Papst: weniger ist mehr

Diese Botschaft von Papst Franziskus gilt zumindest für die Menschen in den reichen Ländern der Erde. Nun ist sie draußen, die zweite Enzyklika von Papst Franziskus: „Laudato si, über die Sorge für das gemeinsame Haus“. In 246 Abschnitten auf rund 200 Seiten legt der Papst seine Sicht der ökologischen Herausforderungen dar, die für ihn ganz klar auch soziale Herausforderungen sind. Damit ist das Papier eine Sozialenzyklika mit stark ökologischer Note. Für Franziskus ist der Umgang mit der Schöpfung eine zutiefst ethische Frage. Und damit sieht er auch die Notwendigkeit, dass die Kirche in der Tradition der katholischen Soziallehre sich dazu äußert. Mit der Enzyklika verlässt Franziskus die kirchliche Nabelschau und wendet sich dem Thema zu, um das es aus seiner Sicht beim kirchlichen Handeln gehen muss: dem Menschen und dessen Zukunft. – Ich möchte noch auf meinen Artikel zur Enzyklika bei heute.de sowie den Versuch eines Überblicks über das Gesamtdokument hier im Blog verweisen.

Ökologische Krise ist soziale Krise

Das Papier wird mit Sicherheit heftige Reaktionen hervorrufen. Die einen werden sich an dem stoßen, was Franziskus sagt; die anderen an dem, was er nicht sagt. Für Franziskus steht außer Frage, der Klimawandel ist zu einem großen Teil vom Menschen verschuldet. Der trägt auch Schuld an der zunehmenden Umweltverschmutzung und einer unverantwortlichen Ausbeutung der Natur. Die Ursachen sieht Franziskus in einem „modernen Anthropozentrismus“, der „paradoxer Weise die technische Vernunft über die Wirklichkeit stellt“. Dazu komme, dass die Ethik mit dem technischen Fortschritt nicht Schritt gehalten habe. Der Mensch habe heute so viel Macht wie noch nie, habe aber nicht gelernt, damit verantwortlich umzugehen.

Interessant ist die enge Verquickung der Umweltfrage mit der Gerechtigkeitsfrage. Das erinnert etwas an den Konziliaren Prozess für „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, der ab den 1980er Jahren bis zur Jahrtausendwende Christen rund um den Globus beschäftigte und die enge Verbindung der drei Größen unterstrich. Franziskus möchte mit seiner Enzyklika ja einen Dialog anstoßen – ökumenisch, interreligiös, mit Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Beispielhaft zeigt er an der jüdisch-christlichen Tradition auf, welchen Beitrag die religiösen Traditionen für die Lösung der sozio-ökologischen Krise beitragen können.

Theologie und die Vorgänger

Zwar wirkt der theologische Teil etwas unvermittelt, wie überhaupt die ganze Enzyklika nicht immer wie aus einem Guss wirkt. Man merkt ihr an, dass sie durch viele Hände gegangen ist und viele Autoren hat. Es ist keine streng systematische Abhandlung des Themas. Einzelne Aspekte scheinen immer wieder auf und werden wieder neu aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet.* Ähnlich war es ja schon beim Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium. Das ist der Stil von Franziskus. Viele Themen werden angesprochen; abschließende Urteile gibt es kaum. Das gilt etwa für so heikle Fragen wie gentechnische veränderte Pflanzen und Tiere. Zur Kernenergie sucht man vergeblich ein Urteil; auch wenn die klare Forderung enthalten ist, schrittweise zu erneuerbaren Energien überzugehen. Andererseits werden die Aussagen sehr kleinteilig, wenn es etwa um den ungenügenden Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs geht oder den Ratschlag, sich doch etwas wärmer anzuziehen, um nicht so viel heizen zu müssen.

