Papstgeflüster – Das Vatikan-Blog

Interessantes und Hintergründiges aus dem Vatikan

Franziskus macht ernst!

Acht Kardinäle werden künftig Papst Franziskus bei der Regierung der Kirche beraten, darunter auch der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx. Die Gruppe soll zudem eine Kurienreform vorbereiten. Damit macht Franziskus ernst mit dem, was im Vorkonklave von den Kardinälen gefordert wurde: mehr Beratung, mehr Beteiligung der Ortskirchen an den Entscheidungen der Kurie. Sieben der acht Kardinäle sind Ortsbischöfe; lediglich der Chef des Vatikanstaats, Kardinal Giuseppe Bertello, kommt aus der römischen Zentrale und ist Italiener. Damit macht Papst Franziskus auch mit der Internationalisierung in der Leitung der katholischen Kirche ernst.

Kardinal Reinhard Marx: Die Stimme des Erzbischofs von München und Freising hat künftig noch mehr Gewicht im Vatikan. (dpa)

Die Regierungsberater des Papstes kommen von allen Kontinenten. Zu ihnen gehören auch einige, die im Vorfeld des Konklaves als papabile gehandelt wurden wie der Erzbischof von Boston, Sean Patrick O’Malley, und der Erzbischof von Tegucigalpa in Honduras, Oscar Rodriguez Maradiaga. Er wird auch die Gruppe der acht Kardinäle koordinieren. Dieser gehören zudem an: aus Lateinamerika der emeritierte Erzbischof von Santiago de Chile, Francisco Javier Errázuriz Ossa, aus Asien der Erzbischof von Bombay, Oswald Gracias, aus Afrika der Erzbischof von Kinshasa, Laurent Monsengwo Pasinya, sowie für Ozeanien der Erzbischof von Sydney, George Pell. Alle acht Kardinäle sind Schwergewichte auf ihrem Kontinent.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx ist der jüngste im Beraterkreis. Er fiel im Vorkonklave vielen Mitbrüdern durch seine Beiträge positiv auf – wohl auch dem neuen Papst. Klar, aber sachlich war seine Kritik an den Problemen in und mit der Kurie aus Sicht eines Diözesanbischofs. Er ist seit März 2012 Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen in der EU (COMECE). Marx wird damit in den künftigen Beraterkreis des Papstes die Stimme Europas einbringen. Franziskus hat bei der Besetzung des Gremiums darauf geachtet, dass die Mitglieder entsprechend auf ihren Kontinenten vernetzt sind. Kardinal Errázuriz Ossa war von 2003 bis 2007 Präsident der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM) und hat damit auf dem Kontinent gute Kontakte. Weltweite Beziehungen hat Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga in seiner Funktion als Präsident von Caritas Internationalis. Der indische Kardinal Oswald Gracias ist Präsident der Föderation der Bischofskonferenzen in Asien.

Mit seiner Entscheidung verschiebt der Papst die Machtverhältnisse in der katholischen Kirche. Die Ortskirchen erhalten mehr Gewicht im Vergleich zur römischen Kurie. Die ist in dem Gremium nur mit einer Stimme vertreten. Will der neue Papst damit auch signalisieren, dass er in der Kurie weniger ein Instrument der Leitung der Kirche sieht als vielmehr ein Instrument, die Beschlüsse des Papstes und seiner Berater umzusetzen. Betont der Papst damit die Dienstleistungsfunktion der Kurie künftig mehr?

Auffallend ist, dass der amtierende Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone nicht in das Gremium berufen wurde; stattdessen der Chef des Vatikanstaats, Kardinal Giuseppe Bertello. Streng genommen gehört er nicht zur römischen Kurie, denn der Vatikanstaat ist eine eigene Größe. Dies könnte ein Zeichen dafür sein, dass Bertello in Kürze zum Nachfolger von Bertone als Kardinalstaatssekretär ernannt wird. Der Name wird seit einiger Zeit immer wieder genannt, wenn es um das zweithöchste Amt in der katholischen Kirche geht. Bertello ist ein erfahrener Diplomat. Wird er nicht Kardinalstaatssekretär, müsste der Papst den Nachfolger von Bertone in das Beratergremium „nachberufen“. Eine Kurienreform zu planen, ohne den Kardinalstaatssekretär einzubeziehen, macht wenig Sinn. Dass ein anderer Kardinal aus dem Beratergremium Staatssekretär wird, ist eher unwahrscheinlich. Traditionell ist bei einem nichtitalienischen Papst der Kardinalstaatssekretär ein Italiener. Angesichts der Tatsache, dass die Kurie italienisch „denkt und arbeitet“, würde sich ein Italiener an der Spitze sicher mit der Umsetzung von Reformen leichter tun, als ein Ausländer.

Vier Wochen nach seiner Wahl setzt Papst Franziskus ein erstes wichtiges Signal: Er will Veränderungen in der katholischen Kirche. Damit meint er nicht nur den Stil, sondern auch die Strukturen. Das hatten viele bereits gehofft; seit heute ist es Gewissheit. Allerdings ist die Entscheidung nur ein erster Schritt. Eine lange Phase der Beratungen und der Umsetzung liegt noch vor Papst Franziskus. Ob Franziskus neben Stil und Strukturen auch an Inhalte geht, ist noch offen. Eigentlich vertritt er in theologischen Fragen traditionelle Positionen der katholischen Kirche. Neues bei Stil und Strukturen also „Ja“, bei den Inhalten heißt es abwarten.

P.S. Zur diplomatischen Karriere Bertellos: 1987 nahm er als Beobachter des Vatikans an einer Konferenz von Außenminister bündnisfreier Länder in Pjöngjang teil. Er war damit einer der ersten Vatikanvertreter, die nach dem Koreakrieg nordkoreanischen Boden betraten. Zwischen 1987 und 1995 war er Nuntius in verschiedenen afrikanischen Ländern, darunter Ghana, Togo, Benin und Ruanda. Dort war er zur Zeit des Völkermords der Hutu an der im Land lebenden Tutsi-Minderheit. Später hatte Bertello Posten an UN-Vertretungen des Heiligen Stuhls in Genf und Bangkok, bevor er von 2007-2011 Nuntius in Italien wurde. Seit September 2011 ist er Governator des Vatikanstaats.

