Benedikt XVI.: Rücktritt war Pflicht

Benedikt XVI. meldet sich zurück. In einem Interview erklärte er jetzt, dass ihm der Rücktritt vom Amt des Papstes „als Pflicht“ erschienen sei. 2013 habe es eine Reihe von Aufgaben gegeben, „von denen ich überzeugt war, dass ich sie nicht zu Ende führen kann“. Als ein Beispiel nannte er den für Juli 2013 geplanten Weltjugendtag in Rio de Janeiro. Eine Interkontinentalreise habe er nicht mehr machen können; ein Weltjugendtag ohne Papst sei aber undenkbar. „Das war ein weiterer Umstand, weshalb ich den Rücktritt als meine Pflicht angesehen habe“, so Benedikt XVI. Das Interview ist Teil einer neuen Biografie über Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., die kommende Woche in Italien erscheint. Papst Franziskus dankte in einem Vorwort zu dem Buch dem emeritierten Papst für seine Unterstützung. „Seine unaufdringliche Präsenz und seine Gebete für die Kirche geben mir Halt und Trost bei meinem Dienst“, so der amtierende Papst. Das Interview für die in Italien erscheinende Biografie ist nicht das einzige, das in diesen Tagen veröffentlicht wird. Am 9. September kommt weltweit ein neues Interviewbuch mit Benedikt XVI. auf den Markt. Unter dem Titel „Letzte Gespräche“ veröffentlicht Peter Seewald einen neuen Band mit Gesprächen, die nach dem Rücktritt geführt wurden.

Freundliche Worte und klare Botschaften - Benedikt XVI. und Franziskus bei ihrer letzten Begegenung in der Öffentlichkeit am 28. Juni 2016. Private Kontakte gibt es regelmäßig, erzählt Benedikt XVI. in seinem aktuellen Interview. (Quelle: reuters)

Freundliche Worte und klare Botschaften – Benedikt XVI. und Franziskus bei ihrer bisher letzten öffentlichen Begegenung am 28. Juni 2016. Private Kontakte gibt es regelmäßig, erzählt Benedikt XVI. in dem aktuellen Interview. (Quelle: reuters)

Knackpunkt Weltjugendtag

Die Papstreise nach Mexiko und Kuba im März 2012 hat Benedikt XVI. seine physischen Grenzen aufgezeigt. So schildert er es in dem Interview, das jetzt in Italien veröffentlicht wurde. Zugleich sei ihm aber auch klar gewesen, dass ein Weltjugendtag, in der Form wie Johannes Paul II. die Veranstaltung geprägt habe, ohne physische Präsenz des Papstes nicht möglich sei. Eine Videoverbindung wäre ebenfalls keine Lösung gewesen, erklärt Benedikt XVI. So habe er sich nach der Mexiko-Kuba-Reise mit seinem Arzt beraten. Das Ergebnis: eine Interkontinentalreise werde er nicht mehr machen und damit auch nicht am Weltjugendtag im Juli 2013 in Rio de Janeiro teilnehmen können. „Von da ab musste ich mich in einer relativ kurzen Zeit entscheiden, wann ich zurücktrete.“

Benedikt erzählt, dass er sich von Beginn seines Pontifikats an seiner Grenzen bewusst gewesen sei und diese akzeptiert habe. Von Anfang an sei ihm klar gewesen, dass er alles, was er tun musste, nicht alleine werde tun können. Er habe sich deshalb in die Hände Gottes geben müssen. So sei es ihm auch nicht schwer gefallen, seine am Tag der Wahl erhaltene Aufgabe später in die Hände des Herrn zurückzugeben. Er habe während seiner Amtszeit, aber auch jetzt nach dem Rücktritt, viel Unterstützung erfahren. Der emeritierte Papst spricht zwar von „mehr oder weniger großen Schwierigkeiten“ in seinem Pontifikat, geht darauf in dem aktuellen Interview aber nicht näher ein. Nach Ankündigung des Verlags des Seewald-Buches soll das in der im September erscheinenden Publikation anders sein. Demnach äußere sich Benedikt XVI. „über die Hintergründe seiner überraschenden Demission“ sowie auch „über kontroverse Themen seiner Amtszeit, etwa das Verhältnis zu Juden und Muslimen, Vatileaks oder die Affäre um die Piusbruderschaft“.

