Papst: Überwindet Stammesdenken für geschwisterliches Miteinander

Papst Franziskus hat die Menschen im Südsudan aufgerufen, Stammesdenken und Parteilichkeit zu überwinden und zu einem neuen Miteinander zu finden. Für den Pontifex liegt darin die entscheidende Voraussetzung für eine friedliche Zukunft des Landes. „Man muss das wunderbare Risiko eingehen, Personen kennenzulernen und anzunehmen, die anders sind, um die Schönheit einer versöhnten Geschwisterlichkeit wiederzufinden und das unbezahlbare Abenteuer zu erleben, in Freiheit die eigene Zukunft zusammen mit der der gesamten Gemeinschaft zu gestalten“, erklärte er bei der Begegnung mit Binnenflüchtlingen am Samstagnachmittag in der Hauptstadt Juba. Beim anschließenden Ökumenegebet betonte er, dass ein echter Frieden nicht nur ein Waffenstillstand inmitten von Konflikten sei, „sondern eine geschwisterliche Gemeinschaft, die aus der Vereinigung, nicht aus der Absorbierung entsteht; aus der Vergebung, nicht aus dem Überwältigen; durch Versöhnung und nicht durch Aufoktroyieren“. Beim Treffen mit Vertretern des Klerus, der Ordensleute und Seminaristen forderte er am Morgen, wie schon am Freitag in Kinshasa, dass die Kirche eine prophetische Rolle einnehmen müsse. „Um Fürsprecher unseres Volkes zu sein, sind wir auch dazu aufgerufen, unsere Stimme gegen Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch zu erheben, die die Menschen unterdrücken und sich der Gewalt bedienen, um im Schatten der Konflikte Geschäfte zu machen.“

Drei Kinder berichteten über ihre Erfahrung in den Flüchtlingslagern. Nyakuor Rebecca bat den Papst um einen besonderen Segen, damit die Kinder im Südsudan in Frieden und Liebe aufwachsen könnten. (Quelle: reuters)

Neues Narrativ der Begegnung

Vier Millionen Geflüchtete verzeichnet der Südsudan laut Angaben der Vereinten Nationen. Das ist für ein Land mit 13 Millionen Einwohnern eine Herausforderung. Damit steht der Südsudan bei der Zahl der Geflüchteten in Afrika auf Platz eins. Etwa die Hälfte sind innerhalb des Landes geflohen und leben meist in Lagern, die anderen sind ins Ausland gegangen. Am Nachmittag traf Papst Franziskus zusammen mit Erzbischof Justin Welby und dem Moderator der Generalversammlung der schottischen Kirche, Iain Greenshield, eine Gruppe von Binnenflüchtlingen. Dabei erneuerte der Pontifex seinen „eindringlichen Aufruf, alle Konflikte zu beenden und den Friedensprozess ernsthaft wiederaufzunehmen“. Nur mit Frieden, Stabilität und Gerechtigkeit könne es Entwicklung und soziale Wiedereingliederung geben, betonte er.

Wie schon in der Demokratischen Republik Kongo unterstreicht Franziskus auch im Südsudan, dass einer der Schlüssel für Frieden das Überwinden des Stammes- und Gruppendenken ist. „Es ist notwendig, als offene Gesellschaft zu wachsen, sich zu vermischen, durch die Herausforderungen der Integration hindurch ein einziges Volk zu bilden und auch die Sprachen zu lernen, die im ganzen Land und nicht nur in der eigenen Ethnie gesprochen werden.“ Es sei „absolut notwendig, die Ausgrenzung von Gruppen und die Ghettoisierung von Menschen zu vermeiden“. Schließlich fordert er ein „neues Narrativ der Begegnung“ zu schaffen, „in der das Erlittene nicht vergessen, sondern vom Licht der Geschwisterlichkeit erfüllt wird“. Wie schon im Kongo gebraucht Franziskus auch im Südsudan ein interessantes Bild, wenn er von den Menschen spricht, die sich für eine bessere Zukunft einsetzen. Vielleicht weil weite Teile beider Länder mit Regenwäldern überzogen sind. „Ihr werdet die Bäume sein, die die Verschmutzung der jahrelangen Gewalt aufnehmen und den Sauerstoff der Geschwisterlichkeit wieder abgeben werden“, erklärte der Papst.

