Papst Franziskus in Kolumbien – Tag 3

Es dürfte der Höhepunkt der Reise von Papst Franziskus nach Kolumbien gewesen sein: das Gebet für die nationale Versöhnung. Es war auch einer der emotionalsten Momente. Mit vier Zeugnissen bekam der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt im Rahmen der Reise konkrete Gesichter. Der Papst machte deutlich, dass für ihn Versöhnung nicht bedeutet, „Unterschiede und Konflikte zu verkennen oder zu verschleiern“. Für ihn sind Wahrheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit die zentralen Säulen für das Gelingen des Friedensprozesses. Er machte damit deutlich, dass der Frieden einen hohen Preis fordert. Die Täter müssen zu ihren Taten stehen, bereuen und zur Wiedergutmachung bereit sein. Die Opfer müssen den schweren Schritt gehen, die „verständliche Versuchung zur Rache“ zu überwinden. Franziskus vermeidet jegliche Form der Schuldzuweisung, denn Täter gibt es auf vielen Seiten.

Im Zentrum der großen Bühne beim Gebet für Versöhnung stand ein Kreuz. (Quelle: Erbacher)

Täter müssen bereuen

Gewalt und Ungerechtigkeit gibt es nicht nur auf Seiten der Guerillas; auch das Militär und andere staatliche Einheiten müssen ihre eigene Rolle aufarbeiten. Nicht zuletzt wurden viele Guerilleros zwangsrekrutiert und es kostete viel Kraft, sich aus den Fängen der Rebellenorganisationen zu befreien. Bezeichnend ist vielleicht die Aussage eines Opfers der FARC beim Besuch einer der Entwaffnungszonen Anfang Juli in der Region Meta, deren Hauptstadt Villavicencio ist. Ximena Ochoa, die mehrfach unter Gewaltaktionen der FARC gelitten hatte, war damals zum ersten Mal in einem solchen Camp und erklärte anschließend im ZDF-Interview, dass sie Mitleid mit den Menschen dort im Camp empfinde. Während sie die FARC-Führungsleute in den Medien oft als arrogant erlebe, habe sie im Camp einfache Menschen, arme Bauern erlebt, die selbst unter großen Schwierigkeiten litten und versuchten, ihr Leben neu zu organisieren.

Am Freitagnachmittag beim Gebet legten zwei ehemalige Rebellen ein Zeugnis dafür ab, dass ein Neuanfang möglich ist. Beide arbeiten heute mit Opfern oder in der Präventionsarbeit. Das ist es, was Papst Franziskus mit Wiedergutmachung meint, die notwendig ist, um Tätern auch vergeben zu können. „Es gibt Hoffnung auch für die, die Böses getan haben; es ist nicht alles verloren“, so der Papst. Wenn es darum geht, sich der Wahrheit zu stellen, wird Franziskus sehr konkret. „Wahrheit heißt, den vom Schmerz zerstörten Familien zu berichten, was mit ihren vermissten Angehörigen geschehen ist. Wahrheit heißt, das zu bekennen, was den von den Gewalttätern angeworbenen Minderjährigen passiert ist. Wahrheit heißt, den Schmerz der Frauen anzuerkennen, die Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sind.“ Wahrheit dürfe nicht zur Rache führen, sondern zu Versöhnung und Vergebung.

Versöhnung mit der Natur

Franziskus möchte damit vor allem den Opfern die Angst nehmen, dass ihr Leiden im Prozess der Versöhnung kleingeredet wird. Nein, jedes Schicksal ist wichtig. Beim Gebet zur nationalen Versöhnung wurde heute noch einmal daran erinnert, dass es mehr als acht Millionen Opfer des Konflikts gibt. Es ist sicher nicht die endgültige Zahl. Denn noch längst sind nicht alle Opfer gezählt. Viele trauen sich nicht, sich zu offenbaren und ihr Schicksal öffentlich zu machen, auch weil sie in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen kein Glauben geschenkt wurde oder interessierte Stellen eine Aufklärung verhindert hatten. Erst wenn Vertrauen gewachsen ist in die Strukturen der Aufklärung, wird das ganze Leid an die Oberfläche kommen. Aus diesem Grund pocht Franziskus auch so stark auf das Thema Gerechtigkeit. „Der Rückgriff auf die Versöhnung darf nicht dazu dienen, sich Situationen der Ungerechtigkeit zu fügen“, erklärte er am Morgen beim Gottesdienst.

Auffallend ist, dass Franziskus bei der Versöhnung immer auch die Natur anspricht. „Es ist kein Zufall, dass wir unsere Besitzgier und unser Herrschaftsstreben auch an ihr ausgelassen haben.“ In diesem Kontext wählte er heute Morgen ein überraschendes Zitat. Er lässt den kolumbianischen Sänger Juanes zu Wort kommen: „Die Bäume weinen, sie sind Zeugen so vieler Jahre an Gewalt. Das Meer ist braun, es vermischt Blut mit Erde.“ Der 45-jährige Sänger ist eine Pop-Ikone in seinem Heimatland und einer der populärsten Popsänger Lateinamerikas. Schon gestern hatte Franziskus den Bischöfen des Landes Amazonien besonders ans Herz gelegt. Das Thema wird Franziskus sicherlich bei seiner nächsten Lateinamerikareise noch vertiefen, wenn er im Januar Peru besucht. Das haben die Bischöfe dort bereits angekündigt.

P.S. Mehr über den Freitag in Kolumbien auch bei heute.de.

P.S. Mehr zur Rolle der Kirche im Friedensprozess in Kolumbien und das Thema „Religionen und Konflikte“ gibt es am kommenden Sonntag im ZDF in der Sendung „sonntags“ ab 9.02 Uhr.  Sie steht unter dem Thema „Von Friedenstiftern und Fanatikern“.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

2 Kommentare

  • neuhamsterdam
    09.09.2017, 9:11 Uhr.

    Jemand hat mal sinngemäß formuliert, daß Jesus durch „seinen Kreuzestod den Opfern die Macht genommen hat“. Vor diesem Hintergrund ist das Engagement der Kirche für die Einhaltung der Menschenrechte auch zu bewerten. Das Kreuz ist zentraler Bestandteil der Kirche und ohne dieses wird die Kirche orientierungslos.

  • alberto knox
    09.09.2017, 12:47 Uhr.

    der farc-chef hat den papst sogar um verzeihung gebeten und baut darauf, dass versöhnung und frieden kolumbien beschieden werden. er nennt den papst sogar einen heiligen. das ist stark. ein militanter marxist, der sich der wehrlosen liebe beugt. das kommt nicht so oft vor. mögen der gnade gottes noch viele solche siege durch unseren papst geschenkt werden.

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