Gehorsam gegenüber Nachfolger

In dem aktuellen Interview spricht Benedikt XVI. auch über seinen Nachfolger. „Der Gehorsam gegenüber meinem Nachfolger stand nie zur Diskussion“, so der emeritierte Papst. Gegenüber Franziskus empfinde er „ein Gefühl tiefer Gemeinschaft und Freundschaft“. Er spricht von einer „wunderbaren väterlich-brüderlichen Beziehung“. Der amtierende Papst schreibt in seinem Vorwort zu der Biografie: „In allen Begegnungen konnte ich nicht nur Ehrfurcht und Gehorsam erfahren, sondern auch eine herzliche spirituelle Nähe, die Freude des gemeinsamen Gebets, ehrliche Brüderlichkeit, Verständnis und Freundschaft sowie die Bereitschaft zur Beratung.“ Die Tatsache, dass es einen emeritierten Papst gebe, verdeutliche eindrücklich die „Kontinuität des Petrusamtes, ohne Unterbrechung“. Die Kirche müsse Benedikt XVI. dankbar sein, so Franziskus, „für die Tiefe und Ausgeglichenheit seines theologischen Denkens“, das er im Dienst der Kirche immer gelebt habe. Franziskus lobt: „Der Mut und die Bestimmtheit, mit der er schwierigen Situationen begegnet ist, haben den Weg vorgegeben, um in Demut und Wahrheit zu antworten in einem Geist der Erneuerung und der Reinigung.“

Zwei Anmerkungen zu den aktuellen Aussagen der Päpste. Das Interview von Benedikt XVI. zeigt einmal mehr, dass er in Bezug auf seinen Rücktritt mit sich im Reinen ist, während so mancher Ratzinger-Anhänger immer noch damit hadert. In seinem Verständnis von Gott und Welt, getragen von einem tiefen Glauben, ist der Schritt konsequent und legitim. Interessant ist, dass beide, Benedikt XVI. und Franziskus das Thema „Gehorsam“ ansprechen. Das ist ein klares Signal an diejenigen, die immer wieder die beiden Päpste gegeneinander auszuspielen versuchen. Franziskus geht noch einen Schritt weiter. In seinem Vorwort für die Benedikt-Biografie greift er einen Gedanken auf, den sein Vorgänger im März in einem schriftlichen Text geäußert hatte: „Für mich [Benedikt XVI.] ist es ein Zeichen der Zeit, dass die Idee der Barmherzigkeit Gottes immer zentraler und dominierender wird.“ Die Worte von Benedikt XVI. zeigten „einmal mehr sehr deutlich, dass die barmherzige Liebe Gottes das tiefe einigende Band der letzten Pontifikate“ sei, stellt Franziskus jetzt in dem Vorwort fest. Die Botschaft, die Franziskus vermitteln will, ist klar: Kontinuität.

Autorenbild

Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

15 Kommentare

  • Alberto Knox
    25.08.2016, 17:28 Uhr.

    thomas schüller, wahrlich ein kirchenrechtlicher nörgler an franziskus (mich würde interessieren, ob der das mit dem kanonistischem sachverstand in rom ernst meint), schrieb jüngst, dass franz ungemein aktiv als gesetzgeber für das finanzwesen des vatikan bereits gewesen sei. wenn b16 sich so alt und schwach vor den pastoralen aufgaben eines papstes gefühlt hat, ist das kein widerspruch zur vermutung, er habe vor vatileaks kapituliert. mit seinem monomanen papastamtverständnis musste er angesichts von kurienreform (für die er schon 2005 gewählt worden war, was wir gern vergessen – und geschah da was?), vatikanischen geldgeschäften UND den alltagspflichten scheitern, v.a. wenn er dann noch die fachlich eher hinterweltlerischen jesusbücher schreiben wollte. im grunde war schon die bedingung von 1982, er wolle nur präfekt werden, wenn er weiter publizieren könne, eine unverschämtheit. angesichts der amtsführung von ratzinger muss man sagen: es geht nicht: forschung und lehre gehen eben nur an der universität, nicht als bischof, da mögen die herren bischöfe der alten kirche nachtrauern, aber bischof ist ein unspiritueller verwaltungsposten. das gilt nirgendwo so sehr wie in rom. da ist b16 von der wirklichkeit sehr schnell eingeholt worden.
    langer rede kurzer sinn: „ich kann keine auslandspastoralreisen mehr unternehmen im jahr 2013“ ist doch nur eine Gesicht wahrende (das sei ihm sogar eine zugestandene) version für: „ich kann die alltäglichen pflichten nicht mehr erledigen – wie denn dann die zusätzlichen.“ im grunde war er sogar nie geeignet für einen bischöflichen posten mit seiner krankhaften abneigung gegen die welt. er hat das verklausuliert sogar eingestanden, als er bei der neuordnung des konklave gestand, die konklaveordnung von johannes paul ii. habe sich nicht bewährt.

    • Wrightflyer
      29.08.2016, 9:51 Uhr.

