Die Pressekonferenz des Papstes

Eine Stunde lang hat Papst Franziskus den Journalisten Rede und Antwort gestanden. Anbei die komplette Pressekonferenz in einer eigenen Übersetzung. Bei Radio Vatikan gibt es auch das  italienische Transkript. Ein Kollege hat das Ganze auch ins Englische übersetzt. Übersetzungen sind immer schwierig und auch bereits eine Interpretation. Dazu kommt, dass der Papst frei spricht und es eben kein vorgefertigter Text ist. Die Themen sind vielfältig: Irak, China, nächste Papstreisen, Benedikt XVI., Enzyklika zur Ökologie sowie sein Privatleben und ein möglicher Rücktritt.

Papst Franziskus trauert unterdessen um drei Familienangehörige. Heute morgen sind zwei Großneffen im Alter von acht Monaten und zwei Jahren sowie deren 39-jährige Mutter bei einem Autounfall in Argentinien ums Leben gekommen. Der Großneffe wurde schwer verletzt. In einer Erklärung des Vatikans heißt es, Papst Franziskus empfinde tiefen Schmerz und bitte all jene, die an seinem Schmerz Anteil nehmen, sich mit ihm im Gebet zu vereinen.

Sewol-Opfer

Frage: Sung Jin Park, südkoreanische Nachrichtenagentur Yinhap – was haben Sie gefühlt, als Sie die Angehörigen der Sewol-Opfer getroffen haben und haben Sie keine Angst, dass Ihre Geste missverstanden werden könnte?

F: Wenn man mit dem menschlichen Schmerz konfrontiert ist, musst du das machen, was dein Herz dir vorgibt, zu tun. Dann sagen manche: „Aber er hat das gemacht, weil er diese oder jene politische Intention hatte.“ Ja, man kann alles sagen. Aber wenn Sie an diese Menschen denken, diese Frauen, Väter und Mütter, die ihre Kinder verloren haben, ihre Brüder und Schwestern, an den so großen Schmerz einer so großen Katastrophe, ich weiß nicht, mein Herz … Ich bin Priester, weißt Du? Ich fühle, dass ich mich nähern muss. Aber, ich fühle das so, nicht? Ich weiß, dass der Trost, den ein Wort von mir geben kann, keine Heilung bringt, es gibt den Toten nicht wieder das Leben zurück, aber die menschliche Nähe in diesen Momenten gibt Kraft. Das ist die Solidarität, nicht? Ich erinnere mich, dass ich als Erzbischof von Buenos Aires zwei solcher Katastrophen erlebt habe: eine in einem Ballsaal, in dem ein Konzert mit Popmusik stattfand. 193 Menschen sind gestorben. Und dann eine Zug-Katastrophe. Ich glaube mit 120 Toten. Und ich habe in jener Zeit dasselbe gefühlt: mich zu nähern. Der menschliche Schmerz ist stark. Und wenn wir uns in diesen traurigen Momenten annähern, helfen wir uns sehr. Und zu der Frage am Ende möchte ich noch etwas anderes sagen: ich habe das hier angesteckt. [Zeigt auf den Solidaritätspin für die Opfer des Sewol-Fährunglücks.] Nachdem ich ihn einen halben Tag getragen habe – ich habe ihn aus Solidarität mit ihnen angesteckt, eh? – kam jemand zu mir und sagte, es ist besser, wenn Sie den abmachen, denn Sie müssen neutral sein. „Aber hören Sie, angesichts des menschlichen Leids können Sie nicht neutral sein“, so habe ich ihm geantwortet. Das ist das, was ich denke. Danke für deine Antwort. Danke.

Irak

Frage: Allan Holdren Catholic News Agency: Ist das militärische Eingreifen im Irak aus Ihrer Sicht richtig, um die Minderheiten zu schützen?

