Pogromstimmung gegen die Kirche?

Erzbischof Gerhard Müller scheut nicht den Konflikt – weder in seiner Regensburger Zeit als Bischof noch in seinem neuen Amt als Präfekt der Glaubenskongregation. Er liebt kräftige Worte und Vergleiche und erinnert darin an seinen verstorbenen Mitbruder Johannes Dyba. Auch der war mit seinen deftigen Vergleichen und Wortspielen stets ein Liebling der Medien, weil er gut zitierbar war und für Aufsehen sorgte. Mit seinem Interview in der „Welt“ ist Erzbischof Müller ein neuer Aufreger gelungen, als er von einer „künstlich erzeugten Wut“ gegen die katholische Kirche und ihre Kleriker sprach, „die gelegentlich schon heute an eine Pogromstimmung erinnert“.

Es waren die letzten Sätze eines langen Interviews, aber die Empörung über diese Wortwahl schwappte sofort in die Politik und führte zu einer „Pogrom-Debatte“. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), immer gerne bereit, die katholische Kirche zu kritisieren, gab gegenüber der „Welt“ umgehend ihren Protest zu Protokoll. Aber auch Grünen-Chefin Claudia Roth nannte den Vergleich „absolut inakzeptabel und gefährlich geschichtsvergessen“. Tatsächlich wird der Begriff Pogrom überwiegend im Zusammenhang mit judenfeindlichen Ausschreitungen gebraucht – in schlimmster Erinnerung sind diesbezüglich die Greueltaten der Nationalsozialisten gegen die Juden.

Ein Wort der Verteidigung kam ausgerechnet von Rabbi David Rosen, dem Direktor des amerikanisch-jüdischen Komitees für interreligiöse Angelegenheiten. Er sah es als Ergebnis einer böswilligen Absicht, wenn man in Müllers Äußerungen einen Vergleich zum Holocaust sehe. Das ehrt den Rabbiner, kann aber den Erzbischof nicht aus seiner Verantwortung für seine Wortwahl entlasten.

Es ist sicher ein Faktum, dass die kirchenkritischen Töne in der Gesellschaft zunehmen. Auch treue Katholiken formulieren ihre Schwierigkeiten mit ihrer Kirche, wie die jüngsten Umfragen mehr als deutlich zeigen. Es wäre besser, wenn Erzbischof Müller und seine Brüder im Amt mehr darüber nachdächten, warum die Kritik so gewachsen ist und welche Schritte sie unternehmen könnten, das Image der Kirche aufzubessern, als dass er die Kritiker in derart überzogener Weise und mit unzulässigen Vergleichen an den Pranger stellt.

Autor: Michaela Pilters

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Ich leite seit 1985 die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben/kath“. Bevor ich zum ZDF kam, war ich bei der Katholischen Nachrichtenagentur in Bonn und beim Hessischen Rundfunk in der Kirchenredaktion - also viele Jahre Erfahrung mit kirchlichen Themen. Mein Studium der katholischen Theologie (Diplom) habe ich in München gemacht.
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16 Kommentare

  • M.G.
    04.02.2013, 21:05 Uhr.

    Dem ist nichts mehr hinzu zufügen,wenn es Kritik gibt,könnte immer ein Fünkchen Wahrheit dran sein.

  • silberdistel
    05.02.2013, 10:32 Uhr.

    Pogrome sind per Definition mit recht handgreiflichen Ausschreitungen verbunden (http://de.wikipedia.org/wiki/Pogrom). Diese finden wie bekannt nicht statt. Und das man in absehbarer Zeit Katholiken mit Schimpf und Schande aus dem Land treibt auch nicht. Die Äußerung EB Müller´s zeigt nur eines: Das der kath. Kirche mit ihren feudalistischen Strukturen Kritikfähigkeit recht fremd ist und das Zusammenleben mit Mitgliedern einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft sich deswegen oft recht holprig gestaltet.
    Oder hat man ein schlechtes Gewissen und Angst davor das bei längerem Herumkramen noch mehr kritikfähiges herauskommen könnte: Wie z.B. die Finanzierung der meisten kirchlichen Einrichtungen und zum Teil fürstlichen Gehälter von Bischöfen, Priestern und Vikaren, über die Kirchensteuer hinaus durch den Staat. 2009 sollen das immerhin zusätzlich 442 Mio. € gewesen sein

    • Admiral
      06.02.2013, 17:15 Uhr.

      Ich möchte gerne auf den feinen Unterschied zwischen “Program” und “aufkommende Progromstimmung” hinweisen. Eine “aufkommende Programstimmung” beinhaltet selbstverständlich keine “recht handgreiflichen Ausschreitungen” (meistens jedenfalls).

