Rückblick: Papst in den USA – Tag 5

26.9.2015: Am Samstag ist Franziskus endlich am eigentlichen Ziel seiner 10. Auslandsreise angekommen: dem katholischen Weltfamilientreffen in Philadelphia. Am Abend feierte er mit mehreren zehntausend Menschen ein Abendgebet. Verschiedene Familien berichteten aus ihrem Alltag, darunter eine alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen und ein Paar, dessen Kinderwunsch lange unerfüllt blieb. Franziskus legte, wie bei solchen Veranstaltungen beinahe schon üblich, das vorbereitete Redemanuskript beiseite. Er hielt eine flammende Rede über die Familie und bezeichnete sie als „Fabrik der Hoffnung“. Das „Fest der Familie“ am Abend ähnelte zeitweise einer Fernsehshow. Am Vormittag hatte der Papst direkt nach seiner Ankunft in Philadelphia eine Messe in der Kathedrale gefeiert und dabei zu mehr Kreativität in der Kirche aufgerufen. Am Nachmittag gab es noch eine Zeremonie zum Thema Religionsfreiheit.

Ein Schreck am Morgen

Der Tag begann mit einer Schrecksekunde. Auf der Gangway beim Einsteigen ins Flugzeug auf dem New Yorker John F. Kennedy-Flughafen strauchelte Franziskus. Der Winde hatte ihm die Mozzetta, den Schulterumhang über den Kopf geblasen und die Soutane eng an die Füße. Da er ja seine Aktentasche in diesen öffentlichen Momenten selber tragen will, hatte er keine Hand frei, um die Soutane zu ordnen, und strauchelte auf den letzten Stufen. Doch alles ging gut aus. Oben angekommen, drehte sich der Pontifex um und grüßte ein letztes Mal die mehreren Hundert Menschen, die an den Flughafen gekommen waren.

Bewegend dann eine Szene am Flughafen in Philadelphia. Das kleine Papamobil war gerade an der Gangway abgefahren, da entdeckte Franziskus eine Familie mit ihrem Kind mit Behinderung. Er ließ den Wagen anhalten, stieg aus und segnete die Familie und zwei Ordensfrauen, die dabei standen. Danach ging es durch eine hermetisch abgeriegelte Stadt zur Kathedrale. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm – zu hoch.

Papst verteidigt Religionsfreiheit

Tangoklänge gab es im Vorprogramm zu einer  Veranstaltung mit dem Papst auf dem Unabhängigkeitsplatz in Philadelphia. Hier wurden 1776 die Unabhängigkeitserklärung und 1787 die Verfassung der USA unterzeichnet. Zum „Treffen für Religionsfreiheit“ waren mehrere Tausend Menschen gekommen, darunter viele Einwanderer. Papst Franziskus nutzte die Gelegenheit, um den positiven Beitrag der Religionen für Staat und Gesellschaft hervorzuheben. „Unsere religiösen Traditionen erinnern uns daran, dass wir als Menschen aufgerufen sind, den Anderen anzuerkennen, der unsere relationale Identität offenbart, gegenüber allen Bestrebungen, eine „Uniformität“ durchzusetzen, „die der Egoismus des Starken, der Konformismus des Schwachen oder die Ideologie des Utopisten uns aufzwingen möchten‘“.

Allerdings versuchten „verschiedene Formen moderner Tyrannei“ die Religionsfreiheit unterdrücken „oder auf eine Subkultur ohne Mitsprache- und Stimmrecht in der Öffentlichkeit herabzusetzen oder die Religion als Vorwand für Hass und Brutalität zu gebrauchen“. Die Religion sei aber keine Subkultur, sondern ein Teil jeder Kultur, so Franziskus. Er kritisierte den Druck zu einer „eindimensionalen Uniformität“, den es derzeit weltweit gebe. Dagegen sei ein „‚gesunder Pluralismus, der die anderen und die Werte als solche wirklich respektiert‘, ein wertvoller Verbündeter ‚im Einsatz zur Verteidigung der Menschenwürde‘“, zitierte der Papst seine jüngste Enzyklika. Dazu gehört für Franziskus auch, dass man die Möglichkeit hat, das Leben „in allen seinen Phasen“ zu verteidigen.

So richtig hat sich nicht erschlossen, welches Ziel die Veranstaltung zur Religionsfreiheit hatte. War es ein Zugeständnis an die US-amerikanische Bischofskonferenz? Dazu waren zu wenige Bischöfe anwesend. Auch die Rede des Papstes zerfiel etwas in zwei Teile. Am Ende grüßte er eigens die spanisch sprechenden Amerikaner sowie ausdrücklich die erst jüngst in den USA angekommenen Einwanderer. „Schämen Sie sich nicht dessen, was wesentlich zu Ihnen gehört. Auch Sie sind aufgerufen, verantwortungsvolle Bürger zu sein und einen fruchtbaren Beitrag zum Leben der Gemeinschaften zu leisten, in denen Sie leben.“ Die Angesprochenen konnten den Papst leider nur auf Großbildleinwänden sehen; denn die Sicht war durch zwei große Pressetribünen verstellt.