F: Danke für diese klare Frage. In diesen Fällen, in denen es eine ungerechte Aggression gibt, kann ich nur sagen, dass es legitim ist, den ungerechten Aggressor zu stoppen. Ich unterstreiche das Verb „stoppen“. Ich sage nicht, bombardieren oder Krieg führen: ihn stoppen. Die Mittel, mit denen er gestoppt werden kann, müssen abgewogen werden. Den ungerechten Aggressor zu stoppen, ist legitim. Wir müssen allerdings auch daran denken: Wie oft haben unter dem Deckmantel, den ungerechten Aggressor zu stoppen, Mächte sich Völker an sich gerissen und haben einen echten Eroberungskrieg gemacht? Eine einzige Nation kann nicht darüber urteilen, wie man das stoppt, wie man einen ungerechten Aggressor stoppt. Nach dem II. Weltkrieg gab es die Idee der Vereinten Nationen: Dort muss man diskutieren und feststellen: „Ist das ein ungerechter Aggressor? Es scheint so. Wie können wir ihn stoppen? Nur das, nicht mehr. Zweitens die Minderheiten. Danke für das Wort. Denn zu mir sagt man: „Aber die Christen, die armen Christen.“ Und es ist wahr, sie leiden. Die Märtyrer, ja, es gibt viele Märtyrer. Aber hier geht es um Männer und Frauen, religiöse Minderheiten. Nicht alle sind Christen. Aber alle sind gleich vor Gott, nicht? Den ungerechten Aggressor zu stoppen ist ein Recht, das die Menschheit hat. Aber es gibt auch ein Recht, das der Aggressor hat, gestoppt zu werden, dass er nichts Böses tut.

Frage: Jean-Louis de la Vassiére, Französische Nachrichtenagentur afp: Unterstützen Sie ein militärisches Eingreifen und wären Sie bereit, in den Irak, vielleicht nach Kurdistan, zu reisen?

F: Ich habe mich vor kurzem erst mit dem Gouverneur von Kurdistan getroffen. Er hatte eine klare Vorstellung von der Situation und wie man eine Lösung finden kann. Aber es war vor dieser jüngsten Aggression. Auf die erste Frage habe ich schon geantwortet: Ich bin nur damit einverstanden, wenn es einen ungerechten Aggressor gibt, dass er gestoppt wird. Ja, ich bin bereit [für eine Reise in den Irak]. Ich glaube, ich kann das sagen: Als wir mit meinen Mitarbeitern von dieser Situation gehört haben der religiösen Minderheiten und auch das Problem von Kurdistan, das nicht so viele Menschen aufnehmen konnte – das ist ein Problem, das kapiert man. Es konnte das nicht, nein? – Was kann man machen? Wir haben über viele Sachen nachgedacht, nicht? Zunächst gab es die Erklärung von Pater Lombardi in meinem Namen. Danach ist dieses Kommuniqué an alle Nuntiaturen geschickt worden, damit es an die Regierungen weitergeleitet wird. Dann haben wir einen Brief an den UN-Generalsekretär geschrieben. Viele Sachen … und am Schluss haben wir gesagt, wir schicken einen persönlichen Gesandten, Kardinal Filoni. Und schließlich haben wir gesagt, und vielleicht, wenn es notwendig ist, wenn wir aus Korea zurück sind, können wir [der Papst] vielleicht dorthin fahren. Das war eine der Möglichkeiten. Das ist meine Antwort: Ich bin bereit. In diesem Moment ist es vielleicht nicht die beste Sache, die man machen kann, aber ich bin bereit.

China

Frage: Fabio Zavattaro, RAI TG1: Wie steht es um das Verhältnis zu China? Erstmals hat ein Papst den Luftraum überflogen und ein Telegramm an den Staatspräsidenten geschickt!?

