Papst im Heiligen Land – Tag 3

Die Reise der starken Gesten ist zu Ende. Am Montag gab es eine historische Umarmung des Papstes mit Rabbi Skorka und dem Islamgelehrten Abboud, beides Freunde aus der Zeit in Argentinien, an der Klagemauer in Jerusalem. Franziskus möchte ein Zeichen setzen, dass ein gutes Miteinander der Religionen möglich ist. Er will mit seiner Reise Brücken bauen, zwischen den Konfessionen, den Religionen und Nationen. Ein Papst auf Friedensmission in Nahost. Nach dem Gebet an der Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem gestern, machte Franziskus heute kurzfristig einen Stopp am Denkmal für die Opfer des Terrorismus in Jerusalem. Auf dem Rückflug nach Rom sprach er lange mit den Journalisten über aktuelle Themen des Pontifikats.

Dialog der Religionen

Der dritte Tag des Papstbesuchs stand im Zeichen des Dialogs der Religionen: Erste Station war der Tempelberg und die Begegnung mit Vertretern des Islam. Deutliche Worte fand der Jerusalemer Großmufti Mohammed Hussein, der die Situation der Palästinenser in der Region schilderte und Israel scharf kritisierte. Franziskus sprach die Muslime als „Freunde und Brüder“ an und rief zur gegenseitigen Achtung der Religionen auf. „Niemand gebrauche den Namen Gottes als Rechtfertigung für Gewalt! Arbeiten wir gemeinsam für die Gerechtigkeit und den Frieden.“

Anschließend dann der Besuch an der Klagemauer, der heiligsten Stätte der Juden. Franziskus betet für den Frieden und spricht leise das Vater Unser, auf Spanisch. Den Text legt er zu den unzähligen Gebetsbitten in die Klagemauer. Rabbi Skorka berichtet später, dass er ebenfalls einen Zettel in die Klagemauer steckte. Die Anfangsworte seines Textes – auf Hebräisch: „Unser Vater im Himmel …“. Angeblich war das nicht abgesprochen. Anschließend erfolgt die Umarmung. Das ist interreligiöser Dialog ganz praktisch. Allerdings ist Papst Franziskus nicht blauäugig. Ihm ist klar, dass die Realität im Verhältnis der Religionen im Nahen Osten und in vielen anderen Regionen der Welt nicht überall so gut ist, wie in seiner Heimatstadt Buenos Aires, wo er über viele Jahre einen Trialog der Religionen pflegte. Doch Franziskus setzt auf persönliche Begegnungen und Beziehungen – in der Ökumene mit Patriarch Bartholomaios und im Dialog der Religionen über seine „Buenos-Aires-Connection“.

Gedenken der Opfer des Terrorismus

Die Realität holt ihn auch gleich anschließend wieder ein beim Besuch des Denkmals für die Opfer von Terrorismus in Jerusalem. Der Punkt wurde kurzfristig ins Programm aufgenommen auf „Vorschlag“ von Israels Premierminister Benjamin Netanhaju. Beobachter gehen davon aus, dass der Politiker als Ausgleich für das Gebet des Papstes an der Sperrmauer am Sonntag diesen Besuch am Montag wollte. Für den Papst sicher kein Problem. Er nutzte die Gelegenheit, um jede Form des Terrorismus scharf zu verurteilen. Terrorismus sei schlecht im Ursprung, weil er vom Hasse komme und schlecht im Ergebnis, weil er nicht aufbaue sondern zerstöre. Bereits am Sonntag hatte er übrigens bei seinem Treffen mit Kindern in einem Flüchtlingslager in Bethlehem unterstrichen, dass Gewalt nicht mit neuer Gewalt besiegt werden könne. „Gewalt besiegt man mit Frieden!“

Besuch in Yad Vashem

Der wohl bewegendste Moment der Papstreise ins Heilige Land war der Besuch in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Bereits am Sonntag bei der Ankunft in Israel hatte Franziskus an die sechs Millionen Juden erinnert, die Opfer der Shoa wurden. Am Montag traf er nun sechs Überlebende des Holocaust. Zur Begrüßung küsste er jedem von ihnen die Hand. Franziskus stellt die Frage, wie der Mensch so tiefe Schuld auf sich laden konnte? „Gib uns die Gnade, uns zu schämen für das, was zu tun wir als Menschen fähig gewesen sind, uns zu schämen für diesen äußersten Götzendienst, unser Fleisch, das du aus Lehm geformt und das du mit deinem Lebensatem belebt hast, verachtet und zerstört zu haben. Niemals mehr, o Herr, niemals mehr!“ Seine Ansprache ist eine Mischung aus Gebet, Meditation und Gedenken. Sicher anders, als viele erwartet hatten.

Am Nachmittag traf sich Franziskus noch mit Ordensleuten, Priestern sowie Seminaristen und feierte anschließend einen Gottesdienst im sogenannten Abendmahlssaal. Sein Besuch im Heiligen Land wird sicher Spuren hinterlassen in vielerlei Hinsicht. Die Bilder und Gesten werden bleiben vom Gebet an der Sperranlage und der interreligiösen Umarmung am Montagmorgen an der Klagemauer. Das ökumenische Gebet in der Grabeskirche und der wiederholte Aufruf, jegliche Form des Antisemitismus zu verurteilen. Mit seiner Initiative für ein Friedensgebet mit den beiden Präsidenten Peres und Abbas mischt sich Franziskus in den Friedensprozess ein, der ins Stocken geraten ist. Er wird ihn sicher nicht wieder in Gang setzen können. Doch Franziskus macht deutlich, dass die Kirche alle ihre Macht in die Waagschale werfen möchte, um zu Fortschritten zu kommen im Miteinander der Konfessionen, Religionen und Völker in der Region. Den Katholiken im Norden Israels, die sehr enttäuscht sind, dass Franziskus Galiläa nicht besucht hat, machte er am Sonntag Hoffnung auf ein Wiedersehen. Beim Mittagsgebet sagte er: „Indem ich hier in Bethlehem die Heilige Familie betrachte, geht mein Denken spontan nach Nazareth, wohin ich mich hoffentlich, wenn es Gott gefällt, bei einer anderen Gelegenheit begeben kann.“ War das die vorsichtige Ankündigung einer weiteren Heilig-Land-Reise von Papst Franziskus?

Auf dem Rückflug von Tel Aviv nach Rom sprach Franziskus fast eine Stunde mit den rund 70 mitgereisten Journalisten. Ausführliche Infos dazu morgen im Papstgeflüster. Der Papst sprach über den Zölibat, der kein Dogma sei, den Umgang mit Bischöfen und Priestern in Missbrauchsfällen sowie einen möglichen Rücktritt vom Amt. Vorab auch schon einige Informationen bei Twitter: @JuergenErbacher

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.