Papst verurteilt Korruption und Ausbeutung

Ein Pontifikat in einem Tag. So könnte man den Tag von Papst Franziskus heute in Prato und Florenz zusammenfassen. Scharf verurteilte er Korruption und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Arbeiterstadt Prato. In Florenz machte er einmal mehr deutlich, dass die Kirche sich reformieren müsse und er sich eine Kirche an der Seite der Armen wünscht, die sich weder in theologische Theorien versteigt, noch hinter Strukturen verschanzt oder logischen Gedankenspielen hingibt, dabei aber die Realität und die wahren Sorgen der Menschen vergisst. Die Priester rief er auf, dem Vorbild Don Camillos zu folgen. In dieser Figur vereine der Autor das Gebet und die Nähe zu den Menschen, so Franziskus. Beim 5. Nationalkongress der katholischen Kirche Italiens, dem eigentlichen Anlass des Besuchs in der Toskana, machte der Pontifex deutlich, dass er es nicht als seine Aufgabe sieht, konkrete Vorgaben für das kirchliche Leben in Italien zu machen. Vielmehr gebe er die Grundlinien vor etwa durch sein Schreiben Evangelii gaudium, die jetzt auf „synodale Art“ auf allen Ebenen konkretisiert werden sollten.

Begeisterter Empfang für Papst Franziskus am Morgen in Prato. (Quelle: ap)

Begeisterter Empfang für Papst Franziskus am Morgen in Prato. (Quelle: ap)

Papst fordert gerechte Arbeitsverhältnisse

Radikal evangelisch präsentierte sich Papst Franziskus heute bei seinem Ausflug in die Toskana. Aus dem Evangelium heraus begründete er seine politischen und sozialethischen Aussagen, radikal aus der Botschaft Jesu und dem Neuen Testament begründete er seine Reformimpulse für die Kirche. Den Auftakt machte am Morgen ein Treffen mit Arbeitern in Prato. Die Stadt ist das Zentrum der italienischen Textilindustrie. Rund 50.000 Chinesen leben in der 1,9-Millionen Metropole. Sie arbeiten in knapp 5.000 Betrieben unter zum größten Teil menschenunwürdigen Bedingungen. Das prangerte Papst Franziskus scharf an.

Er erinnerte an den Tod von fünf Männern und zwei Frauen, alle Chinesen, die vor zwei Jahren bei einem Feuer ums Leben kamen. Sie hätten in einer Ecke der Werkstatt gelebt. „Das ist eine Tragödie der Ausbeutung und der inhumanen Lebensbedingungen. Das ist keine Arbeit in Würde!“, so Franziskus unter dem Applaus der mehreren tausend vor der Kathedrale versammelten Menschen, unter denen viele Chinesen waren. Es gelte den „Krebs der Korruption“ zu bekämpfen sowie den „Krebs der Ausbeutung der Menschen“ und das „Gift der Illegalität“. Auf einem „Netzwerk von Lügen“ und „fehlender Transparenz“ könne man nichts Gutes aufbauen, so der Papst. Er forderte die Menschen auf, für Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten und dabei auch Risiken einzugehen: „Ohne Risiko gibt es auch keinen Glauben.“

Kirche muss sich reformieren

Beim Nationalkongress der katholischen Kirche in Italien griff Franziskus anschließend das bereits bekannte Bild der „verbeulten und schmutzigen Kirche“ auf, die ihm lieber sei, als eine in sich verschlossene Kirche. Er betonte, dass sich die Kirche immer reformieren müsse. Er warnte davor, dass die Probleme der Kirche nicht durch Weltflucht in Konservatismus oder Fundamentalismus gelöst werden könnten oder durch Wiedereinführung überkommener Formen, die nicht die Fähigkeit hätten, heute kulturprägend zu sein. Die christliche Lehre sei kein geschlossenes System ohne Zweifel und Fragen, sondern lebendig und vor allem entwicklungsfähig.