F: Als wir auf dem Hinflug dabei waren, in den chinesischen Luftraum einzutreten, war ich im Cockpit bei den Piloten. Einer von ihnen hat auf eine Anzeige gedeutet und gesagt: „Es fehlen noch 10 Minuten bis wir in den chinesischen Luftraum eintreten. Wir müssen die Autorisierung erbitten.“ Man muss immer um die Autorisierung bitten. Das ist eine ganz normale Sache bei jedem Land. Dann habe ich gehört, wie sie um die Erlaubnis gefragt haben und wie geantwortet wurde. Ich war Zeuge davon [lächelt]. Der Pilot hat dann gesagt: „Jetzt geht das Telegramm ab.“ Ich weiß nicht, wie sie das gemacht haben. Dann habe ich mich von ihnen verabschiedet und bin an meinen Platz zurückgegangen. Ich habe viel gebetet für dieses gute und vornehme chinesische Volk, ein weises Volk. Ich denke an die großen chinesischen Weisen, seine Geschichte der Wissenschaft, der Weisheit. Auch wir Jesuiten haben eine Geschichte dort, nicht? Mit Pater Ricci. Und alle diese Sachen sind mir in den Sinn gekommen. Ob ich nach China gehen möchte. Aber klar! Morgen! Ja. Wir respektieren das chinesische Volk. Die Kirche bittet nur um die Freiheit, für ihre Belange, für ihre Arbeit, keine andere Bedingung.  Dann darf man den grundlegenden Brief in Bezug auf China nicht vergessen, den Papst Benedikt XVI. an die Chinesen geschickt hat. Dieser Brief ist heute noch aktuell. Er hat Aktualität. Ihn wieder zu lesen ist gut. Der Heilige Stuhl ist immer offen für Kontakte, immer, denn er hegt ein echtes Wohlwollen gegenüber dem chinesischen Volk.

Reisepläne

Frage: Paloma García Ovejero, Katholisches spanisches Radio Cope: Ihre nächste Reise ist nach Albanien, vielleicht Irak. Danach Sri Lanka und die Philippinen. Wo fahren Sie 2015 hin? Vielleicht nach Avila, nach Spanien?

F: Die Präsidentin von Korea hat zu mir gesagt – in einem perfekten Spanisch: Die Hoffnung stirbt zuletzt. So hat sie gesagt, in der Hoffnung auf die Wiedervereinigung von Korea. Das kommt mir gerade in den Sinn: man darf hoffen [in Bezug auf eine Spanienreise]. Aber es ist noch nichts entschieden. Aber jetzt erklär ich es Dir: Für dieses Jahr ist Albanien vorgesehen. Einige sagen, der Papst habe einen Stil, alle Sachen von der Peripherie her anzufangen. Aber nein. Warum gehe ich nach Albanien? Aus zwei wichtigen Gründen: Erstens, weil es ihnen gelungen ist – wir denken hier an den Balkan, eh? – eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden aus Muslimen, Katholiken, Orthodoxen mit einem interreligiösen Rat, der sehr hilft und ausgeglichen ist. Und das geht gut, das passt zusammen. Die Präsenz des Papstes soll allen Völkern zeigen: „Man kann zusammenarbeiten.“ Ich habe das als eine echte Unterstützung für dieses vornehme Volk verstanden. Und die andere Sache: Wenn wir an die Geschichte Albaniens denken, war es in Bezug auf die Religion das einzige kommunistische Land, das in seiner Verfassung den Atheismus festgeschrieben hatte. Wenn du zur Messe gegangen bist, hast du gegen die Verfassung gehandelt. Und dann hat mir einer der Minister gesagt, dass, ich möchte genau sein bei der Zahl, 1.820 Kirchen zerstört wurden. Zerstört! Orthodoxe, katholische … in jener Zeit. Und aus anderen Kirchen wurden Kinos, Theater, Tanzsäle. Und ich habe das Bedürfnis verspürt, dorthin zu fahren. Es ist eine Tagesreise.  Und dann möchte ich im nächsten Jahr nach Philadelphia fahren zum Welttreffen der Familien. Dann hat mich der amerikanische Präsident ins amerikanische Parlament eingeladen, auch der Generalsekretär der UNO nach New York. Vielleicht machen wir die drei Städte zusammen, nicht? Mexiko. Die Mexikaner wollen, dass ich zur Madonna von Guadalupe komme. Vielleicht kann man von der Nähe profitieren. Aber das ist nicht sicher. Und schließlich Spanien: Das Königspaar hat mich eingeladen. Die Bischofskonferenz hat mich eingeladen. Aber es gibt eine Vielzahl von Einladungen, wo man in Spanien hingehen könnte. Santiago di Compostela … Vielleicht ist es möglich, aber mehr sage ich nicht, weil noch nichts entschieden ist, am Vormittag nach Avila und Alba de Tormes zu fahren und am Nachmittag wieder zurückzukehren. Das wäre möglich.

