Papst sorgt sich um Demokratie und Europa

Zum Auftakt seines Besuchs in Griechenland hat Papst Franziskus am Samstag vor Populismus gewarnt und „nationalistische Egoismen“ in Europa kritisiert. Nicht nur auf dem europäischen Kontinent sei „ein Rückschritt an Demokratie zu verzeichnen“, stellte das Kirchenoberhaupt nach seiner Ankunft in Athen bei einer Begegnung mit Vertretern aus Politik, Diplomatischem Korps und Zivilgesellschaft fest. Er warnte: „In einigen Gesellschaften, die sich um die Sicherheit sorgen und vom Konsumverhalten betäubt sind, führen Müdigkeit und Unzufriedenheit zu einer Art ‚Demokratieskepsis‘.“ Bei einer Begegnung mit Vertreter der Orthodoxie wiederholte Franziskus die Bitte um Vergebung „für die Fehler, die so viele Katholiken begangen haben“. Er warb für mehr Miteinander zwischen den Kirchen: „Fürchten wir uns also nicht voreinander, sondern helfen wir einander, Gott anzubeten und dem Nächsten zu dienen, ohne Proselytenmacherei zu betreiben und unter voller Achtung der Freiheit des anderen.“

Kein leichter Besuch für Papst Franziskus heute beim orthodoxen Erzbischof von Athen. (Quelle: VaticanMedia/dpa)

Nationalistische Egoismen zerreißen Europa

Griechenland gilt als „Wiege der Demokratie“. „Hier wurde dem Menschen bewusst, dass er ein ‚Zoon politikon‘, ein ‚soziales Lebewesen‘ ist, und dass er als Teil einer Gemeinschaft in den anderen nicht Untertanen, sondern Bürger zu erblicken hat, mit denen er die Polis gemeinsam gestalten konnte“, erklärte der Papst. Franziskus nutzte seinen Besuch in Athen, um einmal mehr den Europäern einen Spiegel vorzuhalten. „Die von nationalistischen Egoismen zerrissene Europäische Gemeinschaft wirkt zuweilen blockiert und unkoordiniert, anstatt eine treibende Kraft der Solidarität zu sein“, stellte er bei der Begegnung mit Politikern, Diplomaten und Vertretern der Zivilgesellschaft in Athen fest. Ideologische Gegensätze hätten den Brückenschlag zwischen Osten und Westen des Kontinents verhindert, die Flüchtlingsfrage habe Gräben zwischen Norden und Süden aufgerissen. Er forderte die Einhaltung der Menschenrechte für Geflüchtete und rief zu einer „umfassenden, gemeinschaftlichen Sichtweise auf das Thema Migration“ auf dem Kontinent auf.

Zur Diagnose der Demokratiemüdigkeit lieferte Franziskus zugleich einige Rezepte. Ursachen für die Skepsis gegenüber der Demokratie sieht er unter anderem in der Distanz der Institutionen, der Angst vor Identitätsverlust und Bürokratie. Allerdings könne man diesen nicht durch Populismus begegnen, sondern durch eine Politik, „die Kunst des Gemeinwohls ist“. Dazu sei ein „Wechsel der Gangart notwendig“. Während die virtuelle Kommunikation heute viele Ängste schüre und Theorien entwickelt würden, um sich gegeneinander zu stellen, müsse das Handeln „von der Parteinahme zur Partizipation“ übergehen. Es müsse um die Förderung aller gehen, auf allen Ebenen. Die Politik müsse die gemeinsamen Bedürfnisse über die privaten Interessen stellen. Es brauche ein aktive und konkrete Zusammenarbeit: „Die internationale Gemeinschaft benötigt diese, um durch einen Multilateralismus Wege zum Frieden zu eröffnen, der nicht durch überzogene nationalistische Ansprüche erstickt wird.“

