vatikanischen Gendarmerie gehören. Auch auf den Dächern des vatikanischen Gästehauses Santa Marta wurden in den letzten Tagen immer wieder Arbeiter gesichtet. Dort wohnen die Kardinäle während des Konklaves. Das Haus wird abgeschirmt und mit Störsendern versehen. Die Experten scheinen also bereits am Werk zu sein. Sie sollen verhindern, dass von den Beratungen der Kardinäle etwas nach außen dringt. In den vergangenen Tagen äußerte bereits ein Purpurträger entsprechende Bedenken. Bei 200 Teilnehmern sei es wahrscheinlich, dass Inhalte der Diskussionen nach außen getragen würden. Er befürchtet daher, dass die Gespräche nicht wirklich offen und kontrovers geführt würden. Sollten am Ende etwa wieder die Medien Schuld sein, wenn die Kardinäle nicht ehrlich miteinander sprechen?

P.S. Ab sofort gibt es auch News über Twitter.

Trügerische Ruhe

Am zweiten Tag der Sedisvakanz scheint es in Rom ruhig zu sein. Beim mittäglichen Briefing hatte Vatikansprecher Federico Lombardi kaum interessante Neuigkeiten zu berichten. Wir wissen jetzt, dass 75 der 207 Kardinäle dauerhaft in Rom leben. 66 Kardinäle sind bereits aus der ganzen Welt angereist oder haben ihr Kommen für das Wochenende bzw. Anfang nächster Woche angekündigt. Wie viele davon jeweils zu den Papstwählern gehören, ist nicht bekannt. Die deutschen Papstwähler werden wohl bis zur Wochenmitte alle in der Ewigen Stadt eingetroffen sein. Bis dahin dürfte dann auch der Termin für den Beginn des Konklaves stehen. In den Gassen rund um den Vatikan kommen viel zur Überzeugung, dass die Kardinäle sich Zeit lassen wollen für Beratungen. Wackelt da gar der 11.3. als Starttermin für das Konklave?

Das ist alles Kaffeesatzleserei. Wie auch die Suche nach dem künftigen Papst. Denn hinter den Kulissen bzw. den Mauern der römischen Palazzi ist es alles andere als ruhig. Jeden Tag wird ein neuer Papabile „durch die Zeitungslandschaft getrieben“. Heute taucht zum Beispiel der Erzbischof von Florenz unter den Papabile auf: Giuseppe Betori. Der Bibelwissenschaftler feierte vergangenen Montag seinen 66. Geburtstag; passt also ins gesuchte Altersspektrum von knapp über 60 bis knapp über 70 Jahren. Er war Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz und ist seit 2008 Erzbischof in Florenz. Was ihn auszeichnet? Er gehört wohl nicht zu den üblichen italienischen Seilschaften; ist ein Mann der Pastoral. Doch kann er auch einen Apparat wie die Kurie führen?

Vielleicht muss er das gar nicht können. Denn hier in Rom mehren sich Stimmen, die Kardinäle könnten in den kommenden Tagen nicht nur über den nächsten Papst sprechen, sondern auch über den nächsten Kardinalstaatssekretär. Der Frust über den bisherigen, Kardinal Tarcisio Bertone, ist so groß, dass man gerne über die Qualifikation des zweiten Mannes hinter dem Pontifex sprechen wolle bzw. gar über Anforderungen für eine Art Führungsmannschaft. Freilich kann die Wahl eines bestimmten Kandidaten zum Papst nicht an Bedingungen geknüpft werden, wie etwa Personalfragen; doch gibt es durchaus Strömungen, die dem neuen Stellvertreter Christi gerne ganz klare Aufträge mitgeben möchten. Dies geht sogar so weit, dass Kritiker des Rücktritts Benedikts XVI. es gerne sähen, dass der neue Papst möglichst in seiner ersten Predigt gleich feststellen möge, dass er bis zum Tode im Amt bleiben werde. Sie sehen das Papstamt durch Benedikts Schritt beschädigt. Die Forderung, die die Prälaten den italienischen Kollegen seit Tagen in die Blöcke diktieren, erscheinen absurd; zeigen aber, dass der Amtsverzicht Joseph Ratzingers bis in den Senat der Kirche hinein Verunsicherung hervorgerufen hat.

