Papst in Asien – die Pressekonferenz

Wie immer endet eine Auslandsreise von Papst Franziskus nicht mit dem Abflug im Gastland, sondern mit der „fliegenden Pressekonferenz“ auf dem Rückweg nach Rom. Gestern Abend nahm er sich eine gute Stunde Zeit, um die Fragen der rund 70 mitreisenden Journalisten zu beantworten. Wie schon während der knapp einwöchigen Reise waren die „Rohingya“ da bestimmende Thema. Franziskus wiederholte aber auch den Wunsch, nach China reisen zu können sowie seine scharfe Kritik am Besitz von Atomwaffen. Durch eine geschickte Regie von Seiten des Papstes, und einer Journalistenschar, die sich vom Papst hat lenken lassen, vermied Franziskus Fragen zu anderen Themen als der Reise.

Papst Franziskus hat viele aufmerksame Zuhörer. Unter anderem rechts im Gang der vatikanische Sicherheitschef Domenico Giani, den der Papst beim Treffen mit den Rohingya scharf zurechtgewiesen hatte, und den vatikanische Innenminister, Erzbischof Giovanni Angelo Becciu (daneben im weißen Talar), der sich vielleicht etwas sorgt, was Franziskus wohl erzählen wird. Neben dem Papst links sein Pressesprecher Greg Burke und rechts der Reisemarschall, der aus Kolumbien stammende Vatikandiplomat Mauricio Rueda Beltz. (Quelle: Erbacher)

Papst erklärt seine Diplomatie

Das Ankommen der Botschaft ist wichtiger als die Worte. So beschrieb Papst Franziskus sein Vorgehen beim Thema Rohingya während der Reise nach Myanmar und Bangladesch. Auf die Frage der Journalisten, warum er in Myanmar das Wort „Rohingya“ nicht verwendet habe sondern erst in Bangladesch, meinte Franziskus, dazu müsse man wissen, wie er zu kommunizieren versuche. „Für mich ist das wichtigste, dass die Botschaft ankommt.“ Daher müsse man versuchen, die Dinge Schritt für Schritt zu sagen. „Wenn ich in der offiziellen Rede das Wort verwendet hätte, hätte das gewirkt, als würde ich meinen Gesprächspartnern die Tür ins Gesicht schlagen.“ Deshalb habe er in der Rede die Situation beschrieben und von den Rechten der Minderheiten gesprochen, um dann in den privaten Gesprächen weiter gehen zu können.

Mit den privaten Gesprächen sei er zufrieden gewesen. Jeder habe seine Positionen darlegen können. Auf Nachfrage betonte er, dass er auch beim Treffen mit dem Armeechef in Myanmar klar gesprochen habe. „Ich habe die Wahrheit nicht verhandelt, aber ich habe es auf eine Weise gemacht, dass sie verstanden haben, dass ein Weg wie in den schlimmen Zeiten der Vergangenheit heute nicht mehr möglich ist.“ Franziskus legte Wert darauf, dass es zwei Arten von Begegnungen gebe. Einmal die, bei denen er zu jemandem hingehe; und dann die, wo er jemanden empfange. Die Militärs hätten um ein Gespräch gebeten und so habe er sie empfangen.

Das Gespräch war ursprünglich für den letzten Besuchstag in Myanmar geplant gewesen, wurde dann aber kurzfristig auf den Montag verschoben und war damit der erste Termin von Franziskus nach der Landung. Ob die Militärs damit deutlich machen wollten, dass sie das Sagen haben, wollte Franziskus weder bestätigen noch dementieren. Sie hätten um eine Verlegung gebeten, weil der Militärchef nach China habe reisen müssen. Welche Intentionen sonst dahinter steckten, wisse er nicht. „Mich interessierte der Dialog und dass er zu mir kommt.“ Er verschließe nie die Tür, betonte Franziskus. „Wenn man spricht, verliert man nichts, man gewinnt immer.“ Er habe auf jeden Fall den Eindruck gehabt, dass auch bei den Militärs seine Botschaft angekommen sei.

