Der Papst in Lateinamerika – Tag 3

Es war der Tag der Mapuche bei dieser 22. Auslandsreise von Papst Franziskus. Am Morgen feierte er in Temuco, im angestammten Gebiet der Mapuche, einen Gottesdienst. Dabei machte er sich erneut für die Rechte der indigenen Völker stark, verurteilte aber zugleich Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele scharf. Beim Gottesdienst waren wiederholt Klänge aus der Tradition der Indigenen zu hören. Auffallend war, dass auf dem Platz, der 400.000 Menschen fassen konnte, nach offiziellen Angaben nur 150.000 Gläubige den Gottesdienst mitfeierten. Die hunderttausende Argentinier, von denen im Vorfeld in Medienberichten die Rede war, suchte man vergeblich. In seiner Predigt erwies Franziskus den Chilenen die Ehre, die während der Pinochet-Diktatur gefoltert oder getötet worden waren. Das Gebiet, in dem der Gottesdienst stattfand, ein Militärflugplatz, sei „der Ort schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen“, sagte der Papst. Beim Besuch der Katholischen Universität von Chile rief er am Abend einmal mehr zur Einheit im Land auf.

Papst Franziskus beim Mittagessen in Temuco. (Quelle: SPC)

Papst fordert „aktive Gewaltfreiheit“

Die Botschaft des Papstes unterschied sich nicht sehr von seinen Worten in vergleichbaren Situationen. Aber sie sollen Mahnung und Ermutigung in der konkreten Situation der indigenen Völker in Chile und dem ganzen Kontinent sein. Einheit bedeutet Vielfalt. „Die Einheit ist eine versöhnte Verschiedenheit, weil sie nicht duldet, dass die persönlichen oder gemeinschaftlichen Ungerechtigkeiten in ihrem Namen gerechtfertigt werden“, erklärte Franziskus. Immer wieder benutzte er das Wort „anerkennen“. Was damit gemeint war, ist klar: die Anerkennung der Rechte aller. „Wir brauchen einander mit unserer Verschiedenheit“, ist der Papst überzeugt. Statt mit Gewalt, sollte die „aktive Gewaltfreiheit“ zum „Stil einer Politik des Friedens“ werden, forderte er. „Man kann nicht Anerkennung verlangen, indem man den anderen vernichtet, weil dies nur zu größerer Gewalt und Spaltung führt“, sagte Franziskus.

Beim Mittagessen des Papstes in Temuco war dann auch eine Frau dabei, die Opfer extremistischer Gewalt geworden war. Außerdem hatte der Bischof der Stadt acht Mapuche, einen Siedler deutsch-schweizer Abstammung und einen haitianischen Flüchtling eingeladen. Die Rolle der Kirche im Verhältnis zu den Indigenen war heute kein Thema. Der Bischof von Temuco Hector Eduardo Vargas Bastidas sprach allerdings am Ende des Gottesdienstes von der „historischen Schuld des Staates“ gegenüber den Mapuche. Angesichts dieser scharfen Worte, hätte sicherlich auch etwas Selbstkritik gut getan.

Papst ermutigt Jugendliche

Zurück in Santiago de Chile traf sich Franziskus am Nachmittag mit Jugendlichen. Wie bei solchen Treffen üblich machte er der jungen Generation Mut, die Geschicke des Landes aktiv mitzugestalten. Davon dürften sie sich auch nicht von den Älteren abbringen lassen. Sie sollten Ungerechtigkeiten nicht akzeptieren und zu „Protagonisten der Geschichte“ werden. Das Bild, das Franziskus in seiner Ansprache als Leitfaden benutzte, wirkte etwas bemüht. Weil ein Jugendlicher ihm einmal gesagt habe, dass ihm ein leerer Akku und fehlendes WLAN die Laune verderbe, versuchte er diese Erfahrung auf den Glauben zu übertragen. Das entscheidende Passwort, so Franziskus, sei die Frage: „Was würde Jesus an meiner Stelle tun?“ Dieses Passwort sollten sie sich merken und möglichst in ihr Smartphone schreiben. Vermutlich hätten die Jugendlichen sein Anliegen auch ohne diese Vergleiche in die Welt der modernen Kommunikationsmittel verstanden.

Zum Abschluss des Tages machte Franziskus noch einen Abstecher an die Katholische Universität von Chile. Sie ist eine der bedeutendsten Universitäten Lateinamerikas. Viele führende Köpfe Chiles und anderer Länder des Kontinents haben hier studiert. Der Papst rief bei der Gelegenheit zu einer ganzheitlichen Bildung auf. Die Universität müsse „jegliche Fragmentierung des Wissens überwinden und zu einer wahrhaftigen universitas anregen“. Dabei sei es wichtig „alle einzubeziehen, die das soziale Geschehen und daher das Bildungsgeschehen mitgestalten“. Einmal mehr mahnte er an, „den Gemeinschaften der Ureinwohner mit ihren kulturellen Traditionen besondere Aufmerksamkeit zu widmen“. Sie müssten der „wesentliche Ansprechpartner werden, vor allem wenn man mit großen Projekten vordringt, die ihre Gebiete einbeziehen“.

Der Einsatz von Franziskus für die Indigenen zieht sich wie ein roter Faden durch die Tage hier in Chile. Weit weniger kommt das Thema der Ungerechtigkeit zur Sprache, das auch im wirtschaftlich starken Chile ein großes Problem ist, bis hinein ins Bildungswesen. Das chilenische Bildungssystem gilt als elitär. Selbst ein Studium an der Katholischen Universität von Chile können sich Kinder aus einfachen Verhältnissen in der Regel nicht leisten. Dass Franziskus hier keinen stärkeren Akzent beim Besuch der Universität gesetzt hat überrascht. Die Leistung dieser katholischen Vorzeigeeinrichtung soll nicht geschmälert werden; doch es war ein Termin bei Chiles Elite. Wenn Franziskus wirklich einen Kurswechsel für seine Kirche im Land will, dann wäre vielleicht noch ein Termin in einem der ärmeren Viertel der Stadt ganz gut gewesen.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.