Was sagt der Papst?

200 Seiten zusammenzufassen, wenn auch im kleinen vatikanischen Format, ist nicht einfach. Daher hier der Versuch eines Überblicks. Sicher werden bestimmte Aspekte fehlen. Dazu gibt es die Kapitelangaben jeweils in Klammer. Die deutsche Übersetzung der Enzyklika Laudato Si gibt es auf der Internetseite des Vatikans. Zur Einordnung des Papiers verweise ich auf den Artikel bei heute.de sowie den eigenen einordnenden Artikel hier im Papstgeflüster. Die Einordnung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, gibt es ab 13:00 Uhr auf der Internetseite der Deutschen Bischofskonferenz.

Einführung und Einordnung

Schwester Erde schreit auf, so Papst Franziskus. Er spricht vom „unverantwortlichen Gebrauch und Missbrauch der Güter“. Der Mensch benehme sich wie ein Herrscher und Eigentümer, der die Welt „ausplündert“, kritisiert der Pontifex. (2) Er betont, dass er angesichts der weltweiten Umweltschäden mit allen Menschen ins Gespräch kommen wolle. (3) Franziskus stellt sich in die Tradition der letzten Päpste. Angefangen von Papst Paul VI., der 1970 von der Möglichkeit einer „ökologischen Katastrophe als Konsequenz der Auswirkungen der Industriegesellschaft“ gesprochen hatte über Johannes Paul II. bis hin zu Benedikt XVI. Vor allem seine beiden direkten Vorgänger zitiert Franziskus in seiner Ökologie-Enzyklika ausführlich. Er zeigt damit, die Gedanken sind nicht neu. Allein die Zeit zum Handeln wird immer knapper. Mit Benedikt XVI. fordert er, „die strukturellen Ursachen der Fehlfunktionen der Weltwirtschaft zu beseitigen und die Wachstumsmodelle zu korrigieren“. (6)

Franziskus greift den Gedanken des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I. auf, „vom Konsum zum Opfer, von der Habgier zur Freigiebigkeit, von der Verschwendung zur Fähigkeit des Teilens“ überzugehen. (9) Der orthodoxe Patriarch engagiert sich seit langer Zeit im Bereich des Umweltschutzes. Der Papst lädt zu „einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten.“ (14) Dabei ist er überzeugt, dass es eine „neue universale Solidarität“ braucht, um das Thema anzupacken (14) und kritisiert Interessenlosigkeit vieler für das Thema sowie die Ablehnung von Machthabern.

Analyse der Situation

In einem ersten Schritt gibt Franziskus einen Überblick über die aktuelle ökologische Krise aus seiner Sicht. Hier fallen Stichworte wie Umweltverschmutzung und Klimawandel, die Frage nach Trinkwasser und dem Verlust biologischer Vielfalt (inkl. Amazonas, Korallen etc.), die Verschlechterung der Lebensqualität und die weltweite soziale Ungerechtigkeit sowie schließlich das Problem, dass auf diese Herausforderungen keine adäquaten Lösungen gefunden werden. Dabei fällt durchaus eine differenzierte Sichtweise auf. Etwa beim Thema Klimawandel und Erderwärmung wird durchaus anerkannt, dass es neben dem Menschen noch andere Ursachen gibt. Dennoch wird eindringlich gefordert, die menschlichen Faktoren in diesem Bereich zu reduzieren etwa durch die drastische Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes. (23-26)

Wo der Mensch zum Herrscher wird, da nehmen Umwelt und Mitmenschen Schaden. Franziskus kritisiert das am stetigen Wachstum orientierte Wirtschaftssystem. Aus seiner Perspektive sind es vor allem die Armen, die unter den negativen Folgen der ökologischen Krise leiden. Dieser Gedanke durchzieht wie ein roter Faden die Enzyklika. (z.B. beim Klimawandel 25) Die Ausgeschlossenen sind nach Meinung des Papstes der größte Teil des Planeten. (49) Allerdings hätten die Entscheider nicht wirklich eine Vorstellung, wie deren Situation aussieht. „Sie leben und denken von der Annehmlichkeit einer Entwicklungsstufe und einer Lebensqualität aus, die für die Mehrheit der Weltbevölkerung unerreichbar sind.“ (49) Die ökologische Krise ist nach Ansicht des Pontifex immer auch eine soziale Krise.

