Ein neuer Erzbischof und eine Enzyklika

Berlin bekommt einen neuen Erzbischof. Das Domkapitel hat gewählt; in wenigen Tagen wird der Gewählte dann von Papst Franziskus offiziell ernannt werden: Heiner Koch. Der ehemalige Kölner Weihbischof war erst Anfang 2013 zum Bischof von Dresden-Meißen ernannt worden. Ebenfalls noch nicht bestätigt, aber doch sehr wahrscheinlich ist der Titel der Ökologieenzyklika von Papst Franziskus: „Laudato si“ soll das zweite große Lehrschreiben von Franziskus heißen, in Anlehnung an den Sonnengesang des heiligen Franziskus. Das Dokument soll nach bisheriger Planung am 16. Juni veröffentlicht werden. In der vergangenen Woche standen im Vatikan einmal mehr die Finanzen im Mittelpunkt. Sowohl die Vatikanbank IOR als auch die vatikanische Finanzaufsichtsbehörde AIF stellten ihre Jahresberichte vor. Am Freitag tagte dann auch noch der Wirtschaftsrat unter Leitung von Kardinal Reinhard Marx.

Schon 2011 als Kandidat gehandelt

Seine Ernennung kommt am Ende doch überraschend. Der Name des 60-jährigen Heiner Koch war in den vergangenen Monaten nur selten genannt worden, wenn es um die Nachfolge von Kardinal Rainer Maria Woelki als Erzbischof von Berlin ging. Das war 2011 anders. Damals fiel der Name Koch oft als möglicher Nachfolger des verstorbenen Kardinals Georg Sterzinsky. Doch zur Überraschung vieler wurde ein anderer Kölner Weihbischof Bischof in der Hauptstadt: Woelki. Jetzt kommt Koch mit einer Verzögerung von vier Jahren doch an die Spree.

Andere, die in den vergangenen Wochen als mögliche Kandidaten gehandelt wurden und sicher auch gerne nach Berlin gewechselt wären, haben nun das Nachsehen: der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, der Augsburger Weihbischof Anton Losinger oder auch der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz Hans Langendörfer. Die Berliner selbst hätten sich auch gut ihren Diözesanadministrator und früheren Generalvikar Tobias Przytarski vorstellen können. Doch der hatte wiederholt signalisiert, dass er den Posten nicht übernehmen wolle; und auch in Rom gab es Vorbehalte gegen den Prälaten. Der Versuch des Nuntius, dem Vatikan für Berlin „neue Kandidaten“ zu präsentieren, also Kleriker, die noch nicht Diözesan- oder Weihbischöfe sind, hatte keinen Erfolg. Das zögerte das Verfahren am Ende hinaus. Man wollte in Berlin einen erfahrenen Bischof. Allerdings sind die acht Monate Vakanz, die Berlin seit dem Weggang Woelkis im September 2014 nun hinter sich hat, für ein deutsches Bistum noch immer eine normale Länge.

Katholischer Rheinländer in der Diaspora

Koch hat sich in den vergangenen zwei Jahren geräuschlos in die Situation der Katholiken in Ostdeutschland „eingearbeitet“. Für den Rheinländer, der aus dem katholischen Köln, einem der finanzstärksten Bistümer der Welt, kommt, war das eine große Umstellung: Diaspora, wenig Verwaltung und wenig Geld. Doch Koch ging seine neue Aufgabe beherzt an. Lernte schnell, in der neuen und ungewohnten Umgebung zu agieren. Bei der Weihe der Leipziger Propsteikirche vor wenigen Wochen sagte er: „Wir sind dankbar für Sie, die Ungetauften, die Sie mit Ihren Lebenserfahrungen, mit Ihrem Suchen und Ihrem Fragen für uns ein Reichtum sind, lebens- und glaubensbedeutsam.“

Koch ist der Familienbischof der Deutschen Bischofskonferenz. In dieser Funktion wird er auch am der Ordentlichen Bischofssynode im Herbst im Vatikan teilnehmen. Er steht für den Mehrheitskurs der Bischofskonferenz, die im Sinne Kardinal Walter Kaspers sich eine Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre vorstellen können; sei dies beim Thema wiederverheiratete Geschiedene oder in anderen Bereichen. Ob Koch auch bei einem der nächsten Konsistorien Kardinal wird, ist ungewiss. Zwar ist Berlin traditionell ein Kardinalssitz. Doch im Pontifikat von Papst Franziskus mussten schon andere „traditionelle Kardinalssitze“ wie Turin, Venedig oder Madrid warten. Wenn Franziskus den Akzent stärker auf die Länder des Südens legen möchte, werden Bistümer im Norden auf lange Sicht leer ausgehen. Doch bis zum nächsten Konsistorium zur Kreierung neuer Kardinäle ist noch Zeit.

Enzyklika schon vor Publikation in der Kritik

Die bleibt für die neue Enzyklika von Papst Franziskus nicht mehr. In zwei Wochen soll sie publiziert werden; wenn es nicht auf der Zielgeraden noch Probleme bei den Übersetzungen gibt. Die bringen besondere Herausforderungen. So ist dem Vernehmen nach die Originalsprache des Textes Spanisch, für den Vatikan ungewohnt. Zudem sind viele Fachbegriffe und – formulierungen enthalten, die mit großer Sorgfalt übersetzt werden müssen. Bei theologischen Sachverhalten gibt es bereits viel Erfahrung bei der Übersetzung; die neue Enzyklika betritt aber durchaus ungewohntes Terrain. Das ist nicht immer einfach. Zumal das Lehrschreiben von Beginn an in möglichst vielen Sprachen  zur Verfügung stehen soll, darunter auch Arabisch und Chinesisch. Ob das gelingt, bleibt noch abzuwarten.

Der Vatikan hat zudem eine kleine Arbeitsgruppe eingerichtet, um die Veröffentlichung vorzubereiten. So soll es Zusammenfassungen geben; aber auch sehr schnell Einschätzungen von Experten zu dem Schreiben. Das wird, obwohl noch nicht veröffentlicht, bereits heftig diskutiert, in vielen Blogs im englischsprachigen Raum, aber auch der hier bereits oft erwähnte Vatikanist und Franziskuskritiker Sandro Magister lässt erste Kritiker zur Wort kommen, noch bevor Näheres bekannt ist. Die Enzyklika wird nach der Veröffentlichung sicher viel Anlass für Kritik und Diskussion bieten. Aber man sollte doch die Publikation abwarten. Schließlich ist zu erwarten, dass ein Papst aus dem Süden das Thema „Bewahrung der Schöpfung“ auch stark aus der „südlichen Perspektive“ anpacken wird. Und der Umgang der Schöpfung hängt ganz entscheidend mit dem Lebensstil der Menschen zusammen und dieser wiederum mit den Gesellschafts- und Wirtschaftsmodellen. Wer hier die einschlägigen Aussagen von Franziskus heranzieht, kann sich gut vorstellen, was die Öffentlichkeit Mitte Juni erwartet.

Autorenbild

Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.