Leo XIV.: Mahner, Zuhörer, Popstar
Kritik an der Wiederaufrüstung in Europa, der Missbrauch in der katholischen Kirche und der Pluralismus in der Kirche – breiter hätte das Themenspektrum am dritten Tag des Papstes in Spanien kaum sein können. Am Nachmittag traf er in der Nuntiatur in Madrid sechs Betroffener sexualisierter Gewalt. Den Missbrauch hatte er zuvor bei einem Treffen mit den spanischen Bischöfen als „Pest“ bezeichnet, auf die „mit Zuhören, Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und einem entschlossenen Handeln in Sachen Prävention und eine Kultur der Fürsorge reagiert“ werden müsse. Bei einer Rede vor dem spanischen Parlament hatte er am Morgen erklärt, dass der Frieden auf internationaler Ebene „diplomatischen Mut, ethische Verantwortung und eine Zukunftsvision“ erfordere. Am Abend wurde Leo XIV. Im legendären Estadio Santiago Bernabéu von 80.000 gefeiert wie ein Popstar. Der Papst rief die Gläubigen dazu auf, die eigenen Bubbles zu verlassen und Verschiedenheit in eine Ressource zu verwandeln.
Lernen aus der Geschichte
Eine Stunde lang unterhielt sich Papst Leo XIV. am Nachmittag mit sechs Betroffenen sexualisierter Gewalt. Sie berichteten von ihrem Schicksal und der Pontifex bat sie um Hinweise, wie die katholische Kirche wirksamer handeln könne. Am Morgen hatten Opferorganisationen kritisiert, dass sie nicht zu einem Treffen eingeladen seien. Der Vatikan habe einige Betroffene ausgewählt, „die keine unangenehme Fragen stellten“, so Juan Cuatrecasas vom Nationalen Opferverband für gestohlene Kindheit (ANIR). Der Vatikan hatte das Treffen lange nicht bestätigen wollen; als der Druck schließlich zu groß wurde, bestätigte er es am Abend vor dem Abflug nach Spanien, ohne Ort und Zeit zu nennen. Heute Mittag dann die Begegnung, nachdem der Papst das Thema auf spanischem Boden erstmals beim Treffen mit den Bischöfen am Mittag angesprochen hatte. Bei den politischen Terminen schwieg er dazu, obwohl König Felipe am Samstag bei der Begrüßung als auch heute Morgen die Präsidentin des Parlaments, Francina Armengol, es angesprochen hatten.
Erneut Plädoyer für Völkerrecht
Bei seiner Rede vor dem Parlament ging es Leo XIV. um die großen Linien der Politik, in deren Mittelpunkt stets der Mensch stehen müsse als jemand, „dessen Würde über jedem Nutzen steht und in dessen Dienst die Gesetzgebung steht“. Würde, Gerechtigkeit und Gemeinwohl sollten der Maßstab der sozialen Beziehungen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene sein, so der Papst. „Wenn das Gemeinwohl nicht mehr als gemeinsamer Horizont gilt, läuft das öffentliche Leben Gefahr, in Partikularinteressen zu zerfallen.“ Klassisch verteidigte das Kirchenoberhaupt das Recht auf Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Lebensende – und das Beichtgeheimnis. Letzteres war auch in Spanien in den Diskussionen um den Missbrauchsskandal unter Druck geraten.
Der Papst forderte Unterstützung für Migranten und Anstrengungen, dass Menschen nicht zur Flucht gezwungen werden, sowie eine „strenge ethische Kontrolle“ von KI im militärischen Bereich. Er verurteilte die Aufrüstung weltweit und erklärte, dass wahre Sicherheit der Gerechtigkeit, dem geduldigen Dialog, der Achtung des Völkerrechts und einer Politik entspringe, die in der Lage sei, das Leben der Völker über die Interessen zu stellen, die vom Krieg profitieren. Er betonte den Wert des Dialogs und dauerhafter Vereinbarungen, „die auf Einhaltung von Verträgen, der Transparenz diplomatischer Maßnahmen und dem aufrichtigen Willen beruhen, den Frieden der Anwendung von Gewalt vorzuziehen“.
