Enzyklika zu KI, aber auch zur Kirche

Mit Spannung war die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. erwartet worden. Über ein Jahr dauerte es, bis das Lehrschreiben endlich veröffentlicht wurde. Zuletzt brauchte Papst Paul VI. so lange für seine Antrittsenzyklika. In einer ersten Version lag das Dokument bereits im vergangenen November vor; doch dann wurde es noch einmal einer gründlichen Überarbeitung unterzogen. In den rund 120 Seiten steckt viel drin. Dabei geht es nicht nur um KI, sondern auch um viele andere Themenfelder der katholischen Soziallehre und darüber hinaus finden sich viele Aussagen zu anderen kirchlichen Themenfeldern. So macht sich Leo XIV. noch einmal zentrale Gedanken des Abschlussdokuments des weltweiten Synodalen Prozesses zu eigen und fordert eine konsequente Anwendung der Grundprinzipien der Soziallehre im Innern der Kirche: „Die Soziallehre richtet sich nicht nur an die Gesellschaft: Sie ist auch eine Gewissenserforschung für die Kirche.“ Also wie steht es mit der Subsidiarität in der Kirche? Wie steht es mit Transparenz und Rechenschaftspflicht?

Die Neue Synodenaula im Vatikan am vergangenen Montag: Erstmals hat ein Papst an der Veröffentlichung seiner Enzyklika teilgenommen. (Foto: ddp)

„Gerechten Krieg“ überdenken

Der KI-Fokus der Enzyklika wurde bereits am Tag der Veröffentlichung in diesem Artikel bei ZDFheute behandelt. Deshalb liegt hier der Fokus auf anderen Themen. Es stecken eine ganze Reihe von Aufgaben für die Theologie in dem Lehrschreiben, die es nun zu entfalten gilt. Dazu gehören ekklesiologische Fragen, aber auch ethische Fragen wie etwa seine Forderung, dass es heute „– unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist – wichtiger denn je [ist], die Überwindung der Theorie des ‚gerechten Krieges‘ zu bekräftigen, die allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen“. Im jüngsten Streit mit der US-Regierung hatte Vize-Präsident J.D. Vance mit der langen Tradition der kirchlichen Rede vom „gerechten Krieg“ argumentiert. Leo antwortet noch einmal – höchstlehramtlich in seiner Enzyklika.

Es sind nur wenige Kapitel, aber die machen schon deutlich, dass sich Leo XIV. in der Tradition seines Vorgängers Franziskus sieht, wenn es um ekklesiologische Fragen geht. Am Ende des Kapitels über die „Grundlagen und Prinzipien der Soziallehre der Kirche“ wendet er in den Abschnitten 86 bis 89 die Vorgaben auf die eigene Institution an. „Das Gemeinwohl nimmt im kirchlichen Bereich eine synodale Gestalt an“, stellt Leo XIV. fest. Das wirke sich darauf aus, wie Entscheidungen getroffen und Verantwortung ausgeübt werde. „Das Schlussdokument der Synode nennt unter den für die missionarische Umgestaltung entscheidenden Praktiken eine Kultur der Transparenz, der Rechenschaft und der Bewertung.“

Rechenschaft für Amtsträger

Gerade an der Frage der Rechenschaft der geweihten Amtsträger hatte sich im Umfeld der Synodenversammlungen in Rom eine kontroverse Debatte entzündet. Kann ein Bischof zur Rechenschaft gezogen werden für sein Handeln? Manche sehen hier die sakramentale Dimension des Weiheamts in Gefahr, andere können beides gut miteinander vereinbaren. Der Papst geht hier nicht ins Detail. Die Kultur der Transparenz, der Rechenschaft und der Bewertung ist für ihn ein allgemein gültiges Prinzip für das Handeln der Kirche und schließt somit alle ein. „Es sind regelmäßige Formen der Bewertung der Amtsführung zu fördern, die nicht über Personen urteilen, sondern Lern- und Verbesserungsmittel sein sollen, die der Sendung dienen.“

Subsidiarität, angewendet auf das kirchliche Leben, dürfte eine stärkere Dezentralisierung zur Folge haben. „Die Subsidiarität [wird] zu einem Kriterium der Leitung und des pastoralen Lebens, welche die Verantwortung der Gläubigen und der kirchlichen Mittelstrukturen anerkennt und unterstützt, Charismen und Kompetenzen fördert und dabei jeden Paternalismus vermeidet, der die Freiheit des Evangeliums erstickt.“ Es gehe um eine Mitwirkung der Getauften an Entscheidungsprozessen über Gremien und zwar um eine „tatsächliche und nicht nur nominelle Mitwirkung“. Auch hier bezieht sich Leo auf das Schlussdokument des weltweiten Synodalen Prozesses, ohne weiter ins Detail zu gehen.

