Papst Franziskus in Kolumbien – Tag 4

Medellín, das ist der Ort, der wie vielleicht kein zweiter weltweit für den Drogenhandel steht. Medellín ist aber auch die Stadt, in der 1968 die zweite Vollversammlung des Rats der Bischofskonferenzen Lateinamerikas und der Karibik stattfand. Hier wurde das Fundament für die Befreiungstheologie mitgelegt. Also verwundert es nicht, dass am vierten Tag des Papstbesuchs in Kolumbien in Medellín die Kirche im Mittelpunkt stand. Zum Thema Drogen hatte sich Franziskus bereits in den vergangenen Tagen geäußert. Am Vormittag beim Gottesdienst mit rund einer Million Gläubigen mahnte der Papst, die Kirche dürfe nicht zu statisch sein, sondern müsse sich erneuern: „Wie Jesus die Gesetzeslehrer ‚aufrüttelte‘, damit sie aus ihrer Verhärtung herausfänden, so wird jetzt auch die Kirche vom Geist ‚geschüttelt‘, damit sie ihre Bequemlichkeit und ihre Anhänglichkeiten loslasse.“ Am Nachmittag ermutigte er die Priester, Ordensleuten und Seminaristen, mit einer „ansteckenden Freude“ für die Menschen die ersten Zeugen die „Nähe und die Liebe Gottes“ zu sein. Bei der Begegnung kritisierte Franziskus die Machenschaften der Drogenkartelle scharf, die die Jugendlichen missbrauchten. Das Thema Jugend beschäftigt Franziskus in diesen Tagen immer wieder. Mehrfach kam er auf das besondere Engagement von Jugendlichen im Ehrenamt zu sprechen. Für ihn ist es ein Beispiel dafür, dass die junge Generation bereit ist, sich zu engagieren. Umso mehr zeigte er sich heute betroffen vom Schicksal vieler Jugendlichen, die Gewalt erleiden. Gerade in Medellín müsse er daran denken. „Mir kommen viele junge Leben in den Sinn, die zerbrochen, weggeworfen und zerstört sind.“ Er lade alle ein, daran zu denken. Zugleich bat er um „Vergebung für diejenigen, die die Illusionen so vieler Menschen zerstörten“. Er bitte Gott, deren Herzen zu bekehren.

Jeden Abend trifft Papst Franziskus vor der Nuntiatur kleine Gruppen. (Quelle: Osservatore Romano)

Kirche ist kein Zollposten

Einmal mehr nichts Neues, könnten Kritiker zu den Reden von Papst Franziskus heute in Medellín sagen. Die Warnung, sich nicht wie die Pharisäer und Gesetzeslehrer zu verhalten, die Mahnung, „wir dürfen nicht Christen sein, die ständig das Schild ‚Durchgang verboten‘ hochheben“, das ist alles längst bekannt. Doch die Haltungsänderung, die Franziskus seiner Kirche seit der Wahl vor gut vier Jahren verordnen will, ist so grundlegend, dass es offensichtlich immer wieder neuer Anläufe und Impulse in die gleiche Richtung bedarf. Die Erneuerung erfordere Opfer und Mut, so der Papst. Sie bedeute allerdings nicht, „mit allem zu brechen“. Allerdings betont Franziskus, dass Jesu Botschaft eine Freiheit eröffnet habe. Interessant ist dabei ein Satz, der viel Deutung zulässt: „Der Herr des Sabbats, der Grund aller unserer Gebote und Vorschriften, lädt uns ein, die Normen abzuwägen, wenn es um seine Nachfolge geht; wenn seine offenen Wunden, sein Schrei vor Hunger und sein Durst nach Gerechtigkeit uns anfragen und neue Antworten abverlangen.“ Welche Normen sollen abgewogen werden? Und wer macht das? Jeder Einzelne? Am Ende seiner Predigt forderte Franziskus, die Kirche in Kolumbien müsse sich „mir größerer Kühnheit in der Ausbildung von missionarischen Jüngern engagieren“. Dabei geht es ihm um „Jünger, die zu sehen, zu urteilen und zu handeln vermögen“.

