Der Papst im Irak – Frieden und Geschwisterlichkeit

Mit einem eindringlichen Appell zur „Brüderlichkeit aller Menschen“ hat Papst Franziskus am Freitag seinen Besuch im Irak begonnen. Er erteilte dem Missbrauch von Religion zur Legitimation von Gewalt eine klare Absage. Zugleich forderte er eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben unabhängig von Religion, Kultur und Volksgruppen. Gleich acht Mal kommt der Gedanke der Geschwisterlichkeit in der Rede vor Vertretern der Zivilgesellschaft, Politik und Diplomatischem Korps vor. Beim anschließenden Treffen mit Bischöfen, Klerus, Ordensleuten und Seminaristen waren es sechs Mal. Zusammen mit der Aussage, dass er als „Pilger des Friedens“ gekommen sei, macht deutlich, mit welcher Botschaft Franziskus ins Zweistromland gekommen ist, aller Kritik zum Trotz.

Nach 15 Monaten Pause ist Papst Franziskus erstmals wieder auf Reisen. (Quelle: Erbacher)

„Die Waffen sollen schweigen!“

Bis zuletzt wurde darüber spekuliert, ob der Besuch aufgrund der steigenden Corona-Zahlen im Land und der jüngsten Anschläge in Bagdad und Erbil abgesagt wird. Doch Franziskus wollte kommen. „Lang erwartet und ersehnt“ bezeichnete er den Besuch am Nachmittag zum Auftakt im Präsidentenpalast. Auf dem Flug von Rom nach Bagdad hatte er am Morgen gesagt, der Besuch sei „eine Plicht gegenüber einem seit vielen Jahren gemarterten Land“. Dort angekommen schlug Franziskus einen demütigen Ton an. Als „Büßer“ sei er gekommen und bitte um Vergebung „für so viel Zerstörung und Grausamkeit“. Er erinnerte ausdrücklich an das Schicksal der Jesiden, die „unschuldige Opfer sinnloser und unmenschlicher Barbarei“ geworden seien.

Zugleich unterstrich er mit einer Reihe von Imperativen, was er sich für das Land und Region wünscht: „Die Waffen sollen schweigen! […] Die Durchsetzung selbstsüchtiger Eigeninteressen, der von außen kommenden Interessen, die sich nicht um die lokale Bevölkerung kümmern, muss aufhören! Man lasse die Friedensstifter, die Gestalter des Friedens zu Wort kommen! Die Kleinen, die Armen, die einfachen Menschen, die in Frieden leben, arbeiten und beten wollen. Genug der Gewalt, des Extremismus, der Gruppenbildungen und der Intoleranz!“ Der Papst machte sich die Forderung vieler Protestgruppen zu Eigen, die seit Herbst 2019 im Land gegen Korruption und Machtmissbrauch demonstrieren. Er mahnte, beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft „die Beteiligung aller politischen, sozialen und religiösen Gruppen sicherzustellen“.

Präsident würdigt Christen

Und diese Gesellschaft muss nach Ansicht des Papstes von „geschwisterlicher Einheit, Solidarität und Eintracht“ geprägt sein. „Die religiöse, kulturelle und ethnische Vielfalt, die die irakische Gesellschaft seit Jahrtausenden prägt, [ist] eine wertvolle Ressource, die genutzt werden muss, und nicht ein Hindernis, das es zu beseitigen gilt“, stellte Franziskus fest. Die Basis für das „geschwisterliche Zusammenleben“ sieht er in der „tieferen Identität der Kinder des einen Gottes und Schöpfers“, die alle Menschen seien. Religion müsse „von ihrer Natur her im Dienst des Friedens und der Geschwisterlichkeit stehen“, betonte der Papst. Der Name Gottes könne nicht dazu benutzt werden, „um Mord, Exil, Terrorismus und Unterdrückung zu rechtfertigen.“ Staatspräsident Saleh würdigte Papst Franziskus in seiner Begrüßungsansprache. Die Anwesenheit des obersten Repräsentanten der katholischen Kirche erfülle die Iraker mit Stolz. Mit Blick auf die Christen stellte er fest, „der Nahe Osten ist ohne Christen nicht vorstellbar“. Den vertriebenen Christen müsse eine sichere Rückkehr ermöglicht werden.

Einen ersten Kontakt mit den Katholiken im Land gab es für den Papst beim Treffen mit den Bischöfen, Klerikern und Ordensleuten am späten Nachmittag. Dieses fand in der Kirche statt, in der 2010 bei einem Anschlag während eines Gottesdienstes 48 Menschen getötet wurden. „Ihr Tod erinnert uns nachdrücklich daran, dass Anstiftung zum Krieg, Haltungen des Hasses, Gewalt und Blutvergießen mit den religiösen Lehren unvereinbar sind“, erklärte Franziskus. Die Anwesenden forderte er auf, sich angesichts der schwierigen Situation im Land nicht vom „Virus der Mutlosigkeit“ anstecken zu lassen. Ausdrücklich dankte er denen, die ihre Arbeit hier verrichten. Dabei mahnte er erneut zum „Zeugnis geschwisterlicher Einheit“ innerhalb der Kirchen und zwischen den verschiedenen katholischen Kirchen. Die Bischöfe sollten keine Verwalter oder Manager sein, sondern „Väter“, die Priester und Ordensleute „Hirten, Diener des Volkes und nicht Staatsbeamte“.

Die Macht der Reisen

Er freue sich, dass er wieder reisen könne, sagte Franziskus am Morgen auf dem Flug nach Bagdad. Auch wenn hier im Irak keine Massen die Straßen säumen und es abgesehen von der Messe in Erbil am Sonntagnachmittag keine Großveranstaltung gibt, für den Irak als Land und die Christen hier bedeutet der Besuch viel. Dieser Bedeutung der Reisen ist sich Franziskus bewusst. Deshalb hat er vor der Pandemie ihre Zahl auch erhöht. Für 2020 waren eine ganze Reihe von Kurzbesuche geplant. Auch Deutschland stand auf der Liste. Die Pandemie zwang den Pontifex zu einer 15-monatigen Pause. Der Irak dürfte für den Vatikan auch eine Probe dafür sein, wie Papstreisen in der durch Corona veränderten Welt möglich sein können.

Am Abend warf Franziskus bereits einen Blick in die Zukunft auf den Samstag, der im Zeichen des Dialogs der Religionen steht. Er wolle beim Treffen mit religiösen Oberhäuptern in Ur deutlich machen, „dass die Religion der Sache des Friedens und der Einheit unter den Kindern Gottes dienen muss“. Vor dem gemeinsamen Gebet der Religionen trifft Franziskus einen der führenden schiitischen Geistlichen, Großajatollah Ali al-Sistani. Vor zwei Jahren unterzeichnete Franziskus mit dem sunnitischen Großimam Ahmad al-Tayyeb in Abu Dhabi das „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen“. Al-Tayyeb würdigte heute „die historische Reise meines Bruders @Pontifex in den Irak“. Sie sende „eine Botschaft von Frieden, Solidarität und Unterstützung für alle Iraker“. Franziskus versucht sich als Brückenbauer zwischen den Religionen. Das ist ein Ziel dieser Reise in schwierigen Zeiten.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

Ein Kommentar

  • Wanda
    07.03.2021, 14:51 Uhr.

    Er mahnte auch zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft ? Wo bitte, sind im Vatikan und der röm.-kath. Amtskirche selbst auch nur im Ansatz demokratische Werte und Prinzipien zu finden und verwirklicht ?

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