"Wahlkampf" vor der Basilika Santa Maria Maggiore (reuters)

Unterdessen hat eine Künstlergruppe schon einmal mit Wahlkampf für den afrikanischen Kardinal Peter Turkson begonnen. An mehreren Stellen der Stadt tauchten gestern am späten Nachmittag Plakate im Stile des italienischen Wahlkampfs auf. Unter den Journalisten rund um den Vatikan rechnet man derzeit einem afrikanischen Kandidaten nur geringe Chancen aus. Der Blick richtet sich da eher nach Amerika (Nord und Süd). Und natürlich nicht zu vergessen: Kardinal Betori, ein Italiener. Zumindest für heute.

Im Zeichen des Schirms

Nun ist auch die katholische Kirche unter einen Schirm geschlüpft; allerdings handelt es sich dabei nicht um einen Rettungsschirm, sondern um den Schirm des Sedisvakanz-Wappens. Der Ombrellino, der gelb-rot gestreifte kegelförmige Seidenschirm, der ursprünglich dem Schutz von kirchlichen Würdenträgern und als Hoheitszeichen diente, ist nun über den gekreuzten Petrusschlüsseln angebracht. Er ziert eigens für die Sedisvakanz aufgelegte Briefmarken der Vatikanpost und wird auch auf eigens geprägten Sedisvakanz-Euromünzen zu sehen sein. Vor den Schaltern der Vatikanpost bildeten sich bereits heute lange Schlangen; die Münzen kommen erst im Mai oder Juni auf den Markt.

 

Einladungsbrief des Kardinaldekans an die Kardinäle - Briefmarken der Sedisvakanz

Einen Schutzschirm könnte die katholische Kirche derzeit allerdings vielleicht gut gebrauchen. Nach wir vor wird heftig spekuliert über die Gründe des Rücktritts Benedikts XVI. und vor allen Dingen den Zustand der Kurie. Viele Beobachter wollen nicht glauben, dass der deutsche Pontifex nur wegen seines Alters zurückgetreten ist. Es gibt immer neue Spekulationen über die Hintergründe der Vatileaksaffäre bzw. Dinge, die damit in Verbindung stehen. Just zum Ende des Pontifikats berichtete jetzt das italienische Wochenmagazin „Panorama“ über eine angebliche groß angelegte Überwachungsaktion im Staat des Papstes. Monatelang habe die vatikanische Gendarmerie Telefone und Emails überwacht und ausgewertet; dazu sei die Videoüberwachung ausgebaut worden. „Big brother“ im Vatikan!? Angeordnet habe dies Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Es war seit langer Zeit bekannt, dass im Rahmen der Vatileaks-Ermittlungen die Gendarmerie auch die Kommunikationsmittel überprüft hat. Vatikansprecher Federico Lombardi stellte zu den Berichten fest, dass es einige wenige Überwachungsaktionen (2 oder 3) unter Aufsicht der Ermittlungsrichter gegeben habe.

Doch was ist mit den Ergebnissen passiert? Wenn, wie in dem Panorama-Bericht angegeben, die Ermittlungsergebnisse der Vatikanpolizei, die mit Sicherheit auch sehr persönliche Daten einzelner Vatikanmitarbeiter und –bewohner enthalten, nicht nur den Ermittlungsrichtern, sondern auch dem ehemaligen Kardinalstaatssekretär Bertone und Innenminister Becciu übergeben wurden, dann bekommt die ganze Aktion natürlich eine besondere Brisanz. Hier zeigt sich einmal mehr die Schwierigkeit, zu der die fehlende ordentliche Gewaltenteilung im kleinen Kirchenstaat führen kann.

In diesen Tagen sind die Stimmen immer mehr Kardinäle zu vernehmen, die bei den Kardinalsversammlungen ab Montag genaue Informationen über die Vorgänge im Vatikan haben möchten. Benedikt XVI. hatte bei seinem letzten Treffen mit der dreiköpfigen Kardinalskommission am Montag zwar verfügt, dass das geheime Dossier der Kardinäle nur vom neuen Papst eingesehen werden dürfe. Er hat den Kardinälen Herranz, Tomko und di Giorgi allerdings gestattet, ihren Mitbrüdern in den Kongregationssitzungen Rede und Antwort zu stehen, wenn sie gefragt werden. So ziehen neben dem Schatten des Missbrauchsskandals auch die dunklen Wolken von Vatileaks über das Konklave.