Selbstkritische Töne bei Begegnung mit Orthodoxen

Wie schwierig das Miteinander der Konfessionen auch heute ist, konnte Franziskus beim Besuch des orthodoxen Erzbischofs Hieronymus II. an dessen Amtssitz in Athen erfahren. Ein Geistlicher beschimpfte den Papst als „Ketzer“, als dieser an der Residenz ankam. Sicherheitskräfte führten den Geistlichen ab. Franziskus erinnerte an die gemeinsamen Wurzeln der christlichen Kirchen, die sich später aber gespalten hätten. „Weltliche Gifte haben uns verunreinigt, das Unkraut des Misstrauens hat unsere Distanz vergrößert und wir haben aufgehört, die Gemeinschaft zu pflegen.“ Dabei bekannte das Kirchenoberhaupt selbstkritisch die eigene Schuld. „Zu unserer Schande – ich erkenne dies für die katholische Kirche an – haben Handlungen und Entscheidungen, die wenig oder gar nichts mit Jesus und dem Evangelium zu tun haben, sondern eher von Profit- und Machtstreben geprägt sind, die Gemeinschaft verkümmern lassen. So haben wir zugelassen, dass die Fruchtbarkeit durch Spaltungen beeinträchtigt wird.“ Er habe daher das Bedürfnis, „Gott und meine Brüder und Schwestern erneut um Vergebung zu bitten für die Fehler, die so viele Katholiken begangen haben“. Papst Johannes Paul II. hatte bei seinem Besuch in Griechenland vor 20 Jahren bereits um Vergebung gebeten für die Verbrechen von Katholiken an orthodoxen Christen. Franziskus würdigte das Engagement der orthodoxen Kirche in Griechenland für die Ökumene. Zugleich mahnte er, dass die Spaltung der Christen deren Zeugnis trübt. „Wie können wir der Welt die Eintracht des Evangeliums bezeugen, wenn wir Christen noch getrennt sind?“ Er ermutigte, in ethischen und sozialen Fragen stärker zusammenzuarbeiten. Für das katholische Kirchenoberhaupt ist das ein möglicher Weg, um im gemeinsamen Handeln Vorurteile abzubauen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Bei der Begegnung mit Vertretern des Klerus und Ordensleuten warnte Franziskus am Abend vor Triumphalismus. „Wir als Kirche brauchen keine Gesinnung der Eroberung und des Sieges, nicht die Pracht großer Zahlen und weltlichen Glanz. All das ist gefährlich.“ Eine Minderheit zu sein, und die Kirche sei überall auf der Welt eine Minderheit, bedeute nicht, unbedeutend zu sein, erklärte Franziskus, „sondern den vom Herrn eröffneten Weg zu gehen, den Weg der Kleinheit, der Kenosis, der Erniedrigung, des Entgegenkommens“. Der Apostel Paulus habe das bei seinem Wirken in Athen vorgelebt. „Sein Stil ist nicht aufdringlich, sondern konstruktiv.“ Franziskus sieht darin ein Vorbild für kirchliches Handeln: „Auch von uns wird heute die Haltung des Annehmens, der Stil der Gastfreundschaft, ein Herz, das von dem Wunsch beseelt ist, die menschlichen, kulturellen und religiösen Unterschiede miteinander zu vereinen, verlangt.“

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

7 Kommentare

  • ZufälligerGastleser
    04.12.2021, 20:32 Uhr.

