Kaninchen, Kurie und Missbrauch

Nach den Schlagzeilen um seine Kaninchen-Aussage in Bezug auf kinderreiche Familien, hat Papst Franziskus gerade diese Familien am Mittwoch bei der Generalaudienz gelobt. Was wie ein eiernder Papst wirkt, passt ganz in die Linie dieses Pontifex: Kinder sind ein Segen, ja; aber nicht um jeden Preis. Dieser Papst denkt und spricht nicht in Schwarz und Weiß, sondern mit Zwischentönen. Das macht das Verstehen seiner Positionen schwierig, führt zu Irritationen und nicht gerechtfertigten Vereinnahmungen von unterschiedlichen Seiten, Reformern wie Reformgegnern, Progressiven wie Konservativen. Der Vatikan hat am Mittwoch zudem die Zusammensetzung der Kommission bekannt gegeben, die sich mit Rekursen von Klerikern beschäftigt, die im Rahmen von Missbrauchsverfahren durch die Glaubenskongregation verurteilt wurden.

Rückblick auf Asienreise

Es ist üblich, dass der Papst bei der ersten Generalaudienz nach einer Auslandsreise eine Bilanz zieht. Das machte Franziskus gestern und äußerte sich dabei auch zum Thema „kinderreiche Familien“. Er wies die Vorstellung zurück, die hohen Geburtszahlen in bestimmten Ländern seien eine Hauptursache für Armut. Diese Erklärung sei zu einfach, so Franziskus. Er sieht die Verantwortung vor allem in einem „Wirtschaftssystem, das den Menschen aus dem Zentrum verdrängt hat und an seine Stelle den Gott Geld gesetzt hat“. Was im ersten Moment wie ein Widerspruch zur Kaninchen-Aussage wirkt, passt in die Linie von Papst Franziskus.

Mehrfach hat er in der Vergangenheit beklagt, dass es beim Problem „Armut“ um eine falsche Verteilung der Ressourcen geht. Die einen leben im Überfluss, haben es sich in einer Kultur des Wegwerfens und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal derer in Not bequem eingerichtet. Unterstützt werde dies noch die den Primat der Wirtschaft über Politik und den Menschen. Und auf der anderen Seite leben die Verlierer dieses „kranken“ Gesellschaftsmodells. Für Franziskus liegt damit der Schlüssel zum Kampf gegen die Armut, in „guter“ katholischer Tradition, nicht in einer Bevölkerungsregulierung, sondern in der Reform der Wirtschafts- und Sozialsysteme sowie einer Rückbesinnung darauf, dass der Mensch im Mittelpunkt wirtschaftlichen und politischen Handelns stehen muss, nicht Geld, Macht und Gewinn.

Gleichzeitig mahnt er die Familien zu einer „verantwortlichen Elternschaft“. Das ist auch eine klare Botschaft an die Familien, die in Armut leben. Wenn ich Kinder in die Welt setze, dann muss ich mir vorher überlegt haben, ob ich diesen auch ein Leben in Würde ermöglichen kann. Das Beispiel der Frau mit den sieben Kaiserschnitt-Geburten bei der fliegenden Pressekonferenz zeigt, dass „verantwortliche Elternschaft“ neben dem Wohl der Kinder auch das der Eltern, der ganzen Familie im Blick haben muss.

