Papst in Mexiko – Tag 6

Zum Abschluss seiner Mexikoreise hat Papst Franziskus noch einmal ein Feuerwerk gezündet. Beim Besuch in einem der berüchtigtsten Gefängnisse Lateinamerikas kritisierte er den Umgang der Gesellschaften mit Gefangenen. Beim Treffen mit Arbeitern und Arbeitgebervertretern drohte er den Verursachern ungerechter Verhältnisse mit dem Endgericht: „Gott wird von den Sklavenhaltern unserer Tage Rechenschaft fordern.“ Der Gottesdienst, direkt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, stand ganz im Zeichen der Flüchtlingsthematik. Auch hier schlug Franziskus düstere Töne an und verglich die Gegenwart mit der Situation Ninives vor dem Eingreifen Gottes durch den Propheten Jona. Er sprach angesichts der großen Zahl von Flüchtlingen von einer „humanitären Krise“, die man nicht leugnen könne. Zum Abschluss allerdings machte er den Mexikanern Mut. In Anlehnung an ein Gedicht des Mexikaners Octavio Paz mit dem Titel Brüderlichkeit stellte er fest: „Die Nacht mag uns gewaltig und sehr dunkel erscheinen. In diesen Tagen jedoch konnte ich feststellen, dass es im mexikanischen Volk viele Lichter gibt, die Hoffnung verkünden.“

Rund 1000 Gefangene nahmen heute Morgen beim Treffen mit Papst Franziskus teil. (Quelle: dpa)

Rund 1000 Gefangene nahmen heute Morgen beim Treffen mit Papst Franziskus teil. (Quelle: dpa)

Sicherheit durch Gerechtigkeit

Im Gefängnis machte Papst Franziskus deutlich, dass man die Ursachen von Gewalt bekämpfen muss, nicht nur die Folgen. Sicherheit gewinnt man nicht durch Knast, sondern durch mehr soziale Gerechtigkeit. So könnte man seine Botschaft zusammenfassen. Der „Teufelskreis der Gewalt und der Kriminalität“ könne nicht durch Isolierung, Abschiebung und Inhaftierung durchbrochen werden. Wiedereingliederung fange viel früher an, so Franziskus, indem man ein „System sozialer Gesundheit“ schaffe. „Die gesellschaftliche Wiedereingliederung beginnt damit, dass alle unsere Kinder in die Schulen aufgenommen und ihre Familien in würdige Arbeiten eingeführt werden; dass öffentliche Zonen für Freizeit und Erholung sowie Einrichtungen der Bürgerbeteiligung geschaffen werden, dass Gesundheitsdienste und Zugang zu den wichtigsten Serviceleistungen gewährt werden, um nur einige Mittel zu nennen.“

Gefängnisse seien immer auch „ein Anzeichen für den Zustand unserer Gesellschaft“, erklärte der Papst. Er kritisierte, dass Gefängnisse oft mehr darauf ausgerichtet seien, „die Menschen außerstande zu setzen, weiter Straftaten zu begehen, als darauf, die Prozesse der Rehabilitierung zu fördern, die gestatten, die sozialen, psychologischen und familiären Probleme zu berücksichtigen, die einen Menschen zu einem bestimmten Verhalten geführt haben“. Die Gefangenen forderte er auf, den Blick nach vorne zu richten und dazu beizutragen, künftig Straftaten zu verhindern. „Sprecht mit euren Lieben, erzählt ihnen eure Erfahrung, helft, den Teufelskreis der Gewalt und der Ausschließung zu stoppen! Wer den Schmerz bis zum Äußersten erlitten hat und – wir könnten sagen – ‚die Hölle durchgemacht hat‘, kann ein Prophet in der Gesellschaft werden.“ Das setzt natürlich voraus, dass der Betreffende seine Tat auch bereut. Aber davon geht Franziskus in seiner Ansprache aus.