    VaticanNews zitiert den Papst gelegentlich dieses Anlasses: „Ich möchte erneut zu einer umfassenden, gemeinschaftlichen Sichtweise auf das Thema der Migration aufrufen und dazu ermutigen, denen, die am meisten Not leiden, die Aufmerksamkeit zuzuwenden, damit sie entsprechend den Möglichkeiten jedes Landes unter voller Achtung ihrer Menschenrechte und ihrer Würde aufgenommen, geschützt, gefördert und integriert werden können“. „Die am meisten Not leiden“? Ein ärgerliches Wort, denn das sind bei weitem nicht die (Mehrzahl der) Migranten, die physisch und finanziell eine Fluchtroute bewältigen können (wiewohl es vielen, nicht allen (!), schlechter gehen mag als hier Schreibendem), sondern jene wirklich Vergessenen, denen sich keine (wenigst) mediale „Aufmerksamkeit“ zuwendet, die zurückgebliebenen Alten, Kranken, Ärmsten und Behinderten der Elendsgebiete dieser Welt, die nicht im entferntesten fähig sind zu „migrieren“. – Denen sich keine Aufmerksamkeit zuwendet; vielleicht weil sie den westlichen Arbeitsmärkten nicht als Billiglöhner zur Verfügung stehen werden? Die Rhetorik des Papstes, soweit hier und in den anderen Medien wiedergegeben, bedient – Kirche durchaus NGOisierend – ebenso oberflächlich, unterschiedslos und gefällig wie anscheinend (schein- ?) naiv die Themen Klima, Migration, Nationalismus- und Populismuskritik, die der linksliberale Mainstream täglich in der gleichen Weise im Konsens (sogar mit den Davos-Herren) zelebriert, um nicht zu sagen: normativ verordnet. – Soweit die Medien berichten, verschmilzt der Papst mit den “ zivilgesellschaftlichen“ Anliegen, garniert mit Armutsromantik. Was soll man mitnehmen? – Pardon Herr Erbacher, aber immer das gleiche: hier gute Migranten, dort böse Katholiken – hier gutgemeinte , übernationale (global-trallala) Demokratie, dort böse „Nationalisten“ und „Populisten“? Das schlimmste ist diese manichäische (gemeinsame Wurzeln?) Vereinfachung. Wenn im Subtext päpstlicher Verlautbarungen doch mal ahnbar wäre, daß „die“ (seine Schreiber) was von (wenigstens) „Postdemokratie“ oder “ progressivem Neoliberalismus“ (Nancy Fraser) und und gehört hätten. – Vielleicht hat der „beschimpfende“, eher zurufende und niedergerungene, übrigens greise Pope ja recht: Papa haereticus.

    • Erasmus
      06.12.2021, 1:44 Uhr.

      „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35)
      JESUS spricht hier Klartext und formuliert keine Klauseln. Mancher Christenmensch mag dies als Zumutung empfinden und sucht nach einer argumentativen Ausflucht, um sich des Gebotes der Nächstenliebe zu entledigen.
      Für „ZufälligerGastleser“ sind das ja gar nicht die wirklich Bedürftigen, die die Ressourcen aufgebracht haben, um bis an Europas Grenzen vorzudringen. Die Ärmsten der Armen wären doch „die zurückgebliebenen Alten, Kranken, Ärmsten und Behinderten der Elendsgebiete dieser Welt, die nicht im entferntesten fähig sind zu migrieren.“
      Spricht hier der egomanische Westeuropäer, für den Nächstenliebe und gelebte Solidarität keine Rolle spielen, weil er ja schließlich mit seinen Steuern unseren SOZIALSTAAT finanziert?
      Die PERSPEKTIVE DER meist jungen MIGRANTEN ist eine völlig andere. Auf ihnen ruht häufig die Hoffnung eines Familienverbandes, der alles Geld zusammenkratzt, um einen der ihren nach Europa zu schicken. Schafft es dieser in Lohn und Brot zu kommen, so transferiert er einen Großteil seines Einkommens nach Hause und sichert das Überleben seiner Herkunftsfamilie.
      In weiser Voraussicht, dass seine Argumentation nicht tragfähig sein könnte, greift „ZufälligerGastleser“ abschließend zum ultimativen Todschlagargument des PAPA HAERITICUS. Denn einem häretischen Papst muss man nicht nur keine Folge leisten, sondern man ist geradezu zum Widerstand gegen dessen irrlichternde Verkündigung herausgefordert.
      Also: Weist die durchsetzungsstarken Flüchtlingsdarsteller zurück, damit diese sich nicht der Ressourcen bemächtigen, die wir doch für die Ärmsten der Armen vorgesehen hatten.

  • Wanda
    06.12.2021, 0:57 Uhr.

    Der Chef einer völlig undemokratischen Institution sorgt sich um die Demokratie… Irgendwie absurd, merkt der Mann es eigentlich nicht ?

