Sensation oder Normalität?

Das waren heute Bilder in Mantua, die man sich vor kurzer Zeit nur schwer vorstellen konnte. Der Chef der vatikanischen Glaubenskongregation trifft einen der prominentesten Vertreter der Befreiungstheologie. Und es soll noch besser kommen. Im Verlauf der Woche wird Papst Franziskus sich mit dem Befreiungstheologen treffen. Das kündigte der Chef der Glaubenskongregation bei der Begegnung heute an.

Erzbischof Müller und Gustavo Gutiérrez in Mantua.

Gut – die beiden Personen, die sich in Mantua getroffen haben, sind Freunde seit fast zwei Jahrzehnten. Der heutige Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, und der „Vater“ der Befreiungstheologie Gustavo Gutiérrez lernten sich 1988 in Peru kennen. 2004 veröffentlichten sie gemeinsam ein Buch mit dem Titel „An der Seite der Armen. Theologie der Befreiung“, das damals auf Deutsch und Spanisch erschien. Die Präsentation der italienischen Ausgabe im Rahmen des „Festivalettura“ von Mantua war Anlass des ersten öffentlichen Auftritts der beiden seit der Ernennung Gerhard Ludwig Müllers zum Chef der Glaubenskongregation im vergangenen Jahr. Italienische Zeitungen sprachen in dieser Woche gar von einem „Friedensschluss“ zwischen Vatikan und Befreiungstheologie.

Gutiérrez und Müller fanden das beide etwas übertrieben. Müller merkte im Gespräch mit dem ZDF an, dass ja nur bestimmte Formen der Befreiungstheologie vom Vatikan seinerzeit in den 1990er Jahren verurteilt worden seien. Gutiérrez befand, dass die Versöhnung doch schon vor Jahren stattgefunden habe. Auffallend ist es aber schon, dass die Zeichen auf Entspannung stehen. Selbst die Vatikanzeitung L’Osservatore Romano stellte Anfang der Woche das Buch der beiden vor und veröffentlichte einen Artikel von Gutiérrez. Dafür, dass man sich in Gegenwart mancher Kirchenhierarchen nach wie vor kaum traut, das Wort Befreiungstheologie mit einer positiven Konnotation zu erwähnen, scheinen die aktuellen Ereignisse doch anmerkenswert.

Nun gilt der im Juni 85 Jahr alt gewordene Gutiérrez zwar als einer der „Väter“ der Befreiungstheologie; doch scheint er aus vatikanischer Sicht nie über die Stränge geschlagen zu haben, wie man das etwa bei den Brüdern Boff glaubte feststellen zu müssen. Zwar prüfte die Glaubenskongregation in den 1990er Jahren sein Werk intensiv; doch kam es nie offiziell zu Maßnahmen gegen ihn. In seinem Interviewbuch „Salz der Erde“ sagt der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, der zum Teil persönlich mit Gutiérrez im Dialog stand, dass dieser sein Werk „weiterentwickelt“ habe auf eine „sachgerechte und integrationsfähige Form von ‚Befreiungstheologie‘“. Der amtierende Präfekt sieht nach eigenen Worten in der Befreiungstheologie eine der „bedeutsamsten Strömungen der katholischen Theologie im 20. Jahrhundert“.

Mit dem ersten Papst aus Lateinamerika wird das Thema Befreiungstheologie wieder aktuell. Armut, Unterdrückung und Ungerechtigkeit rücken wieder stärker ins Bewusstsein, und auch die Aufgabe der Kirche, sich in diesem politischen Bereich zu engagieren.

P.S. Erzbischof Müller erklärte übrigens bei der Begegnung in Mantua, dass aus Sicht der Glaubenskongregation nichts gegen eine Seligsprechung von Erzbischof Oscar Romero spreche. Er habe zusammen mit dem Sekretär der Kongregation, Erzbischof Ladaria, die Predigten Romeros durchgesehen, ein sechs-bändiges Werk. Dabei hätten sich keine Einwände ergeben. Der Ball liege nun wieder bei der Heiligsprechungskongregation. Die Durchsicht der Texte habe schon unter Benedikt XVI. begonnen.

P.P.S. Papst Franziskus hat sich auch heute wieder dem Thema Krieg und Frieden gewidmet. Beim Mittagsgebet kritisierte er scharf den Waffenhandel. „Es muss darum gehen der Gewalt abzusagen in allen ihren Formen. Nein zu sagen der Verbreitung von Waffen und ihrem illegalen Handel. Davon gibt es viele. Es bleibt immer im Zweifel, ob dieser oder jener Krieg – denn es gibt sie überall – wirklich ein Krieg aufgrund von Problemen ist, oder ob es ein Wirtschaftskrieg ist, um diese Waffen im illegalen Handel zu verkaufen. Das sind die Feinde, die zu bekämpfen sind, vereint und konsequent. Es geht darum nicht anderen Interessen zu folgen als dem Frieden und dem Gemeinwohl.“

P.P.P.S. Am Dienstag trifft sich Papst Franziskus übrigens mit den Chefs der Kurienbehörden, um eine Halbjahresbilanz seines Pontifikats zu ziehen.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.