Der Papst und die Seidenstraße des Dialogs

Die Forderung nach Religionsfreiheit, einer klaren Absage an Gewalt im Namen der Religion, Fanatismus und Terrorismus sowie Investitionen in Bildung zu stecken statt in Rüstung – das waren die zentralen Gedanken der Ansprache von Papst Franziskus beim Religionsgipfel in Nur Sultan in Kasachstan. Den Krieg in der Ukraine sprach er nicht an. Einige seiner Äußerungen können aber als indirekte Kritik an der Haltung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. verstanden werden. So etwa die Mahnung des Pontifex, „das Heilige darf nicht zur Stütze der Macht werden und die Macht darf sich nicht auf das Heilige stützen“. In seiner Botschaft an den Kongress beklagte der Patriarch eine „Verzerrung historischer Fakten“, das Bewusstsein der Massen werde manipuliert, um Botschaften des Hasses gegenüber Völkern, Kulturen und Religionen zu verbreiten.

80 Delegationen waren beim 7. Kongress der traditionellen und weltweiten Religionen in Nur Sultan vertreten. (Quelle: reuters)

Treffen mit russisch-orthodoxer Delegation

Es war ein beeindruckendes Bild, das sich am Morgen im Palast der Unabhängigkeit in der kasachischen Hauptstadt Nur Sultan bot. Um einen riesigen Tisch versammelten sich Vertreter unterschiedlichster Religionen. Schiiten und Sunniten, Juden, Christen, Buddhisten und Hindus, Vertreter der Bahai, des Shintoismus, Daoismus und Jainismus, um nur einige zu nennen. Die beiden Oberrabbiner Israels, Rabbi David Lau und Rabbi Yitzhak Yosef, saßen ebenso mit am Tisch, wie der Großscheich der Al-Azhar-Universität Ahmed Al Tayyeb. Auch wenn die Details der einzelnen Beiträge sicherlich nicht die Zustimmung aller fanden, so war man gewillt, einander zuzuhören. Einen echten Dialog gab es nicht. Vorbereitete Statements wurden vorgetragen; morgen soll es eine gemeinsame Abschlusserklärung geben.

Entscheidend sind bei solchen Veranstaltungen die Begegnungen am Rande. Und so nutzte auch Papst Franziskus die Gelegenheit zu bilateralen Gesprächen unter anderem mit den beiden Oberrabbinern, dem Großscheich der Al-Azhar und den Vertretern der russisch-orthodoxen Kirche. Die Delegation wurde durch den Leiter des Außenamts, Metropolit Antony Volokolamskii, angeführt. Er hatte den Papst erst vor wenigen Wochen in Rom getroffen. Kardinal Kurt Koch, der vatikanische Ökumeneminister, erklärte am Rande des Kongresses, dass es wichtig sei, Gesprächskanäle zwischen dem Vatikan und der Russisch-orthodoxen Kirche offen zu halten. Zur Absage der Teilnahme des Patriarchen konnte er keine weiteren Angaben machen.

Dieser hatte angegeben, dass ein Treffen mit dem Papst nicht am Rande einer Tagung stattfinden könne, sondern einen eigenen Ort brauche und gut vorbereitet sein müsse. Von vatikanischer Seite hingegen hätte man es begrüßt, wenn mit einem Treffen am Rande des Besuchs in Nur Sultan ein erster Schritt hätte gemacht werden können. Die Zeit für große Gesten scheint noch nicht reif, ist zwischen den Zeilen in den Gesprächen mit Vatikanvertretern zu hören. Ob die Absage aus Moskau eine Replik darauf ist, dass der Vatikan ein Treffen der beiden Kirchenmänner Mitte Juni in Jerusalem ist, bleibt Spekulation. Damals hatte Rom eine Begegnung angesichts der Krieges in der Ukraine als nicht angebracht angesehen und die Vorbereitungen gestoppt.