    • bernardo
      07.12.2021, 12:43 Uhr.

      Sie haben recht, Wanda. Es ist natürlich absurd, wenn der Chef einer Organisation, die „hierarchisch“ und eben nicht demokratisch ist (es nach eigenem Verständnis auch nicht sein kann), sich Sorgen um die Demokratie macht. Noch absurder wird es, wenn die einzige Gefahr für die Demokratie in den „Populisten“ und „Nationalisten“ gesehen wird, als wären diese nicht eine Antwort auf Fehlentwicklungen in diesen Demokratien, die durch ganz andere Kräfte bedroht werden, allen voran durch die Zusammenballung politischer, wirtschaftlicher und medialer Macht. Dass der Papst im Zusammenhang mit den „Flüchtlingslagern“ Stalin und Hitler nennt, zeigt nur, wie geschichtsvergessen dieser Mann ist. Man könnte ihm die Relativierung von Menschheitsvergessen vorwerfen. Ob er ein „papa haereticus“ ist, sollen andere beurteilen…

      Natürlich bedeutet das „ich war hungrig“ eine individuelle Nächstenliebe – und eben nicht eine institutionalisierte Fernstenliebe. Jedes Land hat das Recht, seine Grenzen zu schützen, auch mit Stacheldraht und Absperrungen. Die Bergpredigt war und ist keine Anweisung für das Handeln von Staatsmännern.

      Ein letzter Punkt, lieber Wanda: Diese Kirche interessiert nicht mehr. Der Bedeutungsverlust, auch in diesem Blog, ist mit Händen zu greifen. Man ärgert sich nicht einmal mehr (okay, ich schon, weil sie mir immer noch etwas bedeutet). Man hört den weißgekleideten Chef einer humanitären NGO über das Klima, über die Migranten und die bösen Rechtspopulisten reden und denkt, so könnten auch Guterres, von der Leyen oder irgendein NGO-Vorsitzender reden. Eigentlich ist es egal…

      • Wanda
        11.12.2021, 16:50 Uhr.

        Bernardo:
        – Natürlich sehe ich Vieles sehr weltlich, aber wenn ein Iraker im TV sich indigniert darüber äussert, dass er 40.000 Dollar (vierzigtausend) für das Komplettpaket an den Schleuser zahlen musste (Flug für sich und seine Frau sowie die 2 Kinder), dann frage ich mich schon, wer da zu uns kommt. Die andere Seite: ein junger Afghane meinte, der Westen hätte in seiner Heimat weiter gegen die Taliban kämpfen sollen. Eigentlich eine Zumutung: junge Soldaten aus dem gottlosen Westen sollen für ihn und in seinem Land die Demokratie erkämpfen und wenn das geschafft wäre, ginge er zurück ? Europa musste seine Freiheit auch unter sehr grossen Opfern selbst erkämpfen. Wer, wenn nicht die Bürger selbst ? Wieso sollte das diesen Völkern erspart bleiben ? Weglaufen ist keine Lösung, zumal diese Nationen dadurch ausbluten…

      • YaLob
        11.12.2021, 21:48 Uhr.

        Bei bernardos Zeilen muß ich an die Volksweisheit denken: HOCHMUT KOMMT VOR DEM FALL!
        Ich erkenne in Papst Franziskus nach einer langen, langen Zeit endlich mal wieder einen SEELSORGER auf Petris Stuhl. Er ist damit ein würdiger Nachfolger des hochverehrten JOHANNES XXIII und das ist gut so.

        Wissenschaftler und SCHRIFTGELEHRTE sind hier fehl am Platz.
        Auch Jesus brachte dies mehrmals deutlich zum Ausdruck.

        • Wanda
          13.12.2021, 15:53 Uhr.

          YaLob:
          – Sie sagen es selbst: …nach langer Zeit (und viel zu selten)… Dieser Franziskus ist als Papst fehl am Platze. Mit ihm geht die Talfahrt der Mutter Kirche ungebremst weiter.

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