      Naja, irgendwie bastelt sich jeder seinen Ratzinger…

      Während wir sehr eindeutig sagen können wer Franziskus ist, während es von ihm ein sehr eindeutiges Bild gibt, das auch von über 90% der römischen Katholiken, den meisten Christen anderer Konfessionen und sogar Nichtchristen (immerhin hat er auch bei den Muslimen Eindruck geschunden! Das sieht man z.B. daran daß zur Beerdigung von Pfarrer Hamel auch viele Muslime erschienen sind. Unter Ratzinger war jeder Dialog mit dem Islam tot und begraben) verstanden wird, nämlich daß er eine Kirche will die nicht verurteilt sondern hilft, nicht maßregelt sondern sich an die dreckigsten und vernachlässigsten Orte begibt um dort zu heilen was auch immer sie heilen kann, in Slums, in Knäste usw., ist das mit Ratzinger irgendwie ein großes Verwirrspiel. Die einen verstehen ihn so, die anderen so. Gleiches ist bei Wojtywa, wobei das auch kein Wunder ist, der war gelernter Schauspieler und hat sein Talent wohl genutzt.

      Manche sagen daß er angefangen härtte im Missbrauchsskandal durchzugreifen.
      Ja, äh… NACHDEM das Kind in den Brunnen gefallen war.

      Und Tatsache ist auch, daß unter Ratzinger NICHTS vorankam.
      Franziskus hat z.B. mit der Familiensynode einen großen und mutigen Schritt Richtung Synodalität gewagt. Inwiefern der gelungen oder verbesserungswürdig ist, an den Details kann man diskutieren, z.B. wären mehr Laien als (auch stimmberechtigte) Synodenteilnehmer wünschenswert gewesen, aber es war wichtig diesen Schritt zu wagen. Und ich schätze es auch sehr daß er in Amoris Laetitia nirgends die Synode lächerlich gemacht hat, weder in die eine noch in die andere Richtung, indem er ihre Ergebnisse konterkariert hätte. Er hat darüber hinaus auch späteren Synoden Raum gelassen.
      Aber Franziskus‘ Vorteil ist ja auch, daß er eben NICHT 22 Jahre lang „Großinquisitor“ war, er war nicht in der Rolle des strengen Glaubenspolizisten festgefahren.

      Es gab wohl in Ratzingers Leben Einflüsse die ihm nicht gutgetan haben, die zu der von Ihnen genannten Angst vor der Welt geführt haben. Anscheinend wird er jetzt im Rantnerdasein von manchem frei. Er sieht schon rein optisch wesentlich besser aus als 2013. Er hält sich, wenn ich einen Helden der Bücher Pratchetts nennen darf, wie Cohen der Barbar.

  • Wrightflyer
    25.08.2016, 22:09 Uhr.

    Die Ära Benedikt ist jetzt vorbei…
    Wie ich finde auch gut so.

    Persönlich finde ich das alles im Nachhinein sehr verwirrend, unklar und verworren.
    Die einen sagen er war so, großer Reformer, hat angefangen im Missbrauchsskandal aufzuräumen usw., die anderen sagen er war ein ultrakonservativer Betonschädel, eiskalt und Darth Vader persönlich.
    Das mit den Kondomen für männliche Prostituierte soll er so gemeint haben, dann wieder anderst…

    Deswegen gefallen mir z.B. Franziskus‘ Flugzeuginterviews so gut. Da ist ein echter und unzensierter Bischof von Rom. Keiner der hinter -zig verwirrenden Interpretationen mal so und mal so verschwindet. Keiner der sich „einfangen“ lässt von seinem Stab: „neinein, da hat er so und so gemeint“.

    Persönlich halte ich Ratzinger noch immer für eine Fehlbesetzung als Papst, schon wegen der ganzen Verwirrung die es unter ihm gab. Er ist in dieser Paralyse nach Wojtywas Tod ins Amt gewählt worden. Daß damals große Teile der römisch-katholischen Kirche bis runter an die Basis wohl nicht mehr geradeaus denken konnten, habe ich damals auf einen viel zu langen und extrem nervtötenden Zugfahrt erlebt.
    Aber ich halte ihn nicht für einen schlechten Menschen. Er hat sehr viele Fehler gemacht. Aber ich bin überzeugt daß viel Gutes in ihm steckt.

    Was ich weiß ist, daß hier mal über einen Ratzinger-Text gestritten wurde, den über die Änderung der Wandlungsworte („für alle“ sollte ersetzt werden durch „für viele“) und ich den Text nicht sehr logisch fand. Erst sollte beides richtig sein, dann auf einmal nur „für viele“, aber ohne logische Begründung warum?

    Kurz, sowohl um Ratzinger wie auch um Wojtywa gibt es sehr viel seltsames, unklar und verwirrendes. Und heute weiß die römisch-katholische Kirche nichtmehr, wer sie selbst eigentlich ist.