Benedikt XVI., der emeritierte Papst, hat unterdessen einen erholsamen Tag in Castelgandolfo verbracht – den ersten als Papst in Pension. Gestern Abend hat er sich zusammen mit seinem Privatsekretär, Erzbischof Georg Gänswein, im Fernsehen die Berichterstattung über seinen letzten Arbeitstag und das Pontifikat angesehen. Er soll ganz zufrieden gewesen sein mit dem, was er da gesehen hat, berichtete heute der Vatikansprecher mit einem Schmunzeln. Nach einer ruhigen Nacht feierte der Papa emeritus heute Morgen um 7 Uhr die Messe. Nach Stundengebet und Frühstück widmete er sich der Lektüre theologischer Bücher. Für den Nachmittag war zum Rosenkranzgebet ein Spaziergang in den Gärten der Päpstlichen Villen vorgesehen. Benedikt XVI. habe auch einige CDs mit klassischer Musik mit nach Castelgandolfo genommen, wusste Lombardi zu berichten. Während der Papst in den letzten Tagen seiner Amtszeit am Abend jeweils Klavier gespielt habe, sei das Musizieren gestern Abend ausgefallen. Stattdessen machte Benedikt einen kleinen Spaziergang durch die Empfangsräume des Apostolischen Palasts mit Blick auf den Albaner See. Im Vatikan versiegelte zur selben Zeit der Camerlengo die Privatgemächer des alten Papstes.

 

Während sich der emeritierte Papst, befreit von der Last des Amtes, in Castelgandolfo erholt, laufen in Rom die Vorbereitungen für die erste Kardinalsversammlung. Am Montag um 9.30h treffen sich alle bis dahin in Rom anwesenden Kardinäle zum ersten Mal. Auch für den Nachmittag ist noch ein Treffen angesetzt. Den Konklavetermin wird es aber frühestens am Dienstag geben, denn, so Pressesprecher Lombardi, die Kardinäle haben viel zu besprechen.

Sede vacante

Der Stuhl Petri ist leer. Papst Benedikt XVI. hat sein Amt aufgegeben. Die katholische Kirche ist ohne ein irdisches Oberhaupt. Eine historische Stunde. Denn zum ersten Mal seit Jahrhunderten gibt es einen emeritierten Papst. Die Stimmung in Rom ist seltsam; mit großer Aufmerksamkeit verfolgten Römer, Pilger und Touristen die letzten Stunden des deutschen Pontifex. Das Fernsehen übertrug seinen „Umzug“ nach Castelgandolfo am Nachmittag live – inklusive des Hubschrauberflugs. Bereits am Morgen war in den Bars rund um den Petersplatz auf den Bildschirmen, auf denen sonst fast nur Sport läuft, die Verabschiedung des Papstes von den Kardinälen zu sehen.

Bescheiden hat Benedikt XVI. sein Pontifikat beendet. Eine kurze Ansprache an die Kardinäle heute morgen; Dank für die gemeinsame Arbeit, ein einfacher Gedanke Romano Guardinis über die Kirche, die keine erfundene Sache sei, sondern eine Realität, und schließlich das feste Versprechen, dem neuen Papst seine „bedingungslose Ehrerbietung und Gehorsam“entgegenzubringen. „Ich bin nur noch einfacher Pilger“, so Benedikt XVI. nach seiner Ankunft in Castelgandolfo heute Mittag zur Menge auf dem Dorfplatz. Das Ende des Pontifikats steht etwas im Gegensatz zu vielen Bildern, die aus den letzten acht Jahren in Erinnerung sind. Dafür sind sie aber vielleicht umso typischer für den Menschen Joseph Ratzinger. Leise Töne, sehr spirituell etwa seine Ansprache gestern bei der Generalaudienz, dazu kein großes Zeremoniell.

Sehr emotionall war der Abschied aus dem Apostolischen Palast im Vatikan. Im Damasushof, wo sonst ausländische Staatsgäste begrüßt werden, hatten sich zu dem Anlass viele Mitarbeiter des Staatssekretariats und anderer vatikanischer Behörden versammelt.  Während Benedikt XVI. gefasst wirkte, hatte nicht nur sein Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein Tränen in den Augen. Rund um den Petersplatz senden die TV-Anstalten aus aller Welt von den Dächern der anliegenden Palazzi und eigens aufgebauten Tribünen direkt vor dem Petersplatz. In der Berichterstattung steht heute noch einmal Benedikt XVI. im Mittelpunkt; aber der Blick geht überall auch schon nach vorne.

144 der 208 Kardinäle waren heute Morgen bei der Verabschiedung im Apostolischen Palast. War unter ihnen vielleicht schon der neue Papst? Genau wurde beobachtet, mit wem Benedikt XVI. wie lange und mit welchem Gesichtsausdruck sprach bei der kurzen persönlichen Begegnung am Ende des Treffens. Scherer, Scola, Turkson oder vielleicht doch Schönborn? Sie waren alle da. Das Rennen ist eröffnet.

