Finanzskandal, Papstinterview und Kurienreform

Der Advent ist in diesem Jahr auch im Vatikan eine unruhige Zeit. Am Wochenende wurde bekannt, dass die vatikanische Staatsanwaltschaft gegen zwei ehemalige Manager der Vatikanbank ermittelt. Sie sollen Millionen veruntreut haben. Ab Morgen tagt der K9-Kardinalsrat im Vatikan und dürfte entscheidende Weichen für die geplante Kurienreform stellen. Dazu gab es am Wochenende ein großes Interview, in dem Papst Franziskus zu aktuellen Fragen Stellung bezog, von den Diskussionen rund um die Synode bis hin zum Vorwurf, es gebe in seinem Pontifikat „Konfusion“ in der katholischen Kirche. Und auch der emeritierte Papst meldete sich über eine deutsche Sonntagszeitung zu Wort.

Ex-Vatikanbankchefs – Vatikan ermittelt

Es ist für vatikanische Verhältnisse durchaus ein ungewöhnlicher Vorgang, dass eine Vatikanbehörde Anzeige gegen ehemalige Mitarbeiter erstattet. Es zeigt aber, dass der Säuberungsprozess im Bereich der Vatikanfinanzen, den Papst Benedikt XVI. kurz vor Ende seiner Amtszeit eingeläutet hat, erste Früchte trägt. Die Vatikanbank IOR und auch Vatikansprecher Federico Lombardi bestätigten am Samstag, dass sie zwei ehemalige Manager und einen Anwalt angezeigt habe wegen Vorgänge, die sich zwischen 2001 bis 2008 ereignet haben sollen. Die Konten der Betroffenen beim IOR seien beschlagnahmt worden. Aufgefallen seien die Unregelmäßigkeiten bei der Überprüfung aller IOR-Konten, die Anfang 2013 gestartet wurde. Weitere Angaben machte der Vatikan mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht.

Mehr Informationen hatten die Nachrichtenagentur Reuters  sowie italienische Medien parat, auf deren Veröffentlichungen hin der Vatikan mit seinen Erklärungen am Wochenende reagierte. Demnach geht es bei der Angelegenheit um die Veruntreuung von rund 60 Millionen Euro im Rahmen dubioser Immobiliengeschäfte durch den früheren IOR-Manager Angelo Caloia und den Ex-IOR-Generaldirektor Lelio Scaletti. Sie sollen in dem genannten Zeitraum 29 Vatikan-Immobilien verkauft haben und dabei in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Der Anwalt Gabriele Liuzzo, gegen den ebenfalls ermittelt wird, erklärte gegenüber Reuters, die Ermittlungen seien „Müll“; alle Gelder seien damals der Bank zugute gekommen. Die Ermittlungen dauern an. Sie sind allerdings ein positives Zeichen, auch wenn der Vatikan sich erst nach Medienrecherchen den Vorgang bestätigt und nicht von sich aus informiert hatte.

Der Vorgang hat übrigens nichts mit den Millionen zu tun, über die vergangene Woche Kardinal George Pell berichtete und über die ja hier im Blog auch schon diskutiert wurde. Es ist schlicht so, dass in der Vergangenheit die einzelnen Vatikanbehörden in finanziellen Belangen eine weitgehende Autonomie hatten. Sie mussten zwar eine Art Haushalt aufstellen mit einer Bedarfsanmeldung an Mitteln für das jeweils kommende Jahr. Doch wie diese Mittel dann investiert wurden, oblag der einzelnen Behörde. Wenn Mittel nicht voll aufgebraucht wurden, konnten sie auch „kreativ geparkt“ werden. Das soll sich nun ändern; und das ist gut so. Allerdings habe ich vor wenigen Tagen bei einem Gespräch in einem Dikasterium sehr deutlich spüren können, dass die Widerstände gegen die neue Haushaltspolitik enorm sind. Da wird auf die Eigenständigkeit der jeweiligen Behörde gepocht und das bekannte Argument bemüht: „Das haben wir schon immer so und nicht anders gemacht.“ Hier wird Kardinal Pell noch so manches dicke Brett zu bohren haben.