Thema Bevölkerungswachstum

Scharf kritisiert Franziskus die Haltung, das Problem der Armen über eine Geburtenregelung lösen zu wollen. „Die Schuld dem Bevölkerungszuwachs und nicht dem extremen und selektiven Konsumverhalten einiger anzulasten, ist eine Art, sich den Problemen nicht zu stellen. Es ist der Versuch, auf diese Weise das gegenwärtige Modell der Verteilung zu legitimieren, in dem eine Minderheit sich für berechtigt hält, in einem Verhältnis zu konsumieren, das unmöglich verallgemeinert werden könnte, denn der Planet wäre nicht einmal imstande, die Abfälle eines solchen Konsums zu fassen.“ (50)

Franziskus kritisiert den Versuch, die Ressource Trinkwasser zu privatisieren. Der Zugang zu sicherem Trinkwasser sei ein Menschenrecht. „Diese Welt lädt eine schwere soziale Schuld gegenüber den Armen auf sich, die keinen Zugang zum Trinkwasser haben, denn das bedeutet, ihnen das Recht auf Leben zu verweigern, das in ihrer unveräußerlichen Würde verankert ist.“ (30) Es gibt die Forderung, mehr in die Forschung von Ökosystemen zu investieren. (42)

Ökologische Schuld des Nordens

Der Papst spricht von einem „wirklichen sozialen Niedergang“ angesichts eines „stillschweigenden Bruchs der Bindungen von sozialer Integration und Gemeinschaft“. (46) Das Wachstum der letzten beiden Jahrhunderte habe „nicht in allen seinen Aspekten einen wahren ganzheitlichen Fortschritt und eine Besserung der Lebensqualität bedeutet“. Als Beispiele nennt er die Zunahme von Gewalt und neue Formen sozialer Aggressivität, Rauschgifthandel und steigenden Drogenkonsum unter Jugendlichen sowie die Ungleichheit in der Verfügbarkeit und dem Konsum von Energie usw. Angesichts der Entwicklungen in der digitalen Welt spricht er von „einer Art geistiger Umweltverschmutzung“. (47)

Der Papst spricht von einer „ökologischen Schuld“ zwischen dem Norden und Süden. „Auf verschiedene Weise versorgen die weniger entwickelten Völker, wo sich die bedeutendsten Reserven der Biosphäre befinden, weiter die Entwicklung der reichsten Länder, auf Kosten ihrer eigenen Gegenwart und Zukunft.“ (52) Er kritisiert die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in den ärmeren Ländern sowie die Abschiebung von oft hoch problematischen Abfällen aus dem Norden in den Süden. (51) Allerdings gebe es auch in den Entwicklungsländern Hindernisse für Entwicklung und Verhältnisse, die die Ausbeutung von Umwelt und Natur begünstigten. Hier nennt er immer wieder die Korruption, aber auch „ein strukturell perverses System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen“. (52)

