Vatikan-Sicherheitschef tritt zurück

Papst Franziskus hat das Rücktrittsangebot seines obersten Sicherheitschefs, Domenico Giani, am Montag angenommen. Hintergrund ist eine interne Dienstanweisung, die im Verlauf von Finanzermittlungen vor zwei Wochen an die Öffentlichkeit gelangte. Auch wenn in dem ungewöhnlich ausführlichen Kommuniqué des Vatikans betont wird, dass Giani „keine persönliche Verantwortung“ treffe, übernahm der 57-Jährige die politische Verantwortung. Der Rücktritt Gianis, der seit 2006 Sicherheitschef des Vatikans war, fällt in eine Phase großer Machtkämpfe innerhalb des Vatikans, aber auch der gesamten katholischen Kirche. Der neue Kardinal Jean-Claude Hollerich sprach vor wenigen Tagen von einer kritischen Phase des Pontifikats.

Domenico Giani war weit mehr als ein Kofferträger für den Papst. (Quelle: reuters)

Sicherheitschef stolptert über Leak

Am 1. Oktober hatte das Vatikanische Presseamt in einer kurzen Mitteilung erklärt, dass es im Rahmen von Finanzermittlungen Durchsuchungen im Vatikanischen Staatssekretariat und bei der Finanzaufsicht des Vatikans (AIF) gegeben habe. Nähere Informationen zu den Umständen und den betroffenen Personen wurden nicht gemacht. Am Tag darauf veröffentlichten italienische Medien ein Dokument, auf dem fünf Mitarbeiter des Vatikans abgebildet waren, die vom Dienst suspendiert seien und denen der Zutritt zum Vatikan, mit Ausnahme des Besuchs der Gesundheitsdienste, zu verweigern sei. Unterzeichnet war das Schreiben von Domenico Giani.

Vatikanbeobachter zeigten sich schon damals überrascht, dass ein solches Dokument angefertigt wurde und schließlich an die Öffentlichkeit gelangt ist. Das Papier war als interne Dienstanweisung für die Mitglieder der Gendarmerie und der Päpstlichen Schweizergarde bestimmt. Wie es publik werden konnte, ist bisher nicht bekannt. Papst Franziskus ist darüber sehr verärgert, zitierte seinen Sicherheitschef zu sich und verlangte Rechenschaft. Die Veröffentlichung der Liste „schadet in höchstem Maße der Würde der Betroffenen und dem Ruf der Gendarmerie“, heißt es in der Erklärung zum Rücktritt des Sicherheitschefs.

Papst: Veröffentlichung gleicht „Todsünde“

Vatikansprecher Matteo Bruni hatte am Samstag bereits erklärt, laut Papst Franziskus komme die Veröffentlichung einer Todsünde gleich, „weil es die Menschenwürde und das Prinzip der Unschuldsvermutung verletzte“. Der zurückgetretene Sicherheitschef erklärte gegenüber Radio Vatikan, dass er selbst Scham empfunden habe angesichts des Leidens, das den abgebildeten Personen durch die Publikation zugefügt worden sei. Dass er nun die politische Verantwortung übernimmt, rechne der Papst ihm hoch an, heißt es in dem offiziellen Kommuniqué des Vatikans vom Montagnachmittag. Ziel sei es gewesen, einen „weiteren geregelten Ablauf der Untersuchungen“ zu gewährleisten.

Franziskus dürfte es nicht leichtgefallen sein, seinen langjährigen Sicherheitschef ziehen zu lassen. Die beiden verstanden sich gut. Ist es bei liturgischen Anlässen Zeremonienmeister Guido Marini, so war es bei allen anderen öffentlichen Auftritten Domenico Giani, der dem Pontifex zur Seite stand, ihn dirigierte und bei seinen vielen spontanen Aktionen den Weg frei machte. Franziskus wusste, dass er sich auf den 57-Jährigen verlassen kann, und der antizipierte meist die Wünsche seines obersten Dienstherren. Gleiches galt für Franziskus‘ Vorgänger Benedikt XVI. und die Endphase des Pontifikats von Johannes Paul II.

Immer wieder auch Kritik an Giani

Giani, der vor seinem Eintritt in den Vatikan 1999 bei der italienischen Finanz- und Justizpolizei sowie beim Inlandsgeheimdienst arbeitete, übernahm 2006 die Leitung der Vatikanischen Gendarmerie. Seitdem versuchte er diese zu einer modernen Polizeitruppe umzubauen. Die veränderte weltpolitische Lage wirkt sich natürlich auch auf den Ministaat Vatikan aus. Terror- und Spionageabwehr gehören ebenso dazu wie neue Aufgaben als Finanzpolizei und bei den Auslandsreisen der Päpste. Eine Herausforderung ist immer die Zusammenarbeit mit dem zweiten Sicherheitskorps im Staate: der Päpstlichen Schweizergarde.

