Der Papst in Südostasien – Tag 5

Die Korruption war auch am 2. Tag des Besuchs von Papst Franziskus in Madagaskar Thema. Beim Gottesdienst am Morgen kritisierte er Günstlingswirtschaft und Klientelismus. Die christliche Bruderliebe beziehe sich nicht nur auf die eigene Familie. Wer glaube, „dass sich der Zugang zum Himmelreich allein auf die Bandes des Blutes beschränke“, liege falsch, betonte der Papst. Zugleich wandte er sich gegen jegliche Form der Instrumentalisierung von Religion. „Armut ist kein unabänderliches Schicksal“, war die Botschaft des Papstes beim Besuch eines Sozialprojekts für ehemalige Müllmenschen am Nachmittag. Bei der Begegnung mit Klerikern, Ordensleuten und Seminaristen am Abend würdigte er deren Einsatz „unter schwierigen Bedingungen“. Er warnte einmal mehr vor Aktionismus in der Pastoral und, wie schon in Mosambik, mahnte er die Seelsorger, eine Pastoral des Alltags zu praktizieren.

Franziskus wird überall mit Jubel empfangen; auch wenn er bisweilen eine unbequeme Botschaft hat. (Quelle: Erbacher)

Bruderliebe geht über Clan hinaus

Hunderttausende waren am Morgen zum großen Gottesdienst mit dem Papst vor den Toren der Hauptstadt Madagaskars, Antananarivo, gekommen. Franziskus wandelte in seiner Predigt auf dem schmalen Grat zwischen Wertschätzung der Familie und der Kritik an Vetternwirtschaft, wenn der Blick nicht über den eigenen Clan hinausgeht. „Wenn die ‚Verwandtschaft‘ zum entscheidenden und maßgeblichen Schlüssel all dessen wird, was richtig und gut ist, führt dies schließlich dazu, dass einige Verhaltensmuster gerechtfertigt oder sogar ‚für heilig erklärt‘ werden, die zur Kultur des Privilegs und des Exklusivismus führen.“ Christlich sei es aber, den anderen auch jenseits der familiären, kulturellen und sozialen Herkunft als Bruder zu sehen.

Der Pontifex warb auch bei den Madagassen für die „Kultur des Dialogs“. Er erteilte der Instrumentalisierung von Religion eine klare Absage, „um Akte der Gewalt, der Spaltung und sogar des Mordes, der Verbannung, des Terrorismus und der Ausgrenzung zu rechtfertigen“. Er kritisierte eine gleichgültige oder fatalistische Haltung von Christen angesichts der Armut vieler Menschen. „Wie viele Männer und Frauen, junge Menschen, Kinder leiden und entbehren alles! Dies gehört nicht zum Plan Gottes“, erklärte Franziskus.

Armut kein unabänderliches Schicksal

Diesen Gedanken griff er am Nachmittag bei seinem Besuch eines Sozialprojekts für ehemalige Müllarbeiter wieder auf. Die „Stadt der Freundschaft von Akamasoa“ wurde 1989 gegründet. Es ist ein Wohn- und Beschäftigungsprojekt für Menschen, die obdachlos sind oder auf den Mülldeponien der Hauptstadt arbeiteten. Heute leben rund 25.000 Menschen in den 27 Projektvierteln, die von der Initiative im ganzen Land gebaut wurden. Jeder bekommt eine konkrete Aufgabe, die Kinder haben Schulpflicht. 14.000 sind in den Schulen des Projekts eingeschrieben.

Der Erfolg von Akamasoa zeige, so der Papst, dass der Glaube Berge versetzen könne. Die Jugendlichen ermutigte er, sie sollten angesichts der unheilvollen Auswirkungen der Armut niemals aufgeben. Gegründet wurde Akamasoa, was so viel wie „gute Freunde“ heißt, von Pater Pedro Opeka, der von den Menschen in Madagaskar wie ein Heiliger verehrt wird. Franziskus kennt ihn aus Studienzeiten in Buenos Aires. Opeka ist in der argentinischen Hauptstadt geboren. Der Lazaristenpater kam 1960 erstmals nach Madagaskar. Das Projekt legte er streng nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe an. Unterstützung bekommt er unter anderem durch Privatinitiativen aus Deutschland und Österreich.