Papst: Habe geweint

Das interreligiöse Friedensgebet am Freitagnachmittag in Dhaka, an dessen Ende die Begegnung mit den Rohingyas stattfand, habe „das Herz aller“ bereitet. Der Ablauf des Treffens sei nicht im Detail geplant gewesen, erklärte Franziskus. Es sei aber eine Bedingung für die Reise gewesen, dass er Flüchtlinge treffen könne. Ein Besuch im großen Flüchtlingslager Cox’s Bazar hätte er sich gewünscht. Er sei aber aus verschiedenen Gründen nicht möglich gewesen. So sei eine Abordnung zu ihm gekommen. Franziskus ließ erkennen, dass er mit dem geplanten Ablauf der Begegnung nicht zufrieden war. Man habe den Flüchtlingen gesagt, sie dürften den Papst nicht ansprechen. Sie seien dann im Gänsemarsch zu ihm gekommen. „Das hat mir nicht gefallen.“ Dann habe man sie gleich wieder wegbringen wollen; da sei er wütend geworden. Schließlich sei er auch ein Sünder, so Franziskus. Er habe mehrfach gerufen: „Respekt!“ Daraufhin seien sie auf der Bühne geblieben. „Als ich sie angehört hatte, habe ich etwas in mir gespürt; ich konnte sie nicht ohne ein Wort gehen lassen.“ Dann habe er um Vergebung gebeten. „In diesem Moment habe ich geweint. Ich versuchte, dass man es nicht sieht. Sie haben auch geweint.“ Er habe das Gefühl, dass die Botschaft angekommen sei. Zumindest habe er im Nachgang keine größere Kritik vernommen.

Franziskus unterstrich auf Nachfrage, dass die Rohingya ein friedliches Volk seien. Wie in jeder Religion, auch bei den Katholiken, gebe es Fundamentalisten. Terroristische Gruppen versuchten von den Problemen der Rohingya zu profitieren und die Militärs rechtfertigten wiederum ihr Vorgehen mit dem Kampf gegen die Extremisten. Es gebe auch Rohingya, die sich dem Isis angeschlossen hätten, doch das ist aus Sicht des Papstes ein „kleines fundamentalistisches Grüppchen“. „Das machen die Extremisten: sie rechtfertigen die Intervention, die die Guten und die Bösen vernichtet.“

Franziskus zu Atomwaffen

Warum verurteilt Franziskus den Besitz von Atomwaffen? Schließlich hat Johannes Paul II. 1982 die nukleare Abschreckung als „moralisch akzeptabel“ bezeichnet. Was hat sich geändert? „Die Irrationalität“, so Franziskus kurz und knapp. Seit der Zeit von Johannes Paul II. habe sich viel verändert. „Heute sind wir an der Grenze der Zulässigkeit, nukleare Waffen zu besitzen und zu benutzen.“ Denn man könne damit die ganze Menschheit oder zumindest große Teile der Menschheit zerstören, begründete Franziskus seine Position. „Das hat sich verändert: das Wachsen der Bewaffnung, die immer ausgefeilteren Waffen, die in der Lage sind die Personen zu zerstören ohne die Strukturen zu verändern.“ Daher stelle er sich die Frage, ob es heute noch legitim sei, diese nuklearen Waffenarsenale, wie sie bestehen, zu besitzen oder ob es zum Schutz der Schöpfung und der Menschheit nicht notwendig sei umzukehren? Das frage er sich als Papst, nicht im Sinne des Lehramts. Er erinnerte an die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Ob bei seiner Positionierung in der Frage der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea eine Rolle gespielt habe, wurde zwar in der Frage gestellt. Doch Franziskus ging darauf nicht ein.

Was nächste Reisen anbetrifft, erklärte der Papst, dass er nach wie vor gerne nach China reisen würde. Es gäbe Kontakte auf der Ebene der kulturellen Zusammenarbeit. Daneben gebe es die politischen Gespräche auf höchster Ebene. Man müsse Schritt für Schritt vorangehen mit Feingefühl und Geduld. „Ich glaube, eine Reise nach China wäre für alle gut. Es würde mir sehr gefallen, sie zu machen!“ Es gebe aber noch keinerlei Vorbereitungen dafür. Indien, das er eigentlich jetzt zusammen mit Bangladesch besuchen wollte, hoffe er 2018 besuchen zu können, „wenn ich lebe“. Es habe sich gezeigt, dass für Indien eine eigene Reise notwendig sei, weil man viele verschiedene Regionen besuchen müsse. Bisher gibt es aber auch für Indien keine konkreten Planungen. Für 2018 ist bisher nur die Reise nach Chile und Peru Mitte Januar bestätigt. Aus Lettland, Litauen und Estland kam vor wenigen Tagen die Nachricht, Franziskus wolle im September das Baltikum besuchen. Aus dem Vatikan gibt es dafür bisher keine Bestätigung.

