Der Papst und das Konzil

Will Papst Benedikt XVI. hinter das II. Vatikanische Konzil zurück? War der junge Theologe Joseph Ratzinger als Berater von Kardinal Josef Frings und offizieller Konzilstheologe ein Reformer? Und denkt der heutige Papst Benedikt XVI. anders über die größte Bischofsversammlung der Neuzeit als eben jener junge Theologe? Diese Fragen beschäftigen viele seit Jahren. Spätestens seit dem Versuch der Versöhnung mit der traditionalistischen Piusbruderschaft liegt die Frage auf dem Tisch, wie steht Benedikt XVI. zum Konzil. Antworten auf diese Fragen finden sich sicherlich in dem neuen Band der „Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers“, der gestern Abend in Rom vorgestellt wurde.

 

Theologe Ratzinger und Kardinal Frings - Reformer beim Konzil? (dpa)

In zwei Teil-Bänden auf über 1.200 Seiten sind die wichtigsten Texte Joseph Ratzingers zum II. Vatikanischen Konzil zusammengetragen. Enthalten sind etwa die Entwürfe Ratzingers für die Konzilsreden des Kölner Erzbischofs, Kardinal Josef Frings, die Kommentare Ratzingers zu einzelnen Konzilsdokumenten wie die Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ oder die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“, sowie schließlich Ratzingers Berichte über die einzelnen Sitzungsperioden.

1.200 Seiten – das habe ich jetzt in einem Tag nicht geschafft. In den nächsten Wochen werde ich aber sicher gelegentlich hier an dieser Stelle auf die Bände zurückkommen. Vor einiger Zeit hatte ich ja schon über das Vorwort zu dem Konzilsband geschrieben. Das hatte Papst Benedikt XVI. in diesem Sommer verfasst und war interessanter Weise nicht auf die großen Konstitutionen über Kirche, Liturgie oder Ähnliches eingegangen. Vielmehr gab er an, dass für ihn zentral im Rückblick die Aussagen des Konzils zur Ökumene, zur Religionsfreiheit und dem Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen sind. Das war eine überraschende Akzentsetzung. Ich bin gespannt, ob auch die Originaltexte Überraschungen bereithalten.

Bibliografische Angaben: Ratzinger, Joseph/Benedikt XVI.: Zur Lehre des II. Vatikanischen Konzils. Formulierung – Vermittlung – Deutung. Gesammelte Schriften Bände 7/1 und 7/2. Freiburg u.a. 2012.

Autor: Jürgen Erbacher

Autorenbild

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.
Alle Beiträge von Jürgen Erbacher anzeigen

3 Kommentare

  • Heinz Sahl - Eine Stimme aus Thüringen
    02.12.2012, 10:42 Uhr.

    Doch, ich nehme an, dass er ein Reformer ist.
    Allerdings ist er aus meiner Sicht ein »sanfter« Reformer – im Sinne von behutsam.
    Seine Handlungen und Äußerungen sind nicht spektakulär, er reißt nicht ein und baut dann neu auf; er setzt sich (wenn man genau hinschaut, wird man es erkennen) für die Verständigung zwischen den Glaubensrichtungen, die allesamt auf dem Judentum basieren, ein.

    Für dieses genaue Hinschauen möchte ich hier ein Beispiel nennen:
    Herr Ratzinger hat im September 2006 eine Rede anlässlich seines Besuches in Deutschland an der Universität Regensburg gehalten. Zum Thema hat er sich das Verhältnis zwischen Christentum und Islam gewählt. Warum gerade dieses Thema? Er wird es wissen.
    Er bezieht sich u. a. auf ein Gespräch, das Kaiser Emanuel II. mit einem persischen Gelehrten (1391?) geführt hat. Es geht in diesem Gespräch über die Wahrheit von christlicher und moslemischer Anschauungen.
    Zitat:
    »Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von „Schriftbesitzern“ und „Ungläubigen“ einzulassen, wendet er [Kaiser Emanuel II] sich in erstaunlich schroffer, für Uns unannehmbar schroffer Form, ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner….«

    Anschließend habe ich einen Kommentar eines Korrespondenten von AFP gelesen. In diesem Kommentar fehlt diese wesentliche Passage: »für Uns unannehmbar schroffer Form«. Die Medien (auch die öffentlich-rechtlichen in Deutschland) haben diesen Kommentar von AFP fast wortgleich übernommen. Die islamische Welt hat sich empört(!)