      Der Blogger Josef Bordat hat diese Unterschiede in folgendem Artikel herausgestellt, den ich zur Lektüre empfehlen möchte:

      http://jobo72.wordpress.com/2013/02/04/pogrom-und-stimmung/

  • Tuklov
    05.02.2013, 12:27 Uhr.

    Schafft die Kirchensteuer in Deutschland ab.

    Für schlagende Nonnen, pädophile Priester, alles unter den Teppich kehrende Bischöfe habe ich kein Verständnis mehr.

    • M.G.
      05.02.2013, 17:01 Uhr.

      silberdistel | 5. Februar 2013 | 10:32
      Tuklov | 5. Februar 2013 | 12:27

      Was wird davon gehalten,wenn gleich die kath. Kirche abgeschafft wir und vom Kirchenreichtum dann tatsächlich Armut bekämpft wird,wie ja immer die reiche kath.Kirche predigt ?

  • F. M.
    05.02.2013, 18:45 Uhr.

    Also von “künstlich erzeugter” Wut würde ich an des Kirchenfürsten Stelle eher weniger sprechen. Aber ich bin ja nicht an seiner Stelle; Gott sei Dank!

    Aber dass eine wütende Stimmung im Land gegen die römisch katholische Hierarchie herrscht (ok, die meisten Menschen setzen die Hierarchie mit der Kirche gleich, ist ja auch kein Wunder bei dem herrschenden Feudalsystem dort, aber zur Kirche gehören immer noch die Schafe), hat Seine Exzellenz ganz richtig erkannt. Ich fürchte nur, dass er den Grund dafür nicht erkennen kann, oder will.

    • M.G.
      05.02.2013, 21:40 Uhr.

      F. M. | 5. Februar 2013 | 18:45 |

      Die kleinen Gläubigen der kath. Gemeinde sind in meinen Augen,keine “Schafe”,sondern Menschen mit dem Recht auf Unantastbarkeit der Würde,somit gilt also nicht das Tierschutzgesetz,sondern die Menschenrechte.Das ist dies,was die Kirchenoberhäupter nicht erkennen.

      • F. M.
        06.02.2013, 03:03 Uhr.

        So kann man sich täuschen! Aber vielleicht sollten sich die Herren der klerikalen katholischen Hierarchie dann auch nicht mehr als Hirten, also Bischöfe (von Episcopus – Hirte) und Pastor bezeichnen?
        Und ich habe nicht von irgendeinem weltlichen Gesetz, dem Tierschutzgesetz schon gar nicht, geschrieben, sondern von der römisch katholischen Hierarchie. Und für die gilt immer noch der Codex Iuris Canonici und die katholische Doktrin (ein katholisches Parallelrecht, dessen Beachtung der Papst im Reichstag eingefordert hat) VOR dem Recht, das wir durch die Legislative beschlossen haben, durch die Judikative feststellen und von der Exekutive ausführen lassen. Und diese Geschichte mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde, die Sie reklamieren, sehe ich, für alle Menschen, aber vor allem für Frauen, bei der katholsichen Kirche so lange nicht in allzu guten Händen, bis der Vatikan sich dazu durchgerungen hat, die Menschenrechtskonvention zu ratifizieren. Aber ich fürchte, da kann ich bis zum Sankt Nimmerleinstag warten; dort stehen für die katholische Kirche viel zu viele Freiheitsrechte, vor allem für Frauen drin. Schade, etliche Punkte weniger, die die Einforderung von Menschnwürde durch die Kirche glaubwürdiger machen könnten.

        • silberdistel
          06.02.2013, 03:43 Uhr.

          @F.M. “…die die Einforderung von Menschenwürde durch die Kirche glaubwürdiger machen könnte..” Zitatende.
          Oh mein Gott, gab es da nicht mal jemand der die Menschenrechte seinerzeit einklagte und auf dessen Leben, Fels/Kirche, die kath. Kirche, sich noch heute beruft? Man sollte sie beim Wort nehmen(!)

          • M.G.
            06.02.2013, 13:09 Uhr.

            silberdistel | 6. Februar 2013 | 03:43

            Ganz ehrlich,aber Petrus und die restlichen Jünger haben ja auch kein menschenwürdiges “Dasein gefristet” und wurden z.T. auf widerlicher Weise hingerichtet,man kann auch sagen:”geschlachtet wie Schafe” und dies als Menschen.Das Schlachten von Menschen hat die kath. Kirche dann übernommen,vor allem im Mittelalter und können mit der Ungerechtigkeit gegenüber Frauen,bis heute nicht davon lassen.