Ursachen der Krisen

Eine der Ursachen für die aktuellen Verhältnisse sieht Franziskus in der „Unterwerfung der Politik unter die Technologie und das Finanzwesen“. Die „neuen Formen der Macht, die sich von dem techno-ökonomischen Paradigma herleiten“, seien dabei „nicht nur die Politik [zu] zerstören, sondern sogar die Freiheit und die Gerechtigkeit“. (54) Er fordert eine neue politische „leadership“. Warum möchte man heute eine Macht bewahren, die in die Erinnerung eingehen wird wegen ihrer Unfähigkeit einzugreifen, als es dringend und notwendig war?“ (57) Den Skeptikern gegenüber der Notwendigkeit von mehr Umweltschutz hält Franziskus entgegen, dass bei aufrichtigem Betrachten der Realität klar zu erkennen sei, „dass unser gemeinsames Haus schwer beschädigt ist“. Die eine richtige Lösung gebe es nicht. Wichtig sei daher, in einen Dialog einzutreten, so der Papst. (61) Der Papst sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Verschlechterung der Umweltbedingungen und den Verschlechterungen im menschlichen und ethischen Bereich.

Irritiert zeigt sich Franziskus an mehreren Stellen, dass Menschen sich für andere Lebewesen einsetzen, nicht aber für die gleichen Rechte und Würde aller Menschen. „Wir lassen in der Praxis weiterhin zu, dass einige meinen, mehr Mensch zu sein als andere, als wären sie mit größeren Rechten geboren.“ (90) Man könne etwa nicht gegen den Handel mit vom Aussterben bedrohten Tieren kämpfen, „aber angesichts des Menschenhandels völlig gleichgültig bleiben“. (91) Der Pontifex erinnert an die Sozialpflichtigkeit des Privateigentums, auf die die katholische Soziallehre pocht. (93) Und er stellt einen Zusammenhang her zwischen dem Gebot „Du sollst nicht töten“ und dem Verbrauch der Ressourcen durch die reichen 20 Prozent der Weltbevölkerung zu Lasten der armen Nationen und kommenden Generationen. (95)

Kein Fortschritt ohne Ethik

Franziskus würdigt den technischen Fortschritt der vergangenen beiden Jahrhunderte. Kritisch sieht er allerdings, dass die Menschheit noch nie so viel Macht über sich selbst besessen habe, wie das heute der Fall sei. Die sei gefährlich, zum einen, weil diese Macht nur bei einem kleinen Teil der Menschheit liege, zum anderen, weil „der moderne Mensch nicht zum richtigen Gebrauch der Macht erzogen wird“. (105) Hier zitiert Franziskus Romano Guardini, einen seiner Lieblingstheologen. „In diesem Sinne ist er seiner eigenen Macht, die weiter wächst, ungeschützt ausgesetzt, ohne die Mittel zu haben, sie zu kontrollieren. Er mag über oberflächliche Mechanismen verfügen, doch wir können feststellen, dass er heute keine solide Ethik, keine Kultur und Spiritualität besitzt, die ihm wirklich Grenzen setzen und ihn in einer klaren Selbstbeschränkung zügeln.“ (105)

Der Mensch sei, so Franziskus, einem technologischen Fortschrittsglauben erlegen, der letztendlich zu einer Idee unendlichen und grenzenlosen Wachstums geführt habe, „das die Ökonomen, Finanzexperten und Technologen so sehr begeisterte. Dieses Wachstum setzt aber die Lüge bezüglich der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter des Planeten voraus, die dazu führt, ihn bis zur Grenze und darüber hinaus ‚auszupressen‘“. (106) Das „technokratische Paradigma“ tendiere dazu, Wirtschaft und Politik zu beherrschen. „Der Markt von sich aus gewährleistet aber nicht die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und die soziale Inklusion.“ (109) Die Spezialisierung der Technologie erschwere, das Ganze in den Blick zu nehmen. (110)

Schließlich fordert Franziskus eine „mutige kulturelle Revolution“. (114) Es gehe darum, „einen Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas [zu] bilden. (111) Dass dies möglich sei, zeigten etwa Gemeinschaften von Kleinproduzenten, die weniger umweltbelastend arbeiteten. (112) Immer mehr Menschen würden sich bewusst, „dass der Fortschritt der Wissenschaft und der Technik nicht dem Fortschritt der Menschheit und der Geschichte entspricht“. (113)