Debatte über Kurienreform

Sicher werden die Widerstände bzw. das Thema Finanzen auch noch einmal beim K9-Kardianlsrat besprochen werden, der von morgen ab bis Donnerstag im Vatikan tagt. Hauptthema soll allerdings die anstehende Kurienreform sein. Vor einer Woche hatte Papst Franziskus die Vorschläge mit den Leitern der Vatikanbehörden diskutiert. Nun geht es darum, deren Rückmeldungen wieder mit seinem engsten Beraterkreis zu erörtern. Bereits vor Wochen wurden von den einzelnen Dikasterien Vorschläge erbeten, welche Aufgaben künftig nicht mehr im Vatikan sondern auf Ebene der Bischofskonferenzen erledigt werden könnten, um so eine Entlastung der Vatikanbehörden, vor allem aber eine Dezentralisierung zu erreichen. Die Optionen für den neuen Zuschnitt der Kurie sind die seit langer Zeit diskutierten: Die Päpstlichen Räte werden aufgelöst und in neue Kongregationen fusioniert: Laien und Familie zur Laienkongregation; Justitia et Pax, Cor Unum, Migranten und Krankenpastoral zur Caritaskongregation. Die Frage ist, was mit den Räten für Kultur, Ökumene und interreligiösen Dialog wird. Gibt es eine große Dialogkongregation? Kommt die Kultur zur Bildungskongregation? Und was ist mit dem Neuevangelisierungsrat? Der Päpstliche Medienrat dürfte im Rahmen der Reform des gesamten Vatikan-Medienbereichs eine neue Bestimmung finden. Bleibt schließlich noch der Justizrat, der in seiner Aufgabenstellung allerdings unique ist.

Franziskus gibt großes Interview

Das Interview von Papst Franziskus in der argentinischen Tageszeitung La Nacion ist so reich an Informationen, dass an dieser Stelle nur stichwortartig einige Aussagen angeführt werden können. So kann sich Franziskus etwa die Leitung von Kurienämter durch Frauen oder Ehepaare vorstellen; schränkt zugleich aber ein, dass Kongregationen stets von einem Kardinal geleitet werden müssten. Für Laien dürfte daher unter Franziskus wohl nur die zweite Hierarchiestufe bleiben. Zugleich machte der Pontifex klar, dass das Projekt Kurienreform noch Zeit brauche. Interessant ist, was Franziskus zu seinen Reiseplänen für 2015 sagte. Demnach will er im nächsten Jahr drei lateinamerikanische Länder besuchen und nach Afrika reisen. Bereits bestätigt ist seine Reise zum katholischen Weltfamilientreffen Ende September in die USA sowie eine Reise nach Frankreich, die Ende Mai oder Ende August stattfinden könnte. Über einen Besuch in Spanien wird spekuliert. Dies würde bedeuten, dass Franziskus für 2015 fünf Auslandsreisen plant. Argentinien werde er im Juli 2016 aus Anlass des Eucharistischen Kongresses in Tucumán besuchen.

Franziskus verwahrte sich gegen den Vorwurf einer gewissen „Konfusion“ in der katholischen Kirche. „Ich halte ständig Reden, Predigten und das ist das Lehramt. Das ist das, was ich denke und nicht das, was die Medien sagen, dass ich denken würde.“ Mit Blick auf Widerstände gegen ihn, stellte Franziskus fest, dass es gut sei, dass diese ausgesprochen werden. Zudem sei es ganz normal, dass es unterschiedliche Sichtweisen gebe. Ausführlich geht Franziskus auf die Synode ein. Wie schon auf dem Rückflug von Istanbul betont er, dass die Synode kein Parlament sei. Vielmehr sei sie ein „geschützter Raum“, damit der Heilige Geist wirken könne. Bei der fliegenden Pressekonferenz hatte er noch betont, dass er daher völlig einverstanden sei mit der Informationspolitik der letzten Synode, dass man allgemein über die Inhalte der Statements und Debatten informiere, aber einzelne Aussagen nicht einzelnen Personen zuordnen kann.