P.P.S. Wenn das Gremium sich am Ende wirklich als der entscheidende Beraterkreis des Papstes etabliert, steigt der Münchner Kardinal Reinhard Marx mit seiner Ernennung zu einem der mächtigsten Kardinäle der Welt auf.

Alltag im Vatikan

Der päpstliche Alltag hat Franziskus nun endgültig eingeholt. Seit gestern sind die Ad-Limina-Besuche wieder aufgenommen worden. Auch die Sonderaudienzen für Gruppen finden wieder statt: gestern die „Papal Foundation“, heute die Päpstliche Bibelkommission. Gestern ging es also mehr darum, Gönnern der katholischen Kirche für ihr Engagement zu danken; heute stand dann die Theologie im Mittelpunkt. Dabei betonte Franziskus, dass die Bibelauslegung immer in Übereinstimmung mit der kirchlichen Tradition und Lehre erfolgen müsse. Er erinnerte an die Konstitution „Dei Verbum“ des II. Vatikanischen Konzils, in der die „untrennbare Einheit von Heiliger Schrift und Tradition“ betont wird. An der Entstehung dieser Konstitution hatte der junge Theologe und Konzilsberater Joseph Ratzinger entscheidend mitgewirkt. Nun können sicher die meisten Exegeten dieser Verbindung zustimmen. Das Entscheidende ist natürlich wieder die konkrete Umsetzung dieser Prämisse. Hier wird sich zeigen, wie im Pontifikat von Franziskus das Verhältnis von wissenschaftlicher Theologie und kirchlichem Lehramt sein wird.

Vor dem Treffen mit der Bibelkommission besuchte Franziskus das vatikanische Staatssekretariat, sozusagen die Schaltzentrale der katholischen Kirche. Es ist Innministerium, Außenministerium und Staatskanzlei in einem. In den letzten Jahren gab es massive Kritik an der Arbeit der Behörde. Die äußerten mehrere Kardinäle im Vorkonklave. Jorge Mario Bergoglio wurde auch deshalb zum Papst gewählt, weil man ihm zutraut, die Kurie zu reformieren. Eigentlich sollte das Staatssekretariat die Arbeit der Kurienbehörden koordinieren und zusammenführen. Letztendlich hat es diese Aufgabe aber in den letzten Jahren nicht ausreichend umgesetzt. Entsprechend wird erwartet, dass der Papst in Kürze einen neuen Kardinalstaatssekretär ernennt, der die Arbeit optimiert. Es ist zwar nicht damit zu rechnen, dass es schon bald eine große Kurienreform gibt. Dazu braucht es eine entsprechende Vorarbeit. Doch ist eine Reihe von Verbesserungen auch kurzfristig möglich, ohne dass Statuten und Strukturen verändert werden. Dazu gehört ein regelmäßiges Treffen der Chefs der verschiedenen Kurienbehörden, also eine Art Kabinettssitzung – sei es mit oder den Papst. Dazu zählt eine bessere Vernetzung zwischen den Behörden auf Referentenebene und eine Personalrekrutierung nach Qualifikationskriterien und nicht aufgrund von Beziehungen. Für den Besuch im Staatssekretariat nahm Franziskus sich eine knappe Stunde Zeit. Er begrüßte jeden der rund 300 Mitarbeiter persönlich und dankte für die Arbeit.

P.S. Franziskus gewöhnt sich langsam auch daran, dass er Papst ist. Das Beileidstelegramm zum Tod von Kardinal Antonetti unterzeichnete er mit „Franciscus PP.“ In den ersten Tagen ließ er in Briefen das Kürzel „PP“ (Papst) gerne auch mal weg. In seiner Ansprache an die Papal Foundation sprach er gestern nicht nur vom „Bischof von Rom“ sondern auch vom „Hirten der Universalkirche“.

Pacem in terris

50 Jahre wird die Friedensenzyklika „Pacem in terris“ des seligen Papst Johannes XXIII. morgen alt. Mit Blick auf die aktuelle Weltlage könnte das Dokument aktueller kaum sein. Das Jubiläum fällt in einen Moment, der an die Zeit der Entstehung erinnert. Als das päpstliche Lehrschreiben am 11. April 1963 veröffentlicht wurde, lag die Kubakrise vom Oktober 1962 gerade erst wenige Monate zurück. Die Welt hatte den Gefahren eines Atomkriegs „in die Augen geschaut“. In diesen Tagen ist die Situation zwar nicht ganz so dramatisch. Trotzdem schauen viele mit großer Sorge nach Korea. Selbst die Mächtigen in den USA und China halten den Atem an.

Papst Johannes XXIII. will Frieden!

50 Jahre ist das Papier Johannes XXIII. alt und dennoch so aktuell wie damals. Der Papst fordert darin nicht nur das Ende des Wettrüstens, sondern einen Abbau der Waffenarsenale weltweit. Er verurteilt Kriege zur Lösung von Konflikten; einzig richtiger Weg seien Verhandlungen und politische Lösungen. „Es widerstrebt in unserem Zeitalter, das sich rühmt, Atomzeitalter zu sein, der Vernunft, den Krieg noch als das geeignete Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten.“ Die Enzyklika sorgte nicht nur wegen der Friedensthematik für Aufsehen. Papst Johannes XXIII. anerkennt darin die Menschenrechte und greift damit den Beschlüssen des II. Vatikanischen Konzils voraus. Zudem äußert er sich zum wirtschaftlichen Fortschritt, der stets mit dem sozialen Fortschritt der Menschen einhergehen müsse.