    Auf jeden Fall schwöre ich Eide daß ich im Spiegel, die genaue Ausgabe finde ich nicht mehr, gelesen habe, daß er dreimal in seiner Funktion als Glaubenspräfekt entlassen werden wollte. Die Rolle die er gespielt hat, hat ihm also wirklich nicht gefallen.

    Nun, zu diesem Amt verknackt hat ihn Wojtywa, und der, darauf bestehe ich, muss ein sehr sehr seltsamer Mensch gewesen sein.
    Da gibt es z.B. so ein Bild mit einer herzlichen Umarmung zwischen ihm und Helder Cámara, aber letzterer „durfte“ am Ende seines Lebens zugucken wie ein ultrakonservativer Nachfolger sein ganzes Werk zunichtemacht.

    Einen Geniestreich wie die Familiensynode (wobei ich es noch immer für sehr gut möglich halte, daß Franziskus sie als Probelauf für ein mögliches 3. Vatikanum geplant hat) hätte Ratzinger nicht anleiern können. Nicht nach so langen Jahren als Glaubenspräfekt, wo es ja seine Hauptaufgabe war, anderen vorzuschreiben was sie gefälligst zu glauben haben, ob es ihm selbst nun gepasst hat oder nicht. Diese Jahre haben ihn wohl zu sehr geprägt, egal ob er wollte oder nicht.

    Franziskus werfe ich nur einen schwerwiegenden Fehler vor:
    Seinen Umgang mit Politikern, sobald die persönlich vor ihm stehen!
    Er scheint es noch immer zu lieben, den Meisterstrategen zu spielen und zu versuchen, die mächtigen einzuseifen, aber die heutige Politik ist dazu zu verlogen geworden. Sogar die westlichen Demokratien haben Regierungsmitglieder die an Zynismus und Menschenverachtung locker die argentinische Militärdiktatur überbieten. Anderst ist weder TTIP und CETA, noch der Flüchtlingsdeal mit der Türkei noch das Aushungern der griechischen Bevölkerung zu erklären.
    Er soll diese verdammten scheinheiligen Privataudienzen streichen und seine Zeit sinnvoller verbringen!!

    • Wanda
      28.08.2016, 0:16 Uhr.

      … sein Umgang mit Politikern sobald sie vor ihm stehen, ein Fehler ? Und sein Versuch diese Mächtigen einzuseifen, wobei offen bleibt, wer wen einseift ?
      Das Ganze nennt man wohl Heuchelei auf hohem (oder eher niedrigem?) Niveau.

  • Silberdistel
    26.08.2016, 19:47 Uhr.

    Das war die offizielle Version, die für die Geschichtsbücher.

    Und die mit der ominösen Morddrohung bei der Chinareise, kurz vor dem Rücktritt? „Vatileaks“ durch den Kammerdiener Paolo Gabriele oder „La Cordata omosessuale in Vaticano. Prälat G.G. und homosexuelle Seilschaften hinter dem Rücken von Papst Benedikt XVI.“.
    Oder ist dies nur etwas für die Verschwörungstheoretiker??

  • Wrightflyer
    26.08.2016, 23:01 Uhr.

    Mein persönlicher Wunsch ist, dass jetzt auch echt mal gut ist mit Amtszeit Ratzinger….

    Manche, […]*, sagen dass man bei Franziskus angeblich nicht wüsste woran man sei.
    Dabei trifft das doch viel eher auf Ratzinger zu.

    Jeder kann sich seinen persönlichen Ratzinger zusammenbasteln, meistens einen Extrempol, entweder heldenhafter Reformer (wie jedenfalls unsere Redaktion meint) oder Darth Vader persönlich, wie […]* meint.
    Warum?
    Weil Ratzinger so wenig greifbar war und so viel im Nebel der Interpretation verschwand.

    Die Welt hat echt andere Sorgen als herumzuraten wie ein vergangener Papst wirklich war.

    *Der Beitrag wurde wegen des Verstoßes gegen die Netiquette editiert.

    • Alberto Knox
      28.08.2016, 15:06 Uhr.

      „oder Darth Vader persönlich, wie […]* meint“

      sollte hier Alberto Knox gestanden haben, darf das da auch ruhig stehen. ich halte das nicht für einen verstoß gegen die netiquette, auch wenn ich mich für science fiction nicht interessiere und nicht recht eigentlich weiß, wer darth vader ist. ich halte b16 für den schlechtesten, intellektuell drittklassigsten papst seit pius ix. – […]*
      * editiert wegen Verstoßes gegen die Netiquette

  • Wanda
    28.08.2016, 1:08 Uhr.

