Aufarbeitung ja! Aber wie?

Der Imageschaden ist groß. Das Jahr 2013 hätte für die katholische Kirche in Deutschland kaum schlechter beginnen können. Jetzt streitet man über die Medien und Juristen, wer am Scheitern der Missbrauchsstudie Schuld hat und warum es zu dem Desaster kam. Zugleich suchen die Bischöfe nach einem neuen Partner, um die Studie doch noch fortsetzen zu können. So wird etwa der Name des Leiters des Berliner Instituts für forensische Psychiatrie der Charité, Hans-Ludwig Kröber, genannt. Gegenüber dem ZDF erklärte er am Donnerstag, dass es bisher aber noch keine Anfrage gegeben habe. Die Suche nach dem Schuldigen für das Scheitern ist müßig. In der Auseinandersetzung um die endgültige Vertragsgestaltung und hier vor allem bei den Themen Datenschutz und den Publikationsrechten haben sich beide Seiten in eine Situation manövriert, in der ein vertrauensvolles Miteinander nur noch schwer möglich war.

In der Öffentlichkeit scheint es nun so, dass allen voran das Erzbistum München-Freising zusammen mit dem Bistum Regensburg den Aufklärungswillen der Kirche bremsten. Der Münchner Generalvikar Peter Beer weist das entschieden zurück. Das Erzbistum München hatte 2010 eine unabhängige Anwältin damit beauftragt, die Personalakten von 1945 bis 2009 zu sichten und alle Missbrauchsfälle zu benennen. Über 13.000 Akten studierte die Juristin Marion Westpfahl. Als wenige Monate später die Bischofskonferenz die Studie mit Professor Pfeiffer und seinem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) initiierte, waren es in der Tat die Münchner, die als Erste Nachbesserungen beim Vertragstext forderten. Hauptkritikpunkt waren die bereits benannten Punkte. Nach und nach schlossen sich andere Bistümer an.

Unklar ist, in wieweit die plötzlichen Ängste durch Kritik von konservativen Priesterkreisen verstärkt wurden, die in der Studie einen Generalverdacht gegen alle Priester witterten und sich an Rom wendeten mit der Bitte, die Studie zu verhindern. Dass der Druck der Konservativen in dem ganzen Prozess einmal mehr eine unrühmliche Rolle spielen könnte, legt eine Formulierung nahe, die sich in einem Brief der Bischöfe an das KFN findet. Dort heißt es, die vorgeschlagenen Vertragsänderungen der Kirche würden das Projekt „gegen Einwürfe und Rechtsverfahren aus dem Bereich kritischer Priester wie auch gegenüber den Sorgen einzelner Bischöfe vollständig schützen“. Auch könnten Beispiele aus anderen Ländern die Bischöfe aufgeschreckt haben. So ist etwa der Untersuchungsbericht über die Missbrauchsfälle im irischen Bistum Cloyne (Cloyne-Bericht) für jedermann einsehbar im Internet veröffentlicht mit vielen Details und den Namen der Täter.

Schwierig sieht es mit Blick auf die Vernichtung der Akten aus. Das Kirchenrecht schreibt diese nämlich vor: “Jährlich sind die Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit einem Jahrzehnt durch Verurteilung abgeschlossen sind, zu vernichten; ein kurzer Tatbestandsbericht mit dem Wortlaut des Endurteils ist aufzubewahren.” (CIC 489,2) Hier besteht Handlungsbedarf auf Seiten der katholischen Kirche, um Beweismaterial auch über diese 10-Jahresfrist zu sichern. Allerdings werden auch die Strafprozessunterlagen in zivilen Verfahren zum großen Teil nach 10 Jahren geschreddert. Unter anderem deshalb sahen Experten von Anfang an Probleme beim Design der Pfeiffer-Studie.

Die Zukunft wird für die Bischöfe wie für den neuen Partner nicht einfach. Die Öffentlichkeit wird peinlichst genau darauf achten, wie unabhängig und frei die Wissenschaftler arbeiten und publizieren können; die Bischöfe ihrerseits stehen unter besonderer Beobachtung, wie ernst es ihnen um die Aufklärung und Aufarbeitung ist. Dazu müssen sie sich aber auch untereinander einig sein. Das ist eine nicht zu unterschätzende Hürde in der Angelegenheit. Der öffentliche Druck ist groß; nur mit einem entschiedenen und transparenten Handeln, können die Bischöfe versuchen, den großen Imageschaden wieder wett zu machen, damit das Jahr 2013 nicht zu einem weiteren Unglücksjahr wird.

Autor: Jürgen Erbacher

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Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.
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4 Kommentare

  • susi bibelmaus
    10.01.2013, 21:06 Uhr.

    Nein nein, nichts da mit: Zitat „Die Zukunft wird für ]…}“ Zitat Ende.

    Die journalistische Rhetorik des Schreibers von „jede Seite bedienen“ um zukünftig gegen Bischöfe eben nur mal etwas wachsamer zu sein und sich einigen kleinen Glaubwürdigkeitshemmnissen von gefallenen Christi Nachfolgern zu stellen, ist am retuschierten Tathergang der betreffenden Täter als berichtender Journalist ebenso in der Schuld und der Plicht die Zeilen im hellen Tageslicht zu verfassen!

    Duckmäuser- Mitläufer und Sympathisanten eines zu tiefst unheiligen widerbiblischen Konstrukts mit „Stellvertretungsanspruch“ mögen auf Erden eine gewisse Zeit ihr übles Handwerk in Saus und Braus ausleben, im kommenden aber, da wird keiner von ihnen zu finden sein.

    susi

  • M.G.
    12.01.2013, 17:26 Uhr.

    Aufarbeit ja.Aber wie ?
    Eindeutig sollte Reuhe,Ehrlichkeit,Buße und auch Schmerzensgeld für die Opfer drin sein in der kath.Kirche.
    Vorbeugend sollten Aufarbeitsstudien ohne Blatt vor den Mund möglich sein,um zukünftig Missbrauchsopfer zu verhindern.Niemand ist perfekt,auch nicht die Priester der kath. Kirche,sonst wäre mir schon einer mit Engelsflügel und Heiligenschein begegnet. ;-)

  • Dr. Johannes Hintzen
    14.01.2013, 12:14 Uhr.

    wie man inzwischen einem artikel der faz entnehmen kann, hatte herr prof. pfeifer wohl mit allem recht. die bischöfe kennen anscheinend ihr eigenes kirchenstrafrecht nicht, in dem geregelt ist, wie mit akten umzugehen ist. es sind also sehr wohl akten vernichtet worden; denn das sieht das kirchliche strafrecht [can. 489 §§ 1 u. 2 CIC: "in der diözesankurie muss es außerdem ein geheimarchiv geben, wenigstens aber einen eigenen schrank oder ein eigenes fach im allgemeinen archiv, das fest verschlossen und so gesichert ist, dass man es nicht vom ort entfernen kann; in ihm müssen die geheimzuhaltenen dokumente mit größter sorgfalt aufbewahrt werden."(§ 1) und: "jährlich sind die akten der strafsachen in sittlichkeitsverfahren, deren angeklagte verstorben sind oder die seit einem jahrzehnt durch verurteilung abgeschlossen sind, zu vernichten; ein kurzer tatbestandsbericht mit dem wortlaut des endurteils ist aufzubewahren."(§ 2)] ausdrücklich vor.

  • M.G.
    26.01.2013, 14:14 Uhr.

    Aufarbeit ja.Aber wie ?
    keiner weiß bescheid,also vorzugsweise wünscht man lieber das Abbrechen der Aufarbeitung von katholischer Seite. ;-)

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