Papst Franziskus und Chile – ein Nachspiel

Papst Franziskus hat einen Vertrauten benannt, der in Chile mit Missbrauchsopfern über die Vorwürfe gegen Bischof Juan Barros Madrid sprechen soll. Dem Bischof von Orsono im Süden Chiles wird vorgeworfen, vor seiner Zeit als Bischof vom Missbrauch durch einen Priester erfahren zu haben und die Aufklärung behindert zu haben. Barros streitet das ab. Papst Franziskus hatte die Anschuldigungen während seines Besuchs in Chile vor knapp zwei Wochen zurückgewiesen und als Verleumdung bezeichnet. Bei der fliegenden Pressekonferenz auf dem Rückweg von Lateinamerika nach Rom Anfang letzter Woche entschuldigte er sich für seine Wortwahl, blieb aber in der Sache bei seiner Position. Die Kritik an seiner Haltung und an seinem Verhalten hielt daraufhin an.

Eine Pressekonferenz mit Folgen? Nun wollen Opfer mit dem vatikanischen Chefermittler über Bischof Barros sprechen. (Quelle: Erbacher)

Die Pressekonferenz und ihre Folgen

Die Entrüstung über die Worte von Papst Franziskus zum Fall Barros am letzten Tag seines Chilebesuchs war groß. So war es nicht verwunderlich, dass die fliegende Pressekonferenz auf dem Rückweg von Lima nach Rom beinahe nur ein Thema kannte: der Fall Barros, die Worte des Papstes und die Frage, ob es Indizien für eine Mitwisserschaft des Bischofs gibt oder nicht. Zunächst einmal zeigte Franziskus Verständnis dafür, dass seine Worte viele Opfer verletzt hatten. Seine Wortwahl sei unglücklich gewesen. Viele Missbrauchsopfer könnten keine Beweise für das Erlittene beibringen oder schämten sich, diese offenzulegen. Statt von „Beweisen“ müsse man richtiger von sicheren Indizien sprechen. Das Wort „Beweis“ habe die Opfer verletzt. Deshalb bitte er um Entschuldigung. „Den Papst sagen zu hören: ‚Bringt mir einen Brief mit dem Beweis‘, ist eine Ohrfeige“, so Franziskus bei der Pressekonferenz.

Er erklärte, dass er von der Unschuld des Bischofs überzeugt sei. Bisher könne man Barros trotz Nachforschungen kein schuldhaftes Verhalten nachweisen. Franziskus berichtete, dass Barros ihm zweimal bereits seinen Rücktritt angeboten habe. Doch er habe jedes Mal abgelehnt, weil dies einem Schuldeingeständnis gleichkommen würde. Der Papst wiederholte bei der Pressekonferenz auch, dass es aus seiner Sicht Verleumdung sei, „wenn man hartnäckig Anschuldigungen erhebt, ohne Nachweise zu haben“. Und die gebe es bisher nicht. Er sei allerdings der erste, der denjenigen anhören werde, der Indizien vorbringe. Teilweise klangen die Worte des Papstes damals schon wie eine Aufforderung an die Opfer, sich an die kirchlichen Stellen zu wenden. „Ich kann ihn nicht verurteilen, wenn ich keine, ich sage nicht Beweise, wenn ich keine Indizien habe. Und es gibt viele Arten um zu einem Indiz zu kommen. Klar?“

Opfer wollen „Elemente“ übergeben

Vielleicht ist jetzt durch das provokante Auftreten des Papstes Bewegung in die Angelegenheit gekommen. Immerhin spricht die Erklärung des vatikanischen Presseamts heute von „einigen Informationen, die jüngst eingegangen seien“. Franziskus beauftragte daher den Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, nach Chile zu reisen, um mit den Opfern zu sprechen. Aus der entsprechenden Vatikanerklärung geht hervor, dass Opfer „im Besitz von Elementen“ sind, die sie dem Papst vorlegen möchten. Scicluna ist einer der erfahrensten Kirchenmänner bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Vor seiner Zeit als Bischof in Malta war er lange Jahre in der Glaubenskongregation Chefermittler bei Missbrauchsfällen. Aktuell ist er zudem Leiter eines Gremiums der Glaubenskongregation, das sich mit Rekursen von Priestern beschäftigt, die wegen Missbrauchs oder Vertuschung verurteilt wurden.

Dass der Papst Scicluna schickt zeigt, dass er die Angelegenheit sehr ernst nimmt. Zugleich muss man aber feststellen, dass Franziskus kein glückliches Händchen bewiesen hat im Umgang mit der konkreten Situation vor Ort. Mit seinen schroffen Worten hat er das Vertrauen, das er durch seine Vergebungsbitte, die klaren Worte zur Aufarbeitung der Missbräuche und das Treffen mit Opfern in Chile wieder aufgebaut hatte, wieder zerschlagen. Der Vatikan dürfte mit der Entsendung eines ihrer erfahrensten Männer die Hoffnung verbinden, das nach Abschluss von dessen Mission Klarheit herrscht im Falle Barros und dann entweder Entscheidungen fallen oder die Anschuldigungen verstummen, sollte Scicluna zum selben Urteil kommen, wie der Papst – zumindest bis sich die Sachlage ändert.