Erstmals sprach sich die katholische Kirche in einem offiziellen Dokument für eine globale Autorität aus. „Da aber heute das allgemeine Wohl der Völker Fragen aufwirft, die alle Nationen der Welt betreffen, und da diese Fragen nur durch eine politische Gewalt geklärt werden können, deren Macht und Organisation und deren Mittel einen dementsprechenden Umfang haben müssen, deren Wirksamkeit sich somit über den ganzen Erdkreis erstrecken muss, so folgt um der sittlichen Ordnung willen zwingend, dass eine universale politische Gewalt eingesetzt werden muss.“ Ein knappes Jahr später trat im März 1964 der erste Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen seinen Dienst an.

„Pacem in Terris“ gehört zu den großen Enzykliken des vergangenen Jahrhunderts. Johannes XXIII. veröffentlichte sie wenige Monate vor seinem Tod. Neben dem II. Vatikanischen Konzil, das Papa Roncalli einberufen hatte, gilt die Friedensenzyklika gleichsam als das Vermächtnis des „Papa buono“.

Sein aktueller Nachfolger wird ja von vielen auch schon als „Papa buono“ bezeichnet. Papst Franziskus hat heute bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz seine Landsleute erstmals auf Spanisch begrüßt. Und er ist’s gewesen, der ihn dazu brachte: sein Lieblingsfußballclub San Lorenzo aus Buenos Aires. Eine Delegation des Clubs war heute auf dem Petersplatz unter den mehr als 30.000 Teilnehmern und begrüßte den Papst nach der Audienz in der so genannten „Prima Fila“. Gut – wahrscheinlich hätte der Papst auch ohne die „Raben“, wie sich die Anhänger des Clubs nennen, die spanischsprachigen Pilger selbst begrüßt. Denn auch im Vatikan hat man bemerkt, dass es in den vergangenen Wochen etwas seltsam wirkte, wenn Franziskus’ Ansprache von einem Mitarbeiter des Staatssekretariats ins Spanische übersetzt wurde. Seine Botschaft an die Teilnehmer. „Christ sein heißt nicht bloß die Gebote befolgen, sondern in Christus sein – denken, handeln, lieben wie Christus.“

P.S. Aufmerksame Leser haben natürlich sofort bemerkt, dass es auch im Pontifikat von Franziskus „Raben“ im Vatikan gibt. Allerdings sind das nicht wie bei Benedikt XVI. Spione, die private Dokumente an Journalisten weitergeben und von der Vatikanpolizei gejagt werden, sondern die blau-rot gestreiften „Raben“ des päpstlichen Fußballclubs. Die jagen mit ihrer Mannschaft der argentinischen Meisterschaft hinterher und werden vom Papst sowie seiner Polizei mit Jubel empfangen. 14 Mal wurde San Lorenzo argentinischer Meister, zuletzt 2007. In dieser Saison stehen sie in der 1. argentinischen Liga bisher auf Platz 10 der Tabelle.

Der Papst als Politiker

Haben sich heute mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und Papst Franziskus die beiden mächtigsten Männer der Welt im Vatikan getroffen? Wenn man nach den Truppenstärken geht, sicherlich nicht. Gut, im Namen der UNO sind weltweit Blauhelme im Einsatz. Ein Papst kann stets nur seine moralische Autorität als Oberhaupt von weltweit 1,2 Milliarden Katholiken in die Waagschale werfen. In der Vergangenheit wurde immer wieder deutlich, dass der Papst auch über die katholische Kirche hinaus Ansehen genießt. Vor allem Johannes Paul II. hatte damit die katholische Kirche zu einem wichtigen Player auf der politischen Weltbühne gemacht. Unter Benedikt XVI. wurde diese Dimension etwas zurückgefahren; zumindest waren Papst und Heiliger Stuhl medial nicht mehr so auf der politischen Bühne präsent. Auf der Arbeitsebene ging alles weiter wie zuvor. Wenn es um Fragen der Religionsfreiheit, von Gerechtigkeit und Frieden ging, erhob aber auch Benedikt XVI. seine Stimme.

Doch vom neuen Papst, der als „Kardinal der Armen“ nach seiner Wahl bekannt wurde, erwarten viele wieder ein politischeres Pontifikat. Das dürfte bei den sozialethischen Themen auch sicher so sein. Als Erzbischof von Buenos Aires hat Bergoglio kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um Kritik am „Finanzterrorismus“ oder der „Tyrannei des Marktes“ ging. Sein konkreter Einsatz für die, die in der modernen globalisierten Welt am Rande stehen, war schon allein durch seine Anwesenheit in den Elendsvierteln eine Provokation der bestehenden Verhältnisse. Vielleicht wird Franziskus als Papst gar nicht so viele Worte verlieren, allein seine Präsenz in Flüchtlingscamps und an sozialen Brennpunkten wird sprechen.

Der Vatikan ist traditionell daran interessiert, dass die UNO als internationale Institution gestärkt wird. Umgekehrt hofft man bei der UNO und seinen entsprechenden Unterorganisationen wie der FAO, der Welternährungsorganisation der UN mit Sitz in Rom, im neuen Papst einen Verbündeten zu finden im Einsatz für mehr Gerechtigkeit und Frieden.

Papst Benedikt XVI. bei der UNO (reuters)

Daher war das Treffen von Ban Ki Moon und Franziskus heute im Vatikan für beide Seiten wichtig, um von Anfang an ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Der UNO-Generalsekretär lud den Papst zur UNO nach New York ein. Zuletzt hatte mit Benedikt XVI. im April 2008 ein Papst vor dem Völkerparlament gesprochen. Bis zur Rede Franziskus’ wird es wohl noch eine Weile dauern. Einladungen an den neuen Papst gibt es in diesen Tagen viele – aus der ganzen Welt. Franziskus wird aber auch im Vatikan gebraucht, wo er an der Kurie noch einige Aufgaben zu erledigen hat.

Papst der Ökumene?