Betroffenen von Gewalt Gehör schenken

Solidarität sieht er im Teilen verwirklicht. „Gerechtigkeit bedeutet im Inneren der Kirche, die Beziehungen und Strukturen von jenen Verzerrungen zu befreien, die Ungleichheit, Undurchsichtigkeit und Machtmissbrauch hervorrufen.“ Ausdrücklich verweist Leo darauf, „dass den Opfern von geistlichem, wirtschaftlichem, institutionellem, sexuellem Missbrauch, von Machtmissbrauch und Missbrauch des Gewissens Gehör geschenkt wird“. In dieser Deutlichkeit wurde das in einem Dokument dieser Qualität bisher nicht gesagt. Leo XIV. hat sich, wie seine Vorgänger, bereits mehrfach mit Betroffenen sexualisierter Gewalt getroffen und als erster Papst auch mit Vertretern von Betroffenenorganisationen gesprochen.

Neben diesen eher ekklesiologischen Punkten, bieten die Ausführungen über die Zivilisation der Liebe im fünften Kapitel viele Anknüpfungspunkte für das Binnenleben der Kirche. Dazu gehört aus seiner Sicht die Entwaffnung der Worte: „Wir müssen daher alle eine Gewissenserforschung hinsichtlich der Worte, die wir verwenden, der Vorurteile, von denen sie durchdrungen sind, und der offenen oder versteckten Aggressivität, die in ihnen steckt, vornehmen.“ Wichtig sind für ihn auch die Pflege von Beziehungen. „Während die neuen wirtschaftlichen und technologischen Netzwerke Ausgrenzung, Isolation und Abhängigkeiten hervorrufen können, ist die von der Eucharistie genährte Kirche aufgerufen, einen anderen Maßstab sichtbar zu machen, indem sie Bindungen bewahrt, den Unsichtbaren wieder eine Stimme gibt und die Entwicklungen auf die Würde der Menschen ausrichtet.“ Dabei erinnert Leo immer wieder, dass die Begrenztheit zum menschlichen Leben dazugehört und alle Denkmodelle und alles Streben, einen perfekten Menschen schaffen zu wollen, letztlich unmenschlich sind.

Es steckt viel drin in der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. In den ersten Tagen gab es viel Lob vor allem für seine Forderungen, die KI strengen Regeln zu unterwerfen. Doch das Papier allein darauf zu fokussieren, greift zu kurz. Nach „Laudato si“ entstanden in Gemeinden Lesezirkel, die die Enzyklika von Franziskus 2015 im Detail studiert haben. Magnifica humanitas hätte auch das Potential dazu.

P.S. Das ZDF berichtete am 25.5.2025 in mehreren Sendungen, u.a. das heute journal um 21.45 Uhr

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Jürgen Erbacher

Seit August 2024 leite ich die ZDF-Redaktion "Religion und Leben", in der die Redaktion "Kirche und Leben katholisch", deren Leiter ich seit Juli 2018 war, aufgegangen ist. Für das ZDF arbeite ich seit 2005 und berichte über Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

13 Kommentare

  • prospero
    02.06.2026, 19:08 Uhr.

    Es wäre erfreulich wenn Papst Prevost mit dieser Enzyklika, die sich fraglos entscheidenden Fragen für Gesellschaft und Kirche widmet, einen konkreten Ausdruck seines Denkens und Tuns für den zukünftigen Weg gefunden hätte. Die Tatsache, dass der Text in einer ersten Fassung vorlag und schließlich in überarbeiteter Form veröffentlicht wurde, ist ein positives Zeichen seiner Bemühungen.