Papst trifft Arbeiter

Bei seinem anschließenden Besuch in einem Steinbruch  formulierte Franziskus in Form eines Gebets, was aus Sicht der Kirche für eine würdige Arbeit notwendig ist. Er forderte gerechte Arbeitsbedingungen, die auch die Gesundheit der Arbeiter berücksichtigen, „damit sie noch die Zärtlichkeit und die Fähigkeit besitzen, ihre Kinder zu streicheln und mit ihnen zu spielen“. Er mahnte einen angemessenen Lohn an, damit die Arbeiter ihren Familien ein menschenwürdiges Leben ermöglichen können. Den angemessenen Lohn forderte er explizit auch für Lehrer, damit diese sich ganz ihrer Arbeit widmen könnten. Er verurteilte Kinderarbeit und ermutigte die Arbeiter „gemeinsam ihre Rechte auf konstruktive Weise durchzusetzen“.

Dank an Priester und Ordensleute

Letzter offizieller Termin in Madagaskar war dann am frühen Abend das Treffen mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen. Franziskus dankte ihnen für ihr „Zeugnis und dafür, dass ihr dortbleibt [in den oft schwierigen Verhältnissen ohne Wasser, Strom, Straßen, Kommunikationsmittel] und die Berufung nicht zu einem ‚Sprungbrett für ein besseres Leben‘ machen wollt“. Wie schon in Mosambik warb er für eine Pastoral, die sich an den alltäglichen Sorgen der Menschen ausrichtet: ein Krankenbesuch, einem Kind Nahrung geben, einem Vater Arbeit besorgen. Interessant ist, dass Franziskus auch bei dieser Gelegenheit ausdrücklich soziale Aktivitäten mit einschließt. „Ein siegreicher Kampf [im Namen Jesu] ist auch die Bekämpfung der Unwissenheit durch Bildungsangebote […], einen Baum zu pflanzen oder einer Familie Zugang zum sauberen Wasser zu ermöglichen“.

Als Zeichen der „Niederlage des Bösen“ bezeichnete er das Engagement dafür, „dass tausende von Menschen ihre Gesundheit wiedererlangen“. Diese Worte des Papstes sind eine Absage an eine Kirche, die sich rein um seelsorgliche Dinge kümmert, um Katechese und Liturgie. Das ist Franziskus auch wichtig, aber der soziale Einsatz ist ebenfalls ein Dienst im Namen Jesu und gehört konstitutiv dazu. Das werden einmal mehr die Verantwortlichen in kirchlichen Hilfswerken mit Genugtuung hören, die sich in der Vergangenheit immer wieder vorwerfen lassen mussten, sie seien zu sozialen Hilfswerken verkommen. Franziskus geht es um die ganzheitliche Entwicklung des Menschen: Körper, Seele und Geist.

Sozialmoral statt Sexualmoral

Franziskus setzt seine eigene Agenda, auch bei dieser Afrikareise. Er bleibt seinem Grundsatz treu, dass er eine neue Balance der kirchlichen Aussagen möchte: nicht nur Sexualmoral, sondern ebenso viel Sozialmoral. Während Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Madagaskar 1989 noch die Bischöfe mit scharfen Worten aufforderte, gegen einen „Imperialismus der Empfängnisverhütung“ und gegen Abtreibungen anzukämpfen, verzichtete Franziskus komplett auf solche Aussagen und schwieg zur Sexualmoral. Dafür rückte er sozialethische Fragen zu Armut, Korruption und Ökologie in den Mittelpunkt seiner Ansprachen sowie in Mosambik die Versöhnung.

Die katholische Kirche kennt durchaus eine Fortentwicklung der Positionen durch Schweigen. Das könnte hier der Fall sein. Vielleicht gibt es etwas mehr Gewissheit nach der fliegenden Pressekonferenz. Denn angesichts des Bevölkerungswachstums in Afrika und den prekären Lebensverhältnissen stellen sich viele Kollegen die Frage, warum der Papst das Thema nicht offensiv angegangen ist und die kirchliche Position öffentlich korrigiert. Gut möglich, dass dazu eine Frage im Flugzeug kommt.

