Bischöfe entscheiden und Papst meditiert

Ein Jahr ist Papst Franziskus im Amt. Doch statt großer Feierlichkeiten hat er sich mit der Kurienspitze zu den traditionellen Fastenexerzitien zurückgezogen. Bis Freitag sind Meditation, Beten und Schweigen angesagt. Die deutschen Bischöfe hingegen treffen sich ab heute in Münster. Bei der Frühjahrsvollversammlung wird auch viel gebetet. Doch statt Schweigen und Meditation stehen Diskussionen, Entscheidungen und vor allem die Wahl des neuen Vorsitzenden auf dem Programm. Ein klarer Favorit zeichnet sich noch nicht ab. Dienstagnachmittag soll in einer Art Vorkonklave die Situation der katholischen Kirche in Deutschland diskutiert werden. Entsprechend soll dann das Profil des neuen Vorsitzenden aussehen.

Tebartz-van Elst präsent, auch bei Abwesenheit

Kommt er, oder kommt er nicht der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Neben der Suche nach dem neuen Vorsitzenden ist das die spannendste Frage zu Beginn dieser Woche in Münster. Während Tebartz-van Elst vor zwei Wochen bei der Kardinalserhebung in Rom keinen öffentlichen Termin ausließ, blieb er überraschend den Abschiedsfeierlichkeiten seines langjährigen Fürsprechers Kardinal Joachim Meisner gestern in Köln fern. Nun konnte er sich in Rom sicher sein, dass er mit den Kardinälen Müller, Meisner, Cordes und Brandmüller sowie Erzbischof Gänswein (und deren Freunde)  vor allem Unterstützer treffen wird. Gestern in Köln war die Situation eine andere. Ein großer Teil der Deutschen Bischofskonferenz war nach Köln gekommen. Und darunter finden sich doch viele Kritiker des Limburger Bischofs. Für ihn würde daher auch eine Anwesenheit bei der Frühjahrsvollversammlung in Münster in dieser Woche nicht einfach werden. Allerdings könnte es auch einen ganz schlichten Grund für die Abwesenheit von Tebartz-van Elst in Köln gestern geben: nach einem Unfall war gestern Mittag die A3 bei Sankt Augustin mehrere Stunden gesperrt. Dem Vernehmen nach steckte der Bischof fest.

Wissenschaftliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle

Und dabei hat es die Versammlung schon jenseits des Themas „Limburg“ in sich. Die Bischöfe wollen endlich die wissenschaftliche Studie zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle auf den Weg bringen. Ein erstes Projekt mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer war Anfang 2013 mit lautem Tamtam und gegenseitigen Schuldzuweisungen gescheitert. Ein Jahr brauchte der Missbrauchsbeauftragte und Trier Bischof, Stephan Ackermann, für die Neuauflage. Dabei mussten nicht nur rechtliche Fragen geklärt werden, sondern auch kritische Stimmen in der Bischofskonferenz überzeugt werden. Jetzt soll sie endlich offiziell beschlossen werden als „interdisziplinäres Forschungsverbundprojekt“.

Ehe und Familie

Weiter geht die Diskussion der Ergebnisse der Vatikanumfrage im Kontext des synodalen Prozesses zu „Ehe und Familie“, den Papst Franziskus angestoßen hat. Die Ergebnisse in Deutschland haben wie in vielen anderen Ländern gezeigt, dass eine tiefe Kluft zwischen der Morallehre der Kirche und der Lebenswelt der Menschen besteht. Pünktlich zur Vollversammlung wird auch das Referat von Kardinal Walter Kasper veröffentlicht, das dieser zu Beginn der Kardinalsversammlung vor zwei Wochen in Rom gehalten hat. Bei dem Treffen forderte dieser unter anderem eine größere Beteiligung von Laien an dem Prozess. „Wir hier im Konsistorium sind alle Zölibatäre, die meisten unserer Gläubigen aber leben den Glauben an das Evangelium von der Familie in konkreten, zum Teil schwierigen familiären Situationen. Wir sollten darum auf ihr Zeugnis hören und auch auf das, was uns pastorale Mitarbeiter/innen und Berater/innen in der Familienpastoral zu sagen haben. Und sie haben uns etwas zu sagen! Die ganze Frage kann darum nicht allein von einer Kommission entschieden werden, der nur Kardinäle und Bischöfe angehören.“