Wie hält es Papst Franziskus mit der Ökumene? Das ist natürlich aus deutscher Perspektive eine interessante und wichtige Frage. In kaum einem anderen Land ist die Spaltung der Christenheit so präsent wie im Heimatland Martin Luthers. Unter Benedikt XVI. gab es Fortschritte in der Ökumene, doch mit Blick auf die Protestanten fiel die Bilanz gemischt aus. Das betonte am Nachmittag der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, in Rom. Er ist der erste Deutsche, den Papst Franziskus in Audienz empfangen hat. Und dann auch noch den „obersten Protestanten“! Wenn das kein deutliches Zeichen ist. So wird denn auch die Privataudienz für Schneider hier in Rom heute als klares Zeichen für eine Fortsetzung des Dialogs mit den Protestanten gewertet.

 

EKD-Ratsvorsitzender Schneider trifft Papst Franziskus.

Der EKD-Ratsvorsitzende erklärte im Anschluss, dass heute nicht der Zeitpunkt gewesen sei, Forderungen zu stellen. Vielmehr sei es um eine erste Begegnung gegangen, um ein Fundament zu legen für die weiteren Gespräche. Doch habe er nach dem 30-minütigen Treffen sowie den Worten und Gesten des neuen Papstes in den letzten Wochen den Eindruck, dass hier ein Mann ist, der die Nöte der Menschen versteht. Entsprechend hoffe er, dass dieser Papst auch die Nöte der Menschen versteht, die in konfessionsverschiedenen Ehen Tisch und Bett teilten, aber nicht gemeinsam zum Tisch des Herrn treten könnten.

Der im Vatikan für Ökumene zuständige Kardinal Kurt Koch erklärte nach dem Treffen, Papst Franziskus habe seinen Willen bekräftigt, dass er den Weg seines Vorgängers in Bezug auf die Ökumene fortsetzen möchte. Franziskus sei froh gewesen über die Worte Benedikts XVI. zu Martin Luther beim Treffen der Delegationen im kleinen Kreis im Augustinerkloster in Erfurt. Bei diesem Anlass hatte Benedikt XVI. sehr positiv über Luther als „Gott-Sucher“ gesprochen. Die anschließende Predigt beim Gottesdienst, in der der Papst von einem falschen Verständnis von Ökumene sprach im Kontext der Forderungen nach einem ökumenischen Gastgeschenk, war heute hingegen kein Thema. Man konzentrierte sich auf Benedikts Würdigung Martin Luthers.

Die Predigt beim Gottesdienst und Dokumente wie Dominus Iesus aus dem Jahr 2000 nannte EKD-Chef Schneider als zwei Beispiele für negative Erfahrungen der Protestanten mit Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. Dem stünden aber auch große Verdienste für die Ökumene gegenüber, etwa der Einsatz Ratzingers für die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre oder eben die bereits erwähnte Würdigung Luthers beim letzten Deutschlandbesuch.

Mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 unterstrich Schneider im Gespräch mit Franziskus, dass die Protestanten weder ein „deutsches Jubelfest“ daraus machen möchten, noch eine Heroisierung Martin Luthers. Vielmehr gehe es um die Botschaft Martin Luthers: die Umkehr auf Christus hin. „Es soll nicht der Held Martin Luther im Vordergrund stehen, auch wenn wir dankbar sind, dass er den Anstoß für die Umkehr zu Christus gegeben hat.“ In diesem Sinne habe er den Papst zur aktiven Teilnahme an den 500-Jahr-Feiern eingeladen.

Was heute in Rom passiert ist, könnte der Anfang eines guten ökumenischen Weges zwischen Katholiken und Protestanten unter Franziskus sein. Der neue Papst hat aus eigener Anschauung in Argentinien vor allem die evangelikalen und pentekostalen Kirchen und Gemeinschaften erlebt. Die traditionellen protestantischen Kirchen sind dort zahlenmäßig eher gering vertreten. Dennoch machte er heute beim Treffen im Vatikan deutlich, dass er auch diese kenne. So habe er sich im Studium unter anderem mit Dietrich Bonhoeffer beschäftigt. Es sind Töne der Zuversicht, die heute von Rom ausgehen in Bezug auf das Verhältnis von Katholiken und Protestanten. Auch in der Ökumene weckt Papst Franziskus große Hoffnungen.

Papst der Barmherzigkeit

Beim Gottesdienst zur Inbesitznahme seiner Bischofskirche, der Lateranbasilika, hat Papst Franziskus heute erneut das Thema Barmherzigkeit ins Zentrum gestellt. Anlass war der Barmherzigkeitssonntag, den Papst Johannes Paul II. eingeführt hatte und der am Sonntag nach Ostern begangen wird. Für Franziskus ist die Barmherzigkeit allerdings nicht nur heute ein Thema. Schon beim ersten Angelus am Sonntag nach seiner Wahl (17.3.) hatte er über die Barmherzigkeit gesprochen. „Ein wenig Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt und viel gerechter“, sagte er damals. Heute sprach er von der Geduld Gottes, der immer darauf warte, dass der Mensch zu ihm umkehre. „Jesus führt uns diese barmherzige Geduld Gottes vor Augen, damit wir Vertrauen und Hoffnung zurückgewinnen, immer!“ Franziskus erinnerte an den Theologen Romano Guardini, der gesagt habe, „dass die Geduld Gottes auf unsere Schwäche antwortet und dies die Rechtfertigung unserer Zuversicht, unserer Hoffnung ist“. Die Geduld Gottes müsse im Menschen den Mut wecken, „zu ihm zurückzukehren, ganz gleich welchen Fehler, welche Sünde es in unserem Leben gibt“.

Wie versteht Franziskus Barmherzigkeit? Sicher scheint, Franziskus’ Barmherzigkeit bedeutet nicht, dass alles möglich ist und von der Kirche akzeptiert wird. Er spricht heute ganz klar von Sünde und Umkehr. Die Barmherzigkeit bedeutet eine bestimmte Haltung gegenüber dem Sünder, aber nicht die Akzeptanz der Sünde. Soweit ist das theologisch klar. Was heißt das aber konkret? Das lässt er bisher offen.