Benedikt XVI. + Rücktritt

Frage: Johannes Schidelko, KNA: Wie sieht ihr Verhältnis zu Benedikt XVI. konkret aus?

F: Wir sehen uns. Bevor ich losgefahren bin, habe ich ihn besucht. Er hatte mir zwei Wochen vorher einen interessanten Brief geschrieben, um meine Meinung zu erfragen. Wir haben eine normale Beziehung. Denn es kommt mir wieder diese Idee, die vielleicht manchem Theologen nicht gefällt. Aber ich bin kein Theologe. Ich denke, dass ein Papst emeritus keine Ausnahme ist. Es ist seit vielen Jahrhunderten der erste Emeritus, ja. Denken wir daran, wie er gesagt hat „Ich bin gealtert, ich habe nicht die Kräfte“. Das war eine große, vornehme Geste gewesen und auch von Demut und des Muts. Ich denke, vor 70 Jahren waren auch die emeritierten Bischöfe eine Ausnahme. Es gab sie nicht. Heute sind die emeritierten Bischöfe eine Institution. Ich denke, dass „Papst emeritus“ bereits eine Institution ist. Warum? Weil unser Leben wird immer länger. Und in einem bestimmten Alter ist die Kapazität nicht da, gut zu regieren, denn der Körper ermüdet. Vielleicht ist die Gesundheit gut, aber man hat nicht mehr die Kraft, um alle Probleme voranzubringen, die für die Regierung notwendig  ist, wie die der Kirche. Ich glaube, Papst Benedikt hat diese Geste gemacht zu emeritierten Päpsten. Ich wiederhole: Vielleicht wird mir ein Theologe sagen, dass das nicht richtig ist, aber ich denke so. Die Jahrhunderte werden zeigen, ob es so ist oder nicht. Wir werden sehen. Aber Sie könnten mich fragen: „ Und wenn Sie eines Tages spüren, dass es nicht mehr weiter geht?“ Dann werde ich dasselbe machen. Ich werde dasselbe machen. Ich werde viel beten, aber ich mache dasselbe. Er hat eine Tür aufgemacht, die institutionell ist und nicht eine Ausnahme. Unsere Beziehung ist die von Brüdern, wirklich. Ich habe ja schon gesagt, dass ich ihn wie einen echten Großvater Zuhause erlebe  aufgrund seiner Weisheit. Er ist ein Mann von einer Weisheit, mit Nuancen, aber es tut mir gut, ihn zu hören. Und er ermutigt mich auch ziemlich.

„Trostfrauen“

Frage: Yoshimori Fukushima, japanische Tageszeitung Mainichi Shimbun: Was haben Sie gefühlt, als sie heute Morgen die „Trostfrauen“ [ehemalige koreanische Zwangsprostituierte der japanischen Militärs] begrüßt haben? In Japan gab es Christen im Untergrund und nächstes Jahr ist das 150-Jahr-Jubiläum, dass sie aus dem Untergrund wieder aufgetaucht sind. Werden Sie vielleicht zum Jubiläum nach Japan kommen?

