Leo XIV. als Seelsorger
Einheit, Einheit, Einheit. Das war die Botschaft von Leo XIV. zum Beginn seines Aufenthalts in der Hauptstadt Kataloniens an diesem Dienstag. Am Morgen war der Papst von Madrid nach Barcelona aufgebrochen. Direkt nach seiner Ankunft kam er zum Mittagsgebet in die Kathedrale. Die Einwohner der Stadt und Kataloniens hätten „eine besondere Berufung und Verantwortung, mit Gottes Hilfe zu Baumeistern der Einheit zu werden“, erklärte Leo in seiner Predigt. Sowohl beim Mittagsgebet als auch am Abend bei einer Vigil im Olympiastadion sprach er immer wieder Katalanisch. Bei der Veranstaltung mit rund 40.000 Teilnehmenden knüpfte Leo an Gedanken vom Vorabend in Madrid an. In einer Fragerunde erklärte er, die Spuren Gottes müssten immer in der konkreten Wirklichkeit gesucht werden. Er antwortete auf die Frage eines Neugetauften, wie man in der heutigen Welt den Glauben leben könne. Interessant waren auch die Antworten des Papstes zu Fragen zu Depression und Gewalt in der Familie.
Einheit, nicht Polarisierung
Sechs Mal kam das Wort Einheit in der kurzen Predigt von Papst Leo XIV. am Mittag in der Kathedrale von Barcelona vor. Der hatte damals den gastfreundlichen Geist der Einwohner Kataloniens gewürdigt. In dessen Worten, so Leo heute, spiegelten sich „die Gesichter so vieler Brüder und Schwestern wider, die sich hier bei euch jenseits aller Polarisierung für Harmonie und Gemeinschaftsbildung eingesetzt haben“. Wenn Christen alle Glieder eines Leibes seien, erinnere dass daran, „dass die Zusammenarbeit für uns keine Frage des ‚Stils‘ ist, sondern eine innere Notwendigkeit, die auf der Gnade gründet“. Wenig später stellte er fest, man dürfe nicht zulassen, „dass die Einheit zerstört wird, in der Gott uns geschaffen hat“. Um dann nach dem Zitat seines Ordensvaters Augustinus – „Wir gehorchen demselben Herrn […], wir streben nach derselben Liebe und leben dieselbe Einheit“ – zum Grande Finale zu kommen mit der Feststellung: „In diesem Geist wollen auch wir in einer von Kriegen und Spaltungen zerrissenen Welt, in einer zunehmend fragmentierten und individualistischen Gesellschaft ‚Märtyrer‘ sein, das heißt, Zeugen und Propheten der Einheit, der Aufnahme, der Eintracht und des Friedens, selbst wenn dies Opfer und Verzicht erfordert.“
Der Papst lies offen, welchen Kontext er mit dieser eindringlichen Aufforderung zur Einheit meinte. Ging es um binnenkirchliche Fragen oder um die politische Debatte einer stärkeren Autonomie oder Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien. Spanische Kollegen kamen zu der Überzeugung, Leo habe das bewusst so offen formuliert. Das Kirchenoberhaupt wird sich auch hüten, sich direkt in die konkreten politischen Debatten einzumischen. Dieser eindringliche Ruf nach Einheit und dem Abschwören von Polarisierung passt allerdings sehr gut zu anderen Reden, die wir bereits auf der Reise gehört haben, und in das gesamte bisherige Wirken dieses Papstes. Er will Brückenbauer sein. Konkreter kann er dann auch nicht werden.
