Missbrauch: Kommt Null-Toleranz-Politik?

Wie soll mit kirchlichen Mitarbeitern umgegangen werden, die sich sexuell an Minderjährigen vergangen haben? Darüber wird in den letzten Tagen wieder verstärkt diskutiert, seit die Deutsche Bischofskonferenz eine neue Studie zum Missbrauch vorgestellt hat. Dabei kamen Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass nur in 15 Prozent der untersuchten Fälle kein Einsatz in der Seelsorge mehr möglich gewesen sei. Bei 47% habe es keine Bendenken gegen eine erneute Arbeit in Gemeinden gegeben; beim Rest wurde die Empfehlung für einen eingeschränkten Einsatz ausgesprochen.

Bischof Stephan Ackermann erhofft sich nach der Studie eine differenziertere Debatte.

Bischof Stephan Ackermann erhofft sich nach der Studie eine differenziertere Debatte.

Heißt das aber, dass die ehemaligen Täter auch wirklich wieder in der Seelsorge eingesetzt werden? Das hatten Kritiker aus den Ergebnissen der Studie geschlossen. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, machte bei der Vorstellung der Studie am vergangenen Freitag deutlich, dass das Urteil der Wissenschaftler bei der Entscheidung über die Zukunft eines Täters wichtig ist; aber noch weitere Komponenten in die Entscheidung einflössen. Klar sei, dass die Täter auch bei einem positiven Risikogutachten nicht mehr im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt würden. Doch darüber hinaus stelle sich die Frage, ob überhaupt noch eine Arbeit als Seelsorger möglich sei. Sollen auch die deutschen Bischöfe die Null-Toleranz-Politik ihrer US-amerikanischen Kollegen übernehmen? Darüber wird offensichtlich derzeit im Rahmen der Überarbeitung der Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen diskutiert. Denn, so Ackermann, selbst wenn das Risikogutachten keine Bedenken für einen Einsatz sehe, stelle sich noch immer die Frage der Akzeptanz des ehemaligen Täters im neuen Arbeitsumfeld. Wenn diese Akzeptanz fehle, könne ein öffentliches Ärgernis im Sinne des Kirchenrechts vorliegen; d.h. ein weiterer Einsatz wäre trotz anderweitiger wissenschaftlicher Empfehlung nicht möglich. Das hört sich doch sehr danach an, als könnte in den überarbeiteten Richtlinien, die bis zum Sommer 2013 verabschiedet werden sollen, das US-amerikanische Vorbild auch in Deutschland Nachahmung finden.

Die Studie brachte einige interessante Ergebnisse, die hier nur in Kürze dargestellt werden können. Das Hauptergebnis: Katholische Priester sind nicht öfter pädophil veranlagt als andere Menschen. Die Beweggründe für die Übergriffe lassen sich demnach überwiegend dem „normalpsychologischen Bereich“ zuordnen. Die Studie wurde unter Mitwirkung der führenden Experten in Deutschland zum Thema durchgeführt: den forensischen Psychiatern Norbert Leygraf (Leiter der Studie) von der Universität Duisburg-Essen, Hans-Ludwig Kröber von der Charité in Berlin sowie Friedemann Pfäfflin vom Universitätsklinikum Ulm. Sie werteten 78 Gutachten aus, die zwischen 2000 und 2010 erstellt worden waren. Die meisten Vorfälle lagen Jahrzehnte zurück. 66 Geistliche waren wegen sexueller Übergriffe untersucht worden, 12 wegen des Besitzes kinderpornografischen Materials. In 68% der Fälle habe es „keine psychiatrische Diagnose“ gegeben; 12% seien pädophil gewesen. Mehr als die Hälfte der Geistlichen seien heterosexuell orientiert, rund ein Drittel homosexuell. Dass dennoch mehr Jungen Opfer seien, erklärte Leygraf damit, dass Priester in der Kinder- und Jugendarbeit viel leichter Zugang zu Jungen gehabt hätten. So gebe es etwa in vielen Gemeinden erst seit Mitte der 80er Jahre Messdienerinnen.