Was das konkret bedeutet, sagte er nicht, sondern forderte die Bischöfe, Priester und Laien auf, das auf die konkrete Situation in den Diözesen und Pfarreien herunterzubrechen – nicht ohne einige Leitplanken zu benennen: die Option für die Armen, die Warnung, das Antlitz Christi, das er als Angesicht der Barmherzigkeit bezeichnete, zu domestizieren, die Fähigkeit zu Dialog und zur Begegnung sowie das Dokument Evangelii gaudium. Dies alles solle in einer Haltung geschehen, die in den Problemen nicht Hindernisse, sondern Herausforderungen sieht.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

18 Kommentare

  • Suarez
    11.11.2015, 12:46 Uhr.

    O-Ton Papst: „Es bringt keinen Nutzen, angesichts der Übel oder Probleme der Kirche die Lösungen im Konservatismus oder Fundamentalismus zu suchen, in der Restauration von Verhalten und Formen, die nicht einmal mehr kulturelle Bedeutung haben.“
    Nach 35 Jahren permantem Bremsen von kirchlicher und theologischer Entwicklung, nach 35 Jahren permanentem Konservatismus (davon 8 Jahre purer Reaktion) ist das eine Erlösung! Gleichzeitig eine Kriegserklärung an alle Pfaffen in der Kurie und in den Diözesen, die bei einem alten Priesterbild, bei der unreformierten Messe, bei ihren Privilegien und Titeln bleiben wollen. Kein Christ kann ab dem 10.11.15 von sich sagen, dass er „konservativ“ sein. Das passte nie und jetzt erst recht nicht zusammen. DANKE PAPST FRANZISKUS!

  • Alberto Knox
    11.11.2015, 13:33 Uhr.

    einfach wunderbar, dieser papst: christsein und konservativismus passen nicht zusammen. eine absage an spitze, samt, purpur und sonstiges tuntiges gehabe wie unter b16. endlich wird mit diesem pontifikat gebrochen:

    „Davanti ai mali o ai problemi della Chiesa è inutile cercare soluzioni in conservatorismi e fondamentalismi, nella restaurazione di condotte e forme superate che neppure culturalmente hanno capacità di essere significative. La dottrina cristiana non è un sistema chiuso incapace di generare domande, dubbi, interrogativi, ma è viva, sa inquietare, sa animare. Ha volto non rigido, ha corpo che si muove e si sviluppa, ha carne tenera: la dottrina cristiana si chiama Gesù Cristo.“

    • Suarez
      12.11.2015, 15:17 Uhr.

      „eine absage an spitze, samt, purpur und sonstiges tuntiges gehabe wie unter b16.“

      Da habe ich echt lachen müssen, Herr Knox. Das ist köstlich ausgedrückt, vor allem mit dem tuntigen Gehabe bei Benedikt XVI. Sehr treffend!

      • Heilbründl
        15.11.2015, 13:26 Uhr.

        Eins muss man dazu feststellen, Kardinal Ratzinger steht die Farbe Schwarz überhaupt nicht, er sieht darin immer krank aus. Rot ist die passende Farbe für Papst Benedikt gewesen. Darum fand ich seine Kleidung auch immer hübsch und denke, gut dass ich schwarz nur bei einer Beerdigung trage muss, denn ich sehe in schwarz immer krank aus. Das hat etwas mit Farbenlehre zu tun. Papst Franziskus trägt gerne grün, rot würde ihm überhaupt nicht passen.

        • Wanda
          16.11.2015, 4:45 Uhr.

          Heilbründl 13:26
          – ach so, jetzt wird mir Vieles klar. Die Farbe Grün allerdings verband ich zumindest bei Menschen immer irgendwie mit Übelkeit…

  • silberdistel
    11.11.2015, 18:36 Uhr.

