Blick nach Asien

Hoher Besuch aus Vietnam war heute zu Gast im Vatikan. Der Chef der Kommunistischen Partei, Nguyen Phu Tong, traf Papst Benedikt XVI. Dem war der Termin sogar so wichtig, dass er den Politiker an dem sonst audienzfreien Dienstag empfing. Über den Inhalt des Gesprächs wurde wenig bekannt. Herzlich soll es gewesen sein; Fragen von beiderseitigem Interesse habe man erörtert und den Wunsch auf eine „rasche Lösung einiger anstehender Fragen und auf eine Vertiefung der bestehenden Zusammenarbeit“ geäußert. Über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen sei es in dem Gespräch mit dem Papst nicht gegangen, erklärte hinterher Vatikansprecher Federico Lombardi. Dafür gebe es eine Dialogkommission.

 

Ungewöhnliche Begegnung im Vatikan (reuters)

In den letzten Jahren gab es wiederholt die Hoffnung, dass die 1975 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen werden könnten. Doch trotz intensivierter Kontakte ist dies bisher nicht gelungen. Seit 2008 arbeitet eine gemischte Arbeitsgruppe an der Normalisierung der Beziehungen, versucht sich über Bischofsernennungen oder Zugangsquoten für Priesterseminare zu einigen. Ende 2010 hatte Benedikt XVI. einen Sondergesandten für Vietnam ernannt. Erzbischof Leopoldo Girelli, der in Singapur seinen Sitz hat, bereist seitdem regelmäßig das Land. 2011 sprachen angesichts dieser Entwicklungen einige Vatikanbeobachter schon von einer Papstreise ins kommunistische Vietnam. Zumal Benedikt XVI. bisher noch nicht in Asien war. Doch bisher gibt es keine Anzeichen dafür. Ob die Chancen mit dem heutigen Treffen im Vatikan gestiegen sind, lässt sich noch nicht absehen. Fakt ist, die Beziehungen sind nach wie vor schwierig. So gibt es unter anderem bei Bischofsernennungen immer wieder ein zähes Ringen zwischen dem Vatikan und der Regierung in Hanoi.

Der Besuch des Kommunistenführers kommt zu einer Zeit, in der der Vatikan Asien wieder stärker in den Blick zu nehmen scheint. Zu Weihnachten überraschte Benedikt XVI. mit Grüßen an die neue kommunistische Führung in China; jetzt der Besuch aus Vietnam im Vatikan. Benedikt XVI. will für die Katholiken in den kommunistischen Ländern Freiheit – Freiheit in der Religionsausübung. Die Religionsfreiheit sieht er als Hebel für die Menschenrechte und letztendlich für eine menschenwürdigere und gerechtere Gesellschaft. Ein großes Ziel. Den Machthabern dürfte die Sprengkraft des Glaubens im ehemals kommunistischen Polen als warnendes Beispiel vor Augen stehen; ob sie die Entwicklung allerdings durch ihre restriktiven Maßnahmen gegenüber den Religionsgemeinschaften aufhalten können, scheint mehr als zweifelhaft. Auf lange Sicht dürfte nur ein Miteinander und nicht ein Gegeneinander Zukunft haben. Im Zweifelsfall hat dabei wohl die katholische Kirche den längeren Atem.

Autor: Jürgen Erbacher

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Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.
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