Papst Franziskus mit "neuem altem" Hirtenstab

Interessant ist übrigens, dass Papst Franziskus heute beim Gottesdienst im Lateran das Pastorale, den Hirtenstab, von Papst Johannes Paul II. und Paul VI. verwendet hat. Jene bronzene Ferula mit Kruzifix, die der italienische Künstler Lello Scorzelli in den 1960er Jahren für Paul VI. angefertigt hatte. Paul VI. benutzte den Hirtenstab erstmals am 8. Dezember 1965 beim feierlichen Abschlussgottesdienst des II. Vatikanischen Konzils. Auch Benedikt XVI. benutzte am Anfang seines Pontifikats diesen Hirtenstab. Ab Palmsonntag 2008 nutzte er einen anderen: einen goldenen Stab mit Kreuz und ohne Korpus. Begründet wurde der Wechsel damals zum einen mit dem geringeren Gewicht des goldenen Kreuzes; zum anderen mit dem Verweis auf die Tradition. Die Päpste hätten stets einen Hirtenstab mit Kreuz, aber ohne Korpus benutzt. Das ist seit heute wieder anders.

Wie ist diese Änderung zu deuten? Franziskus stellt sich ganz offensichtlich in die Tradition Pauls VI. und Johannes Pauls II. Doch dürfte es nicht bedeuten, dass er mit der Tradition Benedikts XVI. bricht. Vielmehr dürfte der Schlüssel zum rechten Verständnis in der Bedeutung des Kruzifixes, das den leidenden Christus in Erinnerung ruft, liegen. Der leidende Christus ist ein zentrales Motiv in der lateinamerikanischen Volksfrömmigkeit. Es gibt eine starke Identifikation des leidenden Volkes mit dem leidenden Christus. Allerdings hat das nichts mit oberflächlichem Mitleid zu tun. Für Franziskus geht vom Kreuz zugleich Hoffnung aus. Beim Kreuzweg am Kolosseum sagte Franziskus am Karfreitag: „Das Kreuz Jesu ist das Wort, mit dem Gott auf das Böse der Welt geantwortet hat. Manchmal scheint es uns, als antworte Gott nicht auf das Böse, als verharre er im Schweigen. In Wirklichkeit hat Gott gesprochen, er hat geantwortet, und seine Antwort ist das Kreuz Christi: ein Wort, das Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung ist.“

Der Papst hört zu.

Papst Franziskus setzt die Audienzen für Kurienmitglieder fort. Heute traf er zum ersten Mal den Chef der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, und bereits zum zweiten Mal den Chef der Ostkirchenkongregation, Leonardo Sandri. Sandri, der wie der Papst Argentinier ist, hatte bereits wenige Tage nach der Wahl eine Audienz bei Franziskus. Gestern hatte der Pontifex den Chef der Missionskongregation, Kardinal Fernando Filoni, sowie den Erzpriester der Basilika Sankt Paul vor den Mauern, Kardinal James M. Harvey, und den Cheforganisator der Internationalen Eucharistischen Weltkongresse, Erzbischof Piero Marini, getroffen. Nähere Informationen gab der Vatikan zu den Audienzen wie üblich nicht. Die Auswahl der Audienzgäste lässt allerdings aufhorchen. Das gilt weniger für Kardinal Filoni. Der zählt als Chef der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, wie die Missionskongregation offiziell heißt, zu den mächtigsten Männern in der katholischen Kirche. Nicht umsonst wird der Inhaber dieses Postens oft als auch der „rote Papst“ bezeichnet. Filoni ist zuständig für alle Gebiete, die traditionell zu den Missionsgebieten der katholischen Kirche zählen, also weite Teile Afrikas, Asiens und auch Lateinamerikas. Aktuell sind das nach Angaben der Kongregation knapp über 1.000 Jurisdiktionsgebiete. Dass Franziskus sich mit Kardinal Filoni als einem der ersten Kurienchefs trifft, ist damit gut verständlich. Auch die Begegnung mit Erzbischof Müller liegt auf der Hand.

Doch wieso trifft er sich mit Kardinal Harvey und Erzbischof Marini? Harvey war lange Jahre Präfekt des Päpstlichen Hauses, also Vorgänger von Erzbischof Georg Gänswein. Der übernahm den Posten im Dezember letzten Jahres von Harvey. Der US-Amerikaner arbeitete seit 1988 unter Johannes Paul II. und dann anschließend auch unter Benedikt XVI. als Präfekt des Päpstlichen Hauses. Erzbischof Piero Marini war Päpstlicher Zeremonienmeister unter Johannes Paul II. Benedikt XVI. löste ihn 2007 ab. Harvey und Marini gehören also zu den engsten Vertrauten des Wojtyla-Papstes. Es ist auffallend, dass Franziskus sich mit diesen beiden trifft, noch bevor er sich etwa mit anderen Kurienchefs trifft. Bisher hatten nur die Chefs der Bischofskongregation, Kardinal Marc Quellet, der Ostkirchenkongregation, Kardinal Leonardo Sandri, und der Ordenskongregation, Kardinal Joao Braz de Aviz, sowie Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone offiziell Audienztermine beim Papst. Selbstverständlich gibt es eine Reihe von Audienzen, die nicht öffentlich gemacht werden. Franziskus hat bereits weit mehr Kardinäle und Kurienmitarbeiter getroffen, als offiziell im Bollettino des vatikanischen Presseamts verkündet wurden. Doch die Auswahl seiner Gesprächspartner gibt Rätsel auf.

Aus dem Internet: Papst Franziskus beim Frühstück.

Seit gestern sorgen zwei Fotos für Aufregung, die im Internet kursieren. Sie zeigen Papst Franziskus beim Frühstück im Speisesaal des vatikanischen Gästehauses Santa Marta, wo er ja noch immer wohnt, sowie in der Kapelle des Hauses in der letzten Reihe sitzend. Das Foto aus dem Speisesaal stammt von einem Kleriker des Erzbistums Mailand, der diese Woche an der Romwallfahrt seines Bistums teilnahm und in Santa Marta wohnte. Er stellte den Schnappschuss im Anschluss auf sein Profil in einem der sozialen Netzwerke. Schon gibt es besorgte Stimmen, Franziskus könnte künftig wieder mehr abgeschottet werden, um solche Fotos künftig zu vermeiden. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser selbst das möchte. In einem Telefonat mit einem Priester in Argentinien erklärte er jetzt noch einmal, dass er im Gästehaus bleibt, weil er „nicht isoliert sein möchte“, sondern vielmehr mit den Menschen, „Tisch, Nachrichten und Kommentare“ teilen möchte.

