Papst: Unsere Zeit schreit nach Frieden

Mit einem eindringlichen Appell für Frieden und Versöhnung hat Papst Leo XIV. heute seine vierte Auslandsreise gestartet. Eine Woche lang besucht er Spanien mit Stationen in Madrid, Barcelona, Gran Canaria und Teneriffa. In den ersten Reden fiel auf, dass Leo vor Vereinfachung warnte. „Die Vielschichtigkeit schätzen und ergründen, lernen, sie nicht zu leugnen und sie als Segen anzunehmen, jenen identitären Ansätzen entfliehen, die alles zu erklären scheinen, aber die Welt mit Gespenstern und Feinden bevölkern: Darin besteht die Aufgabe derer, die eine große Geschichte hinter sich haben“, erklärte Leo beim Treffen mit Vertretern aus Politik, Zivilgesellschaft und diplomatischem Korps im Königspalast in Madrid am Morgen. Am Abend griff er das Thema noch einmal auf bei einem Besuch in einem Caritas-Zentrum. Der Kampf des Papstes gegen Populismus. Am Abend bei der Jugendvigil taute der 70-jährige Pontifex dann so richtig auf.

Freundlicher Empfang des Papstes am Morgen durch die spanische Königsfamilie. (Foto: Erbacher)

Small Talk mit dem Papst

Entspannt fing der Tag an mit einem ausführlichen Small Talk mit den knapp 80 mitreisenden Journalisten am Morgen auf dem Weg von Rom nach Madrid. Enthusiastisch und emotional endete er am Abend mit einer Jugendvigil auf der zentralen Plaza di Lima im Herzen der spanischen Hauptstadt. Bei der Begegnung mit den Journalisten ließ Leo XIV. kaum ein aktuelles Thema aus. Obwohl der Vatikanpressesprecher vorher eigens durch die Reihen ging und erklärte, die Zeit sei knapp, es handle sich um einen persönlichen Gruß. Russlands Präsidenten Putin forderte Leo zum Dialog im Ukrainekrieg auf. „Man sollte zu Verhandlungen zurückkehren und Druck ausüben, damit Gewalt und Krieg enden und eine Lösung gefunden wird“. Er zeigte sich besorgt, da die Lage immer schlimmer werde. Zum Thema „gerechter Krieg“, mit dem US-Vize-Präsident J.D. Vance wiederholt beim Irankrieg argumentiert, erklärte Leo, dass dies kein „gerechter Krieg“ sei. „Das Problem ist, dass die Theorie des ‚gerechten Kriegs‘ Jahrhunderte zurückliegt. Sie hat die Waffen und die Zerstörungskraft, die der Mensch heute besitzt, nicht einmal vorausgeahnt“, begründete Leo seine Position. Diese Woche wurde bekannt, dass er beim Konsistorium Ende des Monats mit den Kardinälen dazu beraten will.

Leo war aber auch zu Scherzen aufgelegt. Auf die WM angesprochen erklärte er, dass er selbstverständlich für die USA sei und fügte schmunzelnd hinzu: „Ich bin mir aber nicht sicher, wie viele Spiele ich sehen werde.“ Bei der Frage, ob er für Barca oder Real Madrid sei, erklärte er, der Papst sei für alle Mannschaften, aber Robert Prevost sei für Real. Angesprochen auf die Konkurrenz während seines Besuch, den puerto-ricanischen Superstar Bad Bunny, der in Madrid gerade zwei Konzerte gibt, meinte Leo: Wenn man die Jugendlichen vor die Wahl stellt, wollt ihr Bad Bunny sehen oder wollt ihr zum Papst gehen?, dann werden sich wohl viele für Bad Bunny entscheiden. Aber ich glaube, es werden auch ein paar hier sein, die den Papst sehen wollen. Und das sagt doch schon einiges.“

Anerkennung von Komplexität

Bei seinem ersten Termin in Spanien würdigte der Papst am Morgen im Königspalast die Treue Spaniens zum Völkerrecht und zum Multilateralismus. Eigentlich selbstverständlich für einen demokratischen Staat, doch in den schwierigen Zeiten, die die Welt gerade durchlebt, scheint es eine eigene Erwähnung wert zu sein. Dann kam Leo auf den Populismus zu sprechen. „Ich lade Sie alle ein, aus Liebe zur Wahrheit die spaltenden und polarisierenden Darstellungen Ihrer gesellschaftlichen Realität und ihrer Geschichte hinter sich zu lassen, um von fruchtlosen Vereinfachungen zu einer fruchtbaren Anerkennung ihrer Komplexität zu gelangen. Ich sehe hier eine besondere Berufung für Europa.“ Er rief dazu auf: „Entscheiden wir uns für Klarheit, die erleuchtet, und Freimut, der Wege eröffnet. Wir heißen weder naiven Enthusiasmus gut, noch schüren wir sterile Ängste. Zeigen wir vielmehr Kriterien für die Unterscheidung auf – wie etwa die Würde der Person, die allgemeine Bestimmung der Güter, die Option für die Armen, die Sorge für unser gemeinsames Haus, Frieden – und setzen wir diese in die Praxis um.“

