Gaudí trifft Papst: Zuerst die Liebe, dann die Technik

Einheit, Frieden, Versöhnung – das sind die Themen, die sich durch die Reise von Papst Leo XIV. nach Spanien ziehen. Selbst die Einweihung des Christusturms der Sagrada Família in Barcelona nutzte er für eine scharfe Kritik am Krieg: „Wir können nicht an Jesus glauben und Krieg führen. Wir können nicht an Jesus glauben und Unschuldige töten. Wir können nicht an Jesus glauben und diejenigen im Stich lassen, die leiden, die weinen, die vor der Not fliehen.“ Am Mittag hatte er bei einem Besuch des Klosters Montserrat vor den Toren der Hauptstadt Kataloniens noch einmal zur Abrüstung bei Worten und Gesprächen gemahnt. Jesus weise den Weg der Barmherzigkeit, der Versöhnung, der Wahrheit und der Güte. „Gleichzeitig entlarvt er die Gewalt, die sich in unseren Worten und Haltungen verbergen kann: erniedrigende Kritik, zerstörerische Verurteilung und spaltende Aggressivität.“ Diese verborgene Gewalt tarne sich oft als eine Art Rüstung, mit der Menschen versuchten, ihre Wunden, Ängste oder das Leid zu verdecken, das ihnen durch Ungerechtigkeiten zugefügt wurde“. Bei einem Treffen mit Vertretern von Wohlfahrtsverbänden gab er einige persönliche Dinge preis.

Nach dem Gottesdienst segnete Papst Leo XIV. den Christusturm der Sagrada Família. Ihn schmückt ein Kreuz, das in Deutschland hergestellt wurde. (Foto Erbacher)

Gegen Krieg und Lästereien

Es war der Höhepunkt des Papstbesuchs in Barcelona: der Gottesdienst in der Basilika Sagrada Família mit der Weihe des Christusturms, des nun höchsten Kirchturms der Welt. 9.000 Menschen feierten mit Leo XIV. in und außerhalb der Kirche am Mittwochabend, dem 100. Todestags Anonti Gaudís, des Architekten und Ideengebers der Basilika. Auf dem Weg dorthin hatten nach offiziellen Angaben 120.000 Menschen die Straßen gesäumt, die das Papamobil passierte. Der Pontifex bezeichnete das Gotteshaus als ein „Zeichen der Einheit und Eintracht“. Er betonte, dass die Basilika weit mehr sei als nur ein Denkmal. „Sie ist bis heute ein Bauwerk im Entstehen, das uns daran erinnert, dass das christliche Leben stets ein Weg ist, denn es handelt sich um ein Projekt, das Gott verwirklicht.“ Die Kirche sei mit ihren Kunstwerken eine Art sprechende Katechese aus Stein, Licht und Farben. Er erinnerte an die Biblia pauperum der alten Kathedralen, in denen durch Kunst die Heilsgeschichte dargestellt wurde für die Menschen, die die Bibel nicht selbst lesen konnten. „In dieser [heutigen] Zeit der Bilder wird noch deutlicher, wie sehr Kunst und Schönheit herausragende Kanäle der Evangelisierung sind“, würdigte Leo die Basilika.

Was Worte bewirken können, beschäftigt Leo seit langer Zeit. Immer wieder forderte er eine Abrüstung der Worte. Dennoch war es heute etwas überraschend, dass er beim Rosenkranzgebet in der Abtei Montserrat das Thema für seine Predigt wählte. Letzten Endes war es ein Versuch zu erklären, was es bedeutet der Aufforderung Mariens zu folgen: „Was er euch sagt, das tut.“ Der Wille Jesu sei klar, so Leo, und zitierte aus dem Johannesevangelium: „Das trage ich euch auf, dass ihr einander liebt“. Was das für den Umgang miteinander bedeutet, erläuterte er am Beispiel der Worte, um zu dem Schluss zu kommen: „Bitten wir Maria, die Königin des Friedens, dass sie uns lehrt, von verletzenden Worten, voreiligen Urteilen, Lästereien und Verleumdungen abzusehen. Und dass wir lernen, die Liebe in der Familie, unter Freunden, am Arbeitsplatz, in den sozialen Netzwerken, in politischen Debatten und in christlichen Gemeinschaften zu bewahren und zu pflegen, damit der Hass der Hoffnung und dem Frieden weicht.“

WM und Papst als Berufswunsch

Beim Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern von Wohlfahrtsverbänden und Sozialeinrichtungen am Nachmittag wurde Leo XIV. persönlich – ohne allerdings allzu viel von Robert F. Prevost preiszugeben. Er mag lieber Tennis als Fußball. Mit Blick auf die morgen beginnende Fußballweltmeisterschaft stellte er fest, der Fußball erinnere daran, dass das Leben kein Wettlauf sei, um sich allein zu profilieren, sondern ein Weg, den die Menschen gemeinsam gehen lernten: „Mann kann zwar ein Star sein, aber wenn man den Ball nie abgibt, hindert man andere daran, ins Spiel zu kommen, und wird wahrscheinlich verlieren.“ Auf die Frage eines Jungen, ob er schon als Kind habe Papst werden wollen, verneinte er das. Weder als Kind noch als alter Mann habe er daran gedacht. Doch, wenn der Herr einen ruft, muss man ‚Ja‘ sagen“, erklärte Leo und fügte hinzu, dass er schon als Kind den Wunsch gespürt habe, „sein Leben Gott zu schenken“.

Und heute weihte er als Papst den höchsten Kirchturm der Welt ein. Mit seinen 172,50 Metern Höhe löst damit die Sagrada Família das Ulmer Münster ab. Bei der Feier am Abend merkte man Leo gegen Ende des Gottesdienstes die Mühen der Reise etwas an. Heute hatte er einen vollen Tag. Am Morgen besuchte er ein Gefängnis, dann das Rosenkranzgebet in der Abtei Montserrat, mit jeweils einer guten Stunde Hin- und Rückfahrt, am Mittag das Caritastreffen und dann noch um 20 Uhr der Gottesdienst in Gaudís-Basilika mit anschließender Turmsegnung. Immerhin wurde die kurz gehalten. Es gab keine Reden; ein Gebet des Papstes, Weihwasser und ein rund 10-minütiges musikalisches Programm begleitet von einer Lichtshow, die in einem kurzen Feuerwerk mit fulminanter Orgelbegleitung endete. Gaudí, mehrfach bei der Feier als Architekt Gottes betitelt, nickte, mit Drohnen in den Abendhimmel projiziert, am Ende freundlich auf die Festversammlung herab, gefolgt von einem seiner Zitate: „Zuerst die Liebe, dann die Technik.“ Das passt perfekt zur jüngst von Leo XIV. veröffentlichten Enzyklika.

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Jürgen Erbacher

Seit August 2024 leite ich die ZDF-Redaktion "Religion und Leben", in der die Redaktion "Kirche und Leben katholisch", deren Leiter ich seit Juli 2018 war, aufgegangen ist. Für das ZDF arbeite ich seit 2005 und berichte über Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

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