P.S. Die klare Linie seines Vorgängers Benedikt XVI. wird Papst Franziskus beim Thema Missbrauch fortführen. Das kündigte der Vatikan nach der Audienz für Erzbischof Müller an. Die Glaubenskongregation ist im Vatikan für das Thema zuständig. Der Papst wünsche, dass die Behörde sich vor allem dem Schutz von Minderjährigen und der Hilfe für Opfer annehme. Sie solle die erforderlichen Maßnahmen gegen Täter einleiten und die Bischofskonferenz bei der Formulierung und Überarbeitung entsprechender Richtlinien unterstützen. Diese seien wichtig für das Zeugnis und die Glaubwürdigkeit der Kirche.

Franziskus und die Frauen

„Die ersten Zeugen der Auferstehung sind die Frauen. Und das ist schön, das ist ein bisschen auch die Mission der Frauen, der Mütter, der Großmütter: Zeugnis ablegen gegenüber den Kindern, den Enkeln. Dass Jesus lebt, dass er auferstanden ist. Mütter und Frauen: macht weiter mit diesem Zeugnis!“ Mit diesen Worten richtete sich heute Papst Franziskus bei seiner zweiten Generalaudienz an die rund 30.000 Teilnehmer auf dem Petersplatz. Er würdigte die Rolle der Frauen als Erstverkünder der Auferstehung; der zentralen Botschaft des christlichen Glaubens. Beim Hören seiner wie immer sehr engagiert vorgetragenen Rede, war man gespannt, welche Folgerungen Franziskus aus dieser zentralen Rolle der Frauen am Anfang des Christentums ableiten würde. Doch dazu kam er dann nicht. Gut, er stellt fest, dass diese besondere Rolle der Frauen zum Nachdenken darüber anregen müsse, „wie die Frauen in der Kirche und auf dem Weg des Glaubens eine besondere Rolle hatten und noch heute haben, um die Türen für den Herrn zu öffnen, indem sie ihm folgen und indem sie sein Angesicht verkünden.“ Tja, was heißt das jetzt konkret für die Frauen in der Kirche? Gut, eine Generalaudienz ist nicht dazu da, theologische Abhandlungen über die Rolle der Frau vorzulegen. Aber wenn es als Denkanstoß gedacht war, darf man gespannt sein, was da noch kommt.

Papst Franziskus (reuters)

Eines war Franziskus wichtig. Die Tatsache, dass Frauen als Erstzeugen genannt werden, ist für ihn Beleg für die Historizität der Ereignisse. Im jüdischen Recht hätten Frauen und Kinder in der damaligen Zeit keine Glaubwürdigkeit als Zeugen besessen. Wenn die Evangelisten aber gerade Frauen als erste Zeugen anführten, spreche das für die Authentizität. Die Frauen kommen bei Franziskus auch besser weg als die Jünger und Apostel; denen falle es viel schwieriger zu glauben als den Frauen. Franziskus beklagte eine „Verwässerung“ des Auferstehungsglaubens, der aus einer gewissen Oberflächlichkeit oder aus Gleichgültigkeit entstehe in einer Zeit, „in der die Menschen mit tausend Sachen beschäftigt seien, die sie für wichtiger halten als den Glauben“. Am Ende seines Vortrags fordert er die Jugendlichen in einem flammenden Appell dazu auf, die Botschaft der Hoffnung, die in der Auferstehung begründet sei, in die Welt zu tragen, die ein bisschen alt geworden sei aufgrund der vielen Kriege, des Schlechten und des Bösen. „Los geht’s ihr jungen Leute!“ rief der Papst unter Applaus den vielen Jugendlichen auf dem Platz zu.

Franziskus ist sich auch heute treu geblieben. Er sprach nur auf Italienisch. Auch die Grüße etwa an die Deutschen mussten im Anschluss von einem Kleriker des Staatssekretariats aus dem Italienischen übersetzt werden. Manche Pilger sind enttäuscht; auch die wieder sehr emotionale Fahrt mit dem Papamobil über den Petersplatz im Vorfeld der Audienz kann das nicht aufwiegen.

Der Vatikan veröffentlichte heute das liturgische Programm des Papstes bis Pfingsten. Dabei fällt auf, dass Franziskus jeden Sonntag eine öffentliche Liturgie feiert. Angefangen vom nächsten Sonntag mit einem Gottesdienst zur Inbesitznahme der Lateranbasilika, seiner Bischofskirche, über eine Messe am 14. April in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern bis zu verschiedenen Eucharistiefeiern im Petersdom und auf dem Petersplatz mit Priesterweihe, Firmung und Heiligsprechungen sowie Gottesdiensten mit Bruderschaften und den geistlichen Bewegungen zu Pfingsten. Das ist ein strammes Programm, das sich Franziskus vorgenommen hat. Umgekehrt ist es auch nur schwer vorstellbar, dass ein Mann, der es bis vor wenigen Wochen als Erzbischof von Buenos Aires gewohnt war, jeden Sonntag und auch an vielen Werktagen mit den „einfachen“ Gläubigen Gottesdienst zu feiern, plötzlich nur noch im kleinen (geschlossenen) Kreis in der Kapelle des vatikanischen Gästehauses Santa Marta seine Liturgien feiert. Diese Fülle an öffentlichen Liturgien erinnert an die Zeit Papst Johannes Pauls II. Ob Franziskus diese Schlagzahl auch nach Pfingsten wird durchhalten können, wird man sehen. Sicher muss auch er Erfahrungen sammeln in seinem neuen Amt.