Auffallend ist der Zeitpunkt der Tat. In den untersuchten Fällen lag er zwischen 36 und 42 Jahren und war oft mit einer Sinn- oder Lebenskrise der Geistlichen verbunden bzw. mit Autoritätsproblemen in der kirchlichen Hierarchie. Hier sieht Bischof Ackermann dringenden Handlungsbedarf für die Zukunft. Wie können solche Krisen erkannt werden? Wie können sie vermieden werden? Zudem will der kirchliche Missbrauchsbeauftragte ein Augenmerk auf das Thema Internetpornografie haben. Hier bescheinigt die Studie, dass die betroffenen Geistlichen wenig Einsicht für ihr kriminelles Verhalten zeigten. Ackermann möchte verhindern, dass sich hier eine neue Art von Missbrauch breit macht.

Einen Schatten hat die Studie allerdings. Nur 21 der 27 Bistümer in Deutschland haben sich daran beteiligt. Dies sei zwar mit Blick auf vergleichbare Untersuchungen im säkularen Bereich weit über dem Durchschnitt, erklärten die Wissenschaftler. Doch der Wille zu rückhaltloser und umfassender Aufarbeitung sieht anders aus.

Autor: Jürgen Erbacher

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Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.
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12 Kommentare

  • Regina Grotefend-Müller
    16.12.2012, 00:42 Uhr.

    Die KirchenVolksBewegung <> warnt eindringlich davor, die vor einer Woche am 7. Dezember 2012 in Trier vom Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Stefan Ackermann, vorgestellten Ergebnisse der von Prof. Dr. Norbert Leygraf geleiteten Studie „Sexuelle Übergriffe durch katholische Geistliche in Deutschland“ als Entwarnung für die Kirche zu interpretieren.

    Über die spontane Reaktion gegenüber den Medien (Frankfurter Rundschau, Deutschlandfunk etc.) hinaus hat Wir sind Kirche deshalb eine ausführlich begründete Kritik zu den Ergebnissen dieser Studie formuliert und gestern (13. Dezember 2012) allen deutschen Bischöfen zugesandt. Wie selbst Kirchenleute sagen, wurde die Aufarbeitung dieser schwierigen, aber für die Glaubwürdigkeit der römisch-katholischen Kirche entscheidenden Fragen, erst durch den öffentlichen Druck begonnen.

    „Das Missbrauchs-Gutachten kann und darf keine Entwarnung für die Kirche sein!“

    http://www.wir-sind-kirche.de/index.php?id=128&id_entry=4369

  • Dr. Johannes Hintzen
    16.12.2012, 20:56 Uhr.

    ohne die fälle sexueller psychischer und physischer gewalt verharmlosen zu wollen, warne ich davor, in hysterie zu verfallen. wohin eine mehr von emotionalem mitgefühl für die tatsächlichen oder vermeintlichen opfer führen kann, haben zuletzt der “fall kachelmann” oder der “fall der schülerin amelie” u.a. gezeigt. sachlichkeit kann zu besseren lösungen führen als schnelle geschossene (vor)urteile.

    • silberdistel
      17.12.2012, 08:25 Uhr.

      Lieber Herr @Dr. Johannes Hintzen. Den offensichtlich nicht sehr seltenen sexuellen Missbrauch von minderjährigen Schutzbefohlenen durch katholische “Hirten”, werden Betroffene wie Öffentlichkeit, wohl zurecht niemals emotionsfrei sehen können! Die Vergleiche zu dem leidigen Fall “Kachelmann” oder der “Schülerin Amelie” hinken doch sehr. Man sollte m.E. auch aufpassen diese Thematik, unter der Betroffene ein ganzes Leben lang leiden können, auch nur in die Nähe der Verharmlosung zu reden.
      Missbrauchsfälle durch Geistliche, die nicht nur Ihre Schutzbefohlenen sondern auch Ihre Ihre (spirituelle) Stellung missbrauchen; müssen nicht nur weltlich strafrechtlich relevant sein und verfolgt werden, sondern stellen mithin eine der größten denkbaren ´ethischen Sündenfälle´ dar. Allerdings hat Hysterie noch in keiner Lebenssituation genutzt.

