Papst Franziskus in Lateinamerika – Tag 8

Es war heute das große Finale einer langen und vielseitigen Reise von Papst Franziskus nach Ecuador, Bolivien und Paraguay. Mit mehr als einer Million Menschen feierte er einen Gottesdienst in Asunción. Dabei warnte er davor, sich in der Kirche zu sehr auf Strategien und Argumente zu verlassen. In der Logik des Evangeliums überzeuge man nur „indem man lernt zu beherbergen“. Vor dem Gottesdienst hatte Franziskus das Armenviertel Bañado Norte besucht, in dem rund 100.000 Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben. Er forderte mehr Solidarität mit den Armen: „Ein Glauben, der nicht zur Solidarität wird, ist ein toter Glaube. Es ist ein Glaube ohne Christus, ein Glaube ohne Gott, ein Glaube ohne Geschwister.“ Zum Abschluss seiner Reise traf Franziskus die Jugend Paraguays.

Mehr Solidarität und Gastfreundschaft

Zum zweiten Mal nach dem Besuch einer Favela in Rio de Janeiro war Papst Franziskus heute in einem Slum. Am letzten Tag seiner Lateinamerikareise kam er für knapp zwei Stunden in das Armenviertel Bañado Norte in Paraguays Hauptstadt Asunción. Zu Beginn machte er kurz Station im Haus einer Bewohnerin. Auf einem Sportplatz kritisierten dann zwei Frauen, die in der Kirchengemeinde mitarbeiten, die Situation in dem Armenviertel und den Umgang der Behörden mit den Menschen dort. Sie berichteten, dass einige Bewohner bereits seit über 80 Jahren in dem Slum lebten. Insgesamt seien es 23.000 Familien, die unter zum größten Teil menschenunwürdigen Bedingungen in dem Viertel, das immer wieder von Überschwemmungen durch den nahgelegenen Rio Paraguay heimgesucht wird, hausten. Franziskus sprach den Menschen Mut zu. Er war an dieser Stelle auffallend unpolitisch. Kein Wort der Kritik an den politisch Verantwortlichen. Aber er forderte mehr Solidarität.

Beim anschließenden Gottesdienst mit mehr als einer Million Menschen kam einer der wenigen Momente dieser Reise, in denen Franziskus sich zu innerkirchlichen Fragen äußerte. Er warnte vor einer Kirche, die sich zu starr an Strukturen, Taktiken und Regeln klammert. Jesus habe seinen Jüngern eine Grundhaltung mit auf den Weg gegeben: die der Gastfreundschaft. „Jesus sendet sie nicht aus als Mächtige, als Eigentümer, als Anführer, befrachtet mit Gesetzen und Anweisungen.“ In der Logik des Evangeliums überzeuge man nicht mit Argumenten, Strategien und Taktiken, „sondern indem man lernt zu beherbergen“. Die Kirche müsse ein Haus der Gastfreundschaft sein, so der Pontifex. „Wie viele Wunden, wieviel Verzweiflung kann man heilen in einem Heim, wo einer sich willkommen fühlen kann.“

Anspielung auf Synode?

Ist es nicht legitim, bei diesen Sätzen nicht nur an die Hungrigen, Fremden, Nackten, Gefangenen und Aussätzigen zu denken, die der Papst eigens erwähnte, sondern auch an die „Verwundeten“ in Ehe und Familie, sprich an die Bischofssynode im Oktober? Es gehe darum, so der Papst heute, „von der Logik des Egoismus, der Verschlossenheit, des Kampfes, der Spaltung und der Übermacht zur Logik des Lebens, der Unentgeltlichkeit und der Liebe überzugehen. Von der Logik des Herrschens, des Niederdrückens, des Manipulierens zur Logik des Aufnehmens, des Empfangens, des Pflegens.“ Die Kirche sei Mutter wie Maria, die das Wort Gottes nicht „beherrscht“, noch sich dessen „bemächtigt“ habe, „sondern im Gegenteil es beherbergte“.