Humanisierung der Arbeit

Die Begegnung mit Vertretern der Arbeitswelt, Arbeitern und Unternehmern, geriet einmal mehr zu einer scharfen Kritik gegen das aktuelle Wirtschaftssystem, das vom „Paradigma des wirtschaftlichen Nutzens“ bestimmt werde. Dies führe zu einem „Verlust der ethischen Dimension der Unternehmen“, so Franziskus. Franziskus forderte Arbeitgeber und Arbeitnehmer zum Dialog auf. Es müsse darum gehen, „ein würdiges Arbeiten zu schaffen, das der Gesellschaft und vor allem den Jugendlichen nütze. „Eine der größten Geißeln, der Ihre jungen Menschen ausgeliefert sind, ist der Mangel an Möglichkeiten zur Ausbildung und zu nachhaltiger sowie einträglicher Arbeit, die es ihnen gestattet, Pläne zu machen; das erzeugt in vielen Fällen Situationen der Armut. Und diese bilden dann den günstigen Nährboden, um in die Spirale des Rauschgifthandels und der Gewalt zu geraten.“

Die Arbeit müsse ein „Ort der Humanisierung und der Zukunft“ werden. Oder, so fragte er die Anwesenden, wollen wir unseren Kindern „eine Erinnerung an die Ausbeutung, an nicht ausreichende Löhne, an Mobbing am Arbeitsplatz hinterlassen?“ Welche Atmosphäre werden die Kinder atmen, fragte Franziskus: „Eine von der Korruption, von der Gewalt, der Unsicherheit und des Misstrauens vergiftete Luft, oder vielmehr eine Luft, die in der Lage ist, Alternativen hervorzubringen, Erneuerung und Veränderung zu schaffen?“ Die Soziallehre der Kirche wolle dabei helfen, so Franziskus. Sie sei gegen niemanden gerichtet, sondern diene allen.

Franziskus ist in seinen Aussagen klar und provokant. Den Ausführungen stellte er den Aufruf zum Dialog voraus. „Alles, was wir für den Dialog, für die Begegnung und für die Suche nach besseren Alternativen und Chancen tun können, ist schon ein Erfolg, der zu würdigen und hervorzuheben ist.“ Man könne sich nicht den Luxus leisten, jede Möglichkeit der Begegnung, der Debatte, des Austauschs und der Suche abzuschneiden. „Es ist die einzige Weise, die wir haben, um ein Morgen aufzubauen und nachhaltige Beziehungen zu knüpfen.“ Diese Aussage zum Dialog gilt für das gesamte Pontifikat von Papst Franziskus – etwa auch den neu aufgenommenen Gesprächsfaden mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill oder die Versuche eine Kontaktaufnahme mit der kommunistischen Führung in Peking.

Der Papst als Prophet

Franziskus sieht sich in der Rolle des Propheten Jona, der in diesem Fall nicht eine Stadt, sondern die Welt vor dem Untergang retten will. Das machte er in seiner Predigt beim Gottesdienst an der Grenze von Mexiko zu den USA deutlich. Er erinnerte an das Schicksal der Migranten. Das Jahr der Barmherzigkeit sei eine gute Chance zur Umkehr, so Franziskus. „Bitten wir ihn [Gott], dass wir wie die Einwohner von Ninive ein offenes Herz haben für seinen Ruf in Gestalt des leidenden Gesichtes so vieler Männer und Frauen. Nie mehr Tod, noch Ausbeutung!“ Franziskus dankte allen jenen, die sich für Flüchtlinge einsetzten. Mehr als die Worte zählten bei diesem Gottesdienst die Zeichen. 80 Meter stand der Altar vom Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA entfernt. Auf beiden Seiten des Zauns feierten die Menschen gemeinsam. Am Ende des Gottesdienstes grüßte Franziskus eigens die Gläubigen, die in einem Football-Stadion, das nur wenige hundert Meter von der Grenze entfernt liegt, den Gottesdienst über Großbildleinwände mitverfolgt und mitgefeiert hatten. Keine Grenze könne die Christen daran hindern, gemeinsam zu feiern und zu beten, so Franziskus. Man sei ein und dieselbe christliche Gemeinschaft gewesen.Papst Franziskus ging an die Grenze und betete für die Opfer, die beim Versuch des Grenzübertritts ums Leben kamen. Er segnete die Menschen, die auf der anderen Seite der Grenze standen.