Sehen, urteilen, handeln sind die drei Grundprinzipien der Befreiungstheologie. Wenn Franziskus diese Worte heute in Medellín so gebraucht und dabei eigens auf die Dokumente der Versammlung von 1968 verweist, liegt der Gedanke nahe, dass er sich Jünger wünscht, die im Geist der Theologie der Befreiung selbständig sehen, urteilen und handeln. Es geht um „missionarische Jünger, die sehen können ohne ererbte Kurzsichtigkeit; die die Realität mit den Augen und dem Herzen Jesu prüfen und sie von dort her beurteilen. Solche, die etwas wagen, die handeln und die sich einsetzen.“ In seiner Predigt stellt er dem Medellín-Dreischritt „sehen, urteilen, handeln“, seinen Dreischritt zur Seite: „zum Wesentlichen gehen, sich erneuern, sich beteiligen“. Damit macht er deutlich, dass es ihm nicht um eine rein sozialpolitische Sache geht, wie seine Kritiker ihm immer wieder vorwerfen. Er verwurzelt das geforderte Handeln radikal in der Person Jesu, in dessen Worte und Taten, also im Evangelium.

An Jesus orientieren

Das gilt auch für seine Botschaft an Klerus, Ordensleute und Seminaristen am Nachmittag. „Die Wirklichkeit mit Gottes Augen zu deuten“, legte er ihnen ans Herz. Es gehe um eine „innige und fruchtbare Verbindung mit Jesus“, so Franziskus. Dazu seien das Studium und die „Begegnung mit der Heiligen Schrift“ grundlegend. Entscheidend ist für den Papst „das Berühren der Menschheit Christi“. Der sei nicht Richter, sondern barmherziger Samariter gewesen. Entsprechend müsse die Haltung der Kleriker und Ordensleute sein. Not, Ungerechtigkeit, Korruption und Gewalt, die die Menschen erlitten, dürfe sie nicht gleichgültig lassen.

Der Papst mahnt, bei der Auswahl der Berufungen genau zu prüfen, welche Motivation dahinter steckt. Die „Suche nach persönlicher Annehmlichkeit und sozialem Aufstieg“ kritisiert er ebenso wie das Klammern an materielle Interessen, „was bis zur plumpen Gewinnsucht geht“. Aufhören lässt die Warnung von Franziskus: „Das Gift der Lüge, der Verheimlichung, der Manipulierung und des Missbrauchs des Gottesvolkes, der Schwächsten und insbesondere der Alten und der Kinder darf in unserer Gemeinschaft keinen Platz haben.“

Franziskus über „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“

Am Mittag hatte Franziskus ein Kinderheim besucht. Dabei beklagte er das „ungerechte Leiden so vieler Jungen und Mädchen in der ganzen Welt“. Wenn man das offizielle Programm des Papstes in Kolumbien sieht, gehen die beiden „sozialen Termine“ beinahe unter. Heute der Besuch im Kinderheim und morgen ein kurzer Aufenthalt in einem Sozialprojekt für Mädchen aus Armenvierteln in Cartagena. Was allerdings von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen wird, sind die abendlichen Begegnungen des Papstes vor der Nuntiatur in Bogota. Diese Treffen gehören mit zu den emotionalsten Momenten der Reise. Hier ist der Papst für die Menschen zum Greifen nah. Gestern Abend empfingen ihn dort nach seiner Rückkehr aus Villavicencio Opfer des Jahrzehnte andauernden Konflikts hier in Kolumbien. Vorgestern waren Menschen mit Behinderung zur Nuntiatur gekommen. Dieses Treffen hat Franziskus nachhaltig beeindruckt. Bei der Begegnung mit dem Klerus, den Ordensleuten und Seminaristen heute Mittag in Medellín erinnerte er daran. Ein Mädchen hatte den Wunsch geäußert, dass die Welt doch die Verwundung, die Behinderung als normal anerkennen möge. Franziskus hatte ihr geantwortet: „Wir sind alle verletzt, behindert.“ Bei den einen sehe man das, bei anderen sei es nicht zu erkennen, weil es im Innern sei. Heute Nachmittag sprach er von dieser Begegnung mit dem Mädchen „mit speziellen Fähigkeiten“. Franziskus hatte bei einer anderen Gelegenheit einmal erklärt, dass er nicht gerne von „Menschen mit Behinderung“ spreche, sondern lieber von „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“. Heute nahm er auf die Begegnung von Donnerstagabend Bezug, um die Anwesenden etwas zu erden. „Alle sind verletzt, behindert“, dessen sollten sie sich bewusst sein.

Autorenbild

Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

4 Kommentare

  • alberto knox
    10.09.2017, 12:37 Uhr.

    „Sehen, urteilen, handeln sind die drei Grundprinzipien der Befreiungstheologie.“

    pardon, aber das sind die grundprinzipien einer jeden pastoraltheologie, sogar ein reaktionär wie der ehemalige freiburger pastoraltheologe windisch vertritt das.

    „Der Herr des Sabbats, der Grund aller unserer Gebote und Vorschriften, lädt uns ein, die Normen abzuwägen, wenn es um seine Nachfolge geht; wenn seine offenen Wunden, sein Schrei vor Hunger und sein Durst nach Gerechtigkeit uns anfragen und neue Antworten abverlangen.“

    nichts anderes sagt augustin: liebe und tu, was du willst.