    Ja, es ist nicht zu übersehen, dass sich Leo immer wieder auf Franziskus bezieht. Dennoch bleibe ich nach wie vor skeptisch, ob diese Haltung tatsächlich seiner ureigensten Überzeugung entspricht und sich bei anderen Fragen weiter fortsetzt. Es ist anzunehmen, dass sich das am 27./28. Juni stattfindende außerordentliche Konsistorium neben anderen Themen mit der Enzyklika beschäftigen wird.

    Mit Sicherheit steht jedoch auch die jüngste Entwicklung bei den Piusbrüdern – die geplanten Bischofsweihen Anfang Juli – auf der Agenda. Es wurde schon indirekt seitens des „Dikasterium für die Glaubenslehre“ angekündigt, dass dieser Schritt zum wiederholten Mal entsprechende kirchenrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen wird. Solche möglichen Maßnahmen werden auch anderen sogenannten „rechtgläubigen Traditionalisten“ nicht gefallen: Ich erinnere mich, dass diese Kreise das Ergebnis der Papstwahl 2025 mit der Erwartung bejubelten „dass jetzt wieder einiges in Ordnung kommt“. Schaun mer mal…

    • SuNuraxi
      06.06.2026, 17:33 Uhr.

      Vielleicht wäre es schön langsam an der Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, dass Leo eben nicht Franziskus ist. Und dass er deshalb Manches von Franziskus übernimmt, Anderes wiederum nicht. Wieso haben Sie so ein Problem damit, zu akzeptieren, dass Leo eine eigenständige Persönlichkeit ist und kein Franziskus-Klon?
      Zum Thema Piusbrüder: Da steht vermutlich eher wenig auf der Agenda. Falls diese Bischöfe tatsächlich geweiht werden, werden die Betreffenden nicht exkommuniziert, sondern sie exkommunizieren sich selbst „ipso facto“. Allenfalls wird dann vorsichtshalber ein Schrieb geschickt mit der Mitteilung, dass sie sich selbst exkommuniziert haben, nur dass die nicht behaupten können, sie hätten das nicht gewusst. Sollten die Bischofsweihen nicht stattfinden, dann gibt es auch keinen Grund, etwas zu unternehmen.

      • prospero
        07.06.2026, 11:51 Uhr.

        @SuNuraxi
        Gegenfrage – warum haben Sie solche Probleme damit, dass ich meine Ansichten äußere. Ich darf Sie nochmals auf das Recht zur freien Meinungsäußerung verweisen. Wenn es Ihnen leichter fällt, nehmen Sie mich einfach als einen unbelehrbaren Zeitgenossen hin, aber unterlassen Sie es mir vorzuschreiben, was ich zu denken und zu meinen habe.

        • SuNuraxi
          08.06.2026, 15:44 Uhr.

          Wie Sie trefflich angemerkt haben: Ich habe eine Frage gestellt (und nicht Ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Frage gestellt). Eigentlich hätte ich mir eine Antwort auf diese Frage erwartet und keine Beschwerde.
          Folglich die Antwort auf Ihre Gegenfrage: Ich habe keine Probleme, sondern ich wollte eine Erklärung.

          • prospero
            08.06.2026, 17:07 Uhr.

            Hier meine Erklärung: Ich habe absolut keine Schwierigkeiten Leo und Franziskus zu trennen, ich erwarte mir auch keinen Klon. Wenn es Sie beruhigt – es gibt etwa eine Entwicklung, von der ich mir gewünscht hätte, dass sie unter Franziskus stattgefunden hätte – die Wiederbelebung der außerordentlichen Konsistorien.

            Meine Sorge geht jedoch in die Richtung, dass es bei Leo zu einem Nachlassen der Reformbereitschaft kommen könnte. Als ein Beispiel dafür scheint mir Paul VI (den ich grundsätzlich sehr schätze) zu gelten, der in der ersten Amtszeit der Dynamik des Konzils folgte, mit der Zeit jedoch immer passiver agierte.

            Ich hoffe, dass Papst Prevost in seinem Amt jetzt endlich Tritt gefasst hat – die Enzyklika scheint mir ein deutliches Zeichen dafür zu sein. So leid es mir tut, aber sein erstes Amtsjahr vermittelte nicht diesen Eindruck. Dagegen kam mir sehr oft der Gedanke an seinen Namensvetter Leo X (1513 -1521), der sagte: „Da Gott uns das Papsttum verliehen hat, so lasst es uns denn genießen“. Ich weiß, das ist jetzt sehr überspitzt formuliert, aber es war (und ist es in Teilen bis heute noch) meine ohne Frage subjektive aber nichtsdestoweniger ehrliche Überzeugung.

