Der Papst in Lateinamerika – Tag 7

Zum Abschluss seiner Lateinamerikareise hat Papst Franziskus noch einmal seine Vision der Kirche dargelegt. Beim Treffen mit den Bischöfen Perus stellte er diesen das Modell eines „Straßenbischofs“ vor. Es gehe darum, „die Bequemlichkeit des Bischofshauses“ zu verlassen. Er forderte ein „prophetisches Bischofsamt“, das sich nicht scheut, „die Missbräuche und Exzesse, die am Volk begangen wurden, anzuprangern“. Er ging mit gutem Beispiel voran und kritisierte beim großen Abschlussgottesdienst in Lima noch einmal die Korruption im Land scharf. Er bezeichnete sie als „schwere Sünde“, die letztendlich die Hoffnung des Volkes ersticke. Damit hatte Franziskus am letzten Tag noch einmal das Hauptanliegen seiner Reise deutlich gemacht: die Kirche muss sich verändern und sie muss eine prophetische Kirche sein. Seine Ansprachen haben über die beiden besuchten Länder hinaus Bedeutung; denn es geht darin um seine grundlegende Vision der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert.

Zum Abschluss seiner 22. Auslandsreise feierte Papst Franziskus mit 1,3 Millionen Gläubigen in Lima einen Gottesdienst. (Quelle: Erbacher)

Eine prophetische Kirche

Das Wort „prophetisch“ zog sich wie ein roter Faden durch viele Ansprachen der vergangenen Woche. Papst Franziskus hat in diesen Tagen immer wieder erläutert, wie ein Handeln aus dem Evangelium letztendlich nie ohne Konsequenzen für das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen haben kann. Die Nächstenliebe müsse immer von Gerechtigkeit begleitet werden. Es gebe keine „echte Evangelisierung“, „wenn schuld am Leben unserer Brüder und Schwestern, insbesondere der Schwächsten nicht benannt und verurteilt wird“. Franziskus ist kein Befreiungstheologe, aber letzten Endes sind es die zentralen Ideen jener theologischen Schule, die dieser Papst der katholischen Kirche nun verordnet.

Dabei mahnte Franziskus die Kirche in Peru heute noch einmal zur Einheit. Konflikte gehörten zum Leben dazu, so der Papst. Als Menschen und Christen müsse man sich ihnen stellen und sie akzeptieren. „Aber wir müssen sie gemeinsam im ehrlichen und aufrichtigen Dialog annehmen.“ Interessant ist, dass Franziskus heute beim Treffen mit den Bischöfen gleich zweimal Papst Johannes Paul II. zitierte. Damit wollte er Kontinuität signalisieren, obwohl ganz offensichtlich ist, dass er eine völlig andere Kirche möchte, als sein mittlerweile heiliggesprochener Vorgänger in Lateinamerika und weit darüber hinaus, teilweise mit der Brechstange, etabliert hat. Doch Franziskus weiß, in Lateinamerika gibt es starke konservative Kräfte. So versuchte er ihnen eine Brücke zu bauen mit dem Rückgriff auf Johannes Paul II.

Mut für die Jugend

Der Tag hatte am Morgen mit einem Gebet mit kontemplativen Schwestern begonnen. Franziskus dankte ihnen für ihren Dienst für die Kirche. Zum Mittagesgebet traf er sich mit mehreren tausend Jugendlichen vor der Kathedrale von Lima. Er machte Ihnen Mut, angesichts von Schwierigkeiten nicht die Hoffnung zu verlieren. Heute bemühte er einen Vergleich mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photoshop, um seine Botschaft „jugendgemäß“ zu verpacken. Digital bearbeitete Fotos seien schön. „Wir können nicht die anderen, die Wirklichkeit noch uns selbst mit Photoshop verändern“, führte Franziskus aus. „Das Herz kann man nicht mit Photoshop bearbeiten, denn dort spielt sich die wahre Liebe ab, dort spielt sich das wahre Glück ab.“ Gott nehmen jeden an wie er ist. Als Beispiele führte Franziskus eine Reihe prominenter biblischer Personen an, um sein Zusage zu belegen: „Moses stotterte; Abraham war ein alter Mann; Jeremia sehr jung; Zachäus war von kleiner Statur; die Jünger schliefen ein, als Jesus ihnen sagte, sie sollen beten; Paulus war ein Christenverfolger; Petrus hat ihn verleugnet.“