    Hochinteressant festzustellen, dass die aktuellen Päpste ihre Vorgänger immer als grosse, unübertreffliche und Fast-Heilige (bzw. im Fall Karol Wojtyla als zweifelsfrei Heiligen) hochjubeln und verherrlichen. Je weiter man allerdings zeitlich zurückgeht, wird diese glanzvolle Patina immer fleckiger bis relativ oft und der Wahrheit absolut nicht zur Ehr man zu arrangierten Wahlen und den gekauften oder absoluten „Fehlbesetzungen“ gelangt.
    Eine Geschichte wie die der übrigen Menschheit auch: Egomanen, Despoten und Dynastien, Intriganten und Mörder, Nepotismus und Raffgier, Päderasten usw., nur gelegentlich unterbrochen von einigen wenigen, human handelnden Amtsinhabern, die an den Fingern abzuzählen sind.
    Ganz offenbar ist die zeitliche Distanz zu den Päpsten entscheidend und klärt erst den Blick auf ihre Person und Wirken.
    – Man kommt in’s Grübeln: möglicherweise hat es der Hl. Geist nicht so mit dem aktuellen Beistand bei der Wahl des jeweiligen Petrus-Nachfolgers; oder vielleicht überhaupt nicht ?

  • bernardo
    28.08.2016, 11:03 Uhr.

    Die Hintergründe des Papstrücktritts werden sich nie ermitteln lassen, was Raum für Verschwörungstheorien gibt. (Nicht dass es keine Verschwörungen im Vatikan gibt oder gegeben hätte.) Was das Papsttum Benedikts angeht: Non liquet – und es ist zu früh, sich ein Urteil darüber zu erlauben. Ich gebe zu bedenken, es hat Päpste gegeben, die Seelsorger waren (Johannes Paul I.), Diplomaten (Pius XII.), Administratoren (Paul VI.), Gelehrte (Pius XI.) und Lehrer (Benedikt XVI.) Kein Papst vereinigt alle Qualitäten in sich. Ich denke, das besondere Lehramt Benedikts wird sich in der Zukunft erweisen.

    @ Wrightflyer: Joseph Ratzinger lässt sich im Gegensatz zu Jorge Mario Bergoglio recht gut erfassen. Als vglw. junger Theologe wollte er die neoscholastische Enge abstreifen und zurückgreifen auf eine viel reichere Kultur der Kirche. Dann merkte er, dass es seinen Mitstreitern weniger um eine Reformation (eine Zurückformung) ging als um etwas völlig Neues. So wurde aus dem „progressiven“ der „konservative“ Ratzinger, obwohl er wahrscheinlich immer derselbe geblieben ist. Was Franziskus angeht: Seine Begegnungen mit Politikern werfe ich ihm nicht vor. Ein Papst muss auch Politiker treffen, ob in diesem Ausmaß ist eine andere Frage. Anders als Ratzinger, der mit der Machtausübung wohl immer gefremdelt hat, ist Franziskus ein Mann, der gerne Macht ausübt. Das hat er ehrlicherweise auch zugegeben. Und trotz allen Schimpfens betreibt er eine Agenda, die die Agenda der Mächtigen ist, jedenfalls einer Mehrheit von ihnen. Ähnlich unklar wie seine Haltung als Papst, die ich „jesuitisch“ nennen würde, war seine Haltung während der Militärdiktatur. Ich glaube nicht, dass er ein „Junta-Kumpel“ (taz) war, aber vergleichen Sie seine Rolle mit der aufrechten Rolle, die Kardinal Wojtyla während der kommunistischen Diktatur hatte. Natürlich verschleiert Franziskus seine Anbiederung gegenüber den Mächtigen mit Geschimpfe auf diese Mächtigen. Das hat aber nichts zu bedeuten, und ärgert die Mächtigen auch nicht wirklich.

    • Wrightflyer
      29.08.2016, 19:44 Uhr.

      „Und trotz allen Schimpfens betreibt er eine Agenda, die die Agenda der Mächtigen ist, jedenfalls einer Mehrheit von ihnen.“
      SCHÖN WÄRE ES!!!!
      Ich fliege entweder Ende diesen Jahres oder wahrscheinlicher noch in der 1. Hälfte 2017, endlich wieder nach Argentinien. Wäre es die Agenda der deutschen Bundesregierung, die verdammten Waffenexporte zu stoppen, die Franziskus auch immer wieder anmahnt, müsste ich mich dort nicht so sehr schämen, mir wäre es nicht so furchtbar peinlich, daß eine nicht geringe Anzahl an Argentiniern eine erhebliche Bewunderung für Deutschland hegt!!!