F: Das wäre schön. Das wäre schön. Ich wurde eingeladen sowohl von der Regierung als auch von den Bischöfen. Aber die Leiden. Sie kommen auf eine der ersten Fragen zurück. Das koreanische Volk ist ein Volk, das seine Würde nicht verloren hat. Es war ein Volk, das belagert wurde, gedemütigt. Es hat Kriege erlebt. Jetzt ist es geteilt, mit viel Leid. Gestern als ich zum Treffen mit den Jugendlichen gegangen bin, habe ich das Museum der Märtyrer dort besucht. Es ist schrecklich, das Leid dieser Menschen, nur weil sie nicht das Kreuz zertreten wollte. Es ist ein Schmerz oder ein historisches Leid. Dieses Volk hat die Fähigkeit zu Leiden. Das ist auch Teil seiner Würde. Auch heute,  diese alten Frauen bei der Messe. Man muss sich vorstellen, dass sie bei jener Invasion als junge Mädchen verschleppt wurden in die Kasernen, um sie zu missbrauchen. Sie haben ihre Würde nicht verloren. Heute hat man ihnen ein Gesicht gegeben. Sie sind alt, die letzten, die noch leben. Es ist ein Volk, das stark ist in seiner Würde. Aber um auf diese Sachen der Märtyrer, die Leiden zurückzukommen, auch diese Frauen: Sie sind die Früchte des Krieges. Und heute sind wir in einer Welt im Krieg, überall. Jemand sagte zu mir: „Wissen sie, Pater, dass wir im Dritten Weltkrieg sind, aber in Stücken.“ Haben Sie verstanden? Es ist eine Welt im Krieg, in der diese Grausamkeiten geschehen. Ich möchte zu zwei Begriffen etwas sagen: Erstens zur Grausamkeit. Heute zählen Kinder nichts. Früher sprach man mal von einem „konventionellen Krieg“. Heute zählt das nicht mehr. Ich sage nicht, dass „konventionelle Kriege“ etwas Gutes sind. Aber heute kommt die Bombe und tötet die Unschuldigen mit den Schuldigen, die Kinder mit den Müttern. Sie töten alle. Aber wir müssen einhalten und darüber nachdenken, auf welchem Niveau der Grausamkeit wir angekommen sind. Aber das muss uns erschrecken! Es geht nicht darum, Angst zu machen. Man kann eine empirische Studie machen. Aber das Niveau der Grausamkeit der Menschheit in diesem Augenblick  erschreckt uns ein bisschen. Und das andere Wort, zu dem ich etwas sagen möchte, steht in Zusammenhang mit dem ersten: Es ist die Folter. Heute ist die Folter quasi – möchte ich sagen – eines der normalen Mittel des Verhaltens der Geheimdienste, der Justizprozesse … Die Folter ist eine Sünde gegen die Menschheit. Sie ist ein Delikt gegen die Menschheit. Und zu den Katholiken sage ich: „Eine Person zu foltern ist eine Todsünde, eine schwere Sünde.“ Aber es ist mehr. Es ist eine Sünde gegen die Menschheit. Grausamkeit und Folter. Es würde mir sehr gefallen, wenn ihr in Euren Medien Reflektionen darüber machen würdet, wie Ihr diese Dinge heute seht. Wie ist das Niveau der Grausamkeit der Menschheit? Und was denkt Ihr über die Folter? Ich glaube, es tut allen gut, darüber nachzudenken.

Gesundheit + Popularität

Frage: Deborah Ball, Wall Street Journal: Sie arbeiten viel und haben wenig Zeit für Erholung. In den vergangenen Monaten mussten Sie auch einige Termine absagen. Müssen wir uns Sorgen machen?

F: Ich habe Ferien gemacht, jetzt, Zuhause, wie ich das immer mache. Ich habe einmal ein Buch gelesen. Es war interessant. „Freue Dich, neurotisch zu sein!“ Auch ich habe einige Neurosen. Aber man muss gut mit ihnen umgehen, mit den Neurosen, eh? Zum Beispiel jeden Tag den Mate-Tee trinken [lacht]. Eine der Neurosen, die ich habe ist, dass ich sehr eng verbunden bin mit der vertrauten Umgebung. Das letzte Mal, dass ich außerhalb von Buenos Aires Ferien gemacht habe war 1975 mit der Jesuitengemeinschaft. Ich mache schon Ferien, sicher. Aber Zuhause: Ich verändere den Rhythmus. Ich schlafe mehr. Ich lese die Sachen, die mir gefallen, höre Musik, bete mehr. Das ist Erholung. Im Juli und einem Teil vom August habe ich das gemacht. Und das ist gut. Die andere Frage, dass ich Termine absagen musste. Das ist wahr. Am Tag, als ich in die Gemelli-Klinik gehen sollte, bis 10 Minuten vorher musste ich sagen, ich schaffe das nicht. Aber es waren da sehr anstrengende Tage. Jetzt muss ich etwas vorsichtiger sein. Da hast Du Recht. [lacht]

Frage: Anais Feuga, Radio France: In Rio, als die Menschen gerufen haben „Franziskus, Franziskus“ haben Sie geantwortet: „Christus, Christus“. Wie gehen Sie mit Ihrer Popularität um?

