Papst verurteilt Mafia und macht Mut

Papst Franziskus hat heute Neapel besucht. Dabei hat er noch einmal scharf die Mafia verurteilt und die Neapolitaner aufgefordert, ihre Hoffnung nicht zu verlieren. Wie so oft fand Franziskus deutliche Worte: „Die Korruption stinkt, eine korrupte Gesellschaft stinkt, und ein Christ, der die Korruption bei sich zulässt, ist kein Christ, er stinkt“, so der Pontifex bei einem Besuch im Armenviertel Scampia, wo er seine Visite in Neapel am Morgen begonnen hatte. Auf dem Programm standen zudem ein Gottesdienst, ein Mittagessen in einem Gefängnis sowie Begegnungen mit Klerikern und Ordensleuten. Zum Abschluss traf sich Franziskus mit Jugendlichen. „Lasst Euch die Hoffnung nicht rauben“, lautete die Botschaft des Pontifex.

Kehrt um Mafiosi!

Armut, Migration, Arbeitslosigkeit und die Mafia standen im Mittelpunkt des eintägigen Besuchs von Papst Franziskus in Neapel. Dabei sprach das Kirchenoberhaupt das Wort „Mafia“ nie aus; doch es war immer klar, was er meinte. Etwa als er beim Gottesdienst mit mehreren hunderttausend Gläubigen im Stadtzentrum der kalabrischen Metropole die „Kriminellen und ihre Komplizen“ aufforderte: „Bekehrt euch zur Liebe und der Gerechtigkeit! […] Es ist jederzeit möglich, zu einem anständigen Leben zurückzukehren“. Dies sei es, was „Mütter unter Tränen in den Kirchen von Neapel“ sich wünschten. Franziskus verurteilte auch den Drogenhandel, Schwarz- und Zwangsarbeit sowie Unmenschlichkeit gegenüber Flüchtlingen.

Beim Besuch in der Kathedrale der Stadt ereignete sich das so genannte Blutwunder des heiligen Januarius. Dessen Blut in einer kleinen Ampulle verflüssigt sich normalerweise dreimal im Jahr: am Gedenktag des Heiligen am 19. September, am Tag vor dem ersten Sonntag im Mai und am 16. Dezember, dem Gedenktag an die Warnung vor dem Vesuvausbruch im Jahr 1631. Nachdem Franziskus das Gefäß mit der Blutampulle geküsste hatte, verflüssigte sich das Blut halb. Daraufhin der Papst scherzhaft: „Man sieht, der Heilige mag uns halb. Wir müssen alle noch ein wenig umkehren, damit er uns ganz mag!“ Beim Besuch seiner beiden Vorgänger in Neapel hatte sich das Blut nicht verflüssigt. Die Neapolitaner werten das als ein ganz besonderes Zeichen.

Zuvor hatte Franziskus bei der Begegnung mit Klerikern und Ordensleuten in der Kathedrale erneut scharf Tratsch verurteilt. „Wer schwätzt, ist ein Terrorist, der eine Bombe wirft und zerstört“. Er zerstöre die Würde des Nächsten. Er forderte die Anwesenden auf, die Barmherzigkeit ins Zentrum ihres Lebens zu stellen. In seiner frei gehaltenen Rede wusste er auch zu scherzen. Er berichtete von einer Ordensfrau, die sehr auf das Geld fokussiert gewesen sei. Als sie einmal ohnmächtig wurde, habe man vorgeschlagen, ihr 100 Pesos unter die Nase zu halten, um sie wieder aufzuwecken.

Null-Toleranz gegenüber Mafia

Franziskus ist es ernst im Kampf gegen die Mafia. Zwar haben auch schon seine beiden Vorgänger die „ehrenwerte Gesellschaft“ scharf verurteilt. Doch seit einem Jahr ist die Mafia ein Dauerthema des Pontifikats. Immer wieder kommt Franziskus darauf zu sprechen. Bei seinem Besuch in der Mafiahochburg Cassano all’Jonio im Juni 2014 erklärte er die Mafiosi für exkommuniziert. Im Windschatten der klaren Worte von Franziskus setzt allmählich ein Umdenken in der Kirche im Süden Italiens ein. Über viele Jahre wurde der Kirche vorgeworfen, bei Mafia-Verbrechen wegzuschauen. Der Erzbischof von Neapel, Kardinal Crescenzio Sepe, erklärte jüngst, dass es eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber der Mafia gebe. Mafiosi könnten nicht mehr Tauf- oder Firmpaten sein. Zudem werde ihnen künftig die Kommunion sowie ein kirchliches Begräbnis verweigert.

Ob sich das in der Praxis durchsetzen wird, muss sich erst noch zeigen. Denn oft kommen die Pfarrer in den Gemeinden erheblich unter Druck, wenn sie sich an diesen Kurs halten. Das zeigte sich etwa im vergangenen Jahr mehrfach, als Pfarrer versuchten, die in vielen Gemeinden gepflegte Tradition abzustellen, dass bei kirchlichen Prozessionen vor den Häusern von Clanchefs ein Stopp eingelegt wird und die Heiligenstatuen eine Verneigung vollziehen. Aus Rom haben die Priester Rückendeckung für den Widerstand.

P.S. Papst Franziskus kennt vergleichbare Situationen. Seit der Jahrtausendwende nimmt das Drogenproblem inkl. Kriminalität in den Armenvierteln von Buenos Aires immer mehr zu. 2009 prangerten mehrere Armenpriester das öffentlich an und wurden daraufhin von den Drogenbossen massiv unter Druck gesetzt bis hin zu Morddrohungen. Bergoglio, damals Erzbischof, stellte sich öffentlich hinter seine Priester. Das half zumindest soweit, dass keiner (bisher) zu Tode kam. Den konkreten Druck durch die Drogenbosse, konnte der Kardinal natürlich nicht mindern. Doch einer der Priester erzählte mir, dass diese moralische öffentliche Unterstützung durch Bergoglio für ihn und seine Mitbrüder enorm wichtig gewesen sei. Der Priester war sich allerdings bewusst, und sprach darüber ganz ruhig, dass er notfalls für seinen Einsatz mit dem Leben bezahlen muss.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.