Schavan, Müller und der Vatikan

Von deutscher Regierungsseite ist nun alles bereitet: Annette Schavan, die ehemalige Bundesbildungsministerin, soll Botschafterin beim Heiligen Stuhl werden. Das hat das Bundeskabinett in dieser Woche beschlossen. Jetzt liegt es am Vatikan, ob er sozusagen dem Vorschlag der Bundesregierung zustimmt. Denn ohne das Agreement des Gastlandes, kann ein Botschafter nicht ernannt werden. Wenig diplomatisch geht es gerade zwischen der vatikanischen Glaubenskongregation und einem Dachverband von US-Ordensfrauen zu. Kardinal Müller hat beim Treffen der beiden Parteien vor wenigen Tagen im Klartext geredet und damit erneut für Diskussionsstoff gesorgt.

Kritische Katholikin

Die Personalie Schavan wird schon länger diskutiert – in Deutschland und im Vatikan. Auch wenn der kleine Papststaat erst nach dem Beschluss des Bundeskabinetts in dieser Woche offiziell mit dem Thema befasst ist, wurde hinter den dicken Mauern schon seit Monaten darüber gesprochen. Dabei spielt der aberkannte Doktortitel auch eine Rolle; viel wichtiger scheint einigen Kritikern allerdings die kirchenpolitische Vergangenheit der CDU-Politikerin zu sein. Die 58-Jährige zählt zu den profiliertesten Katholikinnen in Deutschland. Lange Jahre war sie Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, von 1994 bis 2005 sogar Vizepräsidentin.

Immer wieder hat Schavan Reformen in der katholischen Kirche angemahnt und bisweilen auch römische Entscheidungen kritisch kommentiert. So unterstützte sie etwa die Forderung nach einem Diakonat für Frauen in der katholischen Kirche. Diese kritischen Töne haben sie bei manchem Kurialen verdächtig gemacht. Daher gibt es durchaus kritische Stimmen zu ihrer Ernennung als Botschafterin. Es wird befürchtet, sie könnte ihre Position nutzen, um Kirchenpolitik zu betreiben.

Vorteile für den Vatikan?

Annette Schavan ist eine erfahrene Politikerin und dürfte sich ihrer besonderen Rolle bewusst sein. Sie kennt die katholische Kirche und den Vatikan. Denn trotz ihrer kritischen Haltung, hat sie immer den Kontakt in den Vatikan gehalten, traf regelmäßig Kurienvertreter bis hin zu den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Sie kann das Informationsnetz des Heiligen Stuhls damit ganz anders ausschöpfen als dies ihre Vorgänger machten.

Umgekehrt ist es für den Vatikan interessant, eine solch enge Vertraute der deutschen Bundeskanzlerin als Kontaktperson zu haben. Denn wenn es etwa um die Christen in China und vielen muslimischen Ländern geht oder die Katholiken in Russland, sind die diplomatischen Kanäle europäischer Länder für den Vatikan wichtig und hilfreich – allen voran die deutschen. Und auch wenn Franziskus seine Reformideen zum Weltwirtschaftssystem an die Großen der Weltpolitik vermitteln will, ist ein unmittelbarer Draht ins Bundeskanzleramt sicher nicht schlecht. Für den Vatikan birgt die Personalie Schavan also durchaus eine Reihe positiver Aspekte.

Fronten verhärtet

Viel Positives gibt es derzeit im Dialog zwischen der vatikanischen Glaubenskongregation und dem Dachverband LCWR der US-Ordensfrauen nicht zu berichten. Die Ordensfrauen stehen seit 2012 unter besonderer Beobachtung der Glaubenskongregation und haben mit dem Erzbischof von Seattle, James Peter Sartain, einen Aufpasser bekommen, der über die Reformen im Sinne des Vatikans wachen soll. Die Ordensfrauen sollen in wichtigen Lehrfragen vom katholischen Lehramt abweichen, wie bei der Bewertung der Homosexualität, Abtreibung oder der Frauenordination. Kardinal Gerhard Ludwig Müller hatte bei einem Treffen mit den Ordensoberinnen am 30. April kein Blatt vor den Mund genommen und die aus seiner Sicht kritischen Punkte klar benannt. Er sprach dabei von Widerständen von Seiten der Ordensfrauen, die an Sabotage grenzten.

Für die Ordensfrauen muss die Aussprache ernüchternd gewesen sein. Sie stellen jetzt in einer Erklärung fest, dass nach zwei Jahren intensivem Dialog mit der Glaubenskongregation die Vorurteile gegenüber ihrem Verband nicht ausgeräumt, sondern noch verfestigt worden seien. Für sie sei der Dialog aber dennoch der einzige Weg, um zu einer Lösung zu kommen. Der deutsche Kardinal Walter Kasper äußerte sich in einem Interview zu dem Konflikt und forderte beide Seiten auf, „sich ein bisschen zu ändern“. Die katholische Kirche sei schließlich kein „monolithischer Block“, so Kasper. In dem Interview spricht Kardinal Kasper übrigens auch über das Thema wiederverheiratete Geschiedene.

P.S. Papst Franziskus hat gestern Nachmittag ein Wunder auf Fürsprache von Papst Paul VI. (1897-1978) anerkannt. Im Anschluss gab der Vatikan bekannt, dass Paul VI. am 19. Oktober selig gesprochen wird. An diesem Tag geht die Sondersynode zum Thema Familie zu Ende. Diese Entscheidung, Paul VI. selig zu sprechen und dann auch noch zum Abschluss der Familiensynode, wird sicherlich Polemik hervorrufen. Verbinden doch viele mit diesem Papst nur die Enzyklika „Humanae vitae“ und hier wiederum nur die Verurteilung der künstlichen Empfängnisverhütung. Diese Entscheidung ist in der Tat problematisch und schreit nach einer Weiterentwicklung und Revision; doch Giovanni Montini, so der bürgerliche Name, ist mehr als nur „Pillen-Paule“. Das gilt es in den nächsten fünf Monaten zu entdecken. Paul VI. ist letztendlich „der“ Konzilspapst. Denn Johannes XXIII. hat das Konzil zwar einberufen und die erste Konzilsperiode geleitet. Doch dann starb Roncalli am 3. Juni 1963. Die Zukunft des Konzils war ungewiss. Paul VI. setzte es nach seiner Wahl fort. Die Mehrzahl der Entscheidungen fiel in seiner Verantwortung.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.