Franziskus zur Synode

Zu den Inhalten der Synode stellte er fest, dass beim Thema Homosexualität niemand auf die Idee gekommen sei, über die „Homoehe“ zu sprechen. Vielmehr sei es um Familien mit homosexuellen Kindern gegangen. Das Thema wiederverheiratete Geschiedene darf nach Franziskus nicht auf die Kommunionfrage verengt werden. „Kommunion allein ist nicht die Lösung. Die Lösung ist Integration.“ Franziskus beklagt, dass  die Betroffen von so vielen Dingen ausgeschlossen seien: Lektorendienst, Kommunionhelfer, Patenamt. Warum sollten wiederverheiratete Geschiedene nicht Taufpaten werden, frägt Franziskus. Weil sie kein gutes Zeugnis für den Glauben gäben, wie einige behaupteten? Was ist mit korrupten Politikern, die zum Patenamt zugelassen seien, weil sie kirchlich verheiratet sind? „Welches Beispiel geben sie für ihr Patenkind? Das Zeugnis der Korruption?  Dinge müssen sich ändern. Unsere Maßstäbe müssen sich ändern.“

Franziskus zu Burke und Schweizergarde

Franziskus weist Spekulationen zurück, er habe Kardinal Raymond L. Burke wegen dessen Äußerungen bei der Synode strafversetzt – vom Chef des obersten vatikanischen Gerichtshofs, der Apostolischen Signatur zum Kardinalpatron des Malteserordens. Die Entscheidung sei schon viel früher gefallen, so Franziskus. Ebenso wies er Mutmaßungen zurück, er habe den Kommandant der Schweizergarde, Daniel Anrig, abgesetzt, weil dieser zu streng gewesen sei. Es sei ein „ganz normaler Wechsel“, so Franziskus. „Niemand ist ewig.“ Er sei bei einem Besuch im Gardequartier zu dem Schluss gekommen, dass eine „Erneuerung“ gut tun würde. Franziskus verteidigte Anrig als „exzellente Persönlichkeit“ und „guten Katholiken“. Die Versetzung habe auch nichts mit der Renovierung der Wohnung  des Kommandanten zu tun. Diese sei sicherlich sehr geräumig, so Franziskus. Der Papst verweist aber darauf, dass Anrig vier Kinder habe. In der vergangenen Woche hatte der Vatikan mitgeteilt, dass der Kommandant zum 31. Januar seinen Posten verlassen werde. Die Amtszeit des 42-jährigen Schweizers war nach Ablauf des ersten Quinqueniums Mitte des Jahres verlängert worden – bis auf weiteres. In der Vergangenheit hatte es in der Truppe durchaus Unmut gegeben. Gardisten beklagten einen autoritären Führungsstil sowie eine undurchsichtige Beförderungspraxis.

„Vater Benedikt“

Auch Benedikt XVI. hat sich am Wochenende zu Wort gemeldet. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung weist er Spekulationen aufs schärfste zurück, er habe in die aktuelle Debatte über Ehe und Familie eingreifen wollen. Der geänderte Artikel zur Unauflöslichkeit der Ehe in den Gesammelten Schriften sei bereits Anfang August fertig gewesen, also lange vor der Synode. Dass die Debatte über wiederverheiratete Geschiedene auch schon zu diesem Zeitpunkt in vollem Gange war, ficht Benedikt XVI. nicht an. Der emeritierte Papst betont in dem FAS-Gespräch, die Kirche solle wiederverheirateten Geschiedenen solle die Kirche „nicht mehr als unbedingt nötig“ auferlegen. Sie sollten „die Liebe der Kirche wirklich spüren“. Interessant ist eine Anmerkung zu seinem Titel. Der emeritierte Papst möchte, um Missverständnisse zu vermeiden, gerne als „Vater Benedikt“ angesprochen werden. Er sei allerdings zu schwach gewesen, diese Anrede nach seinem Rücktritt durchzusetzen. Sein Nachfolger Franziskus sei „von so starker Präsenz, wie ich es selbst körperlich und psychisch bei meinen schwachen Kräften nie sein konnte“, so das frühere Kirchenoberhaupt. Auch den Gläubigen sei klar, „wer der wahre Papst ist“. Damit setzt Benedikt XVI. ein klares Signal in Richtung derjenigen, die gerade nach dem geänderten Artikel einen Gegenpapst aufbauen wollten.

P.S. La Nacion hat das Interview mit Papst Franziskus in mehrere Teile aufgeteilt. Daher gibt es hier verschiedene Links. Die Startseite auf Spanisch ist hier.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.