 

„Vergelt’s Gott“

Das war’s. Keine 24 Stunden bleiben Papst Benedikt XVI. mehr im Amt. Bei der Generalaudienz heute Morgen wirkte er gelöst. Dass ihm die Entscheidung nicht leicht gefallen ist und er sich der Bedeutung des Schritts sehr bewusst sei, hat er noch einmal ausdrücklich betont. Aber Joseph Ratzinger scheint mit sich (und Gott) im Reinen zu sein. Ganz im Gegensatz zu manchen Kardinälen. Noch immer gibt es eine ganze Reihe kritischer Stimmen unter den Purpurträgern. Mehr oder weniger offen werden theologische, aber auch ganz praktische Bedenken vorgebracht. Der australische Kardinal George Pell etwa sieht in Benedikts Entscheidung einen „besorgniserregenden Präzedenzfall“. Er sieht die Gefahr, dass sich künftig Päpste verstärkt mit Rücktrittsforderungen konfrontiert sehen könnten, wenn sie strittige Entscheidungen treffen oder es zu Krisen käme.

Allerdings beachtet Pell nicht, dass Benedikt XVI. nicht wegen irgendwelcher Krisen zurückgetreten ist, sondern aufgrund seines Alters. Wer heute die Generalaudienz aufmerksam mitverfolgte, musste erkennen, dass der scheidende Pontifex bereits bei der spanischen Ansprache – also nach rund einer Stunde Dauer der Veranstaltung – schon mit leiserer Stimme sprach. Joseph Ratzinger geht, weil ihm die Kräfte fehlen, das Amt so auszuüben, wie er es für notwendig hält. Das schließt nicht aus, dass die Hintergründe des Vatileaksskandals eine Rolle bei seiner Entscheidungsfindung gespielt haben. Benedikt hat eingesehen, dass es mehr Kraft braucht, im Vatikan Veränderungen herbeizuführen, als ihm mit nun fast 86 Jahren zur Verfügung stehen.

Pell übersieht übrigens auch, dass Benedikt XVI. ganz klar in seinem Interviewbuch mit Peter Seewald im November 2011 sagte, dass gerade in der Krise an einen Rücktritt nicht zu denken sei: „Zurücktreten kann man in einer friedlichen Minute, oder wenn man einfach nicht mehr kann. Aber man darf nicht in der Gefahr davonlaufen und sagen, es soll ein anderer machen.“ Künftige Papstkritiker können sich bei möglichen Rücktrittsforderungen also nicht auf Benedikt XVI. berufen.

Die Äußerungen Pells und anderer Bedenkenträger zeigen, dass die Kardinäle durchaus Gesprächsbedarf haben und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen. Eine überstürzte Papstwahl dient niemandem; höchsten denen, die am Status Quo nichts ändern möchten und Angst um ihre Pfründe haben. Es wäre zu wünschen, dass ab Montag in Rom ein ähnlicher Effekt eintritt, wie es ihn zu Beginn des II. Vatikanischen Konzils gegeben hat. Das 50-Jahr-Jubiläum wurde ja gerade vor wenigen Wochen im Oktober gefeiert. 1962 dachten die Kurienvertreter, sie könnten ihre Vorstellungen mit ihren vorbereiteten Papieren und Personallisten schnell durchsetzen und das von vielen Kurialen sowieso nicht sehr geliebte Konzil schnell über die Bühne bekommen. Aber schon in den ersten Sitzungen durchkreuzten selbstbewusste Diözesanbischöfe aus der ganzen Welt ihre Pläne, allen voran der Kölner Erzbischof Kardinal Joseph Frings. Der forderte eine offene Debatte über Themen und Personen. Die Vertreter der Weltkirche traten selbstbewusst auf und ermöglichten so eine offene und kontroverse Debatte. Bleibt zu hoffen, dass der Konzilsgeist kräftig weht, wenn die Kardinäle sich ab nächster Woche zu ihren Beratungen in Rom treffen.

XXL: Lange Nacht des Papstes

Heute Nacht gibt es im ZDF Papst-Programm satt: In einer „Langen Nacht des Papstes“ beleuchten wir das Pontifikat Benedikt XVI. Der Film „Mitarbeiter der Wahrheit“ blickt auf eine bewegte Zeit zurück.

Hier unser Programm für heute Nacht: http://www.zdf.de/Dokumentation/XXL-Lange-Nacht-des-Papstes-26780462.html – auf der Website kann man übrigens drei von vier Dokus jetzt schon online sehen.