Papst zu Weltsynode: Ohne Formalitäten, Täuschungen und Tricks

Zum Auftakt des weltweiten Synodalen Wegs hat Papst Franziskus zu Offenheit und Mut aufgerufen sowie zur Bereitschaft, „sich vom Gesicht und der Geschichte des anderen herausfordern zu lassen“. Am Auftaktwochenende zur Weltsynode wurde deutlich, Franziskus will ein neues Miteinander sowie einen neuen Kommunikationsstil etablieren. Das gehört für den Pontifex grundlegend zu einer „synodalen Kirche“. „Begegnen, zuhören und unterscheiden“ stehen in den nächsten zwei Jahren auf dem Programm und zwar „ohne Formalitäten, ohne Täuschung und ohne Tricks“. Schon beim Auftakt des Synodalen Wegs zeigte sich die große Bandbreite der Erwartungen, Ängste und Hoffnungen. Der Papst und sein Synodenteam stehen vor einer großen Herausforderung.

Beim Gottesdienst im Petersdom gab es eine Auffälligkeit. Selten waren bei einem solchen Anlass Frauenstimmen in den Chören so präsent vertreten. Schon bei der Auftaktveranstaltung in der Synodenaula gestern waren die Organisatoren sehr bemüht, viele Frauen zu Wort kommen zu lassen. (Quelle: VaticanMedia)

Wo ist die Weltkirche?

Es war erst der zweite Gottesdienst, den Papst Franziskus seit Beginn der Pandemie im März 2020 am Hauptaltar des Petersdoms feierte: Pfingsten, das Geburtsfest der Kirche, und heute der Gottesdienst zum Auftakt des weltweiten Synodalen Wegs. Ob dieser zu einem neuen Pfingsten für die Kirche wird, werden die nächsten zwei Jahre zeigen. Dazu muss es gelingen, die Weltkirche aber auch wirklich einzubinden. Beim Auftakttreffen am Wochenende kamen ein Viertel der Teilnehmenden aus der Römischen Kurie, mehr als ein Drittel der 270 Anwesenden wurde in der Liste des Synodensekretariats mit Herkunft „Italien“ geführt. Knapp 12 Prozent kamen aus dem restlichen Europa, aus Mittel-/Südamerika und Afrika jeweils rund sieben Prozent der Teilnehmenden, aus Asien/Ozeanien sowie Nordamerika jeweils rund sechs Prozent. Dieses Bild ist weit von einer realen Verteilung nach Mitgliederzahlen je Kontinent entfernt, selbst wenn man berücksichtigt, dass aufgrund der Corona-Bestimmungen nicht alle anreisen konnten.

Papst Franziskus stellte beim Eröffnungsgottesdienst der Synode viele Fragen. Es ist nun am Volk Gottes, das heißt den Gläubigen, aber auch den Bischöfen in den Ortskirchen und der Kurie, Antworten zu geben. „Sind wir bereit, uns auf das Abenteuer des Weges einzulassen, oder flüchten wir uns aus Angst vor dem Unbekannten lieber in die Ausreden ‚das ist nicht nötig‘ und ‚das hat man schon immer so gemacht‘?“ Die Teilnehmenden des Synodalen Weges sollten zu „Experten in der Kunst der Begegnung“ werden. Denn es gehe nicht darum, „Veranstaltungen zu organisieren oder theoretische Überlegungen zu den Problemen anzustellen, sondern vor allem darum, uns Zeit zu nehmen, um dem Herrn zu begegnen und die Begegnung unter uns zu fördern“. Eine echte Begegnung entstehe nur durch Zuhören, so Franziskus.

Ausgehend vom Tagesevangelium erklärte Franziskus, Jesus habe keine „rituellen Antworten“ und keine „vorgefertigten Lösungen“ auf die Fragen der Menschen gegeben. Entsprechend müsse auch die Kirche vorgehen. „Erlauben wir den Menschen, sich zu äußern, im Glauben voranzuschreiten, auch wenn sie schwierige Lebenswege haben; zum Leben der Gemeinschaft beizutragen, ohne behindert, abgelehnt oder verurteilt zu werden?“ Es gehe in dem Prozess darum, „die Fragen, die Ängste und die Hoffnungen jeder Kirche, jedes Volkes und jeder Nation anzuhören“. „Wir dürfen unsere Herzen nicht schalldicht machen, wir dürfen uns nicht hinter unseren Gewissheiten verbarrikadieren. Lasst uns gegenseitig zuhören.“ Dabei sollten alle offen sein „für die Überraschungen des Geistes“.