Neue Seidenstraße des Dialogs

Franziskus nutzte den Tag des Besuchs des chinesischen Staatspräsident Xi Jinping in Nur Sultan, um eine alternative Seidenstraße vorzuschlagen. Bei der solle es nicht um den Wert des Handels gehen, „sondern um die menschlichen Beziehungen […]: um den Respekt, um die Ehrlichkeit des Dialogs, um den unabdingbaren Wert eines jeden, um die Zusammenarbeit; ein geschwisterlicher Weg, der dazu dient, gemeinsam auf den Frieden zuzugehen“. Eine zentrale Rolle sieht er dabei bei den Religionen, die nicht „ein Problem, sondern Teil der Lösung für ein harmonisches Zusammenleben“. Dazu brauche es in erster Linie Religionsfreiheit, die sich nicht nur auf eine freie Religionsausübung beschränken dürfe. Der eigene Glaube müsse öffentlich bezeugt werden können, ohne ihn anderen aufzuzwingen. „Das ist die gute Praxis der Verkündigung, die sich von Proselytismus und Indoktrination unterscheidet, von denen sich alle fernhalten sollten.“ Er kritisierte die Vorstellung, Religion ins Private abzudrängen. Damit beraube sich die Gesellschaft eines „außerordentlichen Reichtums“.

Franziskus warnte davor, „in falsche Allmachtsphantasien zu verfallen“ die durch technische und wirtschaftliche Fortschritte hervorgerufen würden und mahnte: „Solange Ungleichheit und Ungerechtigkeit wüten, werden schlimmere Viren als Covid nicht aufhören: jene des Hasses, der Gewalt und des Terrorismus.“ Mit Blick auf den Frieden brauche es einen „Ruck“, der von den Religionen kommen müsse. Wie könnten Menschen zum Dialog und Respekt motiviert werden, wenn die Religionen sich nicht aktive für den Frieden einsetzten, fragte der Pontifex in die Runde. „Bemühen wir uns gemeinsam, eingedenk der Schrecken und Irrtümer der Vergangenheit, dass der Allmächtige nie wieder zur Geisel menschlichen Machtstrebens wird“, forderte Franziskus.

Provokationen nicht ausgeschlossen

Er kritisierte eine anmaßende Haltung, sich selbst für gerecht zu halten und nichts von den anderen lernen zu wollen. „Befreien wir uns von jenen beschränkten und zerstörerischen Vorstellungen, die den Namen Gottes durch Starrheit, Verschlossenheit und Extremismen beleidigen und ihn durch Hass, Fanatismus und Terrorismus entweihen und damit auch das Bild des Menschen entstellen.“ Weil der Friede Frucht einer beständigen Erziehung sei, forderte er in Bildung zu investieren, nicht in Rüstung. Scharf kritisierte er, dass „jeden Tag ungeborene Babys und Kinder, Migranten und alte Menschen entsorgt werden, geopfert auf dem Altar des Profits, umhüllt vom frevelhaften Weihrauch der Gleichgültigkeit“.

Die Worte von Franziskus sind gewohnt provokant. Im gleichen Atemzug wirbt er für Toleranz und gegenseitigen Respekt. Das Verhältnis der Religionen möge nicht durch Misstrauen und falsche Absichten geprägt sein, sondern durch „häufigen Dialog und klare Aufrichtigkeit der Absichten“, so Franziskus am Ende seiner programmatischen Rede. „Suchen wir nicht nach falschen, versöhnlichen Synkretismen, sondern bewahren wir unsere Identitäten in Offenheit für den Mut zum Anderssein und für die geschwisterliche Begegnung.“ Die Grenzen einer Veranstaltung wie der von Nur Sultan zeigte sich gleich beim nächsten Redner: Großscheich Ahmed al-Tayyib. Herzlich hatten er und der Papst sich bei der Ankunft begrüßt. Mit ernster Miene sprach der sunnitische Geistliche über den Verfall der Moral in der heutigen Zeit, verwerfliche sexuelle Freiheiten, verurteilte scharf Homosexualität mit einem Vergleich, der eigentlich nicht unwidersprochen hätte stehen bleiben dürfen. Doch Dialog war an diesem Morgen im Plenum nicht vorgesehen.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.