Wie schon am ersten Tag war auch heute das Werben für Vielfalt präsent. „Politische Vielfalt sollte nicht in eine permanente Abwertung des Gegners ausarten“, stellte Leo fest. Frieden werde auch durch Sprache gestiftet und bewahrt. „Bestimmtheit erfordert keine Verachtung; Meinungsverschiedenheit muss nicht mit Demütigung einhergehen“, mahnte der Pontifex. Und auch ein anderes Thema tauchte wieder auf: der Bezug auf das christliche Erbe. Die moderne Freiheit sei auch durch eine lange Bewusstseinsbildung vorbereitet worden, die zutiefst von der christlichen Tradition geprägt sei, erklärte der Papst.
Priesterausbildung konzentrieren
Damit auch die Gegenwart von diesem Glauben geprägt wird, forderte er beim Treffen mit den Bischöfen Spaniens eine „Fähigkeit zur Kommunikation, zum Dialog mit allen Wirklichkeiten in unserem Territorium“. Es gehe darum, „durch respektvollen Dialog und den Einsatz neuer Sprachen etwas Neues aufzubauen“. Wichtig dabei seien: Zuhören, Verständnis, Respekt, Großzügigkeit und Offenheit“. In Christus seien alle Glieder eines Leibes. Das „verlangt von der Kirche in dieser Zeit immer stärkerer Polarisierungen und Kontraste ein Zeugnis der Einheit in der Vielfalt“. Aufgabe der Bischöfe sei es, „die Einheit zu wahren, den Dialog zu fördern, Brüche zu heilen“. Eine innerlich versöhnte Kirche kann aus Sicht Leos stärker in der Ökumene, im interreligiösen Dialog sowie im Gespräch mit Nichtglaubenden und staatlichen Behörden agieren. Klar war Leos Position beim Thema Priesterausbildung: Qualität geht vor Quantität der Ausbildungsstätten. Der Erhalt von Strukturen dürfe nicht über das Gut der Berufung gestellt werden. „Die Seminaristen haben ein Recht auf bestmögliche Ausbildung und die Kirche ihrerseits hat ein Recht auf gut ausgebildete Priester“, erklärte der Papst. Deshalb sei das Gebot der Stunde: Kräfte bündeln.
Vielfalt in der Kirche
Beim Treffen mit den Gläubigen der Madrider Kirchenprovinz am Abend im Bernabéu-Stadion war der Dreh und Angelpunkt seiner Ansprache die Vielfalt in der Kirche. Die Wahrheit sei symphonisch, so Leo. Deshalb warnte er davor, sich in der Gruppe einzuschließen, „die immer dieselbe Melodie singt“. Schon das Neue Testament bezeuge „in der Vielfalt seiner Stimmen die Gemeinschaft in der Verschiedenheit“. Wenn das Handeln an Gott ausgerichtet werde, versinke der Pluralismus nicht in Unordnung, sondern werde durch die Praxis der Synodalität zu jenem Raum, „in dem die Menschheit ihre festen Fundamente und ihr endgültiges Ziel wiederentdeckt“. Den Priestern empfahl er, „die Praxis der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung als eine der größten Chancen anzuerkennen, die die Synodalität ihrem Dienst bietet“.
Größer hätten die Kontraste kaum sein können. Am Morgen ein hochoffizieller Termin mit der Rede im Parlament. Am Nachmittag das Treffen mit den Betroffenen sexualisierter Gewalt und dann am Abend die ausgelassene Feier im Bernabéu-Stadion. ein Fazit des dritten Tages der Papstreise nach Spanien könnte lauten: Die Kirche lebt, sie muss sich ihren dunklen Seiten stellen und Anschluss an die Menschen der heutigen Zeit finden. Dann wird sie auch als moralische Instanz Gehör finden in Politik und Gesellschaft. Die Äußerungen des Papstes im Parlament heute Morgen können übrigens einmal mehr als Kritik an der Politik von US-Präsidenten Trump verstanden werden.
P.S. Über dieses Thema berichtete die Sendung „heute in Europa“ am 08.06.2026 um 16:00 Uhr.