Ökologische Krise ist eine soziale Krise

„Der moderne Anthropozentrismus hat schließlich paradoxerweise die technische Vernunft über die Wirklichkeit gestellt.“ (116) Franziskus kritisiert die Hybris des Menschen und zeigt sich überzeugt, dass es keine Ökologie ohne eine angemessene Anthropologie gibt. (118) „Wenn die ökologische Krise ein Aufbrechen oder ein Sichtbarwerden der ethischen, kulturellen und spirituellen Krise der Moderne bedeutet, können wir nicht beanspruchen, unsere Beziehung zur Natur und zur Umwelt zu heilen, ohne alle grundlegenden Beziehungen des Menschen zu heilen.“ (119) Für Franziskus ist eine Verteidigung der Natur mit der Rechtfertigung der Abtreibung unvereinbar. (120) Als eine Ursache der aktuellen Probleme sieht er eine „Kultur des Relativismus“. „Wenn die Kultur verfällt und man keine objektive Wahrheit oder keine allgemein gültigen Prinzipien mehr anerkennt, werden die Gesetze nur als willkürlicher Zwang und als Hindernisse angesehen, die es zu umgehen gilt.“ (123)

Immer wieder betont Franziskus die Bedeutung von Arbeit und Bodenbesitz für die Verwirklichung und die Würde des einzelnen Menschen. Entsprechend fordert er etwa den Schutz von Kleinproduzenten und der Produktionsvielfalt (129). Finanzielle Hilfen für Arme seien nur eine „provisorische Lösung“. „Das große Ziel muss immer sein, ihnen mittels Arbeit ein würdiges Leben zu ermöglichen.“ (128) Zurückhaltend ist Franziskus bei der Bewertung etwa von Molekularbilogie oder gentechnisch veränderten Pflanzen und Tieren. Er verurteilt sie nicht grundsätzlich, gibt aber zu bedenken, dass „eine von der Ethik abgekoppelte Technik schwerlich in der Lage sein [wird], ihre Macht selbst zu beschränken“. (136)

Ganzheitliche Ökologie

Angesichts der Komplexität des Problems spricht sich Franziskus für eine „ganzheitliche Ökologie“ aus, „welche die Wechselwirkungen der Natursysteme untereinander und mit den Sozialsystemen berücksichtigen“. (139) Hier fallen Stichworte wie Wirtschaftsökologie (141), Sozialökologie (142) und Kulturökologie (143ff). An dieser Stelle spricht Franziskus ein Thema an, dass er an anderer Stelle bisweilen als „ideologische Kolonialisierung“ bezeichnet hat. Dieser Begriff fällt in der Enzyklika allerdings nicht. „Die konsumistische Sicht des Menschen, die durch das Räderwerk der aktuellen globalisierten Wirtschaft angetrieben wird, neigt dazu, die Kulturen gleichförmig zu machen und die große kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen.“ (144)

Hier erinnert er besonders an die Gemeinschaften der Ureinwohner, deren kulturellen Traditionen „besondere Aufmerksamkeit“ gewidmet werden müsse. Schließlich führt er den Begriff der Humanökologie aus, bei dem es ihm um eine umfassende Sicht auf dem konkreten Lebensraum des Menschen geht: Wohnungsnot und schlechter öffentlicher Nahverkehr sind hier etwa Thema. Schließlich fordert Franziskus eine Neuentdeckung des Gemeinwohls sowie eine erneuerte Solidarität zwischen und innerhalb der Generationen. „Wir könnten den nächsten Generationen zu viel Schutt, Wüsten und Schmutz hinterlassen. Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann, wie es bereits periodisch in verschiedenen Regionen geschieht.“ (161)