      • Dr. Johannes Hintzen
        17.12.2012, 10:19 Uhr.

        für die abschaffung des § 174-176 StGB ist die kirche nie eingetreten; dafür aber etablierte parteien wie die grünen oder die schwulenbewegung. es ist heuchlerisch, wenn die kirche als besonders gefährliche kinderschänderbewegung hingestellt wird und ihr gleichzeitig beleidigende vorhaltungen gemacht werden, wenn sie homosexuelle handlungen und deren aggressive vertreter als gefährlich für familie und gesellschaft bezeichnet. hysterie auf der einen und doppelmoral auf der anderen seite kennzeichnen diejenigen, die in fragen von sexualität und kinder besonders eifriges kirchenbashing betreiben. hier sollte stattdessen wieder der klare menschenverstand einzug halten.

        • silberdistel
          17.12.2012, 13:39 Uhr.

          Das wär´s dann auch noch wenn die katholische Kirche die Abschaffung des § 174-176 StGB – sozusagen im Eigeninteresse – betreibt… ;-)

          • Dr. Johannes Hintzen
            18.12.2012, 23:52 Uhr.

            ihre niveaulosigkeit ist eine beleidigung für jeden mit ein wenig verstand ausgestatteten internetnutzer.

            • silberdistel
              19.12.2012, 05:54 Uhr.

              Kritik konnte man in Kreisen der kath. Kirche noch nie vertragen: Es fragt sich welche Niveaulosigkeit denn in diesem blog zum Thema steht und welcher “Akademiker” sich berufen fühlt in der Öffentlichkeit eine ganz offensichtliche Verharmlosungsstrategie zu betreiben.

              • M.G.
                22.12.2012, 10:02 Uhr.

                silberdistel | 19. Dezember 2012 | 05:54
                Stimmt, meine kath. Mutter verträgt auch nicht die reale Wahrheit und hetzt meine Kinder gegen mich auf,weil ich mich weltlich juristisch orientiere.
                Dieser christl. Glaube hat seinen Ursprung bei einemj jüdischen Nomadenvolk bei dem in der arabischen Antike Vulkanismus,Plattentektonik und Tsunamis als Gott verehrt wurde,laut ZDF-Terra X “Karriere Gottes”.Also wegen Naturgewalten mussten sich die Kinder von der kath. Kirche missbrauchen lassen.

  • Dr. Johannes Hintzen
    19.12.2012, 09:42 Uhr.

    sie haben ein persönliches feindbild gefunden, an dem sie sich auf wenig rationale weise abreagieren wollen. dafür sind therapeuten besser geeignet, und deshalb stehe ich dazu auch nicht weiter zur verfügung.

    • silberdistel
      25.12.2012, 23:37 Uhr.

      “Die Kirche”, hat besonders historisch viel dafür getan um ein Feindbild regelrecht zu inszenieren: Mich würde z.B. nicht die im Eingangsthema des blogs erwähnte, eindeutig gefakede ´forensische´ Studie interessieren, die niemals wissenschaftlichen Kriterien stand hält. Sondern Studien über die realen Opfer, nicht die über Täter der Kinderschändung! Mit auch recht freundlichem Gruß zum Weihnachtsfest.

      • M.G.
        30.12.2012, 14:01 Uhr.

        silberdistel | 25. Dezember 2012 | 23:37

        Im Mittelalter waren die Oberhäupter der kath.Kirche unmenschlich durch die Inquisition,das Recht zur Aussageverweigerung nach dem § 55 StPO gab es nicht,wie heute. Und nun die Kindesmissbräuche in der kath.Kirche.Wie soll man da als Atheist zum Glauben finden ?

  • dr.steffen thränert
    25.08.2013, 15:45 Uhr.

    Nicht sich gegenseitig bekämpfen, sondern Ärmel hochkrempeln und Problem so gut es geht und man/frau kann gemeinsam lösen!!!!

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