Wie werden die deutschen Bischöfe dieses Hören auf die Familien, auf die Laien umsetzen? Bereits seit zwei Jahren gibt es zwei Arbeitsgruppen der Bischofskonferenz, die sich mit der Situation von wiederverheirateten Geschiedenen beschäftigt. Dabei geht es zum einen um arbeitsrechtliche Fragen, zum anderen um die Seelsorge. Die Bischöfe wollen in dieser Woche auch darüber beraten. Bisher ist wenig über die Ergebnisse der Arbeit bekannt.

Wahl des neuen Vorsitzenden

Die spannendste Frage ist natürlich die nach dem neuen Vorsitzenden. Er wird am Mittwochmorgen gewählt. Bisher gibt es keine klaren Favoriten. Sechs bis acht Namen werden in den letzten Tagen immer wieder genannt darunter die Kardinäle Marx und Woelki sowie Erzbischof Schick. Daneben werden auch den Bischöfen Ackermann, Bode, Genn, Koch und Overbeck Chancen zugesprochen. Mehr zu den einzelnen Kandidaten morgen hier im Papstgeflüster.

Franziskus beim Auftakt der Fastenexerzitien. Der Papst sitzt unter den Kurialen. (reuters)

Franziskus beim Auftakt der Fastenexerzitien. Der Papst sitzt unter den Kurialen. (reuters)

Papst macht Exerzitien.

Der Papst hat sich unterdessen nach Ariccia verabschiedet. Der kleine Ort liegt in den Albaner Bergen. Traditionell sind in der ersten Fastenwoche die Exerzitien der Kurie. Bisher fanden sie im Apostolischen Palast des Vatikans statt. Exerzitienmeister war in den letzten Jahren meist ein Kardinal. Franziskus hat das nun geändert. Er wählte ein kirchliches Bildungshaus in Ariccia aus. Dorthin begab er sich gestern mit rund 80 Kurialen. In dem Bildungshaus zahlt jeder sein Zimmer selbst. Diese sind einfach eingerichtet, auch das des Papstes. Der fuhr mit den Kurialen im Bus nach Ariccia – ohne Sekretäre und Kammerdiener. Der Tag ist klar strukturiert: 7.30h Messe, um 9.30h und 16.30h gibt es eine Betrachtung des Exerzitienmeisters. Der ist übrigens in diesem Jahr ein einfacher römischer Stadtpfarrer. Um 18h wird die Vesper gebetet, danach findet Eucharistische Anbetung statt. Die Mahlzeiten gibt es um 8.30h, 12.30h und 19.30h. Dazwischen bleibt viel Zeit für Spaziergänge im Wald, der das Zentrum umgibt – und auch für Gespräche. Immerhin ist die gesamte Kurienspitze mit dabei. Das Ganze ist also neben einer geistlichen Übung auch ein großer gruppendynamischer Prozess. Anders als früher können die Kardinäle und Bischöfe in den freien Zeiten nicht schnell noch ins Büro huschen, um Dinge zu erledigen. Erst vergangene Woche sagte Franziskus in einem Interview, dass es doch möglich sein müsse an der Kurie, einmal im Jahr fünf Tage Exerzitien zu machen.

P.S. Der Vatikan hat heute bestätigt, dass Papst Franziskus vom 14. bis 18. August nach Südkorea reisen wird. Anlass ist der asiatische Weltjugendtag in Daejeon. Bereits bestätigt ist die Reise Ende Mai ins Heilige Land. Offen ist noch, ob der Papst zum orthodoxen Andreasfest Ende November nach Istanbul reisen wird.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.