Steht zu euren Fehlern, macht euch ehrlich und nehmt die Welt so wahr, wie sie ist. Diese Botschaft hatte Franziskus für die Menschen hier in Lateinamerika, aber auch für die Kirche. So sieht er eine Chance für die Institution, wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen – verbunden mit seiner steten Forderung der Nähe zu Menschen. Dazu gehört den hiesigen Breiten auch die besondere Nähe zu den Indigenen. Hier sieht Franziskus auch noch Nachholbedarf. Er machte auch deutlich, dass mit dieser größeren Nähe zu den Menschen auch eine weitere Inkulturation des Glaubens mit einhergehen muss. Die Kirche muss die Sprache der Menschen sprechen. Eindringlich war seine Warnung vor einer Geringschätzung der Volksfrömmigkeit bei der Begegnung mit dem Klerus am Samstag in Trujillo.

Es braucht Zeit für Reformen

Franziskus weiß, es wird lange dauern, bis diese Haltungsänderung, die er für die katholische Kirche möchte, sich vollzogen haben wird. Für ihn ist es aber wichtig, Prozesse in Gang zu setzen. Das hat er mit dieser Reise nach Lateinamerika versucht. Dabei hat er auch gezeigt, dass er gegenüber der Politik deutlich werden kann, wenn er dies für notwendig erachtet. So geschehen mit der scharfen Kritik an der Korruption auf seinem Heimatkontinent. Franziskus wird heute Abend bei der fliegenden Pressekonferenz sicherlich eine positive Bilanz der einwöchigen Reise ziehen. Vor Ort werden einige noch eine ganze Weile an den Botschaften des Papstes zu kauen haben. Wichtig ist, dass die Bälle, die Franziskus ins Spiel gebracht hat, nicht wieder ganz schnell von seinen Gegnern abgeräumt werden, sondern dass es sie aufgenommen und weitergespielt werden. Dann kann das mit der katholischen Kirche in Lateinamerika in der Zukunft ein sehr interessantes Spiel werden. Denn Franziskus will ja nicht, dass die Vertreter des bisherigen Kurses der Kirche verschwinden. Er will eine Einheit in Vielfalt und Verschiedenheit – für die Gesellschaften hier inklusive der Indigenen genauso wie für die Kirche.

P.S. Eine weitere Zusammenfassung der Reise gibt es bei heute.de.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

3 Kommentare

  • Micaela Riepe
    25.01.2018, 11:44 Uhr.

    Lieber Herr Erbacher, ich vermisse Ihren Bericht über die Pressekonferenz! Hoffentlich sind Sie nicht krank geworden. Oder hatten Sie Schwierigkeiten, über das Herumgeeiere um die Kritik von Kardinal O´Malley zu schreiben? Es war einfach furchtbar. Franziskus will einfach nicht auf die Opfer hören, zumindest nicht in diesem Fall. Ich las, dass Bischof Barros schon zweimal seinen Rücktritt angeboten haben soll, doch immer hat er ihn gestützt. Er ist blind auf diesem Auge und ich wünschte, ihm solle dieser Fall noch um die Ohren fliegen.
    Ansonsten bin ich meist begeistert von seinen Predigten, Reden und Begegnungen. Er ist das Gewissen der Welt.

    • Jürgen Erbacher
      Jürgen Erbacher
      26.01.2018, 8:07 Uhr.

      Ein kurzer Kommentar zur fliegenden PK wird sicher noch kommen. Es ist leider gerade ein Zeitproblem. Diese Woche sind ja noch eine ganze Reihe anderer spannender Dinge passiert. Auch dazu dann in Kürze sukzessive mehr.

  • Wanda
    27.01.2018, 17:34 Uhr.

    Die Haltung und das Verhalten der Amtskirche in dieser so schlimmen Problematik des Missbrauchs Schutzbefohlener und die Verknüpfung (oder Nichtverknüpfung) mit dem in der Kirchengeschichte erst realtiv spät zur Verpflichtung erklärten Zölibat ist einfach katastrophal und kostet viel Glaubwürdigkeit. Es muss etwas geschehen. Man kann sich nicht mehr einfach so wegducken..

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