Religiöse Dimension

In einem eigenen Kapitel widmet sich Franziskus dem jüdisch-christlichen Verständnis der Schöpfung. Er ist überzeugt, dass eine wirkliche Ökologie nur dann aufgebaut werden kann, wenn alle Wissenschaften und „keine Form der Weisheit“ beiseitegelassen werde. Daher müssten auch Religion, Kunst und die kulturellen Reichtümer der Völker berücksichtigt werden. (63) Der Papst wehrt sich gegen eine falsche Interpretation biblischer Aussagen, die zu einem „despotischen Anthropozentrismus“ führten (68). „Wir sind nicht Gott“ (67). „Die Harmonie zwischen dem Schöpfer, der Menschheit und der gesamten Schöpfung wurde zerstört durch unsere Anmaßung, den Platz Gottes einzunehmen, da wir uns geweigert haben anzuerkennen, dass wir begrenzte Geschöpfe sind.“ (66)

Das menschliche Dasein gründe auf „auf drei fundamentale, eng miteinander verbundene Beziehungen […]: die Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zur Erde.“ (66) Er betont den Eigenwert aller Lebewesen und unterstreicht, „dass das Geschenk der Erde und ihrer Früchte dem ganzen Volk gehört“. (71) Er erinnert daran, dass es letztendlich darum geht, in allen Dingen Gott zu erkennen. (84-88) Die biblischen Erzählungen zeigten schließlich: „dass alles aufeinander bezogen ist und dass die echte Sorge für unser eigenes Leben und unsere Beziehungen zur Natur nicht zu trennen ist von der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit und der Treue gegenüber den anderen“. (70) Immer wieder kommt diese enge Beziehung zwischen Umwelt/Natur und sozialer Gerechtigkeit zum Ausdruck.

Papst fordert Systemwechsel

Franziskus begründet das Engagement der Kirche auf diesem Gebiet nicht nur aus der Pflicht heraus, die Natur zu hüten, sondern „sie muss vor allem den Menschen gegen seine Selbstzerstörung schützen“. (79) Es gehe darum, heute mit dem „modernen Mythos vom unbegrenzten materiellen Fortschritt Schluss zu machen“. (78)

Franziskus spricht von der „Notwendigkeit eines Kurswechsels“, um aus der „Spirale der Selbstzerstörung“ herauszukommen, in der sich nach seiner Meinung die Menschheit aktuell befindet. Lösungen, so der Papst, müssen global angegangen werden. Stichworte sind eine nachhaltige Landwirtschaft, höhere Energieeffizienz und den Umstieg auf erneuerbare Energien sowie der Zugang zu Trinkwasser für alle.

Kritik an aktueller Politik

Vergangene Umweltgipfel hätten „aus Mangel an politischer Entscheidung“ keine Erfolge erzielt. (166) Nationale Interessen würden über das Gemeinwohl gestellt, kritisiert Franziskus. (169). Dabei ist für Franziskus klar, dass die bereits industrialisierten Länder stärker zur Kasse gebeten werden müssen, wenn es um die Kosten zur Abschwächung des Klimawandels geht, als die ärmeren. (170) Franziskus wiederholt die Forderung von Benedikt XVI., dass angesichts der „tendenziellen Vorherrschaft der Wirtschaft über die Politik“ eine neue „echte politische Weltautorität“ geschaffen werden müsse. (175) Franziskus fordert die Politiker auf, nicht nur in Wahlzyklen zu denken und zu handeln. „Die politische Größe zeigt sich, wenn man in schwierigen Momenten nach bedeutenden Grundsätzen handelt und dabei an das langfristige Gemeinwohl denkt“. (178)