            • SuNuraxi
              08.06.2026, 18:32 Uhr.

              Dann habe ich noch eine Frage, oder sogar zwei(einhalb): Warum sind Ihnen Reformen innerhalb der katholischen Kirche überhaupt so furchtbar wichtig, dass Sie sogar in Sorge sind? Warum finden sie es gut, wenn die Kardinäle öfter zusammentreffen? OK, ich persönlich finde es erfreulich, aber warum ist es *Ihnen* nicht einfach egal?

              • prospero
                09.06.2026, 13:12 Uhr.

                Dazu gäbe es einiges zu sagen, was aber in diesen Rahmen nicht unbedingt passt – vor allem weil es auch eine „persönliche Note“ trägt. Generell finde ich es außerdem nicht gut – und da schließe ich mich Herrn Erbacher an – wenn man veranlasst werden soll, sich für seine Meinung/Einstellung/Haltung zu rechtfertigen.

  • Novalis
    06.06.2026, 12:01 Uhr.

    „Kann ein Bischof zur Rechenschaft gezogen werden für sein Handeln?“

    Natürlich, allerspätestens beim Jüngsten Gericht. Das ist elementar für christlichen Glauben.

    Herr Erbacher, seien Sie mir nicht bös, aber ist so ein Blog noch sinnvoll, wenn Sie a) nur noch ausgewählt und b) mit solcher Verzögerung schreiben? Dann gibt es doch niemanden mehr, der hier seine Meinung hinterlässt. Oder ist das gar gewünscht?
    Ganz ehrlich, ich halte das Ausweichen auf den Rundfunkvertrag für fadenscheinig, es gibt immer irgendeinen Bilderbericht über den Papst.

    • Jürgen Erbacher
      Jürgen Erbacher
      06.06.2026, 15:33 Uhr.

      Eine Enzyklika ist nicht nur am ersten Tag interessant. Auch die FAZ hat erst in dieser Woche das Thema „Gerechter Krieg“ aus der Enzyklika näher behandelt. Und zum zweiten Punkt: So oft gibt es keine Bildberichterstattung im ZDF. Und dann können wir keine Texte produzieren – etwa über die Ernennung der neuen Medienministerin. Da gäbe es viel zu sagen. Doch ohne Bewegtbild im ZDF zu diesem Thema gibt es auch keinen Text. Es reicht nicht aus, dass irgendetwas über den Papst kommt, um dann über ein anderes Thema zu schreiben. Es braucht den direkten Zusammenhang. So sind die Regeln.

      • SuNuraxi
        06.06.2026, 16:43 Uhr.

        Zumindest wäre es recht nett, wenn wenigstens die Kommentare zeitnah veröffentlicht würden, damit man noch rechtzeitig – vor Ablauf der Neuntagefrist – antworten kann. So, wie es jetzt gehandhabt wird, könnte einem womöglich der Gedanke kommen, dass eine Diskussion unter den Lesern unerwünscht ist.

        • Novalis
          07.06.2026, 0:40 Uhr.

          Den Gedanken, dass Diskussion unerwünscht ist, hab ich schon lang.

          • Jürgen Erbacher
            Jürgen Erbacher
            07.06.2026, 8:09 Uhr.

            Diskussion in der Sache ist immer erwünscht. Meist geht es aber darum, über andere Mitschreibende zu urteilen, ihnen zu erklären, was und wie sie offenbar denken. Das ist nicht erwünscht.

  • SuNuraxi
    10.06.2026, 17:19 Uhr.

    @Prospero, 09.06.2026, 13:12 Uhr
    Aber habe ich wenigstens Ihre Erlaubnis, mich zu wundern? Denn Sie haben sich ja selbst als orthodox bezeichnet. Und ich selber würde nie im Leben auf die Idee kommen, mir Reformen bei Orthodoxen, Altorientalen, Protestanten, Anglikanern oder welcher Konfession und Religion auch immer zu wünschen.
    (Ich konnte nicht unmittelbar unter Ihrem Posting antworten, weil aus irgend einem Grund dort der Antwort-Button fehlte.)

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