F: Nun, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Ich erlebe das, indem ich dem Herrn danke, dass sein Volk glücklich ist. Das mache ich wirklich, nicht? Und indem ich dem Volk Gottes das Beste wünsche. Ich erlebe das als eine Großzügigkeit des Volkes Gottes. Innerlich versuche ich an meine Sünden und Fehler zu denken, um nicht zu glauben, dass ich etwas Besonderes bin. Denn ich weiß, das dauert nur kurze Zeit. Zwei, drei Jahre, dann geht es ins Haus des Herrn. [lacht] Ich lebe das  wie die Gegenwart des Herrn in seinem Volk, der den Bischof, der der Hirte des Volkes ist, nutzt, um viele Dinge zu manifestieren. Am Anfang hat es mich etwas erschreckt. Denn man darf dem Volk auch nichts Schlechtes antun. Ein bisschen in diesem Sinn.

Alltag

Frage: Francesca Paltracca, Radio Rai: Was für ein Leben führen Sie im Vatikan jenseits der Arbeit?

F: Ich versuche, frei zu sein. Es gibt Termine des Büros und der Arbeit, nicht? Aber dann ist das Leben für mich so natürlich, wie ich es machen kann. In der Tat würde es mir gefallen, raus zu gehen. Aber das geht nicht. Nicht als Vorsichtsmaßnahme. Es geht nicht, denn wenn du raus gehst, kommen die ganzen Menschen um dich herum. Es geht nicht. Das ist die Realität. Aber drinnen in Santa Marta führe ich ein normales Leben der Arbeit, der Erholung, der Unterhaltungen.

Nachfrage: Fühlen Sie sich nicht gefangen?

F: Nein, nein. Am Anfang schon. Aber jetzt sind einige Mauern gefallen. Ein Beispiel, das Dich zum Lachen bringen wird: Wenn ich den Fahrstuhl benutze, kommt sofort jemand, denn ein Papst konnte nicht alleine im Fahrstuhl fahren. „Du gehst auf deinen Posten und ich nehme den Aufzug alleine“ Und die Sache war erledigt. Und so, nicht? Es ist die Normalität. Eine Normalität.

Fußball

Frage: Sergio Rubin, argentinische Tageszeitung Clárin: Ihre Fußballmanschaft San Lorenzo ist zum ersten Mal Amerika-Champion geworden. Wie haben Sie das erlebt und es heißt, sie werden am nächsten Mittwoch eine Delegation bei der Generalaudienz empfangen?

F: Nach dem zweiten Platz von Brasilien ist das eine gute Nachricht. Ich habe das hier in Seoul erfahren. Und man hat mir gesagt: „Hören Sie, sie werden am Mittwoch kommen.“ Es ist eine öffentliche Audienz. Für mich ist San Lorenzo die Mannschaft, für die meine ganze Familie Fan war. Mein Vater hat in der Basketballmannschaft von San Lorenzo gespielt. Schon als Kinder sind wir zu San Lorenzo gegangen. Auch unsere Mama ist mitgekommen zum Gasometro [Name des alten Stadions von San Lorenzo]. Ich erinnere mich, als wäre es heute, an die Meisterschaft von 1946, eine brillante Mannschaft, die San Lorenzo da hatte. Sie wurden Meister. Du weißt, mit Freude. Das erlebe ich mit Freude. Aber es sind keine Wunder.

Enzyklika

Frage: Jürgen Erbacher, ZDF: Man spricht seit langer Zeit von einer Ökologieenzyklika. Wann wird sie kommen und welches sind die zentralen Themen?

