Buchstabe, Geist und Kreuz – Karfreitag in Rom

„Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ Dieses Zitat aus dem 2. Korintherbrief stand heute Nachmittag ziemlich am Ende der Predigt bei der Karfreitagsliturgie im Petersdom. Ist das die neue Marschrichtung? Der Kapuziner Raniero Cantalamessa, der als Päpstlicher Hausprediger traditionell an Karfreitag die Predigt hält, sprach von einem „Augenblick, da für die Kirche eine neue Zeit anbricht, voller Hoffnungen und Versprechen“. In den letzten Jahren hatten viele Gläubige den Eindruck, dass der Buchstabe mehr zählt als der Geist. Mit dem neuen Pontifikat verbinden viele die Hoffnung, dass sich das künftig ändern könnte. Immerhin hat Papst Franziskus gestern Abend zwei Frauen die Füße gewaschen, obwohl die liturgischen Vorgaben empfehlen, den Ritus nur an Männern zu vollziehen.

Traditionalisten sehen in diesem Vorgang bereits ein weiteres Beispiel dafür, dass es der neue Papst mit der katholischen Theologie und den Kirchengesetzten nicht so genau nimmt und befürchten nun schon das Schlimmste für Glauben und Kirche. Der Vatikan beschwichtigt und erklärt, es sei eine besondere Situation gewesen, eine Ausnahme. Doch genau damit trifft es ja den Nagel auf den Kopf. So versteht Franziskus den katholischen Glauben: der konkreten Situation der Menschen angepasst. Der Ritus der Fußwaschung brachte für ihn zum Ausdruck, was Grundprinzip der christlichen Botschaft ist: den Menschen zu dienen. Denen, die am Rande stehen, zu zeigen, dass sie ernst genommen werden und angenommen sind.

Der Päpstliche Hausprediger hat sich diese Vorstellung heute bereits zu Eigen gemacht: „In der Offenbarung sagt Jesus, dass er vor der Tür steht und anklopft (Offb 3,20). Manchmal, wie unser Papst Franziskus bemerkt, klopft er nicht um hineinzutreten, sondern um rauszugehen, zu den ‚existenziellen Vororten der Sünde, des Leidens, der Ungerechtigkeit, der religiöse Unwissenheit und Gleichgültigkeit, und aller Formen des Elends.’“ Dass Cantalamessa eine Erneuerung der Kirche forderte und den Abbau von Bürokratie ist angesichts des neuen Winds, der seit knapp drei Wochen in Rom weht, schon fast keine Besonderheit mehr. Auch wenn noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen werden soll, dass die Erneuerung der Kirche nicht eine Erfindung von Franziskus ist, sondern auch schon sein Vorgänger Benedikt XVI. dies immer wieder gefordert hatte. Nur verhallten seine Worte, weil sein Umfeld sie nicht weiter entfaltete, oder sie wurden scharf kritisiert, weil man Benedikt einen reaktionären Kurs vorwarf.

Textheft des Kreuzwegs vom Kolosseum

Doch zurück zum Geschehen in Rom. Am Abend fand dort der traditionelle Kreuzweg statt. Zwei Jugendliche aus dem Libanon hatten die Texte dazu verfasst. Sie fanden deutliche Worte. Kritisierten etwa den Machtmissbrauch durch politisch Verantwortliche, die „die Würde des Menschen und sein Recht auf Leben mit Füßen treten“. Sie kritisierten Tendenzen, „wie der blinde Laizismus, der im Namen einer vermeintlichen Verteidigung des Menschen die Werte des Glaubens und der Moral erstickt; oder der gewaltsame Fundamentalismus, der die Verteidigung religiöser Werte als Vorwand benutzt.“ Es ging um die Rechte der Frauen und die Abwanderung der Christen aus dem Nahen Osten, um Jugendliche, die Opfer von Drogen und Sekten werden, sowie um die Themen Abtreibung und Euthanasie, Krieg und Frieden im Nahen Osten.

Papst Franziskus stellte das Kreuz in den Mittelpunkt seiner kurzen Ansprache. Das Kreuz sei die Antwort Gottes auf das Böse in der Welt gewesen. „Die Christen müssen auf das Böse mit dem Guten antworten, indem sie wie Jesus das Kreuz auf sich nehmen,“ lautet seine Botschaft.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.