Papst: Die Menschenwürde kennt keine Grenzen

Leo vollendet, was Franziskus längst hatte machen wollen. Ein Besuch der Kanaren, um auf das Schicksal der Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Prevost beließ es bei seinem Besuch des Hafens von Arguineguín auf Gran Canaria am Morgen nicht bei einem Appell an die Solidarität zugunsten der Geflüchteten, scharf kritisierte er die heutigen „Ungeheuer der Meere“, sprich die Schleuser und Menschenhändler, und er nahm die Herkunftsländer in die Pflicht, politische Maßnahmen zu ergreifen, „die es jedem Mensch ermöglichen, in seiner Heimat in Würde zu leben“. Die Migranten warnte er vor denen, die ihnen ein „leichtes Paradies“ versprächen. Beim Gottesdienst am Abend dankte er den Canarios für ihren Einsatz für die Geflüchteten.

Totengedenken im Hafen von Arguineguín. (Foto: VATICAN MEDIA)

Beten und handeln

Es ist die dritte Etappe der einwöchigen Spanienreise von Papst Leo XIV.: der Besuch auf den Kanareninseln Gran Canaria und Teneriffa. Die beiden Tage am Donnerstag und Freitag stehen ganz im Zeichen der Migration. Wiederholt machte Leo deutlich, dass das Thema für ihn wie bei seinem Vorgänger oben auf der Agenda steht: „Die Kirche darf sich weder von diesen Gewässern abwenden noch von irgendeinem Ort, an dem Hunger, Durst, Gewalt, Angst oder Exil weiterhin die Menschenwürde verletzen.“ Dabei gehe es nicht darum, alles zu lösen, „sondern alles in Gottes Hände zu legen und dort präsent zu sein, wo Menschen leiden, wo die Mittel nicht ausreichen und es keine gemeinsame Sprache gibt, wo aber Gesten noch sprechen können“, erklärte der Pontifex. Erneut verband Leo Gebet und Nächstenliebe. Wer vor dem Altar knie, um Christus in der Eucharistie anzubeten, von dem der Antrieb zur Nächstenliebe ausgehe, dürfe später nicht „an den kleinen Booten und Beibooten ‚vorübergehen‘, denn aus dem Gebet entspringt der Dienst“.

Als Ungeheuer der Meere bezeichnete Leo „mafiöse Organisationen, die die mit der Verzweiflung der Menschen arbeiten, Menschenhändler, die Frauen und Kinder versklaven und die Gleichgültigkeit vieler, die zulassen, dass die Armen von Ausbeutung oder Vergessenheit verschlungen werden“. Das Drama der Migration sei auf vielen Ebenen eine Gewissensprüfung, stellte Leo fest: für die Herkunftsländer, die Voraussetzungen schaffen müssten, damit Flucht nicht nötig wird, für die Transitländer mit Blick auf die Schleuser und Menschenhändler, für Europa, „das nicht die Menschenrechte proklamieren kann und sich dabei nicht daran gewöhnen darf, dass das Mittelmeer und der Atlantik zu Friedhöfen ohne Grabsteine werden“. Er forderte die internationale Gemeinschaft zu einer wirksamen Zusammenarbeit auf. Es müsse sichere und legale Fluchtrouten geben. „Die Menschenwürde hat keinen Reisepass und verliert ihren Wert beim Überqueren einer Grenze nicht“, stellte er fest. An die Migranten gerichtet, warnte das Kirchenoberhaupt: „Glaubt nicht denen, die euch ein leichtes Paradies versprechen im Tausch für euren Körper oder Geld, euer Schweigen oder eure Freiheit. Diese falschen Versprechungen sind ‚Sirenengesänge‘, sie sind Gewerbe des Todes.“

Fokus auf Migration

„Zu lieben ist für den Menschen natürlich, ja, es ist die Voraussetzung für ein erfülltes Leben“, erklärte Leo am Abend beim Gottesdienst im Stadion von Gran Canaria. In der Liebe Gottes habe die Berufung des Menschen zur Liebe seine Wurzeln, führte er seinen Gedanken aus. Aber: „Um die wahre Freude im leben zu erfahren, die in der Liebe besteht, müssen wir von den Podesten der Arroganz, die uns voneinander trennt, herabsteigen, damit wir einander in der Demut begegnen, die uns zu Brüdern und Schwestern macht.“ Er betonte, dass die Nächstenliebe nicht nur Wohlfahrt sein dürfe, sondern die Menschen miteinbeziehen müsse, „damit sie sich geistig, intellektuell und körperlich voll entfalten und würdig konstruktiv in die Gesellschaft einbringen können“.

Die Begeisterung war groß an diesem Donnerstag. Noch nie hatte ein Papst die Kanarischen Inseln besucht. Allerdings ist das Programm etwas einseitig. Am Freitag auf Teneriffa wird der Papst wieder Migrations-Projekte besuchen. Dabei böte sich hier auch die Gelegenheit für andere herausfordernde Themen wie etwa der Massentourismus mit seinen ambivalenten Folgen für die Inselbewohner oder eine Reihe von sozialen Themen angesichts der Strukturwandels auf den Inseln. Neben den Bildern vom Gottesdienst in der Sagrada Família werden sicherlich die Bilder im Hafen von Arguineguín von der Reise in Erinnerung bleiben. Leo warf einen Blumenkranz in Erinnerung an die Toten in das Becken des Hafens, der von den Medien 2020 „Hafen der Schande“ getauft worden war. In einer Woche waren damals mehr als 3.000 Geflüchtete angekommen. Wegen der Pandemie durften sie nicht an Land und wurden von der Caritas über Boote versorgt. Leo verharrte Still im Gebet und segnete anschließend zwei Geflüchtete.

Autorenbild

Jürgen Erbacher

Seit August 2024 leite ich die ZDF-Redaktion "Religion und Leben", in der die Redaktion "Kirche und Leben katholisch", deren Leiter ich seit Juli 2018 war, aufgegangen ist. Für das ZDF arbeite ich seit 2005 und berichte über Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

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