Kirche am anderen Ende der Welt

Wir sind gerade auf Spurensuche „am anderen Ende der Welt“. So bezeichnete Papst Franziskus seine Heimat beim ersten Auftritt nach der Papstwahl. Wie ist die Kirche in der Heimat des Papstes? Dazu waren wir in Rio de Janeiro und sind jetzt in Buenos Aires. Heute etwa im wahrsten Sinne des Wortes in den „Peripherien“ der argentinischen Hauptstadt – genauer genommen im Vorort Moreno. Dort haben wir eine kleine Gemeinde besucht. Heute, am Samstag, trafen sich dort die Katecheten zu einer Fortbildung. Die Kirche in Lateinamerika ist eine Kirche der ehrenamtlichen Laien. Und – vielleicht noch mehr als in Europa: die Kirche ist weiblich. Mehr als 90 Prozent der Engagierten sind Frauen, hieß es heute bei dem Treffen. Selbstbewusst machen sie ihre Arbeit in Katechese, Caritas und auch in der Liturgie.

Die Frauen von Moreno wünschen sich Reformen.

Auf dem Pfarreigebiet leben 40.000 Menschen. Die Pfarrei teilt sich in 14 Gemeinden. Es gibt einen Pfarrer. Mit Unterstützung der Diözese werden Laien ausgebildet, um auch am Sonntag Wortgottesdienste zu feiern; denn die Devise lautet, dass die Menschen möglichst im Nahbereich am Sonntag gemeinsam beten und Gottesdienst feiern. Papst Franziskus sagte in seiner Zeit als Erzbischof mehrfach in Interviews, dass es besser ist, einen Wortgottesdienst mit Kommunionfeier im Nahbereich der Menschen anzubieten, er sprach damals von 600 Metern, als die Gläubigen zum Gang in die zwei Kilometer entfernte Eucharistiefeier zu zwingen. Denn, so Bergoglio, es sei besser, dass die Menschen am Sonntag in die Wortgottesfeier gingen, weil sie nah ist, als dass sie gar nicht zum Gottesdienst gingen, weil die Eucharistiefeier zu weit entfernt stattfindet.

Interessant ist übrigens, dass die Frauen hier in Buenos Aires große Hoffnungen in „ihren“ neuen Papst setzen, dass er Veränderungen für die Kirche bringt. Dabei hat doch überrascht, dass sich die Frauen die Abschaffung des Pflichtzölibats wünschen und etwa auch ein Diakonat für die Frau. Sofort sagten alle Anwesenden, dass sie sich für dieses Amt natürlich zur Verfügung stellen würden, wenn es dieses gäbe. Es einzuführen empfänden sie auch als längst fällige Wertschätzung der Arbeit, die sie seit jeher machen. Diese Klarheit bei den Reformwünschen hat mich doch überrascht. Heißt es doch gerne, es handle sich dabei um typisch deutsche oder westeuropäische Forderungen, die es sonst in der Welt so nicht gebe. Hier in Buenos Aires denken die Frauen genauso wie in Europa. Frauen, die tief in einem Glauben verwurzelt sind, der von einer lebendigen Volksfrömmigkeit geprägt ist. Frauen, die angesichts der materiellen Not ihre Arbeit als Christinnen auch politisch verstehen, die dazu beitragen möchten, dass die Menschen sich aus ihrer schwierigen Situation „befreien“ können, sei es durch Bildungsangebote, sei es durch die Vermittlung von Mikrokrediten usw.

Adolfo Pérez Esquivel sieht große Veränderungen auf die Kirche zukommen.

Veränderungen für die Kirche erhofft sich übrigens auch der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel. Den 81-jährigen Menschenrechtler hatten wir gestern hier in der argentinischen Hauptstadt getroffen. Er wertete er die Wahl Jorge Mario Bergoglios als Ende des Eurozentrismus der katholischen Kirche. Unter Franziskus werde die Kirche ihr Gesicht verändern. Er erinnerte an den Katakombenpakt von 40 Teilnehmern des II. Vatikanischen Konzils. Diese hatten damals, angeführt von dem berühmten brasilianischen Erzbischof Dom Hélder Camara, vereinbart, „die Option der Kirche für die Armen“ konkret zu leben. D.h. auf Privilegien und Statussymbole zu verzichten, einfach zu leben, sich nicht mit Titeln ansprechen zu lassen etc. Kardinal Bergoglio, jetzt Papst Franziskus lebe und handle genau in dieser Tradition. Damit werde sich zwangsläufig die Kirche verändern, so Esquivel.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.