    „Wie Jesus die Gesetzeslehrer ‚aufrüttelte‘, damit sie aus ihrer Verhärtung herausfänden, so wird jetzt auch die Kirche vom Geist ‚geschüttelt‘, damit sie ihre Bequemlichkeit und ihre Anhänglichkeiten loslasse.“

    wieviel näher an christus, an gott ist dieser papst in wort und tat als sein vorgänger, der sich zu solchen aussagen und zitaten hinreißen ließ:
    „‚Oh, wie groß ist der Priester! … Gott gehorcht ihm: Er spricht zwei Sätze aus, und auf sein Wort hin steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in eine kleine Hostie ein…‘ Und als [der Pfarrer von Ars] seinen Gläubigen die Bedeutsamkeit der Sakramente erklärte, sagte er: ‚Ohne das Sakrament der Weihe hätten wir den Herrn nicht. Wer hat ihn da in den Tabernakel gesetzt? Der Priester. Wer hat Eure Seele beim ersten Eintritt in das Leben aufgenommen? Der Priester. Wer nährt sie, um ihr die Kraft zu geben, ihre Pilgerschaft zu vollenden? Der Priester. Wer wird sie darauf vorbereiten, vor Gott zu erscheinen, indem er sie zum letzten Mal im Blut Jesu Christi wäscht? Der Priester, immer der Priester. Und wenn diese Seele [durch die Sünde] stirbt, wer wird sie auferwecken, wer wird ihr die Ruhe und den Frieden geben? Wieder der Priester … Nach Gott ist der Priester alles!‘ … [I]n [diesen Aussagen] offenbart sich die außerordentliche Achtung, die er dem Sakrament des Priestertums entgegenbrachte. ‚Ohne den Priester würden der Tod und das Leiden unseres Herrn zu nichts nützen. Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt … Der Priester besitzt den Schlüssel zu den himmlischen Schätzen: Er ist es, der die Tür öffnet; er ist der Haushälter des lieben Gottes; der Verwalter seiner Güter … Laßt eine Pfarrei zwanzig Jahre lang ohne Priester, und man wird dort die Tiere anbeten'“.

    diese – hart an der blasphemie entlang schrammenden sätze – hat benedikt xvi. tatsächlich priester anempfohlen. entweder nennt man das reaktionär oder senil. mit einem christlichen priesterbild hat das wenig bis nichts zu tun.

    • Wanda
      11.09.2017, 15:55 Uhr.

      Wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, was der Nazarener von dem seinerzeit ebenfalls institutionalisiertem Priestertum und seinen obersten Vertretern hielt…
      Hörte einmal in München von einem Jesuiten(!), der zu einen Themenbereich an der philosophischen Fakultät vortrug, dessen Meinung, Jesus wollte Nachfolger im Sinne einer Gemeinschaft – keine religiöse Klassengesellschaft mit kastenählicher Struktur…

    • neuhamsterdam
      11.09.2017, 22:44 Uhr.

      Befreiungstheologie.“

      Benedikt besuchte ja nicht nur im April 2009 aufgrund des dortigen Erdbebens die Stadt L`Aquila und den Schrein von Cölestin V., sondern flog vor elf Jahren (2006) mit dem Hubschrauber auch nahe am Grab meines Großvaters gotthabihnselig vorbei. Tags darauf hielt Benedikt diese bald weithin bekanntgewordene „Regensburger Rede“.

      Nun, was hat es damit auf sich? In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts war mein Großvater in Bulgarien und wie es sich begab, hatte er einmal die Aufgabe Jemand vom Bahnhof abzuholen und da in diesem mulitethnisch und multireligiös geprägten Gebiet auch wildes Wolfsgetier zugegen war, war er darauf bedacht, wie er Familie erzählt hat, immer etwas dabei zu haben, um sich dieser Gefahr erwehren zu können. Ist aber kaum etwas passiert, nur einmal hat er einen Wolf gesehen, der sich wieder verzogen hat.

      An diese Begebenheit erinnere ich mich, wenn auf die Äußerung von Benedikt verwiesen wird mit der Bitte, für ihn zu beten, daß er nicht vor den Wölfen fliehe.

      Gotthabihnselig… aktuell – gotthabihnheilig. Diesen Jemand müßte auch Benedikt noch gekannt haben.

      • Novalis
        13.09.2017, 11:41 Uhr.

        Ich empfinde Ihre Zeilen als sehr wirr. Was wollen Sie uns sagen?

Kommentare geschlossen

Dieser Beitrag kann nicht länger kommentiert werden.