Wer eine solche öffentliche Revolution der kirchlichen Sexualmoral in diesem Moment von Papst Franziskus fordert, muss sich bewusst sein, dass damit der Richtungskampf innerhalb der katholischen Kirche noch schärfer würde und die Situation aus Sicht des Papstes außer Kontrolle geraten könnte.  Dennoch muss sich der Papst fragen lassen, warum er das Thema komplett ausklammert. Auf dem Rückflug von den Philippinen 2015 sprach er von der „verantwortlichen Elternschaft“. Damit wäre eine Spur gelegt, der er auch in offiziellen Reden folgen könnte. Er wird auf lange Sicht nicht darum herumkommen.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

2 Kommentare

  • Novalis
    09.09.2019, 8:57 Uhr.

    „Während Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Madagaskar 1989 noch die Bischöfe mit scharfen Worten aufforderte, gegen einen ‚Imperialismus der Empfängnisverhütung‘ und gegen Abtreibungen anzukämpfen, verzichtete Franziskus komplett auf solche Aussagen und schwieg zur Sexualmoral.“

    Eine Kirche, die Wasser predigt und in Gestalt ihrer Geistlichen Wein hektoliterweise säuft, sollte grundsätzlich vielleicht einmal ein vierzigjähriges Bußschweigen zum Thema Sexualmoral erwägen. Den bodenlosen Schmarrn, den Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger dazu gesagt haben, und der keinerlei Fundament in Schrift und Tradition hat (die selbstgemachte Tradition reicht ja bis maximal 1850), kann man getrost als menschenfeindlich und damit auch als widergöttlich abheften. Der Zeitpunkt wird kommen, an dem ein Papst sich dafür genau entschuldigen wird wie es schon für die Inquisiion oder die Kreuzzüge geschehen ist.

  • Carla Maltese
    11.09.2019, 23:55 Uhr.

    Zur Korruption:
    Die Großfamilie bringt da eine gewisse Anfälligkeit, denn wenn einer einen hohen Posten hat, kommt die ganze Bagasche und hält die Hand auf.
    Auch gibt es so eine Negativspirale: Wenn mangels Steuergeldern die unteren Staatsbediensteten, also die kleinen Ränge im Staatsdienst, sehr schlecht bezahlt werden, so schlecht daß sie von dem Einkommen kaum leben können, haben sie keine Wahl als zu kassieren wo sie können. Nur hören sie damit nicht automatisch auf wenn sie höher steigen und mehr Geld bekommen. Das ist dann schon so selbstverständlich geworden daß sie sich kein ehrliches Gebaren mehr vorstellen können.

    Ich stimme außerdem Franziskus zu, daß Kirche ohne sozialen Einsatz, ohne Hilfswerke, ohne entschiedenen Kampf für Menschenrechte und gegen alles was die Menschenwürde verletzt, sinnlos ist. Und zwar vollkommen.
    Zwar darf man das spirituelle auch nicht vernachlässigen, also die Gottesdienste, das Sprechen von Gott, die Sakramente und alles, aber es darf eben auch nicht ohne moralische Konsequenzen sein.
    Drin hinter schweren Kirchentüren über den barmherzigen Samariter philosophieren während es einem egal ist, ob draußen Kinder verhungern, von Bomben zerrissen werden, zwangsverheiratet werden usw., Äcker und Brunnen vergiftet werden, Wälder für kurzen Profit vernichtet werden, junge Frauen als Sexobjekt missbraucht werden, alte Leute Pfandflaschen sammeln, usw. usf., ist Müll. Die Kirche als reine Wellnessveranstaltung für Wohlhabende, das braucht es nicht.

    Und fanatisch sein in einerseits Jungfräulichkeitskult und andererseits ausufernder ehelicher Reproduktion, während einem das schon geborene Leben egal ist, das ist ganz sicher nicht Gottes Plan für die Menschheit.

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