P.S. Gestern hat Franziskus zum 8. Todestag seines Vorvorgängers das Grab des seligen Johannes Pauls II. im Petersdom besucht. Das vatikanische Presseamt nahm dies zum Anlass, eigens auf die Kontinuität des neuen Papstes mit seinen Vorgängern hinzuweisen. Der Besuch an den Gräbern der letzten Päpste in den vergangenen Tagen sowie die wiederholten Telefonate und das Treffen mit Benedikt XVI. seien Ausdruck „der tiefen spirituellen Kontinuität des Petrusdienstes der Päpste, die Franziskus lebe und intensiv spüre“. Es ist auffallend, dass der Vatikan in den letzten Tagen diese Kontinuität immer wieder ausdrücklich betont. Als habe man Sorge, dass angesichts des neuen Stils diese Kontinuität übersehen werden könnte oder in Vergessenheit geraten könnte; obwohl Franziskus selbst in seinen Predigten und Ansprachen durchaus deutlich macht, dass er sich in dieser Kontinuität sieht. Vertraut man da den Worten des Papstes nicht? Oder den Journalisten, die darüber berichten?

Zurück zu den Quellen

Papst Franziskus hat am Nachmittag die Nekropole unter Sankt Peter besucht und an der Stelle gebetet, an der der Apostel Petrus begraben worden sein soll. Im Anschluss an den Besuch der Ausgrabungen betete er in den vatikanischen Grotten an den Gräbern der Päpste des vergangenen Jahrhunderts: Benedikt XV., Pius XI., Pius XII., Paul VI. und Johannes Paul I. Die beiden übrigen Päpste des 20. Jahrhunderts, die seligen Johannes XXIII. und Johannes Paul II., sind ja im Petersdom in Altären beigesetzt. 45 Minuten dauerte sein Besuch in den Tiefen des Petersdoms.

Als Bischof von Rom ist Franziskus Nachfolger des Apostels Petrus, der 265. offiziell. Die spannende Frage in diesen Tagen ist, wie er sein Amt in dieser Nachfolge versteht und ausüben wird. Es deutet sich ja an, dass er wohl ein Papst eines etwas anderen Typs sein wird als seine Vorgänger. Sollte er weiter so stark den Aspekt des „Bischofs von Rom“ betonen, wird dies große Auswirkungen sowohl auf die innerkatholische „Ökumene“ als auch auf den Dialog mit den anderen christlichen Kirchen haben. Schon sieht der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., Chancen für eine Kircheneinheit mit Rom. Es dürfte noch etwas früh sein dafür; doch spannend ist, ob Franziskus auf den Vorschlag von Bartholomäus eingeht, dass sich beide im nächsten Jahr in Jerusalem treffen sollen. 2014 jährt sich zum 50. Mal die historische Begegnung von Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras im Jahr 1964 in Jerusalem, die schließlich zur Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikation aus dem Jahr 1054 führte. Welches historische Zeichen könnten Franziskus und Bartholomäus setzen, wenn sie sich nächstes Jahr in der Heiligen Stadt begegnen sollten?

Geht die katholische Kirche mit Franziskus zurück zu den Quellen, den Ursprüngen? Der „Vorsitz in der Liebe“, den Rom innehat und von dem Franziskus bei seinem ersten Auftritt am 13. März auf der Loggia des Petersdoms sprach, ist ein Zitat von Ignatius von Antiochien aus dem 2. Jahrhundert. Damals war die Vormachtstellung Roms gegenüber den anderen Patriarchaten, und heute müsste man wohl auch hinzufügen Ortskirchen, längst nicht so ausgeprägt wie gegenwärtig. Ein solches Kirchenmodell würde die aktuelle Verfasstheit der katholischen Kirche vielleicht nicht komplett auf den Kopf stellen, aber doch grundlegend verändern. Es würde allerdings auch bedeuten, dass auf die unteren Ebenen mehr Verantwortung zukäme: die Ortsbischöfe, die Kirchenprovinzen und die seit dem II. Vatikanischen Konzil fest in der Kirchenverfassung verankerten Bischofskonferenzen. Mehr Kollegialität, wie sie nicht nur in der Sedisvakanz von vielen Kardinälen gewünscht wurde, sondern schon seit Jahren auf dem Forderungskatalog von Reformern – Bischöfe, Kleriker und Laien – steht, bezieht sich ja nicht nur auf das Verhältnis des Papstes zum Bischofskollegium. Wenn Kollegialität als Grundprinzip ernst genommen wird, müsste es auf allen Ebenen praktiziert werden. Ob das gelingt? Da sind Zweifel sicher angebracht. Denn die Zahl der Bischöfe ist nicht gering, die gerne nur sich selbst und dann den Papst sehen, die Instanzen dazwischen aber gerne übergehen. Auch diese Haltung hat den Zentralismus der vergangenen Jahre begünstigt. Unter Papst Franziskus könnte damit jetzt Schluss sein.

P.S. Heute Mittag gab es übrigens eines der „franziskanischen“ kurzen Mittagsgebete auf dem Petersplatz. Der Papst ist dafür eigens ins offizielle Arbeitszimmer im dritten Stock des Apostolischen Palasts gegangen, um die Menge auf dem Petersplatz zu grüßen und, wie das in der Osterzeit üblich ist, das Regina Caeli zu beten. Seine Ansprache, wie immer nur auf Italienisch. Das Ganze dauerte rund zehn Minuten. Franziskus liebt es kurz, aber herzlich und würdig. Das kann man nach den Liturgien in den Kar- und Ostertagen vielleicht als ein Resümee mit Blick auf die äußere Form ziehen. Über Inhalt wurde hier ja schon viel gesagt und wird es auch in den nächsten Wochen noch viel zu sagen geben.

Frieden in der Welt und mit der Schöpfung!