Kinderschutzkommission wird weiter bestehen

Bei der Pressekonferenz hatte Franziskus auch bestätigt, dass die Arbeit der Päpstlichen Kinderschutzkommission fortgesetzt werden wird. Derzeit gehe es darum, die neuen Mitglieder auszuwählen. Es liege der Vorschlag auf dem Tisch, neben der Verlängerung einiger alten auch neue Mitglieder in das Gremium zu berufen. Franziskus hatte die Kinderschutzkommission Ende 2014 für die Dauer von drei Jahren eingerichtet. Sie sollte den Vatikan und die Bischofskonferenzen in aller Welt bei Prävention und Ahndung von sexuellem Missbrauch beraten. Die beiden in der Kommission vertretenen Missbrauchsopfer hatten sich vorzeitig aus dem Gremium verabschiedet. Geleitet wurde das Gremium von Kardinal Sean Patrick O’Malley. Der hatte Franziskus‘ Wortwahl zum Fall Barros in Chile ungewöhnlich scharf kritisiert und Verständnis gezeigt, dass die Opfer sich verletzt fühlten.

Sonst war die Pressekonferenz wenig ergiebig. Einmal mehr ist es dem Papst und seiner Entourage gelungen, die Fragen auf die Reise zu beschränken. So konnten viele Themen nicht angesprochen werden, die die Journalisten interessiert hatten. Lediglich zur „fliegenden Trauung“ gab es noch einige Informationen. So betonte Franziskus, dass das junge Paar durchaus einen Ehevorbereitungskurs besucht habe. Zwar nicht aktuell vor dem Flug, sondern vor der geplanten Trauung 2010. Er wollte eine klare Botschaft an alle diejenigen senden, die bereits in den sozialen Netzwerken von einem „Ausverkauf“ des Ehesakraments durch den Papst geschrieben hatten. „Sagt den Pfarrern, dass sie vorbereitet waren“, diktierte er den Journalisten in ihre Blöcke. „Die Sakramente sind für die Menschen da, alle Bedingungen waren klar. Und warum nicht heute tun, was man heute tun kann?“, fragte Franziskus.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

7 Kommentare

  • Michael Hauber
    01.02.2018, 21:22 Uhr.

    Ich möchte das Vorgehen des Papstes ausdrücklich loben. Er ist ja offenkundig bereit, seine Meinung zu ändern und auf sein Verhalten zu reflektieren – und offenbar ist er auch selbstkritisch. Gut so. Noch besser ist die neue Apostolische Konstitution zur Universitätstheologie. Das ist ein sehr ermutigendes Dokument, das mit der verzerrenden Situation, dass begabte Laiinnen und Laien zugunsten von weniger begabten Priestern ins Hintertreffen gerieten, Schluss macht.

  • Wanda
    02.02.2018, 3:32 Uhr.

    Ehevorbereitungskurs ? Womöglich bei einem dem Zölibat verpflichteten Fachmann ? Toll…

    • Silvia
      05.02.2018, 12:38 Uhr.

      Wanda
      02.02.2018, 3:32 Uhr.
      Ehevorbereitungskurse werden häufig von verheirateten Pastoralreferenten – und innen gehalten.

      Dabei geht es darum, den Brautpaaren vor der Trauung zu vermitteln, was das katholische EheSAKRAMENT überhaupt bedeutet, welche Voraussetzungen erforderlich sind, damit eine sakramental gültige katholische Ehe überhaupt zustande kommt und dass die Leute wissen, worauf sie sich dabei vor Gott und der Kirche einlassen.

      Wenn die Leute dann ehrlich wären, müssten die Meisten nach einem Ehevorbereitungskurs auf die katholische Trauung verzichten, was aber leider eher unwahrscheinlich ist.

      • Silvia
        05.02.2018, 16:01 Uhr.

        Des Weiteren wird die Liturgie der Trauung erklärt, Musikwünsche und sonstige Sonderwünsche des Brautpaares besprochen u.ä.

      • Michael Hauber
        06.02.2018, 16:20 Uhr.

        „Wenn die Leute dann ehrlich wären, müssten die Meisten nach einem Ehevorbereitungskurs auf die katholische Trauung verzichten, was aber leider eher unwahrscheinlich ist.“

        Warum?

        • Silvia
          07.02.2018, 11:54 Uhr.

          Michael Hauber
          06.02.2018, 16:20 Uhr.

          Weil die Wenigsten die Voraussetzungen für das Zustandekommen einer sakramental gültigen Ehe nach dem katholischen Eherecht erfüllen (wollen). Ist übrigens auch die Meinung von Papst Franziskus.

  • Novalis
    03.02.2018, 15:33 Uhr.

    Schau an, ein Papst, der dazulernt. Sein Vorgänger hat bei der mehr als berechtigten Kritik einer unbegründeten Rehabilitierung von Antisemiten die Vorwürfe personalisiert (als ginge es um sprungbereiten Hass gegen den armen, armen Benedikt und nicht vielmehr seine belegbare Grundsympathie mir Reaktionären), Franziskus dagegen denkt noch mal nach, und schaut nochmal hin. DAS ist Gewissenserforschung!

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