Der Papst in Südostafrika – Tag 6

Zum Abschluss seiner sechstägigen Südostafrikareise hat Papst Franziskus am Montag Mauritius besucht. Vier Themen standen dabei im Mittelpunkt seiner beiden Ansprachen: die Jugend, Wirtschaftsfragen, das Zusammenleben von Kulturen und Religionen sowie die Sorge um den „missionarischen Elan“ der Kirche. Mit knapp neun Stunden war es eine der kürzesten Visiten des Pontifex. Dafür darf Mauritius für sich in Anspruch nehmen, dass es das kleinste Land ist, das Franziskus bisher besucht hat. Allerdings ist die Insel mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern ein Schmelztiegel der Religionen, Kulturen und Ethnien. Verstärkt noch durch die wirtschaftlichen Aktivitäten treffen hier auf der Fläche von 2000 Quadratkilometer, etwas kleiner als das Saarland, mitten im Indischen Ozean alle Kontinente auf engstem Raum aufeinander mit allen Vorteilen und Herausforderungen.

Franziskus ist besorgt um die Jugend und die Kirche. (Quelle: Erbacher)

Papst will „mitreißende Gläubige“

Beim Gottesdienst mit rund 100.000 Menschen zeigte sich Franziskus besorgt angesichts der Situation der Kirche auf Mauritius. Dabei bereitete ihm weniger „die bedrohliche Prognose“ Sorge, „dass wir immer weniger werden“, als vielmehr dass die Kirche ihren missionarischen Elan verliert. Als Grund nannte er, dass „wir als Kirche Christi in Versuchung geraten könnten, den evangelisierenden Enthusiasmus zu verlieren und dabei in weltlichen Sicherheiten Zuflucht suchen“. Anders als in den meisten Regionen Afrikas erfährt die katholische Kirche auf Mauritius ein ähnliches Schicksal wie die Kirchen in Europa, den USA und Lateinamerika. Sie verliert Gläubige und es gibt kaum Berufungen. Die Pfingstkirchen hingegen haben regen Zulauf. Deshalb mahnte Franziskus die Katholiken, „nur die freudigen Christen erwecken den Wunsch, diesem Weg zu folgen“.

Ein Augenmerk legte der Papst auf die Jugend. Kirche und Gesellschaft müssten sich besonders um sie kümmern. Er zeigte sich besorgt angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit auf Mauritius. Fast jeder vierte Jugendliche hat keine Arbeit. „So sind sie verwundbar und fast ohne Halt angesichts der neuen Formen der Sklaverei des 21. Jahrhunderts“, beklagte der Papst. Was Franziskus darunter genau versteht, sagte er nicht. Allerdings gibt es auf Mauritius verschiedene Bereiche, in denen es prekäre Arbeitsverhältnisse gibt.

Arbeitsausbeutung und Drogenproblem

Zum einen ist das noch immer die Textilindustrie. Zum anderen gibt es viele Beschäftigte im Dienstleistungssektor wie etwa Callcenter. Die Mitarbeiter müssen dann arbeiten, wenn in den Zielgebieten der Unternehmen, die das Callcenter nach Mauritius ausgelagert haben, die Hauptarbeitszeiten sind. Durch die Zeitverschiebung zu den Kunden wird die Callcenter-Arbeit für viele Familien zur Belastung, weil Vater und Mutter oft zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten müssen. Davon sind besonders junge Menschen betroffen, die als Call-Agent ihr Geld verdienen. Aufstiegsmöglichkeiten gibt es ebenfalls kaum in diesem Sektor.

Schließlich warnte der Papst: „Erlauben wir den Händlern des Todes nicht, die Erstlingsfrüchte dieser Erde zu rauben!“  Was etwas verschroben klingt, ist der Hinweis auf das Drogenproblem, das die Insel immer stärker herausfordert und besonders die jungen Menschen betrifft. Während früher die traditionellen Drogen wie Cannabis teuer und damit weniger zugänglich waren, wird die Insel in den letzten Jahren regelrecht geflutet von synthetischen Drogen, die billiger sind und sich so auch weiter verbreiten können. In den lokalen Medien ist der Begriff „Händler des Todes“ für die Dealer ein durchaus gebräuchlicher Begriff.

Mensch im Mittelpunkt der Wirtschaft

Schon beim Gottesdienst streifte Franziskus das Thema Wirtschaft. Beim Treffen mit Vertretern aus Politik, Diplomatischem Korps und Zivilgesellschaft am Nachmittag führte er es dann noch konkreter aus. Er forderte, „eine Wirtschaftspolitik zu entwickeln, die auf die Menschen hin ausgerichtet ist und die eine bessere Verteilung der Gewinne, die Schaffung neuer Arbeitsplätze und die integrale Förderung der Armen als Priorität hat“. Er warnte vor dem „Götzenbild eines Wirtschaftsmodells“, das „menschliches Leben auf dem Altar der Spekulationen und der puren Rentabilität opfern muss und das nur den unmittelbaren Gewinn im Blick hat, zum Nachteil des Schutzes der Armen, der Umwelt und ihrer Ressourcen“.