          • F. M.
            06.02.2013, 18:59 Uhr.

            Nein! Die katholische Kirche hat niemals jemanden abgeschlachtet. Sie hat das blutige Handwerk immer den weltlichen Machthabern aufgetragen. Und sie tut das bis heute, sogar schriftlich codifiziert, im Katechismus der katholischen Kirche.
            So ganz weit her ist es mit den Menschenrechten noch immer nicht in der katholischen Kirche. Und auf Petrus den Fels wurde die Kirche gebaut nicht die Menschenrechte. Die wurden in blutigen Revolutionen und Kriegen immer gegen den Willen und die Macht der katholischen Kirche erkämpft.
            Mag sein, dass die katholische Hierarchie dazu gelernt hat, bezüglich der Menschenrechte, aber sie nimmt sie immer noch höchst selektiv wahr. Von umfassender Beachtung oder gar Förderung kann bei der katholischen Kirche nicht im mindesten die Rede sein.

          • M.G.
            06.02.2013, 20:32 Uhr.

            F. M. | 6. Februar 2013 | 18:59

            Das die kath.Kirche die Menschenrechte ernst nimmt,ist ohnehin nicht die Rede und ich denke,das wird wohl auch nicht passieren,wenn es nicht zum Wunder kommt,wie diese Kirche an solche glaubt.

          • silberdistel
            07.02.2013, 19:48 Uhr.

            F.M.
            Die (ohnehin westlichen) Demokratien sind ohne das Christentum überhaupt nicht denkbar. Und die ´frohe Botschaft´ ist das Hauptfundament für die Menschenrechte.
            Wer als Kirche für die Menschenrechte wäre und die wahre ´frohe Botschaft´ verkünden und insbesondere (vor-)leben würde, der bräuchte die Menschen auch nicht fürchten und auch keine “Pogromstimmung”.

  • R
    11.02.2013, 01:19 Uhr.

    Geschmacklos MÜLLERt da in Rom
    der Erz “Knallkopp” über’n Pogrom.

    Ach, schließt es ein im Petersdom,
    dies peinliche “Sakral-Phantom”!

  • CR
    14.02.2013, 16:39 Uhr.

    Komisch, aber bei diesen ganzen Kommentaren wundert mich die Aussage von EB Müller nicht wirklich.
    Unsachlich und unreflektiert werden hier Stereotypen nachgekaut.

    Wer keine Kirchensteuer zahlen will, soll halt aus der Kirche (welcher auch immer) austreten. Wenn ich Mitglied beim Fussballclub bin, muss ich auch Mitgliedsbeitrag zahlen. Also, Austritt erklären, fertig.

    Die heutige Sozialordnung, auf die wir alle so stolz sind, wäre ohne die katholische Sozialmoral, besonders im beginnenden industriellen Zeitalter, nicht möglich gewesen. Gerade die katholische Kirche stellt den Schutz des Lebens als höchstes Gut über alles andere. Und zwar jedes Leben.

    Doch gerade weil die Kirche sich auf eine 2000jährige Geschichte beruft, können ihr eine Menge Fehler vorgeworfen werden. Doch so wenig sich ein Deutscher die Kollektivschuld für die Verbrechen von Nazi-Verbrechen geben lassen will, genausowenig kann man die katholische Kirche für menschliche Fehler in Sippenhaft nehmen.

    Aber eine rationale und nüchterne Betrachtung ist hier einfach nicht möglich. Eine Schuld liegt sicher bei den Kirchenverantwortlichen, schuld ist aber auch die “veröffentliche” Meinung. Denn was in der Zeitung steht, im Radio gesagt und im Fernsehen gezeigt wird, muss auch wahr sein, selbst wenn es nur ein Klischee bedient und die wissenschaftliche Aufarbeitung längst das Gegenteil gezeigt hat.

  • Julius Lebertran
    11.04.2013, 13:33 Uhr.

    Ohngeachtet dass “kirchenkritische Toene zunehmen”, ist es ein Faktum, daß in den bundesdeutschen, insonders öffentlich-rechtlichen, also unfreiwillig auch von meinen Zwangabgaben unterhaltenen, Medien ein einseitiges und polemisches, bei weitem nicht “kritisch” reflektiertes, sondern hämisch agitierendes Bild von katholischer Kirche vorwaltet und betrieben wird. Wer dem Medienmilieu das Recht gibt, seinen privaten Kultukampf auf (auch von Katholischen) Gebührerzahlenkosten rauszukotzen, bleibt dabei völlig schleierhaft.

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