Papst liest Kurie die Leviten

Scharf wie nie ging Papst Franziskus heute mit der Römischen Kurie ins Gericht. Bei seiner traditionellen Weihnachtsansprache prangerte er 15 „Kurienkrankheiten“ an, darunter Karrierismus, Arroganz, Hartherzigkeit, Machtstreben und Funktionalismus. Franziskus hatte in der Vergangenheit wiederholt die römische Zentralverwaltung kritisiert. Die Punkte, die er benennt, sind ebenfalls nicht neu. Dennoch: So deutlich wie heute fiel das päpstliche „Donnerwetter“ noch nie aus. Franziskus betont, dass die Kurie ständig dazu berufen sei, sich zu verbessern. Er fordert die Kurienchefs zu einer Gewissensprüfung auf. Die deutschen Bischöfe haben unterdessen heute eine Textsammlung zur Familiensynode veröffentlicht. Darin ist unter anderem die Eingabe der Bischofskonferenz zur Sondersynode im Oktober enthalten. Die deutschen Bischöfe sehen darin eine Möglichkeit, in Einzelfällen auch wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zuzulassen.

15 Krankheiten der Kurie

Über viele Jahre war die Begegnung mit den Kurienspitzen vor Weihnachten die Gelegenheit für den Papst, auf das zu Ende gehende Jahr zurückzublicken und einige wichtige Ereignisse hervorzuheben. Franziskus hat schon im vergangenen Jahr mit dieser Tradition gebrochen und stattdessen über den Zustand der Kurie gesprochen. Er hatte mehr Professionalität und Dienstcharakter für die Kurie gewünscht. Auch in diesem Jahr hat er den Blick nach innen gerichtet; er fiel noch weniger freundlich aus als der im letzten Jahr, der für vatikanische Ohren schon kritisch war. Nach einem einleitenden Dank für die Arbeit des vergangenen Jahres setzt Franziskus in diesem Jahr an, in der Tradition der Wüstenväter, wie er selbst bemerkt, einen Katalog der „Krankheiten“ anzuführen, der gleichsam wie eine Art Beichtspiegel  zur Gewissensprüfung der Kurie dienen soll.

Er spart kaum ein Vergehen aus: Eine Krankheit sei, sich „unsterblich“, „immun“ und „unersetzlich“ zu fühlen. Eine Kurie, die nicht selbstkritisch, die nicht nach Verbesserung strebe „ist ein kranker Körper“. Franziskus warnt vor der Krankheit des „Martalismus“, des exzessiven Arbeitens. Er erinnert daran, dass die Zeiten der Erholung wichtig seien. Als weitere Krankheit führt der Pontifex die geistige oder spirituelle „Versteinerung“ an. „Es ist gefährlich, die notwendige menschliche Sensibilität zu verlieren, um mit denen zu weinen, die weinen, und uns mit denen zu freuen, die sich freuen!“. Schließlich sieht Franziskus die Krankheit der exzessiven Planung und des Funktionalismus sowie die Krankheit der schlechten Koordination. Er spricht von „spirituellem Alzheimer“, der die Bindung an Christus und die Heilsgeschichte vergesse.

Der Papst rügte die Krankheit „Güter anzusammeln“ sowie die Krankheit des weltlichen Profits und des Exhibitionismus. Schließlich sprach er von einer „existenziellen Schizophrenie“ und meinte damit jene, die anderen strenge Regeln auferlegen, selbst aber ein ausschweifendes Leben führen. Diejenigen, die sich anderen überlegen fühlten und ihnen nicht dienten, litten an der „Pathologie der Macht“. Als Gegengift gegen diese „Epidemie“ empfahl Franziskus, sich die eigene Sündhaftigkeit bewusst zu machen. Die Krankheit der „Vergötterung der Chefs“ führe zu Untertänigkeit und Opportunismus. Wer andere mit Arroganz und übertriebener Härte behandle, verberge die eigene Unsicherheit vielfach hinter theatralischer Strenge, mahnte der Papst. Und er verurteilt den „Terrorismus des Geschwätzes“.

Papst will Haltungsänderung

Nach den Finanzen ist die Kurie das nächste Projekt, das Franziskus intensiv anpackt. Seit gut einem Jahr berät er darüber mit dem Kardinalsrat K9. Auch mit den Dikasterienchefs hat er darüber bereits mehrfach gesprochen. Dabei geht es Franziskus um mehr als nur Strukturfragen. Es geht ihm vor allem um eine Haltungsänderung. Hier liegt für ihn das entscheidende Problem. Von den 15 Krankheiten, die er heute angeführt hat, bezieht sich letztendlich nur die schlechte Koordination auf die Strukturen. Beim Rest geht es um Fragen der inneren Haltung, der Lebensführung, der Auffassung von Beruf und Berufung. Wie schon beim Thema Ehe und Familie gilt für Franziskus bei der Kurie: vor der Reform der Strukturen und der Theologie möchte er die Reform der Einstellung und Haltung.

Doch Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene?

Hier sind die deutschen Bischöfe auf einem Weg. In der heute veröffentlichten Arbeitshilfe ist das Votum der Bischofskonferenz enthalten, das diese im Vorfeld der Synode im Oktober im Vatikan eingereicht hat und das Kardinal Reinhard Marx in Auszügen bei seinem Statement als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz in der Synodenaula auch vorgetragen hat. Das Votum zeigt in den Fragen, die die Bischöfe stellen, dass ihnen die Kluft zwischen der traditionellen Lehre und dem Empfinden vieler Gläubigen sowie der Praxis vieler Seelsorger bewusst ist. Diese Fragen tragen sie nach Rom und wollen Antworten. Das Papier ist von Ende Juni. Mittlerweile hat die Außerordentliche Synode im Oktober gezeigt, dass die Fragen der deutschen Bischöfe und Gläubigen auch die vieler Bischöfe und Gläubigen aus anderen Ländern und Kontinenten sind. Die deutschen Bischöfe wagen in dem Text eine vorsichtige Öffnung in Richtung eines Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene unter bestimmten Voraussetzungen. Es ist ein vorsichtiger erster Schritt, eine leichte Bewegung.

P.S. Die Arbeitshilfe der Bischofskonferenz enthält die drei Reden, die der Generalrelator Kardinal Peter Erdö auf der Synode gehalten hat sowie die Ansprachen und Predigten des Papstes. Die Lineamenta, die mittlerweile auch in deutscher Übersetzung vorliegen, sind nicht dabei.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.