Schöpfung, Armut, Dienen

Die erste Predigt eines neuen Papstes ist zugleich eine Art Regierungserklärung. Die Schlüsselbegriffe der rund 15-minütigen Ansprache von Papst Franziskus führten das fort, was sich in den letzten Tagen bereits angedeutet hatte. Dem neuen Pontifex geht es um eine Kirche, die nahe bei den Menschen ist, vor allem bei den „Ärmsten, Schwächsten, Geringsten“. Es geht ihm um eine dienende Kirche und ein zentraler Punkt ist die Bewahrung der Schöpfung. Dazu zählt er, wie schon sein Vorgänger, Mensch und Natur.

Knapp 30 Minuten fährt Franziskus mit dem Jeep über den Petersplatz.

Franziskus wählt dabei einen etwas anderen Zugang als Benedikt XVI. Er griff heute das Bild des heiligen Josef auf, dessen Gedenktag die katholische Kirche am 19. März feiert. Josef sei „Hüter und Beschützer“ gewesen – zunächst der Heiligen Familie, dann im übertragenen Sinn der ganzen Kirche. Josef verstehe es, auf Gott zu hören, wisse mit Realismus die Ereignisse zu deuten, sei aufmerksam für seine Umgebung und verstehe die klügsten Entscheidungen zu treffen. Diese Eigenschaften will Franziskus nun auf die Kirche und auf jeden einzelnen Gläubigen übertragen wissen. Der Mensch, der zum Hüter der Mitmenschen und der Schöpfung wird. „Seid Hüter der Gaben Gottes!“ rief der neue Pontifex den rund 200.000 Gläubigen auf dem Petersplatz zu. Franziskus appellierte auch an die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sich diese Vorstellung des Hüter-Seins zu Eigen zu machen. Er warnte davor, dass „Hass, Neid und Hochmut das Leben verunreinigen.“

Sein Papstamt versteht er als Dienstamt, führte Franziskus aus. „Vergessen wir nie, dass die wahre Macht der Dienst ist und dass auch der Papst, um seine Macht auszuüben, immer mehr in jenen Dienst eintreten muss, der seinen leuchtenden Höhepunkt am Kreuz hat.“ Als seine Aufgabe sieht er es, sich besonders um die zu kümmern, die am Rande stehen. Zum Schluss seiner Predigt richtete Franziskus noch einen flammenden Appell an alle, zuversichtlich zu sein. „Gegen alle Hoffnung voller Hoffnung!“ rief er den Versammelten zu. Das erinnert an seine Ansprache beim Treffen mit den Kardinälen als er sagte: „Mut, Brüder Kardinäle“. Ein bisschen wirken diese Passagen wie die berühmte „Ruck-Rede“ von Altbundespräsident Herzog. Franziskus will sich angesichts der schlechten Nachrichten und Probleme in Kirche und Welt nicht die Zuversicht und Hoffnung nehmen lassen. Und er will sie auch vermitteln. Fast scheint es so, als wolle er die Kirche aus einer gewissen Lethargie herausreißen und neu mit Leben erfüllen. Ist es das, was die Kirche in Europa vom Papst aus Lateinamerika lernen kann: trotz schwieriger Verhältnisse mit Freude und Engagement glauben, den Glauben verkünden und eine Kirche an der Seite der Menschen leben!?

Mit Verve trug Franziskus heute seine Predigt vor; besonders lebendig und nachdrücklich wurde er, wenn es um die Ausgegrenzten und die Bewahrung der Schöpfung ging. Aufhorchen ließen seine Worte über „Liebe“ und „Zärtlichkeit“, mit der man sich dem Mitmenschen und der Schöpfung zuwenden solle. „Zärtlichkeit“ sei nicht etwa die Tugend des Schwachen. Im Gegenteil: Sie deute auf eine „Seelenstärke hin und auf die Fähigkeit zu Aufmerksamkeit, zu Mitleid, zu wahrer Öffnung für den anderen, zu Liebe. Wir dürfen uns nicht fürchten vor Güte, vor Zärtlichkeit!“

Übrigens: Eines der Bücher des wohl berühmtesten Befreiungstheologen, Leonardo Boff, trägt den Titel: „Franz von Assisi und die Liebe zu den Armen“. Boff war Franziskaner und ist 1992 nach heftigen Auseinandersetzungen mit der vatikanischen Glaubenskongregation und einem Lehrverbot aus dem Orden ausgetreten. Hält über Papst Franziskus jetzt etwa die Befreiungstheologie Einzug in den Vatikan? Das Vokabular ist ähnlich; doch sicher vertritt der neue Papst nicht die radikal politische Variante der 80er Jahre.

Eine Modernisierung hat Papst Franziskus schon gebracht. In den offiziellen Texten wird jetzt auch die neue deutsche Rechtschreibung verwendet. Dies war bisher nur in Publikationen der Glaubenskongregation der Fall. Jetzt gilt es auch für den Papst.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.