Er sprach sich für eine „ganzheitliche ökologische Umkehr“ aus, nicht nur wegen der „erschreckenden klimatischen Phänomene“, sondern „damit das Wirtschaftswachstum allen nützt, ohne dabei das Risiko der Verursachung von Umweltkatastrophen oder schwerer sozialer Krisen in Kauf zu nehmen“. Wir schon in Madagaskar verbindet er die soziale mit der ökologischen Krise zu einer gemeinsamen Herausforderung. Auch auf Mauritius kritisiert er die Korruption.

Schmelztiegel der Kulturen

Mehrfach würdigt Franziskus das gute Zusammenspiel der verschiedenen Kulturen und Religionen auf Mauritius. Er sieht darin seine Idee bestätigt, dass nur in „versöhnter Verschiedenheit“ ein „stabiler Frieden“ möglich ist. Mauritius sei mit der Ankunft von „Migranten aus verschiedenen Himmelsrichtungen und Kontinenten“ entstanden, „die ihre Kulturen und Religionen mitbrachten und nach und nach lernten, sich mit den Unterschieden gegenseitig zu bereichern und einen Weg des Zusammenlebens zu finden, indem sie eine auf das Gemeinwohl ausgerichtete Brüderlichkeit entwickelten“. Entsprechend forderte Franziskus die Mauritier auf, auch heute die Menschen aufzunehmen, die in ihr Land kämen.

Der Besuch auf Mauritius war kurz. Papst Franziskus nutzte die Gelegenheit, um einige seiner zentralen Themen den Gläubigen sowie den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft nahezubringen. Für Papstkenner sind es keine Neuigkeiten. Doch bei seinen Reisen geht es Franziskus in erster Linie darum, seine Vision von Kirche und die Vision der Kirche von einer gerechten Gesellschaft zu erklären. Da ist zum einen die missionarische Kirche, die sich den Sorgen und Nöten der Menschen annimmt. Da sind zum anderen die sozialethische Fragen wie die moderne Sklaverei, die würdige Arbeit für alle und das dafür notwendige an ethischen Standards ausgerichtete Wirtschaftssystem. In diesem Sinne hat er die wenigen Stunden auf Mauritius effektiv genutzt.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

2 Kommentare

  • Silberdistel
    10.09.2019, 9:20 Uhr.

    „Zuerst wurde Mauritius geschaffen, dann das Paradies. Aber das Paradies war nur eine Kopie von Mauritius“ Mark Twain.
    Und was macht ein Papst am siebten Tage im Paradies? Hoffentlich nicht fleißiger als ´Gott´ himself sein wollen… Das Gleiche gilt natürlich auch für @Herrn Erbacher 😉

  • Carla Maltese
    15.09.2019, 18:43 Uhr.

    Franziskus‘ Riesengottesdienste auf Auslandsreisen sind natürlich beeindruckend, aber ich werde beim Gedanken an Logistik und vor allem Sicherheit eher blass dabei.
    Ich kann nicht nderst als mich zu fragen was passiert wenn mitten in der Masse, mittendrin in Block X oder Z, einer umkippt.

    Vor allem aber zeigt sich auf Mauritius, daß die Krise der römisch-kathoischen Kirche eine weltweite ist. Und daß es die einheitliche römisch-katholische Kirche sowieso nicht mehr gibt.
    Wer nicht mehr übersetzen kann was die Jahrtausende alten Texte der Bibel mit dem heutigen Alltagsleben zu tun haben und stattdessen nur alte Griechen und deren biologische Irrtümer zitieren kann, hat verloren. Über kurz oder lang auch auf dem afrikanischen Kontinent.

    A propos Callcenter: Wenn auf Facebook kranker Müll gepostet wird, brutale Gewaltszenen, dann landet das ebenfalls in solchen Ländern. Und arme Löschteams müssen sich damit rumschlagen und werden psychisch krank dabei.
    Die Lösung kann meiner Ansicht nach aber nicht sein, den eigenen Facebook-Account zu löschen. Ich glaube im Gegenteil daß alle anständigen Leute Facebook und das ganze Inet von den ganzen Geisteskranken die nur Hass und Gewalt verbreiten können, von den ganzen Trollen und Hatern und Faschisten, zurückerobern müssen.

    Und zum Ab schluß freut es mich, daß Herrn Erbachers Kamera wieder tut und die Bilder wieder sehr gelungen sind.
    Ich mag gerade diese oft ungewöhnlichen Blickwinkel sehr.

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