Papst beim „Fest der Familie“

Ähnlich war das beim großen „Fest der Familie“ am Abend. Auch hier versperrten zwei große Presstribünen für die meisten den direkten Blick auf die Bühne. Die Menschenmenge erstreckte sich über mehrere Kilometer im Benjamin Franklin Park von Philadelphia. Der Abend wurde von Hollywood-Schauspieler und Model Mark Wahlberg moderiert. Es traten internationale Stars wie Aretha Franklin und Andrea Bocelli auf – und natürlich der Papst. Selten hat man wohl einen Pontifex applaudieren sehen, weil ein Lektor die Lesung besonders eindrucksvoll vorgetragen hat. Heute Abend in Philadelphia war das der Fall. Beeindruckend, wenn auch etwas einseitig waren die sechs Zeugnisse der Familien. Die heißen Eisen wurden von keiner der Familien angesprochen; Glaubenszweifel angesichts von Schicksalsschlägen wurden nicht thematisiert.

Der Papst setzte dann einen zutiefst spirituellen Akzent. Seine vorbereitete Rede war eher politisch gewesen. Sie gilt trotzdem, gab der Vatikan im Anschluss bekannt. Seine frei gehaltene Ansprache begann er mit der schlichten Aussage: „Gott hat die Welt der Familie anvertraut!“ Es gehe darum, die Familie zu unterstützen. „Behüten wir die Familie, pflegen wir die Familie, verteidigen wir die Familie, denn hier geht es um unsere Zukunft“, so Franziskus. Natürlich gebe es auch Probleme. „In Familien fliegen auch schon mal Teller. Und Kinder machen Kopfschmerzen – von den Schwiegermüttern gar nicht erst zu sprechen“, so Franziskus. Der Teufel schaffe es immer wieder durch seine List, die Menschen zu entzweien. Allerdings, so der Papst in Anspielung auf den Sündenfall in der Genesiserzählung, als der Mensch und seine Frau einen Fehler machten, hat Gott sie nicht alleine gelassen. Seine Liebe sei unermesslich groß und er habe die Menschheit durch die Geschichte begleitet. Nur die Liebe sei in der Lage, Schwierigkeiten zu überwinden, erklärte Franziskus. Hass überwinde hingegen keine Schwierigkeiten. Deshalb solle einer Familie ein Tag nie im Streit beendet werden.

Papst begeistert Menschen

Franziskus traf mit dieser Ansprache den Nerv der Menschen an diesem kühlen Abend im Benjamin Franklin Park in Philadelphia. Er trug seine Worte mit Engagement und lauter Stimme vor, unterstützt durch Mimik und Gestik. Für den Übersetzer war der voller Energie geradezu sprühende Papst eine echte Herausforderung. Immerhin war es bereits nach 21 Uhr und Franziskus seit dem frühen Morgen auf den Beinen – inklusive des Ortswechsels von New York nach Philadelphia.

Auch in seiner freien Ansprache hatte Franziskus kurz die Bedeutung der Familie für die Gesellschaft angesprochen. In der vorbereiteten Rede nahm dieser Gedanke noch breiteren Raum ein. Darin machte sich Franziskus zum Anwalt der Familie und kritisierte scharf Politik und Gesellschaft: „Wir dürfen nicht annehmen, eine Gesellschaft, die dem Familienleben keinen konkreten Raum gibt, sei gesund. Wir dürfen nicht annehmen, dass eine Gesellschaft Zukunft hat, die keine Gesetzgebung findet, die fähig ist, die notwendigen Mindestanforderungen zu verteidigen und abzusichern, damit die Familien, besonders jene, die gerade am Anfang stehen, sich entwickeln können.“

Als Beispiele führte er Familien an, in denen die Eltern arbeitslos sind oder eine Arbeit haben, „aber ohne alle Rechte“; Familien, die obdachlos sind oder auf engstem Raum leben müssen; Familien, denen der Zugang zu den grundlegendsten Gesundheitsdiensten fehlt. Er forderte die Anwesenden auf, sich für eine familienfreundliche Gesellschaft einzusetzen. „Helfen wir einander, damit es weiterhin möglich ist, ‚aus Liebe alles aufs Spiel zu setzen‘“. Dabei zeigte Franziskus auch, dass er das Familienleben nicht unrealistisch idealisiert. Die Liebe keime auf und entwickle sich immer zwischen Licht und Schatten.

Papst als Anwalt der Familien

Franziskus nutzte das Familienfest nicht, um über die katholische Ehelehre zu philosophieren. Auch Moralfragen waren kein Thema, was sicherlich wieder Kritiker auf den Plan rufen wird. Doch Franziskus sieht seine Aufgabe darin, Mut zu machen, denen, die in einer Familie leben und denen, die eine Familie gründen wollen. Zudem sieht er sich als Anwalt der Familien. Der Pontifex will die Rahmenbedingungen schaffen, damit Menschen sich für Ehe und Familie entscheiden können, damit ihnen in Problemsituationen geholfen wird und sich Paare für Kinder entscheiden können. Das ist auch eine Form, sich gegen Abtreibung einzusetzen. Ob das allerdings die verstehen werden, für die der Papst nur dann katholisch ist, wenn er das Wort gebetsmühlenartig ausspricht, wird sich im Verlauf des Pontifikats noch zeigen müssen.

P.S. Bei der Landung in Philadelphia war Papst Franziskus im Cockpit bei den Piloten. „Er konnte so den Piloten assistieren“, erklärte Vatikansprecher Federico Lombardi schmunzelnd beim Briefing. Vielleicht wollte Franziskus aber nur einmal nach dem Rechten sehen, nachdem die Landung in New York beim ersten Flug mit American Airlines am Donnerstag doch etwas hart gewesen war.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.