Krieg und Gewalt ist Verrat an Gott

Den Gedanken der Geschwisterlichkeit führte Franziskus dann auch beim anschließenden ökumenischen Friedensgebet weiter aus. „Das Stammesdenken und die Parteilichkeit, die die Gewalt im Land anschüren, dürfen die Beziehungen zwischen den Konfessionen nicht anstecken; im Gegenteil, das Zeugnis der Einheit der Gläubigen möge auf das ganze Volk übergehen.“ Die Liebe des Christen gelte nicht nur dem nächsten, sondern allen, mahnte der Papst, entsprechend dem Auftrag Jesu, einander so zu lieben, wie er uns geliebt habe. „Das ist das Gebot Jesu, das jeder tribalistischen Sichtweise der Religion widerspricht.“ Wer Christus nachfolge, wähle immer den Frieden. „Wer Krieg und Gewalt entfesselt, verrät den Herrn und verleugnet sein Evangelium“, stellte er nüchtern fest. Eine klare Absage an all jene Kriegstreiber, die sich Christen nennen.

Ein Thema griffen Papst und der Anglikaner-Primas heute beide auf: die Situation der Frauen im Land. „Frauen im Südsudan, ich weiß, dass viele von Ihnen neben dem Schmerz des Konflikts und der Verantwortung für Ihre Familien auch das Trauma der sexuellen Gewalt und die tägliche Angst vor Missbrauch in Ihren Häusern erleben“, konstatierte Justin Welby. Sie seien starke Frauen, fügte er hinzu. „Meine Frau Caroline hat mit vielen von Ihnen zusammengearbeitet und Geschichten darüber gehört, wie Sie denen, die als Feinde betrachtet werden sollten, Essen, Kleidung und Bildung bringen und dabei sogar Ihr Leben riskieren.“ In dieser Passage seiner Predigt wurde Welby immer wieder von Applaus unterbrochen. „Möge Gott uns mit Ihrem Beispiel inspirieren und uns erlauben, Ihnen die Aufmerksamkeit und den Wert zu bieten, den Jesus den ihm nahestehenden Frauen gegeben hat.“ Franziskus bezeichnete die Frauen als den „Schlüssel zur Umgestaltung des Landes“: „Wenn sie die richtigen Chancen erhalten, werden sie mit ihrem Fleiß und ihrer das Leben schützenden Haltung fähig sein, das Gesicht des Südsudan zu verändern, ihm eine unbeschwerte und beständige Entwicklung zu ermöglichen!“

Ruf nach Glaubwürdige Kirche

Bei allen Veranstaltungen heute beklagten die Einheimischen ganz gleich ob Bischof, Ordensfrau oder Geflüchteter die Untätigkeit der politisch Verantwortlichen, die Konflikte im Land wirklich beizulegen. Wie schon im Kongo berichteten sie in ihren Zeugnissen von Vertreibung, Gräueltaten, Gewalt und Tod. Zugleich sprachen sie von der großen Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Frieden und mehr Gerechtigkeit. Franziskus versuchte einmal mehr Trost zu spenden und sich zugleich zum Anwalt ihrer Sehnsucht zu machen. Dabei schwor er sein „lokales Personal“ am Morgen auf seine Linie ein. Er warnte die Kleriker, Ordensleute und Seminaristen sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Sie seien keine Stammesführer, „sondern mitfühlende und barmherzige Hirten, keine Herren des Volkes, sondern Diener“.

Diesen Dienst sieht er in erster Linie darin, den Menschen in ihrer Not beizustehenden und sich für Veränderung einzusetzen. „Unsere erste Verpflichtung besteht nicht darin, eine perfekt organisierte Kirche zu sein, sondern eine Kirche, die im Namen Christi inmitten des vom Volk durchlittenen Lebens steht und sich die Hände für die Menschen schmutzig macht.“ Wenn Grundrechte der Menschen verletzt würden, müssten sie ihre Stimme erheben ohne Angst zu haben, „Privilegien und Begünstigungen zu verlieren“. Scharf kritisierte er offenbar vorhandene Zwistigkeiten innerhalb der Kirche. Alle müssten an einem Strang ziehen: Bischöfe, Priester, Ordensleute, Diakone und Seminaristen. „Es ist sehr traurig, wenn die Hirten nicht zur Gemeinschaft fähig sind, nicht zusammenarbeiten können, sich sogar gegenseitig ignorieren! Lasst uns gegenseitigen Respekt, Nähe und konkrete Zusammenarbeit pflegen. Wenn das nicht unter uns geschieht, wie können wir es dann anderen predigen?“

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.