Viel Dunkel, aber auch Licht hat Franziskus bei seiner Reise nach Mexiko gesehen. Er hat Klartext gesprochen von Anfang an – in Richtung Politik und Gesellschaft was Korruption, Gewalt, Drogen- und Menschenhandel anbetrifft. Aber auch in Richtung Kirche war er mit seiner Ansprache an die Bischöfe deutlich. Die müssen aus Franziskus Sicht von ihrem hohen Ross heruntersteigen und Kirche an der Seite der Menschen sein, echte Seelsorger, wie er es immer wieder versucht hat zu sein. Wie schon bei früheren Auslandsreisen hält Franziskus dem besuchten Land einen Spiegel vor und versteht sich als Mahner, aber auch als der, der Mut macht, weil er eben nicht nur Dunkel, sondern auch Licht sieht. Viele Botschaften, die Franziskus in diesen Tagen verkündete, waren nicht neu. Man hatte sie in der einen oder anderen Form auch schon früher im Pontifikat gehört. Für das besuchte Land ist es allerdings noch einmal etwas anderes, wenn Franziskus leibhaftig neben dem Präsidenten des Landes steht und Korruption sowie ungerechte Verhältnisse anprangert. Da wird es schwieriger, wegzuhören und zum Alltagsgeschäft überzugehen. Franziskus wird auf dem Rückweg nach Rom seine eigene Deutung der Reise geben. Davon gehen zumindest die mitreisenden Journalisten aus, die wieder auf eine „fliegende Pressekonferenz“ warten.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

4 Kommentare

  • Wanda
    18.02.2016, 16:25 Uhr.

    – man mag den Kommentar der Deutschen Welle zum Mexico-Besuch lesen. Er gibt wie immer lediglich die Meinung des Verfassers wieder. Den Haupttenor kann man trotzdem nicht negieren: es wird alles so bleiben wie es war und ist. Selbst die häufigeren Besuche JPII´s und dessen deutliche Mexico-Affinität konnten daran nichts ändern…
    Die wichtigsten Signalwirkungen hätten jedenfalls durch ein Treffen von Franziskus mit den Familien der verschwundenen Studenten und der offensive Umgang mit dem Missbrauchmonster Marcial Maciel erzielt werden können. Das ist jedoch unterblieben. Warum ?
    In

    • Wrightflyer
      20.02.2016, 15:18 Uhr.

      Wissen Sie, als ich damals in Argentinien war, habe ich alle zwei Tage mal die deutschen Nachrichten überflogen um grob auf dem laufenden zu bleiben. Größtenteils war ich daran interessiert, viel über das Land zu lernen, die Sprache zu können und mich zu integrieren. Ich wollte tatsächlich in ARGENTINIEN sein und nicht in Castrop-Rauxel den ganzen Tag vor der Glotze.
      Selbst in Finnland, wo ich nur wenig von der Sprache gelernt habe, war es mir wichtig, tatsächlich in Finnland zu sein.
      Um mir ein Bild vom Papstbesuch und seinen Nachwirkungen zu machen würde ich eher einheimische Quellen bevorzugen.

      „Selbst die häufigeren Besuche JPII´s und dessen deutliche Mexico-Affinität konnten daran nichts ändern…“
      Dem ging es ja auch nicht ums mexikanische Volk sondern um die ach so katholische Selbstbestätigung. Die Probleme Mexikos und ganz Lateinamerikas haben ihn eigentlich nicht interessiert.
      Bei Franziskus ist das etwas anderes, deswegen darf man die nicht in einen Topf schmeißen.

      • Wanda
        21.02.2016, 18:11 Uhr.

        – Die zwei angesprochenen Themen meiner Frage (und die vieler Mexikaner) galt nicht Ihnen…

        • Wrightflyer
          22.02.2016, 23:33 Uhr.

          Das was ich Ihnen mitteilen möchte geht wegen der neuen Regelung leider nurnoch sehr durch die Blume. Deswegen habe ich eigene Erfahrungen als Hinweis genommen.

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