Aus Sicht des Pontifex ist bisweilen ein „Druck der Bevölkerung“ notwendig, um die politisch Handelnden zu beeinflussen und Korruption zu unterbinden. (179) Immer wieder gibt er zu bedenken, dass die besten Modelle und Ideen nichts taugen, „wenn die großen Ziele, die Werte und eine humanistische, sinnerfüllte Auffassung fehlen, die jeder Gesellschaft eine edle und großherzige Orientierung verleihen“. (181) Bei allen Entscheidungsprozessen sind immer die Betroffenen zu beteiligen und von Anfang an muss die Umweltverträglichkeit in die Planungen einbezogen werden. Rentabilität allein dürfe nicht das einzige Kriterium für Entscheidungen sein. (187) Die Umwelt könne durch die Mechanismen des Marktes nicht ausreichend geschützt werden, davon ist Franziskus überzeugt. (190). Er warnt vor einer „magischen Auffassung des Marktes“ und der Vorstellung, „dass sich die Probleme allein mit dem Anstieg der Gewinne der Betriebe oder der Einzelpersonen lösen“. (190)

Thema Finanzkrise

Franziskus kritisiert, dass in der Finanzkrise die „Rettung der Banken um jeden Preis“ erfolgt sei, in dem man die Kosten der Bevölkerung aufgebürdet habe; dass man aber nicht die Systemfrage gestellt habe. Man habe es versäumt, eine „gegenüber den ethischen Grundsätzen aufmerksameren Wirtschaft“ zu entwickeln. (189)

Franziskus fordert einen Systemwechsel und weist die Kritik zurück, seine Position wolle gegen alle Vernunft Fortschritt und menschliche Entwicklung aufhalten. Vielmehr gehe es darum, „mutig und verantwortungsvoll die Intelligenz einzusetzen, Formen nachhaltiger und gerechter Entwicklung zu finden“. (192) Dazu werde es notwendig sein, „in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann“. (193) Es gehe darum, „den Fortschritt neu zu definieren“. (194) Bei jeder Produktion müssen Folgekosten mit einkalkuliert werden. „Während die einen nur verzweifelt nach wirtschaftlicher Rendite streben und die anderen nur besessen darauf sind, die Macht zu bewahren oder zu steigern, haben wir als Ergebnis Kriege oder unlautere Vereinbarungen, bei denen es beiden Teilen am wenigsten darum geht, die Umwelt zu schützen und für die Schwächsten zu sorgen.“ (198)

Verantwortung des Einzelnen

Franziskus fordert einen anderen Lebensstil. „Die Versessenheit auf einen konsumorientierten Lebensstil kann – vor allem, wenn nur einige wenige ihn pflegen können – nur Gewalt und gegenseitige Zerstörung auslösen.“ (204) Der Papst appelliert an die „soziale Verantwortung der Verbraucher“. (206) Als eines der Grundübel macht Franziskus den Individualismus aus. Wenn es gelinge, diesen zu überwinden, „kann sich wirklich ein alternativer Lebensstil entwickeln, und eine bedeutende Veränderung in der Gesellschaft wird möglich“. (208) Das ist, so Franziskus, eine erzieherische Herausforderung. (209ff) Es gehe um eine Haltungsänderung, die bereits im Kleinen beginne.

Franziskus unterstreicht, die christliche Spiritualität schlage ein anderes Verständnis von Lebensqualität vor, das vom Prinzip des „weniger ist mehr“ geprägt sei. (222) „Die christliche Spiritualität regt zu einem Wachstum mit Mäßigkeit an und zu einer Fähigkeit, mit dem Wenigen froh zu sein.“ (222) Genügsamkeit befreit, ist Franziskus überzeugt. (223) Dazu müsse sich die Demut gesellen mit der Einsicht, nicht alles ohne Einschränkung beherrschen zu können. (224) Die Zeit der „fröhlichen Oberflächlichkeit“ habe dem Menschen wenig genutzt, so Franziskus, in der Ethik, Güte, Glaube und Ehrlichkeit „bespöttelt“ worden seien. Diese Zeit des „moralischen Verfalls“ habe zu Gewalt und Grausamkeit geführt. (229) Stattdessen spricht er sich für eine „Kultur der Achtsamkeit“ aus (231) und fordert jeden Einzelnen zum gesellschaftlichen Engagement auf.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.