Deutscher Synodaler Weg nicht vertreten

Wenn die Worte des Papstes ernst zu nehmen sind, dann müssten auch die Fragen, Ängste und Hoffnungen der Katholikinnen und Katholiken aus Deutschland gehört werden, die sich dort im Synodalen Weg niederschlagen. Es wäre eine Chance gewesen, einen Vertreter oder eine Vertreterin des deutschen Weges zum Auftaktwochenende einzuladen. Doch auf der Teilnehmendenliste war niemand zu finden. Zugleich zeigte sich in den kurzen Debatten der Kleingruppen am Samstag sowie in den Gesprächen mit Teilnehmenden am Rande der Veranstaltungen, dass die Themen, die den Glaubenden rund um den Globus unter den Nägeln brennen, sehr ähnlich sind: Frauen sollen stärker eingebunden werden, die Diversität der Lebensentwürfe sollen stärker berücksichtigt werden und die Frage der Partizipation der Laien an Entscheidungsprozessen muss vorangebracht werden.

Die 16. Ordentliche Bischofssynode ist gestartet. Sie ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Synodensekretär, Kardinal Mario Grech, brachte am Samstag die Idee ins Spiel, dass die Ergebnisse der Beratungen des dreiwöchigen Treffens im Oktober 2023 erst noch einmal in die Ortskirchen zurückgespielt werden könnten, bevor der Papst dann ein nachsynodales Schreiben verfasst. So könne der ganze Prozess noch einmal an die Basis rückgebunden werden. Ob es kommt, ist noch nicht klar. Im Vatikan gibt es viele Ängste, das ganze Projekt könnte aus dem Ruder laufen. Der Papst zeigte sich am Auftaktwochenende eher entspannt. Mit seinen Fragen und Aussagen weckte er einmal mehr viel Hoffnung. Das Spiel ist eröffnet und damit auch das Ringen um den Kurs der Kirche in einem ganz zentralen Punkt. Denn letzten Endes geht es um die Bestimmung, welche Rolle dem Glaubenssinn der Gläubigen zukommt, den das II. Vatikanische Konzil wiederentdeckt hat. Die Lehre dazu und vor allem die Frage nach der praktischen Bedeutung wurde aber in der Zeit danach nicht weiter definiert und entfaltet. Das steht nun an.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

8 Kommentare

  • ZufälligerGastleser
    10.10.2021, 20:27 Uhr.

    Von einem „neuen Kommunikationsstil“ und zwar „ohne Formalitäten, ohne Täuschung und ohne Tricks“ liest man hier und denkt traurig an das Motu proprio „Traditionis custodes“, sogleich fällt einem dann das gradezu formelhafte Verdikt eines anderen Jesuiten in Jedins Kirchengeschichte zu der Versuchung ein, „die Progressiven liberal, Konservative dagegen autoritär zu behandeln, oder um es pointiert zu sagen, den einen als machtlose Liebeskirche, den anderen als lieblose Machtkirche zu begegnen“. „Rituell“ gebraucht als Pejorativum stimmt nachdenklich; seit wann experimentiert auch die Kirche „mit offenem Ausgang“ und „eröffnet Spiele“? Meint man mit „Glaubenssinn der Gläubigen“ vielleicht den Zeitgeist kirchenzugehöriger Teilnehmer einer dekadenten Zivilisation? Verzweigt sich das corpus christianum in Gremien einerseits und in Katakomben andrerseits? Ubi veritas?

  • Wanda
    11.10.2021, 12:34 Uhr.

    Zufälliger Gastleser:
    – Eine der Ursachen, warum die Kirche sich den Gläubigen (gewollt) nicht verständlich machte, bis Luther kam und jeder, der zu lesen vermochte, sich vom Inhalt der Bibel persönlich überzeugen konnte war: die Unkaputtmachbarkeit des Latein in der Administration der Amtskirche. Wünschen sich viele der Konservativen sehnsüchtig zurück…..

    • Alberto Knox
      12.10.2021, 8:29 Uhr.

      „bis Luther kam und jeder, der zu lesen vermochte, sich vom Inhalt der Bibel persönlich überzeugen konnte“

      die bibel war schon vor luther ins deutsche übersetzt und gedruckt…

      lernen’s geschichte, sagte einst bruno kreisky

      • Wanda
        14.10.2021, 0:18 Uhr.

        Alberto Knox:
        – Ihr Einwand hinkt zwar kräftig aber wo Sie recht haben, haben Sie recht ! Nur hat Ihre Kritik gravierende Mängel: Luther machte mit seiner Arbeit den früheren deutschen Bibeln den Garaus weil diese absolut unverständlich Wort für Wort übersetzt hatten, seine hingegen verständlich in der gängigen Sprache (dem Volk auf’s Maul geschaut). Damit war die seine auch die erste weit verbreitete und effektive Hausbibel für alle die lesen konnten. Aber das ist Ihnen sicher bekannt, oder darf ich Ihnen den Rat „lernen’s Geschichte“ zurück geben ?
        Und da Sie so belehrend auftreten: Gross-und Kleinschreibung ist laut Duden eine Grundregel. Nichts für ungut, Ihre sonstigen Beiträge sind für mich immer ein Gewinn…

  • Alberto Knox
    11.10.2021, 13:58 Uhr.