Warnung vor Ideologien

Zum gestrigen Tag noch ein Nachtrag zum Treffen des Papstes mit der Zivilgesellschaft: Franziskus war mit seiner Rede noch nicht fertig, als wir zum anschließenden Treffen mit den Ordensleuten und Kleriker aufgebrochen sind. Der Pontifex hat noch einige wichtige Ergänzungen zu seinem vorbereiteten Text gemacht. So warnte er davor, das Engagement für die Armut zu ideologisieren. „Nicht dienlich ist eine ideologische Sichtweise, die sie [die Armen] am Ende zugunsten anderer politischer oder persönlicher Interessen gebraucht“, so Franziskus mit Verweis auf sein Schreiben Evangelii gaudium. „Ideologien haben eine unvollständige oder kranke oder schlechte Beziehung zum Volk. Sie nehmen das Volk nicht wirklich wahr. Denken Sie an das letzte Jahrhundert! Wohin münden die Ideologien? In Diktaturen: immer! Sie denken für das Volk, sie lassen nicht das Volk selbst denken… Alles für das Volk, aber nichts mit dem Volk – das sind die Ideologien.“ Dies war noch einmal wichtig, um sich nach seiner viel beachteten Rede vor den Volksbewegungen am Donnerstag in Santa Cruz klar von sozialistischen Vorstellungen eines Evo Morales und anderen abzusetzen.

Bei heute.de findet sich eine erste Zusammenfassung der Reise. Es ist schwierig, bei der Vielfalt der Themen und der Unterschiedlichkeit der Länder eine kurze Bilanz der 9. Auslandsreise zu ziehen. Auffallend ist, dass sie eher politische Akzente hatte als kirchliche. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Treffen mit den Bischofskonferenzen in den drei Ländern informellen Charakter hatten und hinter verschlossenen Türen stattfanden. Früher nutzten die Päpste diese Gelegenheit, um kirchenpolitische Akzente zu setzen, zu mahnen und zu loben. Das fällt jetzt weg, weil es hier keine offiziellen Reden mehr gibt. Dazu kommt aber auch, dass die Menschen in den drei Ländern weniger innerkirchliche Fragen beschäftigen, als Lebens-, ja Überlebensfragen. Tief sitzen die Verletzungen der Unabhängigkeitskriege und der Kriege der Länder des Kontinents untereinander. Tief sind die sozialen Spannungen zwischen den Ureinwohnern und den Nachkommen der Kolonialherren, zwischen Arm und Reich. Tief sind die Länder gezeichnet von den Auswirkungen der Globalisierung. Da ist innerkirchliche Nabelschau fehl am Platz. Auch wenn diese Perspektive nicht völlig fehlte. Aber wie Franziskus schon in seiner „Bewerbungsrede“ im Vorkonklave sagte: das um sich selbst Kreisen der Kirche muss aufhören. Bei dieser Reise hat er gezeigt, was das bedeutet.

P.S. Eine Frage drängt sich auf: Ist diese starke Betonung des „Hinausgehens“, der Caritas-Komponente des Christlichen bei Bergoglio bewusst oder unbewusst eine Antwort auf den Erfolg der Evangelikalen in Lateinamerika (und auch Afrika und Teilen Asiens)? Die neuen Kirchen schießen in den Favelas und Stadtvierteln des Südens wie Pilze aus dem Boden, teilweise aus den USA finanziert, und suggerieren eine Nähe zu den Menschen in ihrer konkreten Not. Damit haben sie auch Erfolg; ob dieser nachhaltig ist, sei dahingestellt.

P.P.S. 10.370 km lang ist der Rückflug von Asunción nach Rom. Er dauert 12h45 und wir erwarten eine Pressekonferenz mit Papst Franziskus. Mehr dazu und zum Jugendtreffen dann morgen.

Autorenbild

Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.