Belastete Freundschaft

Papst Franziskus hat heute seinen Jesuitenmitbruder Franz Jalics getroffen. Es war sicher keine einfache Begegnung. Die beiden verbindet eine lange, zum Teil schmerzliche Geschichte. Der heute 86-jährige Jalics war während der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) im Jahr 1976 zusammen mit einem zweiten Jesuiten, Orlando Yorio, von Militärs verschleppt und gefoltert worden. Jorge Mario Bergoglio war in dieser Zeit Provinzial der Jesuiten. Jalics und Yorio hatten ihn lange Zeit beschuldigt, in ihren Fall verwickelt gewesen zu sein.

Entsprechende Vorwürfe wurden nach der Wahl Bergoglios zum Papst im März wieder laut. Dabei führten argentinische Medien als Begründung an, aufgrund theologischer und kirchenpolitischer Differenzen zwischen der lokalen Ordensleitung und den beiden Patres, habe Bergoglio sie damals nicht ausreichend geschützt und sie damit den Militärs ausgeliefert. In zwei Erklärungen stellte Jalics, Yorio ist im Jahr 2000 verstorben, kurz nach der Papstwahl klar, dass Bergoglio sie damals nicht angezeigt habe und es „falsch sei zu behaupten, dass ihre Gefangennahme auf Initiative von Pater Bergoglio geschehen ist“. Später, als Bergoglio schon Erzbischof in Buenos Aires gewesen sei, hätten sich die beiden mit ihm getroffen, um über die damaligen Ereignisse zu sprechen. Sie hätten gemeinsam Messe gefeiert und sich „feierlich umarmt“. Danach habe er alle Unterlagen, die Angelegenheit betreffend, verbrannt. „Ich bin mit den Geschehnissen versöhnt und betrachte sie meinerseits als abgeschlossen“, so Jalics in einer der beiden Erklärungen.

Außer diesen beiden schriftlichen Erklärungen vom 15. und 20. März 2013 gibt es keine öffentlichen Äußerungen Jalics seit der Papstwahl. Medienanfragen für Gespräche mit dem 86-jährigen Pater werden von den zuständigen Stellen der Jesuiten stets mit Verweis auf das Alter und die Gefahr posttraumatischer Belastungen negativ beschieden. Auch am Rande seines Termins in Rom gab es keine öffentlichen Statements. Der Vatikan verwies darauf, dass es sich um eine Privataudienz handelt und es daher keine weiteren Erklärungen gebe. Aus dem Umfeld des Papstes war zu erfahren, dass Jalics bereits seit Längerem um die Begegnung gebeten hatte.

Am 3. Oktober ist in Italien das Buch „La Lista di Bergoglio“ („Bergoglios Liste“ Untertitel: Die von Franziskus während der Diktatur Geretteten – Die nie erzählte Geschichte) erschienen. Autor ist der italienische Journalist Nello Scavo. Er hat den Titel ganz bewusst in Anspielung auf „Schindlers Liste“ gewählt. Der Autor des Buches hat mit Menschen gesprochen, die Pater Bergoglio während der Zeit der Militärdiktatur zunächst als Provinzial (1973-1979) dann als Rektor der Theologischen Fakultät von San Miguel (ab 1980) versteckt oder außer Landes gebracht hat. Das Vorwort zum Buch hat der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel geschrieben. Der 81-jährige Menschenrechtler war selbst von den Militärs verschleppt und gefoltert worden. Seit der Wahl Bergoglios zum Papst hat er mehrfach erklärt, dass der Jesuit nicht mit den Militärs zusammengearbeitet habe. Dem Buch ist übrigens die Abschrift des Protokolls eines Verhörs beigefügt, bei dem 2010 Erzbischof Bergoglio im Rahmen eines Prozesses zur Aufarbeitung der Militärdiktatur aussagen musste. Dabei ging es auch um den Fall der beiden Jesuiten Jalics und Yorio. Leider war diese Woche so viel los, dass ich das knapp 200 Seiten umfassende Buch noch nicht näher studieren konnte. Es liegt bisher auch nur in italienischer Sprache vor.

Die Vorwürfe gegen Papst Franziskus sein Verhalten in der Zeit der Militärdiktatur betreffend, die es kurz nach seiner Wahl gab, sind mittlerweile weitestgehend verstummt. Dennoch ist die Aufarbeitung der Zeit der Militärdiktatur und der Rolle der Kirche noch eine unerledigte Aufgabe. Es scheint jetzt etwas Bewegung in die Sache zu kommen. Papst Franziskus hatte sich im Mai mit Vertreterinnen der „Großmütter der Plaza de Mayo“ getroffen, die nach Kindern suchen, die während der Diktatur verschwundenen sind. Franziskus sicherte ihnen seine Unterstützung zu; Ende Juli folgte ihm dann auch die argentinische Bischofskonferenz und kündigte eine umfassende Studie zu den Fällen an. Insgesamt sind während der Militärdiktatur nach Schätzungen bis zu 30.000 Menschen verschwunden.

P.S. Die beiden Erklärungen von Pater Franz Jalics finden sich auf der Internetseite der Jesuiten: Erklärung vom 15. März 2013, Erklärung vom 20. März 2013.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.