    Papst Franziskus, der Mann der Basics.
    Ganz in der Tradition unserer einfachen und bescheidenen Religionsstifter: Des ´Rufer´s in der Wüste´ Johannes der Täufer und des Sohnes eines Zimmermann´s, Jesus Christus.
    Einer der nicht angewiesen ist auf Titel wie Monsignore oder Exzellenz, auf Maßanzüge oder Fragebogenaktion – und der keineswegs „intellektuell limitiert“ ist.

  • konstantin
    11.11.2015, 19:47 Uhr.

    Das Vokabular von Papst Franziskus ist ohne Abstriche auf einen Teil unsere Kirche anwendbar.“Korruption, Netzwerk der Lüge, fehlende Transparenz…..Solange die KK fast jeden Tag selbst in den „Schlagzeilen“ der Welt wieder zu finden ist, und hier denke ich nicht an Nuzzi, bleiben das Worte eines immer hilfloseren Oberhauptes der KK, der ich grundsätzlich positiv gewogen bin.

    • Silvia
      12.11.2015, 13:10 Uhr.

      konstantin, wenn DIESER Papst hilflos sein soll, dann weiß ich auch nicht.

      Der läuft ja jetzt erst so langsam zu seiner Höchstform auf, krempelt die Soutanenärmel hoch und räumt auf, und zwar auf ALLEN Ebenen der Kirche.

      Ich schrieb es ja schon weiter unten: Rausschmeißen die ganze Bande und mit der Kirche und den ganz normalen Christen noch mal auf Anfang gehen wäre das Beste.

      Eine“Tempelreingung“ eben!

      • Konstantin
        14.11.2015, 21:37 Uhr.

        @Silvia
        Ich hoffe und bete, dass sie und alle die Papst Franziskus wohlgesonnen sind recht haben. Stichwort „Tempelreinigung.“

        MfG

  • Alberto Knox
    12.11.2015, 19:16 Uhr.

    und jetzt hat ratzinger rechte hand, bertone, den b16 nicht einmal auf dringendstes anraten von kardinal meißner (sic!) zugegeben, dass in die renovierung seiner wohnung stiftungsgelder eines krankenhauses geflossen sind: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/bertone-raumt-finanzspritze-von-kinderklinik-ein

    pfui teufel! das spricht bände über ratzingers personal und seine personalwahl.

  • Wanda
    13.11.2015, 2:28 Uhr.

    – vollkommen konform mit dem was meine Vorkommentatoren schreiben, jetzt müssen den eindringlichen Mahnungen Franziskus´ nur auch Taten folgen bzw. jene, die ihm nachgeordnet sind, dessen erklärte Absichten umsetzen. Und da eben liegt der Hase im Pfeffer wie die Erfahrung zeigt. In Abwandlung des russischen Sprichwortes: Russland ist gross aber der Zar ist weit – die Kirche ist gross aber Rom ist weit (weg)…
    – Beispiel: die Ordensleute (ein Männerclub) kritisieren Seehofer. Einfach nicht ernst zu nehmen: eine geschlossene Gesellschaft, die sich selbst jeder weltlichen Verpflichtung entzieht, mischt sich in die ausser Kontrolle geratene Flüchtlingspolitk. Wer als oberstes Gebot hat oder gar feierlich schwört, der (schnöden) Welt zu entsagen, mischt sich in das Tagesgeschehen. Recht bequem und ein ziemlicher, dazu noch arroganter Widerspruch…

    • Heilbründl
      15.11.2015, 13:34 Uhr.

      Den offenen Brief haben die Ordensschwestern Dr. Mirjam Schambeck sj und Dr. Katharina Ganz OSF initiiert und unterschrieben. Von den 45 Ordensoberen waren 32 Oberinnen/Äbtissinen und nur 12 Äbte. Also bitte den offenen Brief (auf der Seite der Süddeutschen Zeitung zu finden) erst lesen – dann wüsste man, dass es kein Männerclub war.
      Klar gibt es kontemplative Orden, aber häufig ist es doch so, dass gerade Ordensleute voll im Leben stehen, gerade in Afrika, Lateinamerika und Asien bei den Menschen sind, denen es nicht so gut gut und Dinge vom Leben wissen, die eine normale Familienfrau, wie ich, gar nicht mitbekommt. Ich denke nur an Mutter Theresa, Lea Ackermann und viele andere.