Thema Missbrauch

Der Vatikan hat am Mittwoch endlich die Zusammensetzung der Sonderkommission bekannt gegeben, die sich mit Rekursen von Klerikern in Verfahren zu Missbrauchsfällen beschäftigen soll. Das Gremium ist in der Glaubenskongregation angesiedelt. Chef der „Sonderkollegiums“ wird der maltesische Weihbischof Charles J. Scicluna. Er war von 2002 bis 2012 in der Glaubenskongregation für die Behandlung der Missbrauchsfälle zuständig und gilt als einer der führenden Experten auf dem Gebiet. Zudem hat Papst Franziskus in die Kommission ernannt: den Chef der Bildungskongregation Kardinal Zenon Grocholewksi, den ehemaligen Chef der Päpstlichen Güterverwaltung, Kardinal Attilio Nicora, den Präsidenten des vatikanischen Justizministeriums Kardinal Francesco Coccopalmerio sowie den zweiten Mann im Justizministerium Erzbischof Juan Ignacio Arrieta Ochoa de Chinchetru und schließlich den emeritierten Erzbischof von Rosario in Argentinien, José Luis Mollaghan. Letzterer war vor einigen Monaten von Papst Franziskus nach Schwierigkeiten im Bistum als Bischof der argentinischen Diözese abgesetzt worden. Als stellvertretende Mitglieder ernannte der Papst den früheren vatikanischen Justizminister Kardinal Julian Herranz sowie Erzbischof Giorgio Corbellini, der unter anderem Chef der Disziplinarkommission der Römischen Kurie ist. Mit dem Gremium möchte Papst Franziskus die Bearbeitung von Missbrauchsfällen beschleunigen. Bisher wurden alle Rekurse in der alle zwei Wochen stattfindenden Vollversammlung der Glaubenskongregation behandelt. Dort werden künftig nur noch die Rekurse bearbeitet, die Bischöfe betreffen. Alle anderen werden von der neuen Kommission entschieden, der übrigens der Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, nicht angehört. Dies macht deshalb Sinn, weil die Kommission ja Rekurse behandelt von Verfahren, die Müller in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation zuvor mitentschieden hat. D.h. hier herrscht zumindest eine gewisse Form der „Gewaltenteilung“.

Kurienreform

Interessant ist übrigens noch eine kleine Personalie vom Montag, die im Papstreisetrubel unterging. Franziskus hat im Päpstlichen Rat für Justitia et Pax, also dem Sozialministerium, den Posten des 2. Mannes hinter dem Präsidenten, Kardinal Peter Turkson, geräumt. Den bisherigen Sekretär, so der Titel des zweithöchsten Hierarchen in einem Päpstlichen Rat, Erzbischof Mario Toso, hat er zum Bischof des italienischen Bistums Faenza-Modigliana ernannt. Einen Nachfolger für Toso im Sozialministerium benannte er nicht. Dies dürfte ein weiterer Schritt zur Vorbereitung der Fusion mehrere Päpstlicher Räte zu einem neuen Caritasministerium sein, in dem zumindest die beiden Räte Justitia et Pax und Cor Unum aufgehen sollen; eventuell auch noch der Migrantenrat. Bereits vor Wochen hatte Franziskus den langjährigen Chef des Entwicklungshilfeministeriums, Cor Unum, Kardinal Robert Sarah, versetzt und ihm zum neuen Chef der Gottesdienstkongregation gemacht.

Damit ist bei Cor Unum der Chefposten und bei Justitia et Pax der Posten des 2. Mannes jetzt vakant. Bei einer Fusion würde sich dies gut zusammenfügen. Diese Fusion könnte schon sehr bald vollzogen werden. Für Mitte Februar hat Papst Franziskus alle Kardinäle zu einer Versammlung nach Rom zusammengerufen. Dabei will er mit ihnen über die anstehende Kurienreform beraten. Zwar soll diese Reform zu einem völlig neuen Design der Kurie führen und wird damit bis zu ihrer vollständigen Umsetzung auch noch einige Zeit dauern; doch könnten erste Schritte, wie die beschriebene Fusion, bereits in Kürze erfolgen. Zumal bis 1995 die beiden Räte Justitia et Pax und Cor Unum von einem Präsidenten in Personalunion geführt wurden. Johannes Paul II. hatte im Dezember 1995 den damaligen Erzbischof und späteren Kardinal Paul Josef Cordes zum ersten „Vollzeit-Präsidenten“ ernannt. Würde Kardinal Turkson, bisher Chef von Justitia et Pax, jetzt auch die Leitung von Cor Unum übernehmen, wäre dies also lediglich eine Wiederherstellung des Zustandes, der seit den 1970er Jahren bestand.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.