F: Diese Enzyklika … Ich habe viel mit Kardinal Turkson und anderen darüber gesprochen. Ich habe Kardinal Turkson gebeten, alle Beiträge zu sammeln, die gekommen sind. Vier Tage vor der Reise hat mir Kardinal Turkson den ersten Entwurf übergeben. Er ist so dick. Ich würde sagen, es ist ein Drittel mehr als Evangelii Gaudium. [lacht] Es ist der erste Entwurf! Aber jetzt gibt es ein nicht einfaches Problem. Über das Bewahren der Schöpfung auch die Ökologie, auch die Ökologie des Menschen, kann man mit einer gewissen Sicherheit nur bis zu einem bestimmten Punkt sprechen. Dann kommen die wissenschaftlichen Hypothesen. Einige sehr gesichert, andere nicht. In einer Enzyklika, die lehramtlichen Charakter hat, kann man nur mit den sicheren Sachen vorangehen. Denn wenn der Papst sagt: Das Zentrum des Universums ist die Erde und nicht die Sonne, sagt er etwas, was wissenschaftlich nicht geht. Das geschieht jetzt. Wir müssen jetzt Abschnitt für Abschnitt studieren. Ich glaube, sie wird kleiner werden. Wir müssen auf das Essentielle gehen und das, was man mit Sicherheit sagen kann. Man kann in einer Fußnote sagen: „Zu dieser Sache gibt es diese und jene Hypothese.“ Das kann man als Information sagen, aber nicht im eigentlichen Text einer Enzyklika, die lehramtlich ist und die sicher sein muss.

Nordkorea

Frage: Jung Ae Ko, koreanische Tageszeitung Joongang Ilbo: Was haben sie bei der Begegnung mit den „Trostfrauen“ gedacht? Wollen Sie versuchen, den Umgang der nordkoreanischen Regierung mit den Christen zu verändern?

F: Zur ersten Frage wiederhole ich das, nicht? Heute, diese Frauen waren dort, weil sie trotz allem, was sie erlitten haben, Würde haben. Dem haben sie ein Gesicht gegeben. Ich habe das gedacht, was ich auch gerade schon gesagt habe, zu den Leiden des Krieges, die Grausamkeiten, die ein Krieg mit sich bringt. Das alles habe ich gedacht. Die Würde, die sie haben und wie viel sie gelitten haben, nicht? Und das Leiden ist ein Erbe. Die Kirchenväter haben gesagt, das Blut der Märtyrer ist der Samen der Christen. Ihr Koreaner habt viel gesät, viel. Und folgerichtig sieht man jetzt die Frucht dieses Samens der Märtyrer. Zu Nordkorea weiß ich nicht … Ich weiß, dass es ein Leiden ist. Eines weiß ich sicher: Es gibt viele Verwandte, die sich nicht sehen können. Das führt zu Leid. Das ist wahr. Das ist ein Leiden dieser Teilung des Landes. Heute in der Kathedrale, wo ich die Messgewänder angezogen habe, haben sie mir ein Geschenk gemacht: eine Dornenkrone aus Stacheldraht der Grenze, die die beiden Teile des einen Koreas teilt. Sie ist hier im Flugzeug. Das ist ein Geschenk, das ich mitgenommen habe. Das Leid der Teilung, einer geteilten Familie. Wie ich gestern gesagt habe, wir haben eine Hoffnung. Die zwei Koreas sind Brüder. Sie sprechen dieselbe Sprache. Wenn man dieselbe Sprache spricht, weil man dieselbe Mutter hat, gibt das Hoffnung. Das Leid der Teilung ist groß. Das verstehe ich und ich bete, dass dies endet.

Oscar Romero

Frage: Phil Pullela, Nachrichtenagentur Reuters: Wie steht es um den Seligsprechungsprozess von Erzbischof Oscar Romero? Wie möchten Sie, dass der Prozess ausgeht?