List und Ehrgeiz bei der Pressekonferenz

Es war eine lange Pressekonferenz, aber mit einem überschaubaren Output. Die Journalisten hatten mehr als ein Dutzend Fragen zu unterschiedlichsten Themen vorbereitet, etwa zur Nichtverlängerung des Mandats von Kardinal Müller oder zu den aktuellen Vorgängen im IOR, wo vor wenigen Tagen ein führender Mitarbeiter fristlos entlassen wurde. Doch Franziskus verhinderte, bewusst oder unbewusst, durch einen geschickten Schachzug, dass die Fragesteller nicht zum Zuge kamen. Als die dritte Frage bereits nicht mehr zu Reise war sondern zu den Atomwaffen, wollte er wissen, ob es denn keine weiteren Fragen zur Reise gäbe. „War sie so uninteressant?“ Daraufhin schnellten nach kurzem Zögern die Hände von gefühlt 70 ehrgeizigen Journalisten in die Höhe, die alle plötzlich eine Frage zur Reise hatten. Damit konnte der Papst eine lange Pressekonferenz bestreiten und diese nach einer guten Stunde mit dem Hinweis auf das Abendessen ohne schlechtes Gewissen beenden. Zurück blieben etwas verwunderte Journalisten, die sich ärgerten, dass die anderen Fragen jenseits der Reise nicht mehr drankamen. Wenn man berücksichtigt, wie schwierig die Diskussionen in manchen Sprachgruppen vor dem Abflug über Inhalt und Formulierung einzelner Fragen waren, um die Pressekonferenz möglichst breit anzulegen, verwundert es umso mehr, wie das Ganze nachher so schief gehen konnte. War es die Bauernschläue des Papstes oder der Ehrgeiz der Journalisten, der Franziskus gestern Abend manche unangenehme Frage ersparte?

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

3 Kommentare

  • Wanda
    05.12.2017, 17:13 Uhr.

    Dieses Blog dümpelt so vor sich hin, dabei gibt es wirklich Kommentar- und Diskussionswürdiges:
    – Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ex-Präfekt der Glaubenskongregation, kann es nicht lassen: in einem Interview bei „Report München“ mit seiner Kritik an der Amtsführung und theologischen Kompetenz Franziskus´ nachgelegt.
    Interessant dabei ein Kommentar der überwiegend positiven Reaktionen des einfachen Kirchenvolkes auf Franziskus bei gleichzeitig negativer Wertung zum Verhalten des nachtretenden Kardinals „die römische Kurie ist die Mafia der katholischen Kirche“…

    • neuhamsterdam
      05.12.2017, 19:32 Uhr.

      Im dortigen Kommentarbereich sind derzeit keine Einträge vorhanden. Ergo: Die Mafia gibt es nicht. Jedenfalls nicht in Bayern. Wo kämen wir denn dann dahin. Und wenn es die Mafia gegeben hätte, dann hat sie der Krampus mitgenommen. Was auf das gleiche hinausläuft. Keine Mafia.

    • Silberdistel
      06.12.2017, 10:33 Uhr.

      Wanda
      05.12., 17:13 h
      Der Papst mit unserem geschätzten blogmoderator sind auf Asienreise und schon tanzen die vatikanischen Kirchenmäuschen auf dem Tisch: Müller sieht im Papstschreiben »Amoris laetitia« also theologische Schwächen… Als wenn solche ´theologische Schwächen´ nicht selbst immerfort gerade an der Glaubenskongregation gewachsen wären, so wie anderswo Furunkel. Wenn es nach Müller ginge, hätte sich auch die Glaubenskongregation wohl nie reformiert und wir wären heutzutage noch im Genuß der ´heiligen´ „Kongregation der römischen und allgemeinen Inquisition“, der am Besten ER natürlich vorstünde.
      Die Kurie sollte sich besser nicht an ihrer selbsternannten „theologischen Kompetenz“ orientieren, sondern lieber an den Worten des Religionsstifers, dem sie doch Nachfolge gelobt haben. – Dann würde es vielleicht auch damit klappen, das ihr nicht ebenfalls immerwährend der Schwefelgeruch der Mafia anhängt.

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