Bei all den Veränderungen lief nicht immer alles rund. Immer wieder gab es Kritik, Giani überspanne den Bogen und mache aus dem kleinen Kirchenstaat einen Überwachungsstaat, in dem sich niemand mehr frei bewegen könne. Der Sicherheitschef musste sich auch immer wieder die Frage gefallen lassen, ob seine Truppe wirklich den Anforderungen angesichts der veränderten Sicherheitslage gewachsen ist. Kurz vor dem Rücktritt von Benedikt XVI. 2013 wurde über einen Wechsel Gianis zu einer internationalen Polizeibehörde spekuliert. Unklar war, ob es zu Spannungen mit dem Papst und seinem Umfeld gekommen war oder der Sicherheitschef nur eine neue Herausforderung suchte. Nach der Wahl von Papst Franziskus war nichts mehr von Wechselplänen zu hören.

Was steckt hinter der Affäre?

Jetzt ist die Zukunft Gianis ungewiss. Von seinem alten Dienstherren bekam er heute höchstes Lob für seine Arbeit in den vergangenen 20 Jahren. Noch ist der Rücktritt zu frisch, um genau beurteilen zu können, was dahinter steckt. Doch es steht außer Frage, dass hinter den Mauern des Vatikans ein Machtkampf ausgefochten wird, der nun selbst den obersten Sicherheitschef hinweggefegt hat. Das könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass Papst Franziskus mit seinem Versuch, Ordnung in den kleinsten Staat der Welt und die Römische Kurie zu bringen, an neuralgischen Punkten angekommen ist. Es wird härter gekämpft denn je; zugleich wird es immer schwieriger, den Überblick zu behalten.

Es könnte aber auch darum gehen, den Papst zu schwächen oder zumindest zu verunsichern, in dem man einen Vertrauten aus seinem engsten Umfeld trifft. Zwar waren Giani und Franziskus nicht immer einer Meinung, manchmal musste sich Giani auch öffentlich von seinem Chef zurechtweisen lassen, doch am Ende schätzte Franziskus seinen Sicherheitschef, weil, wie es heute in der offiziellen Erklärung heißt, der „es verstanden hat, im Umfeld des Pontifex ein konstantes Klima der Natürlichkeit und Sicherheit aufzubauen und zu garantieren“.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

4 Kommentare

  • Wanda
    15.10.2019, 15:35 Uhr.

    Dabei hatte der Nazarener doch seine Jüngern (sinngemäss) noch ausdrücklich gewarnt und ihnen aufgetragen „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“…
    Aber die sich anmassend zu einer weltlichen Organisation und Macht formierende Amtskirche und ihre sich zu geistlichen „Herren, Monsignoren, Eminenzen und Ehrwürden“ aufgeschwungene Führungsmannschaft hat das einfach ignoriert.

    • Carla Maltese
      16.10.2019, 14:48 Uhr.

      Wenn diese Einsicht, daß der Inhalt zählt und nicht der Titel bzw. das Label was draufklebt, nur auch z.B. bei Literatur da wäre…

  • Carla Maltese
    16.10.2019, 16:46 Uhr.

    Die Kirchen müssen halt heutzutage auch Vorbilder sein was die Wahrung von Persönlichkeitsrechten in den Medien angeht. So einen Panne zerschießt das natürlich.

    Ein Teil meiner eigenen Verwandtschaft musste drunter leiden, daß in den 1990ern noch der komplette Klarname eines Angeklagten in der Presse erscheinen konnte. Stichwort Sippenhaft.

    Etwas anderes sind schwere Vergehen von hochrangigen Personen, z.B. Politikern oder in Fall vom Vatikan Kardinälen. Wer viel Macht hat, für den gelten andere Regeln. Die Öffentlichkeit muss davor geschützt werden, von jemandem regiert zu werden, der dafür ungeeignet ist. Ob nun in einem Staat oder in der römisch-katholischen Kirche. Da muss es dann sein daß die Öffentlichkeit umgehend informiert wird, daß ein begründeter Verdacht auf eine Straftat oder auf nicht strafbares aber unethisches Verhalten besteht, noch bevor das Urteil rechtskrägftig ist. Wie im Fall Pell. Die Persönlichkeitsrechte treten bei hochrangigen Amtsträgern hinter den Rechten der Allgemeinheit zurück.

    Wie groß, Herr Erbacher, ist eigentlich die vatikanische Polizei, also wieviele Polizisten gibt es?
    Und wie sind sie ausgebildet? Gibt es Antiterrorspezialisten und solche für z.B. Geldwäsche?

    • Jürgen Erbacher
      Jürgen Erbacher
      16.10.2019, 19:43 Uhr.

      Meines Wissens gibt es aktuell rund 250 Gendarmen. Sie erfahren ihre Grundausbildung im Vatikan. Innerhalb der Truppe gibt es kleine spezialisierte Einheiten etwa zur Spionageabwehr, Terrorbekämpfung etc. Diese erfahren ihre Ausbildung außerhalb des Vatikans bei Spezialisten und entsprechenden italienischen Einheiten.

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