    „denkt traurig an das Motu proprio „Traditionis custodes““

    warum denkt man da traurig an die überfällige und völlig richtige neuregelung? da muss man als lehramtstreuer, guter römischer katholik doch froh und glücklich sein.
    man muss papst franziskus dafür sehr dankbar sein,
    erstens die lüge, der unreformierte ritus sei nie abgeschafft worden, aus einem kirchlichen gesetzt beseitigt zu haben,
    zweitens die spalterischen rechten in ihre grenzen verwiesen zu haben.
    besser wäre noch gewesen, den unreformierten ritus vollständig zu verbieten, so wie das pius x. machte, als er das tridentinische brevier durch das in seinem auftrag reformierte verboten hat.

    • bernardo
      15.10.2021, 8:39 Uhr.

      Was schreibt also das Zweite Vatikanische Konzil in „Sacrosanctum Concilium“ über den Ritus: „Der Gebrauch der lateinischen Sprache soll in den lateinischen Riten erhalten bleiben, soweit nicht Sonderrecht entgegensteht.“ Und: „Treu der Überlieferung erklärt das Heilige Konzil schließlich, daß die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, daß diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden, und es ist ihr Wunsch, daß sie, soweit es not tut, in ihrem ganzen Umfang gemäß dem Geist gesunder Überlieferung überprüft und im Hinblick auf die Verhältnisse und Notwendigkeiten der Gegenwart mit neuer Kraft ausgestattet werden.“

      Leider hat sich der Freimaurer Annibale Bugnini nicht an diese Vorgaben gehalten. (Der „sostituto“ Benelli tat ein gutes Werk, als er Bugnini nach Teheran verbannte.) Nun zum „spalterisch“: Es ist schon kurios, wenn die größten Spalter, die wirklich keine Diversität (also auch keine Diversität des Ritus) dulden, anderen spalterische Tendenzen vorwerfen. Nennt sich wohl Projektion. Irgendwann wird dieses Pontifikat – man muss schon weit in die Geschichte zurückblicken, um ein ähnlich verheerendes zu finden – zuende sein. Die angerichteten Schäden werden allerdings immens sein. Möge Gott uns gnädig sein…

  • bernardo
    15.10.2021, 8:33 Uhr.

    „Begegnen, zuhören und unterscheiden“ – verstehe. Außer natürlich bei Kardinälen, die Dubia verfassen. Bemerkenswert, wie „demokratisch“ sich der autoritärste Papst seit Pius XI. gibt. Immerhin sind die Anhänger des deutschen suizidalen Weges (keine Neuevangelisierung, Abschaffung des Priesteramtes, jede Menge „heißer Eisen“) nicht vertreten. Gut so.

  • Erasmus
    15.10.2021, 19:31 Uhr.

    „ … die Frage der PARTIZIPATION der Laien an Entscheidungsprozessen muss vorangebracht werden.“ (Erbacher)
    Diesem Impetus würden die Koordinatoren der Weltsynode vermutlich nicht widersprechen. Denn im Vorbereitungsdokument wird auf der Metaebene die Frage gestellt „Durch welche Prozeduren und mit welchen Methoden wird unterschieden, und wo werden Entscheidungen getroffen?“ Problematisiert wird das im Hinblick auf den Übergang von der Beratschlagung zur Beschlussfassung. „Wie wird die Teilnahme an Entscheidungen innerhalb HIERARCHISCH strukturierter Gemeinschaften gefördert? Wie wird die Phase der Konsultation mit derjenigen der Entscheidung verbunden, den Prozess des DECISION-MAKING mit dem Moment des DECISION-TAKING?
    Leider scheint mir diese Frage bereits im Vorfeld beantwortet zu sein. Denn ein im Vademecum zu findender Satz lässt aufhorchen: „Die Synodalität verlangt von den Seelsorgern, den ihnen ANVERTRAUTEN Gläubigen aufmerksam zuzuhören.“ Hier ist nicht von einer Beziehung auf Augenhöhe die Rede, sondern es handelt sich um ein PATERNALISTISCHES VERHÄLTNIS zwischen Klerikern und Laien, vielleicht vergleichbar dem zwischen Eltern und Kindern. Das entspricht genau dem, was die Internationale Theologische Kommission 2018 in aller Deutlichkeit herausstellte: Beim synodalen Vorgang „muss zwischen dem Prozess der Erarbeitung einer Entscheidung (decision-making) durch gemeinsame Unterscheidung, Beratung und Zusammenarbeit und dem pastoralen Treffen einer Entscheidung (decision-taking) unterschieden werden, das der BISCHÖFLICHEN AUTORITÄT zusteht, dem Garanten der Apostolizität und der Katholizität. Die ERARBEITUNG ist eine synodale Aufgabe, die ENTSCHEIDUNG ist eine Verantwortung des Amtes.“ (Die Synodalität in Leben und Sendung der Kirche, Nr. 69)

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