Interessant ist, dass Franziskus seine beiden Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ausführlich zitiert. Damit will er einerseits sicher aufzeigen, dass er sich mit seinen Ideen in die Tradition des Lehramts und der katholischen Soziallehre einfügt. Gleichzeitig ist aber der Bruch etwa zu Benedikt XVI. nicht zu verkennen. Für Franziskus bleibt erkenntnisleitend die Prämissen, die er in Evangelii gaudium grundlegt: Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee. Das starke Vertrauen auf die Wissenschaft und die Aufforderung zum Dialog mit ihr. Der Verzicht auf eine naturrechtliche Begründung der Aussagen fällt auf. Sein Denken ist ganz stark von einer Verantwortungsethik geprägt.

Kritik wird kommen

Kritik wird ihm nicht erspart bleiben. Um nur drei Beispiele zu nennen: Das gilt für die klare Positionierung auf der Seite derer, die dem Menschen als Hauptverantwortlichen für den Klimawandel sehen. Hier wird es Gegenwind geben, auch wenn Franziskus in seinem Text bereits versucht, die Argumente der Gegner aufzugreifen und zu entkräften. Wie oft bei Bergoglio fehlt auch in diesem Text der Blick auf die Verantwortlichkeit der armen Länder selbst für ihre Situation. Zwar spricht Franziskus das Thema Korruption an; mehr dann aber auch nicht. Die Schuld für die große Armut in weiten Teilen der Welt allein im reichen „Norden“ zu suchen, ist auch zu einseitig. Wo bleibt die Forderung nach „good governance“ im Süden? Auch wird sich Franziskus die Frage gefallen lassen müssen, warum er nicht die Wirtschaftsmodelle positiv hervorhebt, die Aspekte der sozialen Gerechtigkeit im Blick haben wie etwa im Modell der sozialen Marktwirtschaft.

Bei aller Kritik an Politik und Wirtschaft, an Systemen, Denkmodellen und dem großen Ganzen sieht Franziskus den einzelnen in der Pflicht. Er appelliert an die Verantwortung der Verbraucher. Jeder müsse in seinem kleinen Umfeld anfangen, einen neuen nachhaltigen Lebensstil zu pflegen. Der Papst ist überzeugt, dass sich daraus ein Druck entstehen kann, dem sich Wirtschaft und Politik nicht mehr entziehen können. Das ist derselbe Ansatz, den er auch bei innerkirchlichen Reformen pflegt. Bei aller Notwendigkeit der großen strukturellen Reformen, geht es auch und vor allem darum, die Haltung des Einzelnen zu verändern. Das ist Kirche von unten.

Hier kommen die Stichworte Subsidiarität und Solidarität, die zu den Grundkonstanten der katholischen Soziallehre gehören, ins Spiel. Franziskus fordert von Politik und Wirtschaft Transparenz und die Einbeziehung der Betroffenen, den Schutz der kleinen Einheiten, um auf lokaler Ebene Lösungen zu finden. Dem „think big“ stellt er das „think small“ entgegen. Denn er ist überzeugt: „weniger ist mehr“. Das erfordert allerdings Verzicht für die Menschen im reichen Norden. Das ist eine unbequeme Botschaft, die viele Kritiker auf den Plan rufen wird.

P.S. Interessant sind vielleicht noch drei Dinge: Zum einen betont Franziskus sehr stark die Sozialpflichtigkeit des Privateigentums. Zum anderen zitiert er viele Dokumente einzelner Bischofskonferenzen. Das hatte er schon in seinem Schreiben Evangelii gaudium gemacht. Für eine Enzyklika ist es in dieser Form neu. Damit wertet er die Aussagen der einzelnen Konferenzen auf und bringt zugleich eine starke weltkirchliche Dimension in das Papier. Kirche von unten eben. Und es ist ein Zeichen  praktischer Kollegialität. Schließlich noch eine eher theologische Sache. Während traditionell Spiritualität und Theologie auf die Beziehung des Einzelnen zu Gott und seinen Mitmenschen blicken, erweitert Franziskus dieses Denkmodell um die Beziehung des Einzelnen zur Umwelt/Natur.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.