Papst: Zu viele Tränen zu Weihnachten

Papst Franziskus hat seine Weihnachtsbotschaft dazu genutzt, zu Frieden und Versöhnung in der Welt aufzurufen. Er kritisierte eine Haltung der Gleichgültigkeit und der Weltlichkeit vieler Männer und Frauen, deren Herzen verhärtet sein. Bereits in der Christmette hatte er fehlende Zuneigung in der Welt beklagt. In seiner Weihnachtsbotschaft forderte Franziskus mehr Schutz vor allem für Kinder. In diesem Zusammenhang kritisierte er die Ausbeutung von Kindern, Abtreibung und Menschenhandel. Der Papst benannte die Krisenherde der Welt und fordert mehr Unterstützung für Flüchtlinge. Gestern Nachmittag hatte Franziskus mit Flüchtlingen in einem Flüchtlingslager im nordirakischen Erbil telefoniert und ihnen seine Solidarität versichert. Zu Weihnachten hatte er den Christen im Nahen Osten in einem eigenen Brief Mut zugesprochen.

Papst erinnert an Leid der Kinder

Es war eine der kürzesten Weihnachtsbotschaften eines Papstes in den letzten Jahren. Vielleicht hatte Franziskus auch den Eindruck, dass der Worte bereits viel gesagt sind. So verzichtete er auch auf eigene Weihnachtsgrüße nach dem traditionellen Segen Urbi et Orbi. Kurz vor Beginn der Veranstaltung hieß es noch, der Papst werde anschließend noch frei einige Grüße an die Welt richten. Doch dann kam nichts. Gesagt hatte er davor schon vieles – in der Predigt der Christmette, in der Weihnachtsbotschaft heute, in seinem Brief an die Christen im Nahen Osten und in der Weihnachtsansprache an die Römische Kurie. Jeder hatte sein „Päckchen“ bekommen.

Franziskus sprach in spontan der Weihnachtsansprache hinzugefügten Worten von den „vielen ‚Herodes‘ unserer Zeit“. Er erinnerte an die Kinder, „die aufgrund von Kriegen und Verfolgungen vertrieben werden, missbraucht und ausgebeutet unter unseren Augen und unserem begünstigendem Schweigen“. Er erinnerte an die Kinder, „die getötet werden, bevor sie das Licht der Welt erblicken, denen die großherzige Liebe ihrer Eltern vorenthalten wird und die im Egoismus einer Kultur begraben werden, die das Leben nicht liebt“. Er erinnerte an die Kinder, „die unter Bombardierungen massakriert werden, auch dort, wo der Sohn Jesu geboren wurde“.

Einmal mehr forderte Franziskus alle Anstrengungen zu unterstützen, „die sich tatkräftig für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern einsetzen“. Mit Blick auf die Ukraine mahnte er, Hass und Gewalt zu besiegen und Wege der Versöhnung zu beschreiten. Er sprach die Konflikte in verschiedenen afrikanischen Ländern sowie in Syrien und im Irak an und verurteilte die „grausame Verfolgung“ unter der die Angehörigen verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen dort zu leiden haben. Wie schon in seinem Brief an die Christen im Nahen Osten nennt Franziskus die Terrormiliz IS nicht beim Namen. Doch er verurteilt das brutale Vorgehen aufs schärfste.

Kritik an Gleichtgültigkeit gegenüber Leid

Franziskus hatte für die politisch Verantwortlichen der Welt ein Päckchen, aber auch für jeden einzelnen Gläubigen. Etwa wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen ging. „Weihnachten verwandle Gleichgültigkeit in Nähe und Ablehnung in Aufnahme“, so Franziskus heute. In der Christmette stellte er fest: „Wie sehr braucht doch die Welt von heute Zärtlichkeit.“ Und stellte die Frage: „Haben wir den Mut, mit Zärtlichkeit die schwierigen Situationen und die Probleme des Menschen neben uns mitzutragen, oder ziehen wir es vor, sachliche Lösungen zu suchen, die vielleicht effizient sind, aber der Glut des Evangeliums entbehren?“

Interessant ist, dass Franziskus sowohl in der Christmette als auch in der Weihnachtsbotschaft betont, dass es gerade die einfachen Menschen waren, etwa die Hirten, die die Botschaft Gottes an Weihnachten sofort verstanden hätten. „Das einfache Volk hat das Licht gesehen; jene, die bereit waren, die Gabe Gottes anzunehmen. Nicht gesehen haben es die Überheblichen, die Stolzen, diejenigen, die die Gesetze nach ihren persönlichen Maßstäben festlegen, die in ihrer Haltung verschlossen sind“, stellte er in der Christmette fest.

Waffen zu Pflugscharen, Zerstörung in Kreativität, Hass in Liebe und Zärtlichkeit verwandeln, das ist die Botschaft von Papst Franziskus zu Weihnachten 2014. Die Forderungen sind nicht neu, aber eine große politische Macht hat er keine, um Veränderungen voranzubringen. Was ihm bleibt, sind die Worte, mit denen er immer wieder aufrütteln kann – und seine moralische Autorität, die er, das haben die Vermittlungsbemühungen im Falle der USA und Kubas gezeigt, mit Beharrlichkeit und einer gewissen bescheidenen, aber bisweilen doch auch beharrlichen bis sturen Penetranz geschickt zu nutzen weiß.

Auffallend ist, dass für Franziskus an Weihnachten 2014 der Nahe Osten im Mittelpunkt zu stehen schien. Er verlor kein Wort der Freude über die Annäherung zwischen Kuba und den USA; Lateinamerika kam heute nicht vor, auch Asien nicht, von der Solidaritätsbekundung gegenüber den Opfern des jüngsten Anschlags auf eine Schule in Pakistan abgesehen. Der Nahe Osten ist nach wie vor ein Schlüssel für viele Konflikte. Darauf konzentriert sich Franziskus in diesen Tagen. Beim Weihnachtssegen heute wirkte er sehr ernst. Als wolle er damit seinen Forderungen noch mehr Nachdruck verleihen.

P.S. Wir wünschen allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

P.P.S. Einer der beiden Kardinäle, die heute mit Papst Franziskus beim Urbi et Orbi mit auf der Mittelloggia des Petersdoms standen, war Kardinal Gerhard Müller. Beobachter werten dies als Zeichen der besonderen Wertschätzung des Papstes gegenüber dem Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation. Der Papst wird immer von zwei Kardinälen begleitet: dem Kardinalprotodiakon und einem frei gewählten Kardinal aus der Klasse der Kardinaldiakone, der die meisten Kurienkardinäle angehören. Da der Kardinalprotodiakon, Renato Martino, verhindert war, wurde er von Kardinal Franc Rode vertreten, dem rangzweiten Kardinaldiakon. Kardinal Müller war frei ausgewählt worden.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.