      Ist mir neu daß es die Agenda der Mächtigen ist, Armut und Hunger zu beseitigen, Sklaverei abzuschaffen, jedem Mann und jeder Frau einen Arbeitsplatz zu geben und alle Kriege zu beenden, wie Franziskus immer wieder anmahnt…
      In den letzten Jahrzehnten haben die Mächtigen stets dafür gesorgt daß die Taschen der Reichen voller und die Mägen der Armen leerer wurden! Daß die Automatisierung Arbeitsplätze vernichtet, daß vor allem in Afrika die Bauern ihr Land an Großkonzerne verlieren und die miesesten Diktatoren, wie z.B. Bashar al-Assad oder das Regime al-Saud Waffen und Munition ohne Ende bekommen!

      Um Franziskus‘ Agenda als die Agenda der Mächtigen zu bezeichnen, muss man schon eine SEHR blühende Fantasie haben…

      Was Benedikt angeht:
      Ich habe es vor allem von seiner Zeit als Papst und JA, die berichten verschiedene Quellen mal so und mal so!
      Mal hü und mal hott!
      Mal soll er das… dann wieder anderest…
      Und das hat er ganz anderst gemeint…
      Mal rin in die Kartoffeln, mal raus aus den Kartoffeln!

      Was man auf jeden Fall sagen kann ist, daß außerhalb der Vatikanmauern NICHTS unter Benedikt vorankam! Da braucht man nicht erst Historiker in 50 Jahren zu fragen, das hat man gemerkt!

      „Ähnlich unklar wie seine Haltung als Papst, die ich „jesuitisch“ nennen würde, war seine Haltung während der Militärdiktatur.“
      Da gibt es ein Buch mit dem Titel „Bergoglios Liste“ (mit einem Vorwort von Adolfo Perez Esquivel), welches namentlich Zeugen benennt, welche übereinstimmend berichten, daß er damals vielen Personen half, außer Landes zu fliehen. Was er während der Diktatur tat ist also mittlerweile bekannt: Er hatte ein ganzes Untergrundnetzwerk, einschließlich Passfälscherei!

      Daß ein Untergrundkämpfer keine öffentlich laute Stimme sein kann, ist klar.
      Das haben schon zwei Uhrgroßväter von mir in der Nazizeit mitgemacht. Beide haben, entsprechend ihrem unterschiedlichen Temperament, unterschiedlich Widerstand geleistet.
      Der eine war ein völlig unverdächtiger städtischer Angestellter und wurde von der Nachbarschaft gebeten, Blockwart zu werden, denn hätte den Posten ein echter Nazi übernommen, hätten einige, z.B. zwei Halbjüdinnen, ein Problem gehabt. Und zwar ein großes. Auf seine unverdächtige Art hielt er einem beachtlichen Teil des Stadtteiles die Nazis vom Hals, d.h. trieb ein doppeltes Spiel.
      Der andere war entschiedener Sozialdemokrat und legte sich offen mit den Nazis an. Er wurde zweimal strafversetzt und hatte die Gestapo im Nacken. Möglicherweise wäre er verschwunden, wenn er nicht ausgerechnet Eisenbahner im höheren Dienst gewesen wäre. Nur: Man konnte bei ihm niemanden verstecken, denn das wäre ein Versteck mit Leuchtreklame drumherum gewesen.

      • Wrightflyer
        29.08.2016, 21:34 Uhr.

        Es ist z.B. sehr aussagekräftig, daß gerade die neoliberale marktverherrlichende FAZ nicht gut auf Franziskus zu sprechen ist….

  • Wrightflyer
    29.08.2016, 10:08 Uhr.

    So, wenn jetzt mal gut ist mit Altpapst (es gibt wirklich wichtigeres), hätte ich tatsächlich eine wichtige Meldung aus dem GESAMTkatholischen Bereich.

    Der Faulheit halber kopiere ich das einfach von der Webseite:
    „Unter dem Thema „Den Glauben weitergeben“ steht vom 29. August bis zum 2. September die Internationale Alt-Katholische Theologenkonferenz in Neustadt/Weinstraße. Die Konferenz wird sich u.a. mit den Fragen befassen: Wie leben wir unseren Glauben in einer säkularen Gesellschaft? Wie versuchen wir, ihn in Gottesdiensträumen und Kirchengebäuden zum Ausdruck zu bringen? Welche neuen Formen der Seelsorge bringen den Glauben in die Öffentlichkeit? Und wie kann heute Glaube an künftige Generationen weitergegeben werden?“

    Man darf hier in diesem Blog so manche angeblich so bösen Wörter ja nicht mehr hinschreiben, aber:
    Bekannte, meistens sehr junge öffentliche Persönlichkeiten deren Arbeitsplatz eine von Tribünen gesäumte grüne Freifläche mit weißen Linien drauf ist, bekennen sich in letzter Zeit verstärkt zum Christentum.