F: Der Prozess war in der Glaubenskongregation blockiert „aus Vorsicht“, sagt man. Jetzt ist er wieder freigegeben und liegt wieder bei der Heiligsprechungskongregation. Er geht den normalen Weg eines Prozesses. Es hängt davon ab, wie die Postulatoren arbeiten. Das ist sehr wichtig, es mit Eile zu machen. Was ich will ist, dass man klärt, wenn es ein Martyrium „in odium fidei“ [aus Hass gegen den Glauben] gibt, ob es sowohl aus dem Bekenntnis des Glaubens heraus ist, als auch aus dem Handeln heraus begründet ist, das Jesus uns für den Nächsten aufgetragen hat. Das ist eine Sache der Theologen, die das studieren. Denn hinter ihm ist Rutilio Grande und es gibt noch andere. Es gibt andere, die getötet worden sind, die aber nicht auf derselben Bekanntheit sind wie Romero. Das muss man theologisch unterscheiden. Für mich ist Romero ein Mann Gottes. Aber man muss den Prozess machen. Und auch der Herr muss sein Zeichen geben dort. Wenn er es will, werde ich es machen. Jetzt müssen sich die Postulatoren bewegen, denn es gibt keine Behinderungen.

Nahost-Konflikt

Frage: Céline Hoyeau, Französische Tageszeitung La Croix: Wenn Sie den Krieg in Gaza sehen, ist dann das Friedensgebet im Vatikan vom 8. Juni gescheitert?

F: Danke für die Frage. Dieses Friedensgebet im Vatikan war auf keinen Fall unnötig gewesen. Erstens: Die Initiative kam nicht von mir. Die Initiative, gemeinsam zu beten, kam von den beiden Präsidenten, dem Präsident des Staates Israel und des Präsidenten des Staates Palästina. Wir wollten es im Heiligen Land machen, aber wir haben nicht den richtigen Ort gefunden. Die politischen Kosten der beiden wären sehr hoch gewesen, wenn sie zum jeweils anderen Teil gegangen wären. Die Nuntiatur, ja, wäre ein neutraler Ort gewesen. Aber dazu hätte der Präsident des Staates Palästina nach Israel kommen müssen. Das war nicht einfach. Und sie haben gesagt: „Lass es uns im Vatikan machen. Wir kommen.“ Diese beiden Männer sind Männer des Friedens. Es sind Männer, die an Gott glauben. Sie haben viele schreckliche Dinge erlebt, viele schreckliche Dinge. Sie sind überzeugt, der einzige Weg, diese Geschichte dort zu lösen, sind die Verhandlungen, der Dialog und der Frieden. Aber zu ihrer Frage: War es ein Scheitern/umsonst? Nein. Ich glaube, dass die Tür offen ist. Alle vier Repräsentanten – ich wollte, dass Bartholomaios dabei ist als Oberhaupt der Orthodoxie, der ökumenische Patriarch der Orthodoxie, ich möchte keine Begriffe benutzen, die den anderen Orthodoxen nicht gefallen. Es war gut, dass der ökumenische Patriarch dabei war. – Es wurde die Tür des Gebets geöffnet und man sagt: “Man muss beten. Es ist ein Geschenk.“ Der Frieden ist ein Geschenk, den wir uns mit unserer Arbeit verdienen, aber er ist ein Geschenk. Man muss der Menschheit sagen, dass es neben dem Weg der Verhandlungen, der wichtig ist, und des Dialogs, der wichtig ist, auch jenen des Gebets gibt. Jetzt ist das passiert, was passiert ist. Aber das ist konjunkturell. Dieses Treffen war nicht konjunkturell. Es ist ein fundamentaler Schritt einer menschlichen Herangehensweise: das Gebet. Jetzt lässt uns der Qualm der Bomben und Kriege die Tür nicht sehen. Aber die Tür ist da und sie ist seit diesem Moment offen. Und weil ich an Gott glaube, glaube ich, dass er auf diese Tür schaut und wie viele beten und wie viele bitten, dass er uns helfe. Danke für diese Frage.

Papst verabschiedet sich bei den Journalisten und erklärt zum Schluss:

F: Auf dem Weg vom Flughafen in den Vatikan schaue ich bei der Madonna vorbei [in der römischen Basilika Santa Maria Maggiore]. Das ist eine schöne Sache. Doktor Giani habe ich gebeten, Blumen in den Farben Koreas zu besorgen. Aber dann, als wir aus der Nuntiatur gegangen sind, kam ein Mädchen mit einem Rosenstrauß. Und wir haben entschieden, der Madonna die Blumen des koreanischen Mädchens zu bringen. Danke für Eure Arbeit.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.