Beim Besuch eines Caritas-Zentrums erklärte er am frühen Abend, „hier sind die Freude und der Schmerz eines jeden die Freude und der Schmerz aller, und indem wir einander zuhören, stellen wir uns gemeinsam den Herausforderungen, ohne die Komplexität der Situationen zu ignorieren oder die Anforderungen von Nächstenliebe und Gerechtigkeit zu vergessen“. Der Termin in einem Außenbezirk der spanischen Hauptstadt war einerseits intim; nur rund 300 Menschen, die in verschiedenen Caritas-Einrichtungen des Erzbistums Madrid Aufnahme gefunden haben, waren anwesend. Zugleich wurde einmal mehr ein großer Unterschied zwischen Leo und seinem Vorgänger deutlich. Die Menschen, die Zeugnis ablegten von ihrem Leben etwa als Migrant oder als alleinerziehende Mutter begrüßte Leo freundlich; der Typ für eine herzliche Umarmung, wie das bei Franziskus üblich war, ist er nicht.

Papst lässt sich mitreißen und reißt mit

Die rund 600.000 Teilnehmenden der Vigil im Herzen Madrids am Samstagabend konnten dann aber eine ungewöhnliche, neue Seite von des Papstes kennenlernen. Leo fügte spontan einige kurze Passagen in seine vorbereiteten Antworten ein, gratulierte allen Paaren, die sich für die Ehe entscheiden, weil einer der jungen Erwachsenen, die dem Papst Fragen stellten, jüngst heiratete. Immer wieder verlieh er wichtigen Passagen seiner Antworten mit lauter Stimme Nachdruck und suchte die Zustimmung der jungen Menschen durch Applaus. Er wurde persönlich, erzählte über seine Vorbilder, drei Heilige, die ihn auf seinem Weg begleiteten. Johannes Chrysostomos beeindruckte ihn durch seine „großartigen Katechesen“ und seinen Mut, „vor dem Kaiser zu sprechen und stets die Wahrheit zu sagen. Bei dem Augustiner Thomas von Villanova war es für Prevost die glühende Nächstenliebe, die ihn in Zeiten der Prüfung ermutigt habe. Bei Toribio de Mogrovejo, einem spanischen Missionar in Peru, sie es der Einsatz für die Menschen, vor allem die Ärmsten, gewesen. Leo forderte die jungen Menschen auf, Vorbilder zu suchen für ein gutes Leben.

Am Ende formulierte er einen sehr konkreten Auftrag: „Seid Menschen! Ja, seid Menschen! Männer und Frauen aus Fleisch und Blut. Nicht Fassaden, sondern vertrauenswürdige Gesichter. Menschen, die nach Gerechtigkeit streben, weil sie danach hungern wie nach dem täglichen Brot. Menschen, die ein ehrliches und aufrichtiges Leben führen wollen, weil sie anderen gerne das tun, was sie sich von anderen wünschen.“ Als Vorbilder nannte Leo die ersten Christen. die in einem heidnischen Umfeld lebten. „Folgt ihrem Beispiel und seid Missionare des Evangeliums angesichts der materiellen und geistigen Armut unserer Zeit, in dem vollen Bewusstsein, dass unser Glaube eine Lebensweise ist, die sich in der Liebe verwirklicht.“

Hürden kommen noch

Die vierte Auslandsreise von Leo XIV. startete mit klaren politischen Botschaften und einem großen Glaubensfest am Abend. Obwohl in Spanien nur noch knapp über die Hälfte der Menschen sich zum katholischen Glauben bekennen und mehr als 40 Prozent sich keiner Religion zugehörig fühlen, wirkt es am ersten Tag wie ein Heimspiel für den Papst. Doch die Hürden kommen noch, etwa bei der Frage, wie Leo mit dem Thema Missbrauch umgehen wird. Hier kündigte der Vatikan am Freitagabend wenige Stunden vor Abflug an, dass es eine Begegnung mit Betroffenen geben werde. Doch wann und wo diese stattfinden wird, ist bisher offen; auch ist unklar, ob Leo sich zu dem Thema äußern wird. Das gilt auch für das Thema Kolonialismus und die Rolle der Kirche in dieser Zeit.

P.S. Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress am 06.06.2026 um 15:10 Uhr.
P.P.S. Fotos vom ersten Tag folgen am Sonntag.

 

Autorenbild

Jürgen Erbacher

Seit August 2024 leite ich die ZDF-Redaktion "Religion und Leben", in der die Redaktion "Kirche und Leben katholisch", deren Leiter ich seit Juli 2018 war, aufgegangen ist. Für das ZDF arbeite ich seit 2005 und berichte über Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

Verfassen Sie einen Kommentar

Alle Kommentare werden vor der Veröffentlichung von uns geprüft. Kommentare, die Verlinkungen enthalten, werden nicht veröffentlicht. Hinweise zum Datenschutz