    Wir haben andererseits das Phänomen, daß viele Deutsche zum Islam konvertieren.
    Andererseits besteht die Mehrheit der Neuchristen in Deutschland aus ehemaligen Muslimen.
    Es geht mir hier NICHT darum, was ich detailliert vom Islam halte.
    Es geht mir darum:
    Wenn Leute hier zum Islam konvertieren kann man keineswegs behaupten, daß garkein Interesse mehr an Religion vorhanden wäre! Also daß garkein Bedürfnis nach Gott mehr da wäre!
    Jetzt sind aber die 5% Muslime hierzulande wesentlich präsenter als die vielleicht noch 20% Christen, obwohl letztere viermal so viele sind.

    Früher war man Christ „weil es sich so gehörte“, es war etwas, naja, staatstragendes. Aber eigentlich auch innen hohl, denn schon die Generation meiner Eltern wurde, wenn auch alle brav getauft und gefirmt, nicht so wirklich dazu erzogen, christlich zu leben, sondern als höchstes Ziel im Leben Geld und Karriere, eigenes Haus, schickes Auto, kurz: Allen materiellen Wohlstand, zu haben. Christliche Bräuche sind da, naja, so bischen was nettes nebenbei. Und letztendlich verzichtbar.
    Jesus sagte aber nicht: „Mein Reich ist eine nette gesellschaftliche Zugabe für die materiell abgesicherten“, sondern „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ Kurz: Es geht um eine Alternative! Für etwas anderes leben als dafür, die Zahl auf dem Konto möglichst hoch zu treiben!

    Außerdem hätte ich da einen Vorschlag zu der gerade losgegangenen Diskussion:
    Es gibt in Deutschland inzwischen mindestens 2 altkatholische Gemeinden mit einer PfarrerIN, eine hat immerhin eine VikarIN und insgesamt soll es so 10 PriesterINNEN geben. Dann wäre da noch eine Gemeinde mit PfarrerIN in der Schweiz.
    Der Deutschlandfunk hat schonmal aus der einen Kirche einen Gottesdienst übertragen, allerdings noch unter dem alten Pfarrer.
    Liebe Redaktion: Sie übertragen doch auch Gottesdienste? Na wie wäre es? Haben Sie den Mut mal einen mit katholischer PriesterIN zu übertragen?

    • Silvia
      02.09.2016, 21:43 Uhr.

      Wrightflyer
      29.08.2016, 10:08 Uhr.

      Dann müsste das ZDF aber auch orthodoxe Gottesdienst in voller Länge übertragen, oder Gottesdienste der mit uns unierten orientalischen Kirchen usw.

      Es gibt in Stuttgart immerhin eine chaldäisch – katholische Kirche für hier lebende irakische Christen, die der chaldäischen Kirche angehören.

      Interessant wäre ein altkatholischer Gottesdienst mit einer PRIESTERIN allerdings.

  • Alberto Knox
    29.08.2016, 19:01 Uhr.

    „Die Hintergründe des Papstrücktritts werden sich nie ermitteln lassen, was Raum für Verschwörungstheorien gibt. (Nicht dass es keine Verschwörungen im Vatikan gibt oder gegeben hätte.)“

    das ist historisch betrachtet natürlich sachlich falsch. natürlich lassen sich durch archivarbeiten, augenzeigengespräch u.v.m. hintergründe ermitteln. wäre das unmöglich, könnte man geschichtswissenschaft bleiben lassen.

    „Was das Papsttum Benedikts angeht: Non liquet – und es ist zu früh, sich ein Urteil darüber zu erlauben.“

    wer legt das fest? wohl @bernardo selbst, der einfach nicht möchte, dass die schwarze weste eines missbrauchvertuschers und kleingeistes allzu öffentlich wird.

    „Ich gebe zu bedenken, es hat Päpste gegeben, die Seelsorger waren (Johannes Paul I.), Diplomaten (Pius XII.), Administratoren (Paul VI.), Gelehrte (Pius XI.) und Lehrer (Benedikt XVI.).“

    bemerkenswert, dass der kirchengeschichtler und fundamentaltheologe johannes xxiii. nicht auftaucht… dass paul vi. durchaus in mailand seelsorger war, dass franziskus sogar zwei studienabschlüsse hat und literatur im studium generale unterrichtete. das passt halt einfach nicht ins bild. also wird es ausgeblendet.

    „Kein Papst vereinigt alle Qualitäten in sich.“

    gottseidank.

    „Ich denke, das besondere Lehramt Benedikts wird sich in der Zukunft erweisen.“

    und man schämt sich jetzt schon, wie lange man still gehalten hat, obwohl b16 die kirche ins übel-rechte eck manövriert hat. zu den piussen…

    „@ Wrightflyer: Joseph Ratzinger lässt sich im Gegensatz zu Jorge Mario Bergoglio recht gut erfassen.“

    mir gruselt vor menschen, die menschen erfassen können.