  • Loriot
    13.11.2015, 14:27 Uhr.

    Es ist wirklich hochinteressant! In den letzten Wochen verglich ich mal die Kommentare auf diesem Blog mit den Kommentaren auf anderen Seiten. Und mein Ergebnis lautet: egal ob progressiv oder konservativ, niemals dürfen Extremisten das Sagen haben. Ich lese hier, dass man Andersdenkenden mit dem Fegefeuer droht. Woran erinnert mich das? Ah ja, an katholisches.info. Ich lese hier, dass man die rechtmäßige Wahl eines Papstes bestreitet. Woran erinnert mich das? Ah ja, an katholisches.info. Ich lese hier, dass Konservative in der Kirche nichts zu suchen haben. Woran erinnert mich das? Ah ja, an katholisches.info. Man mag noch so sehr das Deckmäntelchen des Liberalismus zur Schau tragen, am Ende ist man keinen Deut besser, als diejenigen, die man meint zu bekämpfen. Gott bewahre uns vor Extremisten, egal ob von Links oder von Rechts, dann nämlich ist es mit der Freiheit vorbei, egal ob in der Kirche oder im Staat.

    • Alberto Knox
      14.11.2015, 22:14 Uhr.

      mit dem fegefeuer kann man niemanden drohen. da kommen letztlich (hoffentlich) alle rein. oder können sie sagen, dass sie so unbefleckt sind, dass sie sofort nach dem tod in den himmel kommen?

      • Silvia
        14.11.2015, 23:05 Uhr.

        Herr Knox, mit dem Fegefeuer sind Sie theologisch nicht mehr auf dem Laufenden.

        Von einem Neupriester weiß ich, dass man heute davon ausgeht, dass das Purgatorium im irdischen Leben statt findet (erscheint mir logisch) und nach dem Tod höchstens noch einen kurzen Augenblick dauert und dass die Hölle leer ist.

        Diese ganze Angstmacherei ist theologisch Schnee von gestern!

        • Alberto Knox
          15.11.2015, 23:27 Uhr.

          liebe silvia,

          auf dem neuesten stand? nein, dieser neupriester hat da aber was falsch verstanden. zweifelsfrei sind keine zeiträume, sondern zustände mit „himmel“, „hölle“ und „fegfeuer“ gemeint. aber das „fegfeuer“ ist kein zustand des irdischen lebens, sondern gleichsam (!) der reuemoment, ehe einem die gottesschau zuteil wird.
          ob die hölle leer ist, dazu kann man ehrlicherweise nichts sagen. aber ich hoffe darauf, dass gott mittel und möglichkeiten hat, seinen universellen heilswillen auch durchzusetzen. er ist ja schließlich gott.
          und: mit dem fegfeuer kann man nach wie vor nicht drohen. ich hoffe darauf!

          • Wanda
            17.11.2015, 2:09 Uhr.

            Alberto Knox 23:27
            – oha, mit seinem universellen Heilswillen, Mitteln und Möglichkeiten hat Gott aber ausgerechnet bei seinem Spitzengeschöpf (übrigens nach seinem Ebenbild) seit dessen Existenz keinen grossen Erfolg. Oder ist mir da etwas entgangen ?
            – Und was das Fegefeuer angeht, eine prächtige Geschäftsidee: konnte man doch gewisse, auch finanzielle Leistungen an die Kirche vorausgesetzt, die Schwitzdauer in dieser kath. Seelensauna vor Eingang in die ewige Seligkeit verkürzen.
            Dass diese Ablassmöglichkeit auch heute noch besteht, verwundert etwas. War sie doch einst Anlass für die Reformation…

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