Papst an Schleuser und Menschenhändler: Bekehrt euch!

Mit einem eindringlichen Appell an die „Ungeheuer der Meere“, wie er sie gestern bezeichnete, verabschiedete sich Leo XIV. von den Kanaren. „Von diesem Platz aus möchte ich ein klares Wort an diejenigen richten, die die Verzweiflung anderer ausnutzen, an diejenigen, die Todesrouten organisieren, Menschenhandel betreiben, Dokumente einbehalten, Arbeiter ausbeuten, Frauen bedrohen, Familien betrügen und das Leid anderer zum Geschäft machen. Hört auf damit. Bekehrt euch.“ Die Migranten forderte er auf, nicht in Parallelwelten zu leben, sondern sich in die Gesellschaften zu integrieren. Auch den zweiten Tag auf den Kanaren nutze Leo, um allen zu danken, die sich im Bereich Migration engagieren. Bei einem großen Gottesdienst in der Inselhauptstadt Santa Cruz griff er noch kurz das Tourismusthema auf und mahnte: “ Wie wichtig ist es gerade für den, der sich am Evangelium orientieren will, nicht alles auf Geschäft und Gewinn zu reduzieren!“

Papst Leo XIV. am Morgen beim Besuch einer Einrichtung für Geflüchtete auf Teneriffa. (Foto: Erbacher)

Keine Parallelwelten

Die Kulisse hätte schöner kaum sein können. Das Meer auf der einen Seite, der Vulkan Teide, der höchste Berg Spaniens, auf der anderen. In dieser Rahmung beendete Leo XIV. seine Spanienreise mit einem Gottesdienst, zu dem 40.000 Menschen in den Hafen von Santa Cruz gekommen waren. Zuvor hatte er eine Aufnahmestelle für Geflüchtete in einer ehemaligen Kaserne in La Laguna besucht. Dabei griff er das Thema der Liebe Gottes wieder auf, die unabhängig vom Herkunftsort keine Grenzen kenne und keine Unterschiede mache. Leo ließ sich die Unterkünfte zeigen, die aus großen Zelten bestehen. Anschließend traf er sich mit Vertretern verschiedener Sozial- und Integrationsdienste auf einem zentralen Platz in la Laguna. Dabei stellte er fest, dass „die Barrieren, die am schwersten einzureißen sind, nicht immer die aus Stein sind“. Manchmal seien sie auch im Blick, in den Ängsten oder in der Gleichgültigkeit.

Eindringlich warnte er vor Parallelwelten und betonte, Integration sei ein „wechselseitiger Prozess“. Wer aufnehme, lerne sein Zuhause zu erweitern. An die Migranten gerichtet mahnte er: „Euch, liebe Brüder und Schwestern Migranten, kommt auf diesem Weg eine vornehme und notwendige Aufgabe zu, nämlich die, euch vertrauensvoll der Gesellschaft zu öffnen, die euch aufnimmt, ihre Sprache zu lernen, ihre Gesetze zu respektieren, ihre Lebensgewohnheiten kennenzulernen, am gemeinsamen Leben teilzunehmen und eure Gaben dankbar einzubringen.“ Zugleich sprach er den Geflüchteten Mut zu. „Dein Leben ist kein Abfall, dein Leid nicht unsichtbar, deine Würde ist in den Wassern, die du durchquert hast, nicht verloren gegangen.“ Zur Integration gehöre auch, so Leo, den Menschen eine Möglichkeit zu bieten, „neu anzufangen, zu lernen, zu arbeiten, zu dienen, sich einzubringen und nicht für immer in der Opferrolle gefangen zu bleiben“.

Umfassenderer Blick auf Migration

Dann wandte sich Leo XIV. an die Schleuser und Menschenhändler in einer Form, wie das bisher kaum von einem Papst zu hören war. Er drohte ihnen förmlich mit dem Gericht Gottes. „Für jedes verlorene Leben, jede betrogene Familie, jeden unterdrückten Menschen, jede bedrohte Frau, jeden ausgebeuteten Arbeiter werdet ihr euch vor der göttlichen Gerechtigkeit verantworten müssen.“ Sie sollten diese Ketten brechen und diejenigen befreien, die sie unterdrückten. „Gebt zurück, was ihr entwendet habt, und leistet Wiedergutmachung, so gut ihr könnt“, forderte der Papst unter dem Beifall der rund 4.000 Menschen auf der Plaza del Cristo in der alten Inselhauptstadt La Laguna. Damit setzte Leo noch einmal ganz eigene Akzente beim Thema Migration. Das wurde gestern schon deutlich, als er sich den Herkunftsländern zuwandte. Heute dann denjenigen, die viel Geld mit dem Schicksal der Menschen verdienen. Franziskus wurde kritisiert, er fokussiere sich allein auf die Geflüchteten und Appelle an die Aufnahmeländer, weniger auf die Rahmenbedingungen. Das ist bei Leo anders. Auch wenn für ihn klar ist, dass jeder Geflüchtete menschenwürdig behandelt werden und Aufnahme finden muss.

Sieben Tage, drei Stationen mit je eigenen Akzenten: In Madrid dominierte Grundsätzliches zur Politik, in Barcelona die Kunst und auf den Kanaren die Migration. Wie bei Papstreisen meist üblich, wurde auch Leo überall mit großem Enthusiasmus empfangen. Bisweilen wirkte er überwältigt und emotional angefasst, vielleicht auch angesichts der großen Erwartungen, die viele Menschen in ihn setzen. Die sind mit dieser Reise sicher nicht weniger geworden. Interessant ist, dass sich in vielen Reden Zitate seiner Enzyklika finden. Die wird jetzt ins Konkrete hinein buchstabiert. Zur Migration gibt es in gut zwei Wochen einen weiteren Akzent. Am 4. Juli wird Leo Lampedusa besuchen und dort an die erste Reise seines Vorgängers Franziskus nach dessen Wahl 2013 erinnern. Leo reist also von einem Migrationshotspot zum nächsten. Sicher kein Zufall.

P.S. Über das Thema hat das ZDF in „heute in Europa“ am 11.6.2026 berichtet.

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Jürgen Erbacher

Seit August 2024 leite ich die ZDF-Redaktion "Religion und Leben", in der die Redaktion "Kirche und Leben katholisch", deren Leiter ich seit Juli 2018 war, aufgegangen ist. Für das ZDF arbeite ich seit 2005 und berichte über Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

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