    Das Dokument, der Originaltext der Regensburger Rede, war im Internet zugänglich. Er umfasst lediglich zwölf Seiten. Ihn zu lesen, war wohl für Journalisten zu mühsam.
    Ganz einfach wird ein Kommentar einer Nachrichtenagentur übernommen – er passt zum Zeitgeschmack!

    Mit den Piusbrüdern möchte ich mich nicht lange aufhalten. Hier kommt mir das Gleichnis von dem verlorenen Sohn in den Sinn. Sie kennen es.

    Abschließend stelle ich mir als evangelischer Christ die Frage: Warum setze ich mich für den Papst ein, warum verteidige ich ihn. Andersrum: Denken Sie, meine lieben Leser, heute noch so, wie Sie vor fünfzig Jahren gedacht haben?

    Ich wünsche Ihnen allen einen angenehmen Sonntag.
    Draußen schneit es. Die Natur zieht sich ein weißes Kleid an. Die Farbe weiß ist, wenn ich nicht irre, die Farbe der Unschuld. Der Papst trägt auch weiß.

    Gruß aus Eisenach

  • dr. johannes hintzen
    03.12.2012, 15:02 Uhr.

    nein, der papst “will” nicht hinter das konzil zurück, weil er es gar nicht kann. allerdings zeigen schon seine äußerungen als kardinal (z.b. zu fragen der liturgie), dass er am liebsten das “barocke” jahrhundert in der liturgie, in der selbstdarstellung der kirche usw. wiedereinführen möchte. und er tut es auf eine höchstunsensible, rücksichtslose weise, die alle haben erschrecken lassen, die die pastoral johannes paul´s II. kannten. das zitat von kaiser emanuel in der regensburger rede war völlig überflüssig; benedikt hat es sich einfach nicht verkneifen können, die muslime zu sticheln – und er hat es geschafft: eine völlig unchristliche art des umgangs mit dem gesprächspartner. die rekonziliation der piusbrüder wurde eingeleitet durch die restituierung einer liturgie, die in der folge(!) des konzils obsolet geworden war. das war klar gegen die intention(!) der liturgiekonstitution gerichtet; wieder ein provokantes vorgehen bis an die grenze des möglichen. die rekonziliation der piusbrüder war ein alleingang, der die ganze katholische kirche in eine noch größere krise gerissen hat, da der papst selbst nun all denen als rechtfertigung dient, die seit jahren versuchen, die abrissbirne an die folgen der konzilsbeschlüsse, ja an das zweite vatikanum selbst zu werfen. und was genauso schlimm ist: der papst hat damit seine amtsbrüder in den diözesen in eine äußerst bedrohliche lage gebracht, die auch durch die klaren worte von bischof müller (“über glaubensinhalte kann man nicht verhandeln”) nicht wesentlich leichter geworden ist. vatileaks hat ein weiteres problem dieses pontifikates aufgedeckt: der “chef” hat seinen “laden” nicht im griff. nicht nur das: benedikt hat unter seinen mitarbeitern anscheinend die frustrationsgrenze dermassen überspannt, dass diese sich nur noch durch einen hilfeschrei in der öffentlichkeit zu helfen wussten. alles in allem: niemand, der kardinal ratzinger zum papst gewählt hat, hat sich wohl vorstellen können, mit welcher unprofessionalität dieser “gelehrte vatikanbeamte” sein amt als papst ausüben wird. es kann nur noch besser werden.

  • susi bibelmaus
    04.12.2012, 10:32 Uhr.

    Ganz kurz und knall hart: Jesus Nachfolger erkennen die Stimme ihres Hirten (Johannes 10). Der Hirte, der seine Schafe ins freie führt und sie einzeln beim Namen ruft, dieser Hirte hat keinen Stellvertreter. Die Schafe, die die Stimme ihres Hirten kennen, werden einer Kopie nicht folgen und davon laufen. Es gibt nur eine Wahrheit und einen Hirten. Alles andere ist Teufelswerk.

    susi

Kommentare geschlossen

Dieser Beitrag kann nicht länger kommentiert werden.