    „Als vglw. junger Theologe wollte er die neoscholastische Enge abstreifen“

    diese enge wird gerne von theologen wie magnus striet angeführt – sie existierte aber gar nicht. wer die neuscholastik wirklich kennt, lernen ein flexibles, eindeutiges koordinatensystem kennen, von dem man etwas lernen kann, auch wenn es nicht die eigene theologie ist. was ist wohl bedeutender: aus einer theologie (übrigens lehramtlich vorgegebenen theologie, gegen die ratzinger so voreingenommen war – das muss man sich auf der zunge zergehen lassen. wahrscheinlich hat ratzinger den großen aquinaten einfach nicht verstanden), die vielleicht einseitig war, ein vielseitig verstandenes instrumentar zu machen oder es einfach abschütteln?

    „und zurückgreifen auf eine viel reichere Kultur der Kirche.“

    naja, ratzinger ist halt bei bonaventura und maximus confessor stehen geblieben. kein kappadokier, kein origenes, augustinus auch nur halbverstanden, keine patristische dichtung, kein petrus lombardus, kein albertus magnus, kein thomas, kein duns scotus. soviel reichtum ist das nicht. aber auch hier: man muss ausblenden, weil sonst die eigene geschichtsdeutung nicht mehr stimmt.

    „Dann merkte er, dass es seinen Mitstreitern weniger um eine Reformation (eine Zurückformung) ging als um etwas völlig Neues.“

    welche mitstreiter? welches völlig neue? nur schlagwörter werden hier vorgebracht, aber keine argumentation.

    „So wurde aus dem „progressiven“ der „konservative“ Ratzinger, obwohl er wahrscheinlich immer derselbe geblieben ist.“

    er war NIE progressiv. auch nie konservativ, er war immer reaktionär, gern bei schnittchen und häppchen im dekandenten schloss st. emmeram. die eigene reaktionäre rechtslastigkeit (belegbar im gruselig antijudaistischen lthk2-artikel kirche) kann man natürlich hinter weihrauchwölkchen benebelnder sprache kaschieren.

    „Was Franziskus angeht: Seine Begegnungen mit Politikern werfe ich ihm nicht vor. Ein Papst muss auch Politiker treffen, ob in diesem Ausmaß ist eine andere Frage.“

    hat pius xii., paul vi., johannes paul ii. und b16 auch nicht anders gemacht, aber das ist schnell vergessen, um es dritten besser vorwerfen zu können.

    „Anders als Ratzinger, der mit der Machtausübung wohl immer gefremdelt hat,“

    das ist das proton pseudos. er hat sein knallhartes machtstreben nur geschickt hinter demutsworten kaschiert. mehrfach ist er mit der änderung der wandlungsworte bei johannes paul ii. abgeblitzt. dieser war kaum kalt, schon widersprach das lehramt von 16 dem von johannes paul, der sich (genauso wie paul vi.) mehrfach für die richtige übersetzung „für alle“ beim kelchwort (zuletzt 2004 oder 2005) engagiert hatte gegen die piusbruderverleumdungen. wie nennt man das? machtbewusstsein und -ausübung. und zwar eiskalte.

    „ist Franziskus ein Mann, der gerne Macht ausübt. Das hat er ehrlicherweise auch zugegeben.“

    ja, und?

    „Und trotz allen Schimpfens betreibt er eine Agenda, die die Agenda der Mächtigen ist, jedenfalls einer Mehrheit von ihnen.“

    das ist schlicht unwahr.

    „Ähnlich unklar wie seine Haltung als Papst, die ich „jesuitisch“ nennen würde, war seine Haltung während der Militärdiktatur.“

    das ist eine verleumdung. ALLE vorwürfe würde erwiesenermaßen ausgeräumt. sein „hauptankläger“ horacio verbitsky war selbst juntasympatisant.

    ich sage es hier sehr deutlich, weil auch schon kardinal kasper hier von bestimmten leuten wider besseren wissens des rassismus bezichtigt worden ist mit aussagen, die so nie getätigt worden sind – wer dem papst auch nur insinuierend eine nähe zur junta unterstellt, obwohl er sich im maße des möglichen (für einen provinzial) für von der junta bedrohte einsetzte, der lädt moralisch schwere schuld auf sich.

  • Silvia
    29.08.2016, 21:18 Uhr.

    Ich denke, dass Franziskus der politischste Papst seit langem ist, weitaus politischer als JPII.

Kommentare geschlossen

Dieser Beitrag kann nicht länger kommentiert werden.