Papst Franziskus geht auch an Ostern seinen eigenen Weg. Die bisher üblichen Ostergrüße in mehr als 60 Sprachen ließ der 76-jährige Pontifex schlichtweg ausfallen. Lediglich auf Italienisch dankte der nach seiner Osterbotschaft für den Blumenschmuck und rief dazu auf, die „frohe Botschaft“ des Auferstandenen in alle Familien zu tragen. Die persönliche Umkehr und die Kriege in der Welt standen im Mittelpunkt seiner knapp 15-minütigen Osteransprache. Seine zentrale Botschaft: „Jesus ist auferstanden; es gibt Hoffnung für dich [den Menschen], du bist nicht mehr unter der Herrschaft der Sünde, des Bösen! Gesiegt hat die Liebe, gesiegt hat die Barmherzigkeit!“ Dies müsse konkrete Konsequenzen für das Handeln der Menschen heute haben. Franziskus sprach von den „Wüsten“, die der Mensch heute durchquert. Ein Bild, das sein Vorgänger Benedikt XVI. auch sehr oft verwendet hat. Franziskus bezog es auch auf eines seiner Hauptthemen des Pontifikats: die Bewahrung der Schöpfung. „Wie viele Wüsten muss der Mensch auch heute durchqueren. Vor allem die Wüste in ihm selbst, wenn das Bewusstsein fehlt, Hüter all dessen zu sein, was der Schöpfer uns geschenkt hat und schenkt.“

Vor dem Urbi et Orbi feierte Papst Franziskus die Ostermesse auf dem Petersplatz.

Im zweiten Teil seiner Ansprache ging der Papst dann auf die aktuellen Konflikte in der Welt ein. Israelis und Palästinenser forderte er auf, „mutig und bereitwillig die Verhandlungen wieder aufzunehmen, um einem Konflikt ein Ende zu setzen, der schon viel zu lange andauert.“ Er erinnerte an den Konflikt im Irak und mit Blick auf Syrien beklagte er das „viele Blut“, das bereits vergossen wurde und forderte eine politische Lösung. Mali, die Zentralafrikanische Republik und die Demokratische Republik Kongo sind die Kriegsländer, die er in Afrika eigens erwähnte, dazu Nigeria, „wo die Anschläge leider nicht aufhören, die das Leben vieler Unschuldiger schwer bedrohen, und wo nicht wenige Menschen, auch Kinder, in Geiselhaft von terroristischen Gruppen sind.“ Er rief zur Überwindung der Divergenzen und zur Versöhnung zwischen Nord- und Südkorea auf.

Am Ende kam Franziskus auf Themen zu sprechen, die ihn als Erzbischof von Buenos Aires bereits stark beschäftigt haben, wenn er etwa immer wieder Korruption und Menschenhandel kritisiert hat. Heute bat er um „Frieden für die ganze Welt, die immer noch von der Gier nach schnellem Profit geteilt ist, die verwundet ist vom Egoismus, der das menschliche Leben und die Familie bedroht, vom Egoismus, der den Menschenhandel fortsetzt, die in diesem 21. Jahrhundert am weitesten verbreitete Sklaverei.“ Er kritisierte den Drogenhandel sowie die ungerechte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und erinnerte an die Opfer von Naturkatastrophen. „Friede für diese unsere Erde!“

In seinen Formulierungen erinnerte der neue Papst an den großen Heiligen, in dessen Spur er sich bewegt. Wenn er etwa sagte, „werden wir zu Werkzeugen dieser Barmherzigkeit, zu Kanälen, durch welche Gott die Erde bewässern, die ganze Schöpfung behüten sowie Gerechtigkeit und Frieden erblühen lassen kann.“ Und fortfuhr, der auferstandene Christus möge „Hass in Liebe“, „Rache in Vergebung“, „Krieg in Frieden“ verwandeln. Wer hatte da nicht das Gebet des Franz von Assisi im Ohr, mit den Worten: „Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt; …“

Wird Papst Franziskus zum neuen Franz? Dann müssen sich sicher viele warm anziehen. Angesichts des radikalen Stilwechsels und der von ihm erwarteten Reformen in der Kurie gibt es schon besorgte Stimmen in Rom, er könnte sich an dem großen „Projekt“ verheben. Immer wieder wird an 1978 erinnert, wo ein lächelnder Papst, Johannes Paul I., das Werk angehen wollte, die Vatikanbank zu säubern und manch’ andere Reform umzusetzen. Nach 33 Tagen war er tot. Nicht dass jemand Franziskus dieses Schicksal wünschen würde. Aber dem ein oder anderen scheint der Wandel doch zu schnell zu gehen. Noch aber hat Franziskus sein Werk nicht begonnen. Er ist gut beraten, es mit Ruhe und Ausdauer anzugehen. Im Gebet des Franz von Assisi findet sich auch die Bitte, „dass ich verbinde, wo Streit ist“. Diese Fähigkeit wird sein Nachfolger Franziskus brauchen, um die Polarisierungen in der Kurie und der Kirche aufzubrechen. Wenn ihm das gelingt, braucht niemand Sorge zu haben, dass dieses Pontifikat nur 33 Tage dauern könnte.

P.S. Schon gibt es erste kritische Stimmen, Franziskus sei mehr „Urbi“ (Stadt) als „Orbi“ (Welt), weil er heute die Ostergrüße in 65 Sprachen weggelassen hat. Immerhin hatte das vatikanische Presseamt sie noch um 12.01 Uhr verteilt. D.h. die Entscheidung, nicht in den vielen Sprachen zu grüßen, muss sehr kurzfristig gefallen sein. Schon in den letzten Tagen fiel ja immer wieder auf, dass Franziskus den Akzent sehr stark auf sein Amt als Bischof von Rom legt und nicht vom „Papst“ spricht, eigentlich nur Italienisch redet und auch beim Angelus und der Generalaudienz keine anderen Sprachen nutzt. Im Vatikan wurde stets betont, dass sich das wieder ändern könne. Nach diesem Urbi et Orbi scheint das sehr fraglich. Aber Franziskus ist ja immer für eine Überraschung gut. Daher kann sich das doch auch alles wieder ändern – zugunsten des „Orbi“.