Kritik am Leistungsdruck
Sehr persönlich wurde es bei der Vigil am Abend. Eine junge Frau sprach über ihre Depression und dem Versuch, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie wollte vom Papst wissen, wie man Gott finden könne, wenn die Dunkelheit total sei, wenn nichts mehr einen Wert zu haben scheine, nicht einmal man selbst? Es sei wichtig, sich bewusst zu machen, wie die mentale Gesundheit in Gesellschaften, die sich als fortschrittlich betrachteten, zunehmend bedroht sei, mahnte der Papst. „Das ist ein Zeichen dafür, dass etwas grundlegend nicht stimmt mit einer bestimmten Vorstellung von Wachstum, die den Menschen einem Druck, Erwartungen und Spannungen aussetzt, die sein inneres Gleichgewicht grundlegend beeinträchtigen.“
Es brauche ein Gesundheitssystem, dass Depression zu einer seiner Prioritäten mache. Wichtig sei zudem, dass betroffene Menschen Begleitung hätten. Leo warnte davor, Schmerz zu spiritualisieren „und ihn oberflächlich auf den ‚Willen Gottes‘ oder einen seiner geheimnisvollen Pläne zurückführen, denn damit laufen wir Gefahr, dieses Leiden zu verharmlosen, es zum Schweigen zu bringen und die Menschen zu verletzen“. Gott wolle das Leid nicht. Er trage es mit den Menschen und lade dazu ein, auf ihn zu vertrauen.
Problem der Gewalt in Familien
Eine junge Frau berichtete, wie der Vater versuchte, seine Mutter zu töten, dabei einen anderen Menschen verletzte. Der Vater kam ins Gefängnis, die Mutter rutschte in die Welt der Drogen ab. Die junge Frau fand später zum Glauben und fragte sich, wo Gott in dieser Phase gewesen sei, als ihre Familie zerbrach. Und wie sie ihrem Vater vergeben könne? Viele Polizeiberichte spiegelten heute ein vergiftetes Klima in Familien wider, das geprägt sei von Missbrauch, Unterdrückung und insbesondere Gewalt gegen Frauen, die oft auch in Femiziden endeten, konstatierte Leo. „Wir alle sind gefordert, uns dieser dramatischen Realität zu stellen, persönlich wie auch als Gesellschaft, denn wir müssen sie in all ihren Dimensionen angehen.“
Mit Blick auf Gott dürfe man sich nicht vorstellen, dass er von oben automatisch auf unsere Bedürfnisse reagiere oder auf wundersame Weise verhindere, dass Böses geschehe. „Wenn es Gewalt gibt, wenn der Egoismus triumphiert, wenn sogar die Liebe unter Familienmitgliedern in Hass umschlägt, müssen wir uns Fragen stellen – über uns selbst, über die Dynamiken unserer Gesellschaft, über die Kultur des Individualismus, über die Versuchung zur Gewalt, und nicht über Gott.“ Gott habe den Menschen mit Verstand und Willen ausgestattet, er habe seinen Geist geschenkt, „gerade damit die Liebe der Schlüssel zu all unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ist“.
Vergebung ist schwierig
Mit Blick auf die Vergebung stellte der Papst fest, dass dies ein langer Prozess sei, der viel Geduld fordere und oft Begleitung brauche. Man dürfe nicht glauben, „dass Vergebung immer und in jedem Fall bedeutet, zur vorherigen Situation zurückzukehren oder wieder eine ungetrübte Beziehung mit demjenigen zu leben, der uns verletzt hat – besonders wenn die Tat mit Gewalt verbunden war“. Man könne versuchen, jede Form von Hass und Rache abzulehnen, sich bemühen, die Beziehung so gut wie möglich wiederherzustellen. Doch der Papst gab klar zu verstehen, dass das ein schwieriger Weg ist.
Vielleicht sind es gerade diese Grautöne, die Leo für viele Menschen nahbar machen. Auch Franziskus‘ Handeln und denken war bereits davon geprägt. Die Wirklichkeit steht über der Idee, war eines der Prinzipien aus Franziskus‘ programmatischer Schrift Evangelii gaudium, das Leo zu Beginn seines Spanienbesuchs zitierte. Am Dienstagabend konnte man einen Seelsorge-Papst erleben. Auch wenn es etwas seltsam anmutete, dass er die Antworten auf die existenziellen Fragen der jungen Menschen von seinem Blatt ablas.

